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Apostelandacht zu Mathilda Wrede

Apostelandacht zu Mathilda Wrede, gehalten am 28. Mai 2017

Mathilda Wrede wird am 8. März 1864 in Vaasa geboren, einer Provinz in Finnland. Finnland war seit 1809 ein Teil Russlands. Zuvor gehörte es etwa 600 Jahre zum Schwedischen Reich. Aus diesem Grunde gab und gibt es bis heute eine schwedische sprechende Minderheit in Finnland. Im 19. Jahrhundert bildete sie die politisch und wirtschaftlich bestimmende Oberschicht des Landes.

Finnland genoss zunächst unter russischer Verwaltung weitgehende politische Autonomie, zugleich erwachte aber allmählich ein finnisches Nationalbewusstsein.

Ende des 19. Jahrhunderts allerdings bemühte sich Zar Nikolaus II. um eine Russifizierung, wodurch es zu harten politischen Auseinandersetzungen kam. Im Jahr 1904 wurde sogar der russische Generalgouverneur Finnlands ermordet und ein Jahr später kam es zum Generalstreik. Danach sagte der Zar die Wiederherstellung der Autonomie Finnlands zu und gestattete die Schaffung eines finnischen Parlaments.

Zur schwedischsprachigen Oberschicht gehörte auch die Familie des Barons Carl Gustaf Wrede, dem Gouverneur der Provinz Vaasa. Seine Ehefrau Eleonora gebar ihm neun Kinder. Bereits neun Monate nach Mathildas Geburt starb die Mutter, und Mathilda wuchs als Halbwaise zusammen mit zwei Schwestern auf. Die älteren Geschwister waren bereits erwachsen und ausgezogen.

Im Alter von sieben Jahren wurde Mathilda eingeschult. Sie lernte im Gegensatz zu vielen anderen Adligen in der Schule auch Finnisch.

Mit elf kam sie in eine private Mädchen-Internatsschule, die sie mit 15 abschloss.

Nach Hause zurückgekehrt, geriet sie in eine Sinnkrise. Was sollte sie mit ihrem Leben machen? Sie war deprimiert, wahrscheinlich auch depressiv und von Kopfschmerzen geplagt. Zu dieser Zeit besuchte sie in Vaasa Veranstaltungen des Schwedischen Missionsbundes und erlebte bei der Erweckungspredigt eines Laienpredigers ihre Bekehrung.

Wieder zu Hause, wandte sie sich in der Nacht an Gott und betete.

Später sagte sie, es sei eigentlich ein trotziges Gebet gewesen, das sie in jener Stunde an Gott gerichtet habe. Sie gab sich hin in Gottes Hand fürs ganze Leben, ohne Bedingung, ohne Vorbehalt. Und sie fühlte, dass es angenommen wurde. Da überkam sie eine tiefe Ruhe, und kurz nachher sank sie in einen ruhigen, sanften Schlaf.

Fortan mied sie Tanzveranstaltungen und andere Zerstreuungen und verbrachte ihre Zeit mit Bibellesen und religiösen Gesprächen. Zugleich verbesserte sich ihr Gesundheitszustand.

Und sie suchte danach, wo Gott ihr in der Welt einen Platz anweisen und sie zur Arbeit verwenden würde.

Da ereignete sich etwas ganz Alltägliches – das aber entscheidende Bedeutung für sie erhielt.

Das Schloss an ihrer Zimmertür war defekt – es ging weder auf noch zu; um es auszubessern, wurde ein Sträfling geholt, der Schmied war.

Da stand er gefesselt in dem weißen Zimmerchen und arbeitete an dem Schloss – während Mathilda zuschaute.

Sie berichtete später, es sei ihr peinlich gewesen, und in ihrem Innern habe sich ein starker Widerwille erhoben, den sie habe überwinden müssen, ehe sie mit dem Mann sprechen konnte. Sie wagte ihm gegenüber ein paar Worte über Gott und ihr eigenes großes geistliches Erlebnis zu sagen.

