Nachrichten und Berichte

 

In dieser Rubrik finden Sie Nachrichten, die die gesamte Gemeinde betreffen, Aktuelles, das im Gemeindebrief noch nicht veröffentlicht werden konnte, oder Entwicklungen, die wir für so wichtig halten, dass wir sie hier erwähnen.

Außerdem werden wir an dieser Stelle über Veranstaltungen berichten, die wir für so interessant halten, dass wir auch diejenigen teilhaben lassen möchten, die nicht selbst daran teilnehmen konnten.

 

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Apostelandacht zu Martin Niemöller

Apostelandacht zu Martin Niemöller, gehalten am 25. Januar 2009

Martin Niemöller wurde 1892 auf preußischem Gebiet in Lippstadt/Westfalen geboren. Der Vater war Pfarrer. Sowohl politisch als auch religiös wurde er stark durch seine Eltern geprägt und wuchs in einem glaubensfesten protestantischen Umfeld auf.

Der junge Martin begleitete seinen Vater gelegentlich auch bei Hausbesuchen. Als sein Vater einmal zusammen mit ihm einen kranken Weber besuchte, hing dort ein mit Glasperlen auf Samt bestickter Wandspruch: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Dies wurde später sein Lebensmotto.

Nach seinem Abitur als Klassenbester trat Martin Niemöller 1910 in die Kaiserliche Marine ein. 1915 wurde er zu den U-Booten versetzt und bekam 1916 das Eiserne Kreuz erster Klasse. Im Mai 1918 wurde er U-Boot-Kommandant.

1934 veröffentlichte er seine Kriegserlebnisse in seinem Bestseller „Vom U-Boot zur Kanzel“. Er entwarf darin ein Bild des U-Boot-Kriegs als sportlicher Wettkampf.  Das Versenken feindlicher Schiffe wird wie in einem Abenteuerbuch beschrieben. Dass dabei auch viele Menschen starben, wird eher nebenbei erwähnt. Ethische Fragen thematisiert er in diesem Buch kaum, Gewissenskonflikte kommen nur in einer kurzen Passage des Buches zum Ausdruck:

Was tun? Es liegt uns nicht, den Zerstörer bei seinem Rettungswerk zu stören. Aber Krieg ist Krieg, und die Leute, die aus dem Wasser gezogen werden, sind Soldaten, die wieder auf unsere deutschen Brüder schießen werden. Dieser 25. Januar ward der Wendepunkt in meinem Leben, weil er mir die Augen für die schiere Unmöglichkeit eines moralischen Universums geöffnet hat.

Als Niemöller nach Kriegsende mit seinem U-Boot wieder in Kiel einlief, flaggte er zum letzten Male schwarz-weiß-rot und lehnte die Revolution strikt ab. Er sah sich durch seinen Eid dem Kaiser verpflichtet, bis zu dessen Tod 1941. Konsequent verweigerte er den Befehl, zwei U-Boote an England auszuliefern, und beendete seine Offizierslaufbahn.

Nach Beratungen mit seinem Vater und  seiner Schwester studierte er schließlich Theologie.

Zunächst wurde er geschäftsführender Pfarrer bei der Inneren Mission in Westfalen. Dort sammelte er wertvolle organisatorische Erfahrungen und gründete eine evangelische Darlehenskasse. In diese Zeit fallen ebenfalls erste Rundfunkansprachen.

Niemöller wollte aber von jeher Gemeindepfarrer werden. Daher nahm er im Jahre 1931 gern ein Angebot einer Gemeinde in Berlin-Dahlem an. Dort erwarb er sich schnell den Ruf als eindrücklicher Prediger.

Der nationalsozialistischen Bewegung stand er anfangs unkritisch bis sympathisierend gegenüber. Wie viele andere erhoffte er sich von der Partei auch eine Erneuerung des Christentums, erkannte das aber bald als Täuschung.

Als der Arierparagraph auch für den Raum der Kirche eingeführt wurde, wurde Niemöller zum Begründer des Pfarrernotbundes , dessen Vorsitz er auch übernahm.

In der Folgezeit wurde Niemöller einige Male durch die Kirchenleitung seines Amtes enthoben, was er ignorierte und weiter predigte. Seine Gemeinde stand fest zu ihm.