Der Mann schaute auf, richtete seine Augen auf Mathilda und sagte: „Ach, gnädiges Fräulein, Sie sollten zu uns hinauskommen und so mit uns reden. Wir hätten es wohl nötig.“

Um ihm eine Freude zu machen, versprach Mathilda, ihn am nächsten Sonntag im Gefängnis zu besuchen.

Aber als sie das ihrem Vater mitteilte, widersetzte der sich und wollte ihr dazu nicht die Erlaubnis geben. Mathilda entgegnete, dass sie das dem Gefangenen aber versprochen habe.

Der Vater gab nach und Mathilda besuchte am nächsten Sonntag in Begleitung eines Aufsehers zum ersten Mal das Gefängnis in Vaasa.

Diesem Besuch folgten weitere.

Eines Tages hatte sie zu einem der Gefangenen gesagt, sie werde an einem bestimmten Tage wiederkommen. Doch gerade an diesem Termin wurde ihr ein Besuch in Aussicht gestellt, den sie nur sehr ungern versäumt hätte. So dachte sie denn, sie könne ihren Gang ins Gefängnis aufschieben. Aber in der darauffolgenden Nacht geschah etwas Merkwürdiges.

War es eine Erscheinung oder ein Traum?

Ein Gefangener kam in ihre weiße Stube hinein, mit schweren Ketten an Hand und Fuß, die klirrten, indem er näher trat. Mitten im Zimmer blieb er stehen und sah sie mit unsäglich traurigen Augen an. Sie wusste nicht, ob er es war, der sprach, aber ganz deutlich vernahm sie die Worte: „Tausende von armen, gebundenen Seelen seufzen nach Leben, Freiheit und Frieden. Sag‘ ihnen ein Wort von ihm, der sie freimachen kann, solange du noch Zeit dazu hast!“ Dann verschwand er.

Mathilde fragte sich: „Ist diese Erscheinung mir nur gesandt worden, weil ich meinen Besuch morgen im Gefängnis nicht aufgeben darf? Oder – kann es wirklich der Wille des Herrn sein, dass die Gefangenen für mich in allererster Linie kommen sollen?“

Sie schlug die Bibel auf und ihr Blick traf auf die Worte Jeremias 1, Vers 6 bis 8: „Ach Herr, Herr, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung. Der Herr aber sprach zu mir: Sage nicht, ich bin zu jung; sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen, was ich dich heiße.“

Diese Worte waren wie eine Antwort.

Am folgenden Tag gab sie alles andere auf und war zur festgesetzten Zeit im Gefängnis.

Im Herbst 1884 musste sie zu einer Zahnbehandlung nach Helsingfors reisen, dem heutigen Helsinki. Dort begegneten ihr eines Tages auf der Straße einige Gefangene unter Bewachung. Sie blieb stehen und sah ihnen nach.

Dann ging sie zum Gefängnisdirektor, stellte sich als die Tochter des Gouverneurs von Vaasa vor und bat um die Erlaubnis, sämtliche Gefängnisse und Strafanstalten in Finnland besuchen zu dürfen, um, wie ein Freund, geistlich auf die Gefangenen einwirken zu können.

Sie war zu diesem Zeitpunkt zwanzig Jahre alt. Der Direktor antwortete: „Wenn Sie älter wären, würde ich mehr als bedenklich dabei sein. Aber in zwei, allerhöchstens drei Monaten werden Sie wohl eingesehen haben, dass ein Ballsaal ein fröhlicherer und passenderer Aufenthaltsort für Sie ist als eine Gefängniszelle. Ich gebe Ihnen die Erlaubnis, weil sie nicht sehr lange benützt werden wird.“

Sie besuchte nun sogleich die beiden Gefängnisse in Helsingfors, teilte Traktate unter den Gefangenen aus und redete mit ihnen.

Ihre erste eigentliche Gefängnisreise machte Mathilda im nächsten Januar nach Villmanstrand. Der Direktor und auch der Pfarrer empfingen sie freundlich, aber für ihre Arbeit zeigten beide recht wenig Verständnis.

Kurz nachher war sie im Bezirksgefängnis in Viborg, und im April fuhr sie nach Abo, um Kakola zu besuchen.