Nach einer seiner Absetzungen traf Niemöller auf den Reichsbischof:

„Ich melde gehorsamst meine zweite Gehorsamsverweigerung an. Das erstemal habe ich den Gehorsam verweigert, als mich der Kommodore aufforderte, mein deutsches U-Boot nach England zu fahren und auszuliefern. Jetzt folge ich der Suspension nicht. Ich könnte es in diesem Augenblick vor meiner Gemeinde nicht verantworten, wenn ich nicht zu ihr sprechen würde.

Um das „Pfaffengezänk“ zu beenden, lud Adolf Hitler 15 führende Persönlichkeiten der Kirche in Januar 1934 in die Reichskanzlei, darunter Niemöller als Vorsitzenden des Pfarrernotbunds. Beim Hinausgehen nach dem Gespräch betonte Niemöller, dass keinesfalls eine staatsfeindliche Gesinnung, sondern „die Sorge um Volk und Vaterland“ Motivation der Kirchenführer sei. Hitler antwortet gereizt: „Die Sorge um das Dritte Reich überlassen sie mir, und sorgen Sie für die Kirche“. Niemöller entgegnete:
Dazu muss ich erklären, dass weder Sie noch sonst eine Macht der Welt in der Lage sind, uns als Christen die uns von Gott auferlegte Verantwortung für unser Volks abzunehmen.

Niemöller predigte jetzt vor 1300 Leuten in seiner bis auf die Altarstufen vollbesetzten Kirche, darunter Gestapospitzel. Er nannte sie „meine treuesten Zuhörer“.

Nach dem gescheiterten Treffen in der Reichskanzlei traf sich die kirchliche Opposition auf der Bekenntnissynode in Barmen. Sie formulierte als ersten Satz:

„Jesus Christus, wie die heilige Schrift ihn uns bezeugt, ist das eine Wort Gottes, dem wir in Leben und Tod lauschen, vertrauen und gehorchen müssen.“ Niemöller kommentierte:

Ich kann nur sagen, dass dies zu meinem einzigen theologischen Dogma geworden ist.

Am 1.7.1937 wurde Niemöller verhaftet. Er kam in das Untersuchungsgefängnis in Moabit. Seine letzte Predigt hielt er am 24. Juni 1937:

Selig seid ihr, so euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen.

Die Bedrängnis wächst. Ich denke daran, wie am Mittwoch die Geheime Staatspolizei in die verschlossene Friedrichswerder’sche Kirche eindrang und im Altarraum 8 Mitglieder des dort versammelten Reichsbruderrates festnahm und abführte – ich denke daran, dass gestern in Saarbrücken 6 Frauen und ein Vertrauensmann der evangelischen Kirche verhaftet wurden, weil sie ein Flugblatt der Bekennenden Kirche auf Anweisung des Reichsbruderrates verbreiteten.

Und wer, wie ich, am Freitagabend in einem Abendmahlsgottesdienst nichts neben sich hat als 5 junge Gestapo-Leute, die von dienstwegen die Gemeinde Jesu bei ihrem Beten und Singen auszukundschaften haben, junge Männer, die gewiss auch einmal auf den Namen Jesu getauft worden sind, die gewiss auch einmal ihrem Heiland Treue gelobt haben, um nun seiner Gemeinde Fallen zu stellen – den lässt die Schmach der Kirche so leicht nicht los. „Herr, erbarm Dich“. Und wir denken daran, dass heute drüben in der Annenkirche die Kanzel leer bleibt, weil unser Pastor und Bruder Müller mit 47 anderen christlichen Brüdern und Schwestern unserer evangelischen Gemeinde in Haft gehalten werden. Und wir denken daran, dass die ersten Schnellverfahren in der heute beginnenden Woche stattfinden werden.

Er wurde angeklagt des Kanzelmissbrauchs, des Verstoßes gegen die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ sowie landesverräterischer Beziehung zur Auslandspresse.

1938 wurde er schließlich zu 7 Monaten Festungshaft verurteilt, die mit der Untersuchungshaft vollständig verrechnet wurden. Statt ihn freizulassen, brachten ihn Gestapobeamte in das KZ Sachsenhausen, nördlich von Berlin. Er war Hitlers „persönlicher Gefangener“.