Kakola in Abo ist Finnlands größtes Gefängnis. Wenigstens fünfhundert Gefangene gab es dort, als die zwanzigjährige Mathilda Wrede es zum ersten Mal betrat.

Da es Karfreitag war, wollte sie in der Kirche predigen und betete zuvor: Gott solle ihr doch die Kraft geben, für ihn Zeugnis abzulegen. Er solle ihr in vor allem in der finnischen Sprache helfen. Die hatte sie zwar in der Schule gelernt, aber unvollkommen, und jetzt musste sie in ihr reden, weil die Gefangenen kein Schwedisch verstanden.

Nach dem Gebet war jeder Rest von Unruhe von ihr abgestreift. Sie vergaß, in welcher Sprache sie redete – hatte das Gefühl, als ob ein anderer durch sie spreche und ihr die Worte auf die Lippen legte, wie sie später berichtete.

Tiefe Stille herrschte in der Kirche. Aber als sie schwieg, drangen Laute an ihr Ohr, die ihr tief ins Herz griffen. Ringsum weinten Gefangene…

Aber hauptsächlich waren es Gespräche unter vier Augen, die Mathildas Zeit in Anspruch nahmen. Bei den Einzelgesprächen kamen ihr ihre ganz natürlichen Fähigkeiten und Eigenschaften zu Hilfe: ihr großer Verstand, ihre unmittelbare Erkenntnis, ihr Zartgefühl und ihr Takt. Zwar war sie von jeher menschenfreundlich gewesen, aber jetzt durchströmte sie ein ganz neues Mitgefühl für diese leidenden Menschen. Ihr war, als ob ein Funke der göttlichen Liebe ihr Herz entzündet habe, damit sie diese Gefangenen liebe. -

Eine Zelle beherbergt einen der gefährlichsten, berüchtigtsten Sträflinge, „bei dem man“, wie der Direktor sagt, „weder mit Worten noch mit Schlägen etwas ausrichtet. Aber nach andern schlagen, das tut er, wenn er Gelegenheit dazu findet.“

Seine Zelle ist deshalb auch ganz leer, und er ist in dem „großen Eisen“. Die breiten Hals- und Leibeisen sind mit zwei schweren Ketten über der Brust und zwei entsprechenden auf dem Rücken verbunden. Von dem Leibeisen laufen zwei kurze Ketten nach beiden Seiten hinaus, die in Handschellen endigen. Außerdem hat er auch noch eiserne Fesseln an den Füßen. Diese fürchterliche Tracht hat er nun beinahe anderthalb Jahre getragen.

Der eisenbeladene Mann sieht einen Augenblick nach der Tür, als Mathilda eintritt – späht überrascht weiter, ob nicht noch andere nachkommen, wendet sich dann aber wieder ab. Er will sich mit niemand in ein Gespräch einlassen.

Da liegt er auf dem Boden – und nachdem sie ihn ein Weilchen betrachtet hat, ruft sie einen Wärter herbei, die sie sonst recht weit entfernt hält. „Bringen Sie mir einen Stuhl“, sagt sie.

Der Wärter schüttelt den Kopf. „Das geht nicht“, sagt er. „Er gebraucht ihn gleich als Waffe.“

Sie aber wiederholt: „Wollen Sie mir den Stuhl aus meinem Empfangszimmer holen?“

Er bringt ihn kopfschüttelnd, und als er zögernd wieder gegangen ist, sagt sie zu dem Eisenbeladenen: „Stehen Sie auf!“

Sein Ausdruck wird hasserfüllt, während er ihrer Aufforderung nachkommt. Will sie sich nun wie ein Richter hinsetzen, und er soll vor ihr stehen, wie der arme Sünder, der er ist!

Aber da sagt sie: „Setzen Sie sich nun hierher! Eine andere Stellung ist jetzt gewiss notwendig für Sie. Sie werden sehen, es wird Ihnen gut tun. Dann bleibe ich ganz ruhig stehen, bis Sie fühlen, dass Sie sich etwas ausgeruht haben.“

Er setzt sich auf ihren Stuhl und seine ganze Erscheinung strahlt Erleichterung und Wohlbefinden aus. Das wird sie nie wieder vergessen können!