Bei Kriegsausbruch meldete sich Niemöller aus dem KZ als Freiwilliger. Das Gesuch wurde abgelehnt.

1941 wurde Niemöller nach Dachau verlegt. Erst in Dachau wurde Niemöller angesichts der systematischen Vernichtung von Menschenleben klar, dass Hitler nicht nur ein Fanatiker, sondern ein Verbrecher war.

Als alliierte Truppen näherrückten, wurde Niemöller zusammen mit anderen Prominenten von SS-Leuten Richtung Südtirol deportiert. Die SS hatte den Auftrag, die Gefangenen unterwegs zu erschießen. Eine deutsche Panzergrenadierkompanie übernahm aber den Gefangenentransport und zwang die SS-Leute zum Abzug. Wenige Tage später kamen sie in amerikanische Obhut.

Irritationen verursachte er in der Öffentlichkeit mit einem Interview in einer italienischen Zeitung, in dem er seine Meldung als Kriegsfreiwilliger publik machte und die angelsächsische Demokratie als ungeeignet für das deutsche Volk bezeichnete. Bis zu seinem Tode lehnte er das parlamentarische Parteiensystem ab. Noch 1965 rief er zum Wahlboykott auf.

Im August 1945 gründeten die amtierenden Kirchenführer die EKiD, die Evangelische Kirche in Deutschland. Niemöller wurde stellvertretender Ratsvorsitzender und Leiter des Außenamtes.

1947 wählte ihn die Evangelische Kirche Hessen Nassau zu ihrem ersten Präsidenten. Den Bischofstitel lehnte er für sich ab und wählte die Bezeichnung „Kirchenpräsident“. Auch auf das goldene Brustkreuz verzichtete er bewusst.

Der Bischof verleitet ja doch dazu, das wir alle zu der Auffassung kommen: Der Bischof ist derjenige Theologe in der Kirche, aus dem der Geist Gottes am deutlichsten spricht. Meine Erfahrung mit der Bischofsgeschichte in Deutschland ist nun mal nicht die, dass sie ein stärkeres Gewicht hätten als das, was Gott durch Jesus und den Heiligen Geist in den Jahren des Leidens und der Verfolgung den Gemeinden geschenkt hat. Da haben wir es doch gemerkt, dass er sich nicht an den Bischof bindet. Auch da, wo die Bischöfe abfallen, auch da, wo die Pastoren abfallen oder verhaftet werden, sorgt er dafür, dass das Wort und das Sakrament verwaltet werden und nicht unter den Tisch fallen.. Deshalb sehen Sie auch nicht, dass ich mir das Bischofskreuz umhänge, weil ich nicht den Eindruck erwecken möchte: Hier kommt ein Mann, der weiß von dem Herrn Christus etwas mehr als unser Herr Pastor.

Seine ersten Reisen als kirchlicher Außenminister führten ihn nach England und in die USA, um Hilfsmaßnahmen für die notleidende Bevölkerung zu akquirieren. Anfängliche Sympathie war dort inzwischen wegen seines Interviews in Italien in offene Ablehnung umgeschlagen.

Durch sein Auftreten und seine Vorträge konnte er jedoch viele Menschen für seine Sache gewinnen, so dass die Stimmung wieder umschlug und er viele Privatpersonen zu Hilfsleistungen nach Deutschland animierte.

Im Inland wollte Niemöller, dass die Kirche durch ein Schuldbekenntnis Vorbild für andere gesellschaftlich Kräfte werden sollte – und überforderte damit viele Pfarrer und Kirchenmitglieder.

Einspielung des Tondokuments „Der Weg ins Freie“, Ausschnitte aus der Predigt vom 3. Juli 1946

Anschließend Musikeinlage?

Die zweite Tagung der EKiD fand im Oktober 1945 in Stuttgart statt. Eine Delegation des Ökumenischen Rats der Kirchen war auch anwesend. Dies war in Ländern hoch umstritten, die von den Deutschen besetzt gewesen waren.

Gegenüber dieser ausländischen Delegation formulierte der Rat der EkiD die sogenannte „Stuttgarter Erklärung“, die von Niemöller mitformuliert wurde. Der erste Satz stammt vom ihm:

Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele  Länder und Völker gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

In der Ökumenischen Bewegung war Niemöller lange nicht so umstritten wie in Deutschland. So wurde er 1961 zu einem von sechs Präsidenten des Ökumenischen Rats der Kirchen gewählt.