Das Eis zwischen ihnen ist gebrochen. Als sie jetzt mit ihm spricht, hört er zu. Aber plötzlich unterbricht er sie und deutet auf die Wand. „Können Sie sich denken, woher diese große Vertiefung kommt? Ich will es Ihnen sagen. Als ich noch in meiner Zelle arbeiten durfte, hab‘ ich ein wenig geschreinert. Da hab‘ ich eines Tages den Aufseher, als er hereinkam, totschlagen wollen. Ich zielte mit der Axt auf seinen Kopf – die Axt flog vom Schaft weg gerade hier an die Mauer. Wie Sie selbst sehen können, war es ein ordentlicher Stoß“ – fährt er mit jähem Auflachen fort. „Der hätte dem Aufseher sicher den Kopf bis zum Hals hinunter gespalten.“

Während er das sagt, sieht er Mathilda die ganze Zeit über starr an, dann fragt er: „Wie können Sie es nur wagen, Sie, ein solches Kind, zu uns Banditen hereinzugehen? Sie wissen wohl nicht, dass ich der schlimmste von allen den Sträflingen bin – also der schlechteste Mensch in ganz Finnland? Bekommen Sie da nicht Angst?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein“, sagt sie, „ich wusste wohl, wer Sie sind. Aber ich glaube gar nicht, dass Sie mir etwas Böses antun würden. Und im Übrigen ist Gott bei mir, wenn er mich beschützt, hab‘ ich nichts zu fürchten.“

„Dann sind Sie wohl eine Christin“, versetzt er. Und kurz nachher fügt er hinzu: „Noch nie in meinem Leben hat man mir so viel Freundlichkeit gezeigt wie heute. Es ist sonderbar, da meint man, auf der weiten Welt kümmere sich niemand, aber auch gar niemand um einen, und dann trifft man plötzlich mit einem Menschen zusammen, der es gut mit einem meint. Ich hätte fast Lust, auch ein Christ zu werden – wenn das überhaupt noch möglich ist.“

Mathilda sieht, wie bewegt er ist; aber dann fährt er plötzlich jäh auf und reißt und zerrt an seinen Ketten, deren Klirren die Zelle mit einem unheimlichen Lärm erfüllt. „In diesen Eisen kann ich kein besserer Mensch werden, sie drücken mich und schaben mir die Haut wund. Es wird immer schlimmer mit mir – schließlich werde ich noch ein ganzer Teufel.“

Ihr tut der Mann leid. Sie legt ihm die Hand auf die Schulter und spricht so sanft mit ihm, als sie nur kann. Allmählich beruhigt er sich wieder.

Ehe sie geht, bittet sie ihn, doch in dem Neuen Testament zu lesen, das gewöhnlich in den Zellen liegt. O ja, er möchte gerne, erwidert er, aber er habe das Buch einem der Gefangenenwärter an den Kopf geworfen, da habe man es fortgenommen.

Das reicht sie ihm ein Neues Testament, und sofort sagt er: „Sie dürfen ganz ruhig sein, dieses werde ich nie zu so etwas benützen.“

Im nächsten Jahr besuchte Mathilda Wrede außer Kakola in Abo auch die Gefängnisse in Villmanstrand, St. Michel, Helsingfors und Tavastehus, das einzige Zuchthaus für Frauen.

Zu ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag schenkte ihr Vater ihr ein leerstehendes Haus, in dem er ein Heim für freigelassene Gefangene einrichten wollte. Die Leitung des Hauses sollte ihr und ihrem Bruder Henrik übertragen werden.

Nach einer Umbauzeit von einem Jahr wurde das Heim eröffnet. Mathilda widmete ihm ihre ganze Liebe und alle ihre Zeit, wenn sie nicht auf Reisen in die Gefängnisse war.

Sie machte hier aber die Erfahrung, dass solche, die ihre Freiheit wieder erreicht haben und sich obenauf fühlen, ihr sehr große Schwierigkeiten bereiten konnten.