Während Bundeskanzler Adenauer die radikale Westintegration verfolgte, kämpfte Niemöller für ein neutrales Deutschland. Es sollte eine Brücke zwischen den beiden Blöcken bilden.

Die siebzehn Millionen Deutschen in der Ostzone haben keinen Nächsten in der Welt, wenn wir im Westen Deutschlands es nicht sind. Es ist den Oststaaten gleichgültig, ob diese siebzehn Millionen leben oder sterben. Frankreich würde ruhiger schlafen, wenn diese siebzehn Millionen tot wären. Die Engländer und Amerikaner haben außer sich selbst überhaupt keinen Nächsten.

Niemöller besuchte 1952 den Patriarchen Alexej in Moskau  und brachte damit nicht nur Deutschland, sondern große Teile Westeuropas gegen sich auf. Zu einer Zeit großer Spannungen wurde Niemöller dies als Landesverrat und Ausverkauf des christlichen Abendlandes ausgelegt.

Zum Pazifisten wurde Niemöller erst angesichts der atomaren Bedrohung. Im August 1952 zündeten die USA die erste Wasserstoffbombe, die Russen knapp ein Jahr später ebenfalls. Ein Gespräch mit den Wissenschaftlern Carl Friedrich von Weizsäcker, Werner Heisenberg und Otto Hahn im Jahre 1954 machte ihn zum radikalen Pazifisten angesichts der Tatsache, dass der Mensch nun Gottes Schöpfung vollständig zerstören konnte.

Ich persönlich könnte mir keine Situation vorstellen, in der ich auf die Frage ‚Herr, was willst du, das ich tun soll?’ von Gott die Antwort erhielte: ‚Wirf eine Atombombe!“

Im Oktober 1957 übernahm Niemöller die Präsidentschaft der Deutschen Friedensgesellschaft/Bundes der Kriegsgegner, im Mai darauf auch die der Internationale der Kriegsgegner, die ab 1960 die Ostermärsche in Deutschland organisierten. Am Ostermontag 1958 nahm Niemöller am ersten Ostermarsch in London teil. Später marschierte er auch gegen die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik, gegen den Vietnamkrieg und die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen.

Ich habe immer gesagt, wir seien zu einer amerikanischen Kolonie geworden. Jetzt sind wir nur noch ein Munitionslager.

Einer der Höhepunkte der Auseinandersetzungen um seinen Pazifismus war die „Kasseler Rede“ 1959:

Meine Freunde, wichtig ist die Frage: Wissen wir, was wir tun? Wissen wir, was wir in dieser Situation tun? Wir, ja die wir heute Abend unter der Marke stehen: „Christen gegen Atomgefahren“. Wissen wir wahrhaft, was wir tun? Wir tun ja gar nichts. Wir geben alle paar Jahre einmal unseren Stimmzettel ab, und vielleicht gehen wir auch noch das eine oder andere Mal in eine Versammlung wie die, die am heutigen Abend stattfindet. Und was machen wir dann weiter, und was machen unsere Kinder, unsere heranwachsenden Söhne? Wie geht eigentlich das alles weiter? Oder sind wir wahrhaftig Leute, die gar nichts tun? Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden, weil sie sich zur Schlachtbank führen lassen, obgleich sie nicht den Strick um den Hals zu haben brauchten?

Und darum ist heute die Ausbildung zum Soldaten, die Ausbildung der Kommandos im zweiten Weltkrieg, die Hohe Schule für Berufsverbrecher. Mütter und Väter sollen wissen, was sie tun, wen sie ihren Sohn Soldat werden lassen. Sie lassen ihn zum Verbrecher ausbilden.

Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß stellte Strafantrag gegen Niemöller. Das Verfahren wurde aber eingestellt.

Die Synode der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau kritisierte ihn nach seiner Rede. Er wurde schon 1958 mit nur einer Stimme Mehrheit als Kirchenpräsident bestätigt und trat 1964 zurück, nachdem er das Außenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland bereits 1956 verlor.