Und bei alledem war sie erst dreiundzwanzig Jahre alt.

Aber sie ließ den Mut nie sinken. Und ihre Energie, ihr unbeugsamer Wille führten das durch, wovor die meisten andern zurückgeschreckt wären.

An einem Herbsttag, als Baron Henrik abwesend war, hatte Mathilda zwei Männern befohlen, Sand auf den Wirtschaftshof zu fahren, weil er vom Regen ganz durchweicht war. Als sie mit der Fuhre ankamen und Mathilda eine Bemerkung über ihre Arbeit machte, fühlten sie sich gekränkt und liefen weg.

Der eine ließ das Pferd auf dem Hof stehen und ging in die Werkstatt, wo mehrere von den andern versammelt waren. Mathilda ging ihm nach. Er hatte sich an den  Schleifstein gesetzt, und eine Axt lag vor ihm auf dem Boden.

„Sie dürfen das Pferd nicht draußen stehen lassen“, sagte sie.

In demselben Augenblick sprang der Mann auf, ergriff die Axt und zielte auf Mathilda.

Sie trat ruhig auf ihn zu. „Legen Sie die Axt weg, und zwar augenblicklich!“ rief sie.

Da ließ er die Hand sinken.

Sie wendete sich an einen der andern, die daneben standen und mehr oder weniger verblüfft dreinschauten.

„Spannen Sie das Pferd aus. Ich will nicht, dass es dieser Mann tut, wenn er so roh sein kann.“ Und mit einem Blick auf ihn, fügte sie hinzu: „Es wird am besten sein, wir zwei reden allein miteinander.“

Darauf ging sie in das Zimmer ihres Bruders.

Endlich erschien der Sünder.

Mathilda saß am Schreibtisch; ohne sich umzusehen, sagte sie: „Sie dürfen mich wohl unterbrechen, wenn Sie mir etwas zu sagen haben. Ich schreibe nur so lange weiter.“

Eine Weile blieb er ganz stumm, während sie auf ein Blatt immer und immer wieder nichts als ihren Namen kritzelte.

Dann endlich kam es. „Ich habe sehr Unrecht getan“, sagte er.

„Es ist gut, dass Sie das einsehen“, versetzte sie ernst. „So, und nun können sie wieder gehen.“ -

Aber Mathilda betreute nicht nur Strafgefangene, sondern predigte auch in der Öffentlichkeit.

Und im Sommer 1890 gab es einen großen internationalen Kongress in St. Petersburg, wo die höchsten Vertreter des Gerichts- und Gefängniswesens des Zarenreichs anwesend waren.

Mathilda Wrede reiste als Delegierte hin.

Während der Tagungen auf dem Kongress gewann Mathilda allerdings den Eindruck, dass sie als Freund der Gefangenen ganz allein stand.

Dann wurden die Kongressmitglieder zur Tafel im Winterpalast des Zaren befohlen. Mathilda Wrede befand, dass derartige Feste weder für sie passten noch sich mit ihrer ganzen Lebensführung vereinbaren ließen.

Sie ging also auf das Kongressbüro mit ihrer Antwort: „Baronin Wrede ist nicht in der Lage, an dem großen Festmahl im Winterpalast teilzunehmen.“

Die Beamten im Büro waren außer sich und versuchten ihr begreiflich zu machen, dass eine Absage überhaupt nicht angängig sei, umso weniger, als ihr Platz schon bestimmt war, und zwar am kaiserlichen Tisch selbst.

Aber Mathilda war unbeugsam. Baronin Wrede war nicht in der Lage, bei der kaiserlichen Tafel anwesend zu sein.

Schon seit der Eröffnung des Kongresses hatte sie das unangenehme Gefühl gehabt, dass sie fortwährend von einem Spion beobachtet und verfolgt werde.

Mathilda sprach während des Kongresses ihre Ansichten frei und offen aus. All dies war in Russland mehr als genügend, um sie verdächtig zu machen. Und dazu kam ihre Weigerung, an der kaiserlichen Tafel teilzunehmen.