Immer wieder provozierte er durch seine Reisetätigkeit. 1970 besuchte er Ho Tschi Minh in Hanoi. Auch die DDR bereiste er mehrfach, 1967 erhielt er den Internationalen Leninpreis, 1970 in der UdSSR die Leninmedaille in Gold. Wahrscheinlich nicht zuletzt als Reaktion auf diese Auszeichnungen erhielt er im gleichen Jahr auch das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Niemöller starb 92-jährig in Wiesbaden, beerdigt wurde er gemäß seines letzten Willens in preußischer Erde, in Wersen/Westfalen, dem Geburtsort seines Vaters.

 

In einem vor kurzem erschienenen theologischen Fachbuch wird die These aufgestellt, Martin Niemöller sei ein moderner Prophet und Apostel. Er rief seine Zeitgenossen und die Kirche zur Buße und zur Umkehr auf, zur Besinnung auf die biblische Verkündigung und den Geist der Botschaft Jesu. Das tat er nicht im wissenschaftlichen Diskurs, sondern gleichsam visionär und immer gegen den herrschenden Zeitgeist. Damit gleiche er Propheten des Alten Testaments.

Ich persönlich teile jetzt diese Auffassung.

Als der Kirchenvorstand vor 20 Jahren diskutierte, ob das Bild Martin Niemöllers in unsere Fenster aufgenommen werden sollte, habe ich das mit der Mehrheit des Kirchenvorstandes abgelehnt. Seine frühe national-konservative Haltung, sein früher Hang zum Militärischen, irritierte uns. Wahrscheinlich war die Zeit damals noch nicht reif für eine solche Entscheidung. Heute hätte ich ihn gern dort oben gesehen.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Dag Hammarskjöld

Apostelandacht zu Dag Hammarskjöld, gehalten am 28. September 2008

Es ist schon ungewöhnlich, dass sich ein Mann in der Politik bewegte, der sich mit Mystik befasste und dessen Leben eine Suche nach Gott war;

dessen Lebensweg dazu geeignet ist, dass wir ihn vielleicht zu den modernen Aposteln zählen können, dass Aspekte seines Lebens und Handelns für uns vorbildlich sein können.

Die Rede ist von Dag Hammarskjöld, schwedischer Politiker,

UN-Generalsekretär von 1953 bis 1963

und nach seinem Tod mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Geboren wurde Dag Hammarskjöld am 29. Juli 1905 in Jönköping in Mittelschweden.

Er war der vierte und jüngste Sohn von Hjalmar und Agnes Hammarskljöld.

Seine Mutter wünschte sich nach drei Jungen eigentlich ein Mädchen. Als es dann doch wieder ein Junge wird, kleidet und frisiert sie ihn wie ein Mädchen.

Die Hammarskjölds waren eine alte Adelsfamilie, aus der viele bedeutende Staatsbeamte und Offiziere hervorgegangen sind.

Auch der Vater Dags bekleidete viele Staatsämter, war Staatsrat, Justizminister und Premierminister.

Seine Mutter befasst sich viel mit religiösen Fragen.

Sonntags begleitet Dag sie zum Gottesdienst

und tut dies so oft wie möglich bis zu ihrem Tod im Jahre 1940.

Als Schüler und Student ist Dag recht einsam und isoliert.

Er liest viel, orientiert sich an seinem Vater, der auch oft missverstanden wurde und isoliert war.

Religiöse Gedanken beschäftigen ihn schon früh,

er spielt vorübergehend mit dem Gedanken, Theologie zu studieren.

Ansonsten arbeitet er, während andere sich vergnügen, Familien gründen.

Dag geht Frauen aus dem Weg. Seine Kraft holt er sich bei Wanderungen, beim Fahrradfahren und bei Bergtouren.

Er studiert unter anderem Wirtschaftswissenschaften, macht Karriere im Finanz- und im Außenministerium,

verhandelt 1947 in Paris über die Durchführung des Marshall-Plans, mit dem West-Europa seinen Wiederaufbau finanziert.

Seine Existenz trägt mönchische Züge: Arbeit, Gebet, Nachdenken über Gott, keine Frauen.

Insbesondere denkt er häufig und intensiv über den Tod nach.

Man braucht den Tod nicht als ein plötzliches Verhängnis zu erleiden, wenn man zu sterben lernt.

Seine Mitmenschen schätzen seine Kenntnisse im Finanzwesen,

man bewundert seine Arbeitskraft.

Einige behaupten, weil er keine Familie und keine richtigen Freunde habe,

bleibe ihm ja nichts anderes übrig, als Trost in der Arbeit zu suchen.

In den frühen fünfziger Jahren wird er stellvertretender Außenminister Schwedens,

schließlich Leiter der schwedischen Delegation bei der UNO in New York.

Seine Selbstzweifel begleiten ihn, er sucht sich Rechtfertigungen für seine menschliche Einsamkeit.

Die meisten Männer, meint er, verbrauchen 90% ihrer Energie damit, die Neurosen ihrer Frauen zu bekämpfen. Er jedenfalls nicht.

Nach dem Rücktritt des ersten Generalsekretärs der UNO sucht man einen stillen, eher schwachen neuen Generalsekretär.

Man entscheidet sich für Dag Hammarskjöld. Die weltpolitische Lage ist geprägt vom Kalten Krieg zwischen Ost und West, von den Konflikten um die Entkolonialisierung.

Seine kurze Ansprache zur Amtseinführung beendet er mit einem schwedischen Gebet: „Das tiefste Gebet der Menschen bittet nicht um den Sieg, sondern um den Frieden.“

In einem Interview äußert er sich über seine ethischen Maßstäbe:

Diene deinem Land oder der Menschheit in selbstloser Hingabe.

Opfere diesem Dienst alle deine persönlichen Interessen.

Gleichzeitig habe stets den Mut, kompromisslos für deine Überzeugungen einzutreten.

Ihn leiten Gedanken mittelalterlicher Mystiker:

„Glaube ist die Vereinigung Gottes mit der Seele.“

Die Gottesbegegnung geschieht also nicht vorrangig in der Gemeinschaft, sondern in der Seele des einzelnen Menschen.

Hat Gott sich mit der Seele verbunden, dann ist sie voll Kraft und Liebe, die der Mensch an andere weitergeben möchte.

Es gibt für ihn also keinen Widerspruch zwischen persönlicher Meditation und sozialem Engagement.

Er sagt: „Der Weg zur Heiligung geht in unserer Zeit notwendig über das Handeln.“

Es ist die Zeit des Korea-Kriegs. Das kommunistische China hat amerikanische Soldaten gefangen, die USA fordern ihre Freilassung

Im Januar 1955 fliegt Hammarskjöld nach China, führt Gespräche mit Chou-Enlai.

Der ist von der Persönlichkeit Hammarskjölds so beeindruckt, dass er die amerikanischen Kriegsgefangenen als Geburtstagsgeschenk für ihn freilässt.

1956 droht der Konflikt um den Suezkanal zum Weltkrieg zu eskalieren.

Hammarskjöld gelingt es den Konflikt zu entschärfen, eine internationale Friedens- und Polizeitruppe zu schaffen, die den Waffenstillstand sichert.

Damit gründet er die UNO-Blauhelmtruppe.

Er bemüht er sich um Krisenbewältigung in Ungarn, Laos, dem Libanon und schließlich im Kongo, seiner letzten Station.

Die ehemals belgische Kolonie wird in die Unabhängigkeit entlassen und versinkt im Chaos, wird zum Spielball zwischen den gegensätzlichen Interessen der Großmächte, der Konzerne, die das rohstoffreiche Land weiter ausbeuten wollen.

Er startet die bis dahin größte Blauhelmaktion der Vereinten Nationen.

Die rohstoffreiche Provinz Katanga erklärt sich unabhängig,

stützt sich auf die Westmächte.

Die Zentralregierung sucht die Unterstützung der Sowjetunion.

Die Großmächte beobachten das Verhalten Hammarskjölds argwöhnisch.

Beide Seiten beschuldigen ihn, er würde jeweils die gegnerische Seite unterstützen.

Hammarskjöld will persönlich mit dem Führer der abtrünnigen Provinz Katanga,

Moise Tschombé, verhandeln, vereinbart mit ihm ein Treffen in der nordrhodesischen Stadt Ndola.

Sein Flugzeug fliegt ohne Begleitschutz und stürzt beim Landeanflug ab.

Das Wrack wird erst am nächsten Tag gefunden.

Mit Hammarskjöld sterben 15 Insassen des Flugzeugs.