Während der Rückfahrt vom Besuch einer Verbrecherkolonie riet ein hochstehender belgischer Jurist Mathilda dringend, sofort St. Petersburg heimlich zu verlassen. Sie verließ dem nächsten Zug die russische Hauptstadt.

Mathilda sah während ihrer Besuche in den Gefängnissen allerlei schlimme Missstände. Sie beschwerte sich darüber beim jeweiligen Direktor, dem Geistlichen oder dem Arzt oder sogar bei der Verwaltung des Gefängniswesens. Als einige ihrer Beschwerden über die Medien in die Öffentlichkeit gelangten, sollte sie nur noch in Gegenwart Dritter mit den Gefangenen Gespräche führen dürfen. Mathilde lehnte diese Zumutung ab – daraufhin wurden ihr die Besuche in den Gefängnissen verboten.

Nicht allein Mathildas Freunde, sondern auch annähernd die ganze finnische Presse stellte sich auf ihre Seite und gegen die Gefängnisdirektion, aber die Obrigkeit blieb hart.

Wegen des Verbots konnte Mathilda sich jetzt nur noch den freigelassenen Sträflingen und den Verwandten der Gefangenen widmen.

Kurz danach begann der Erste Weltkrieg. Und nach Neujahr 1917 brach der russische Militäraufstand los. Mathilda wurde gebeten, ihre Tätigkeit im Gefängnis wieder aufzunehmen. 750 Gefangene unterschrieben einen Brief, in dem stand: „Kommen Sie rasch! Innig sehnen sich nach Ihnen und warten auf Sie die Unterzeichneten in Kakola.“

Der neue Gefängnisdirektor fügte dem Schreiben noch seine persönliche, dringliche Bitte bei.

Unter dem lauten Jubel aller Gefangenen begann ihr erster Besuch im Gefängnis. -

In den folgenden Monaten kam es zu Kämpfen innerhalb Finnlands zwischen den „Roten“ und den „Weißen“.

Während der ganzen Schreckensperiode blieb Mathilda in Helsingfors. Ihre Tür stand allen offen, Roten ebenso wie Weißen. Alle, die in Not waren, durften Mathilda ihr Leid klagen, und sie fanden jederzeit Teilnahme und Verständnis. -

Im Frühjahr 1918 kamen deutsche Truppen nach Finnland und halfen dem finnischen General Mannerheim, die Herrschaft der Roten zu beenden. Die Weißen nahmen blutige Rache. Tag und Nacht hörte Mathilda das Knallen von Schüssen.

Unter der roten Schreckensherrschaft war sie gefragt worden, ob sie Weiße bei sich verbergen würde, und sie hatte geantwortet: „Mein Heim steht jedem offen. Wer immer zu mir kommt, wird als Freund aufgenommen, und ich werde ihm helfen, so gut ich kann. Aber ich kann niemand hier verbergen.“ Jetzt, nach dem Sieg der Weißen, wurde dieselbe Frage in Beziehung auf die verfolgten Roten an sie gerichtet. Und ihre Antwort lautete wie das erste Mal. Sie ließ sich von keiner Partei in Besitz nehmen. -

In ihren letzten Lebensjahren war Mathilda Wrede schon von Krankheit heimgesucht; aber trotzdem war sie rastlos tätig und von ihrer Lebensarbeit ganz hingenommen, wenn auch nicht mehr direkt in den Gefängnissen.

Für ihre früheren Freunde unter den Gefangenen, die jetzt größtenteils entlassen waren, stand ihre Tür beständig offen. Immer war sie bereit, ihnen mit Rat und Tat beizustehen, und zwar am meisten durch die Gespräche mit ihnen unter vier Augen, bei denen die Macht ihrer Persönlichkeit sich wohl auch am vollkommensten entfalten konnte.

Gleichzeitig aber gab es neue Anforderungen an ihre Hilfsbereitschaft. In diesen Jahren nach dem Krieg wurde Finnland von russischen Flüchtlingen überschwemmt, die nur mit knapper Not durch die Flucht über die Grenze das nackte Leben gerettet hatten.