In den Leichen der beiden Leibwächter Hammarskjölds stecken Geschosse.

Nur ein amerikanischer Soldat hat den Absturz schwer verletzt überlebt, lebt noch fünf Tage. Die nordrhodesische Polizei verhört ihn, fertigt auch Protokolle, die aber verschwinden.

Die Ursache des Absturzes bleibt bis heute mysteriös.

Wurde die Maschine abgeschossen, oder befand sich ein Sprengsatz an Bord?

Die Sowjets behaupten, hinter dem Absturz stecke Tschombé.

Andere vermuten, europäische Söldner steckten dahinter,

vielleicht auch westliche Kapitalisten, vielleicht die CIA.

Auch ein Selbstmord Hammarskjölds wird vermutet.

Erst 1998 veröffentlicht die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission unter Bischof Tutu geheime Dokumente.

Sie lassen vermuten, dass Hammarskjöld einem raffinierten Mordkomplott der Geheimdienste Südafrikas, der USA und Großbritanniens zum Opfer fiel.

Ein Mitarbeiter Hammarskjölds findet nach seinem Tod auf dem Nachttisch seines New Yorker Appartements ein Tagebuch, in dem Hammarskjöld über mehrere Jahrzehnte seine Gedanken und Eindrücke notiert hat.

Darin finden sich Aphorismen, Natureindrücke, literarische Zitate, Gebete und Gedichte.

Es wird veröffentlicht unter dem Titel „Zeichen am Weg“.

Der Titel bezieht sich auf eine Eintragung aus dem Jahr 1956:

Darin heißt es: „Diese Aufzeichnungen -? Sie waren Wegzeichen, aufgerichtet, als du an einen Punkt kamst, wo du sie brauchtest, einen festen Punkt, der nicht verloren gehen durfte.“

Und 1958 schreibt er:
“Noch einige Jahre, und dann? Das Leben hat Wert nur durch seinen Inhalt – für andere.

Ein Leben ohne Wert für andere ist schlimmer als Tod.

Darum – in dieser großen Einsamkeit – diene allen.

Darum: wie unbegreiflich groß, was mir geschenkt wurde, wie nichtig, was ich ‚opfere’“.

In seiner Gedenkrede vor der UNO sagte der amerikanische Präsident John F. Kennedy:

„Dag Hammarskjöld hat durch die UN sein ganzes tägliches Schaffen der Sache des Friedens und der Weltordnung geweiht.

Seine Fähigkeit sich aufzuopfern, ist fast legendär. Sein Name wird einen hervorragenden Platz unter den Friedensstiftern einnehmen.“

Zweifellos hat er wie wenige andere Menschen seinen christlichen Glauben konsequent

in alltägliches Handeln umgesetzt; darin kann er uns als Vorbild dienen.

Vielen Politikern würde etwas mehr Gesinnungsethik in ihrer politischen Praxis sicher guttun.

Andererseits zweifle ich persönlich, ob ein Leben in innerer Einsamkeit,

der Verzicht auf Gemeinschaft, Gemeinschaft z.B. im Gottesdienst, in der Kirchengemeinde, in einer Familie richtig ist.

Jesus sagt im Matthäus-Evangelium:

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Jesus bejaht die Gemeinschaft, das wird auch in der Feier des Abendmahls deutlich.

Es heißt auch: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Wir sollen uns selbst über die Nächstenliebe nicht vergessen, nicht negieren. Die Aufopferung muss höchstens in Kauf genommen werden, wenn die Umstände dies erfordern, das Opfer ist kein Selbstzweck.

Mir scheint, seine Fixierung auf das Opfer, auf das Sterben ist ein Ausdruck seiner Persönlichkeit,

kann vielleicht aus seiner Kindheit erklärt werden,

kann uns jedenfalls wohl kaum als christlich begründetes Vorbild dienen.

1961 wurde ihm postum der Friedensnobelpreis verliehen.

Seit 1962 gibt es in Hamburg, am Dammtor-Bahnhof, den Dag Hammarskjöld-Platz und die Dag Hammarskjöld-Brücke.

Sein Gedenkstein im Dom von Uppsala in Schweden trägt die Inschrift: „Nicht ich, sondern Gott in mir. Dag Hammarskjöld, 1905 – 1961

Rolf Polle

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