Mathilda Wrede gelang es, in Helsingfors ein Komitee zu bilden zum Einsammeln von Geld, Lebensmitteln und Kleidern, sowie ein zweites Komitee zum Austeilen der Güter.

Sie reiste auch selbst zur Karelischen Halbinsel, um das Verteilen der Gaben in Gang zu setzen und die Menschen kennenzulernen, denen geholfen werden sollte. -

Im Jahr 1924 wurde Mathilda Wrede von russisch-orthodoxen Mönchen in ihr Kloster Valamo eingeladen. Mathildas große Hilfsarbeit für die russischen Flüchtlinge hatte dort eine tiefe Dankbarkeit hervorgerufen. Bei diesem Besuch bekam sie einen Einblick in die Konflikte des Klosters mit dem neugegründeten finnischen Staat.

Die Regierung hatte nämlich die Verordnung erlassen, dass sich alle Orthodox-Gläubigen in Finnland der neuen Zeitordnung anzuschließen hätten. Die Regeln des Klosters aber enthielten gerade in Beziehung auf die kirchlichen Feste sehr strenge Vorschriften über das Festhalten am Julianischen Kalender.

Die Mönche standen vor einer tragischen Wahl: Richteten sie sich nicht nach der Obrigkeit, dann setzten sie sich der Gefahr aus, dass ihr Kloster aufgehoben und sie selbst des Landes verwiesen wurden; beugten sie sich aber den Behörden, dann war brachen sie ihren Mönchseid. Und viele von den Brüdern wollten lieber sterben als nachgeben.

Nach Helsingfors zurückgekehrt, schickte sie ein eindringliches Schreiben an den Staatsminister, worin sie die peinliche Lage und Gewissensbeunruhigung der Mönche klarlegte. Und sie schrieb noch eindringlicher an den Völkerbund – aber ohne Erfolg.

Ihr gelang es schließlich, ein Jahr Aufschub für die Mönche zu erreichen. Ihr selbst aber brachte ihre Parteinahme für die Mönche starke Angriffe in den Zeitungen und anonyme Schmähbriefe ein.

Dann nahmen ihre Kräfte unaufhaltsam ab, und ihr ganzes letztes Lebensjahr hindurch war sie von Schlaflosigkeit, Schmerzen und Atemnot gequält. Aber „die muntere Heilige“, wie man sie nannte – sagte mutig und lächelnd: „Wenn man einen steilen Berg hinaufsteigt, geht einem der Atem aus. So muss es auch hier sein – den mein Ziel ist da die ewige Höhe.“

Am Vormittag des 24. Dezember 1928 sagte sie zu einer guten Bekannten: „Es ist gut, dass du kommst, denn dies ist mein letzter Tag. In der Nacht gehe ich über die Grenze.“

Merkwürdig ist es, dass Mathilda Wrede auf ihrem Sterbelager immer wieder davon sprach, wie viel Arbeit im „Jenseits“ auf sie warte. Und mit einem kleinen Augenzwinkern fügte sie hinzu, der liebe Gott werde schon wissen, wie wenig sie sich dazu eigne, ruhig dazustehen und auf der Harfe zu spielen. Sie war sehr unmusikalisch.

Noch in der letzten Nacht, als ihre Freundin nach ihr sah, sagte Mathilda: „Jetzt eben hat mir Gott eine neue Aufgabe zugewiesen. Glaubst du, dass irgendjemand auf Erden so glücklich ist wie ich!“ „Nein“, antwortete die Freundin, „das glaube ich nicht“ – so überzeugend klar war das Leuchten in den Augen der Sterbenden.  Dann löschte Mathilda selbst das elektrische Licht und legte sich nieder. Als die Freundin am nächsten Morgen an ihr Lager trat, war sie verstorben. Mathilda Wredes Christentum war praktisch durch und durch, und sie hatte die Worte Christi verstanden: „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.“

Eben diesen Kranken, Elenden, Ausgestoßenen hat sie ihr ganzes Leben geweiht.

Rolf Polle