Nachrichten und Berichte

 

In dieser Rubrik finden Sie Nachrichten, die die gesamte Gemeinde betreffen, Aktuelles, das im Gemeindebrief noch nicht veröffentlicht werden konnte, oder Entwicklungen, die wir für so wichtig halten, dass wir sie hier erwähnen.

Außerdem werden wir an dieser Stelle über Veranstaltungen berichten, die wir für so interessant halten, dass wir auch diejenigen teilhaben lassen möchten, die nicht selbst daran teilnehmen konnten.

 

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Apostelandacht zu Hellmut Gollwitzer

Apostelandacht zu Hellmut Gollwitzer, gehalten am 29. Januar 2012

In einer Biografie wird der altgewordene Helmut Gollwitzer so beschrieben: Klein, kaum 1 Meter 70 groß, rundlich, mit großen, etwas ratlosen Augen hinter dicken Brillengläsern, die unvermeidliche Pfeife im Mund.

Die Zeitungen nannten ihn in den siebziger Jahren einen Revoluzzer, Zerstörer unserer wohlverdienten Lebensverhältnisse, geistigen Vater studentischer Aufrührer, Verführer der Jugend. Seine Freunde nannten ihn „Golli“. Er konnte gegen Ende seines Lebens weit über tausend Veröffentlichungen vorweisen, war anerkannt von vielen Universitäten, die ihm die Ehrendoktorwürde verliehen. Er war ein Freund von Bundespräsidenten und revoltierenden Studenten, ein rätselhafter und zugleich einfältig frommer Mann. Was war es, das eine ganze junge Generation unseres Landes an ihm faszinierte, auch viele Angehörige der Jungen Gemeinde an unserer Apostelkirche?

Helmut Gollwitzer wurde am 29. Dezember 1908 im bayrischen Pappenheim geboren.

„Mein Vater war ein konservativer Theologe und gleichzeitig selbstverständlich streng national, was hieß, rechts, königstreu, das Militär bejahend. Meine Mutter ergriff die Aufgabe der Pfarrfrau mit ganzer Seele als ihren Beruf, sie bewies die Unentbehrlichkeit der Pfarrfrau bei der Tätigkeit des Pfarrers. Ihr Christsein war es wohl auch vor allem, was uns bei der Achtung vor dem christlichen Glauben festgehalten hat. Eines muss ich als besonders wichtig noch hervorheben, beide Eltern haben uns durch ihr Vorleben und durch die Atmosphäre in ihrem Haus eine Skala von Werten vermittelt, die für unser aller Leben entscheidend war, erst recht in dieser Mammongesellschaft mit ihren Privilegien und Hack- und Rangordnungen. Mit seinem Gewissen im Reinen zu sein ist wichtiger, als was man für Folgen zu tragen hat.“

Als Schüler war er in der Jugendbewegung der 1920er Jahre aktiv, studierte dann von 1928 bis 1932 Philosophie und evangelische Theologie. Karl Barth in Bonn wurde sein wichtigster Lehrer, der seine Haltung zeitlebens prägte. Barth konfrontierte seine Studenten offensiv mit der aktuellen politischen Entwicklung, was für viele Theologen damals ein völlig fremdartiges und von ihnen abgelehntes Verhalten war. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 änderte sich das Ansehen Barths: Aus dem zuvor umstrittenen Theologen wurde die Leitfigur des beginnenden Widerstands gegen die Gleichschaltung der Kirchen.

Doch nicht erst durch den Einfluss Barths, sondern bereits in seiner Jugend zeigte sich Gollwitzers Hang zum Widerspruch:

„Schon in der Gymnasialzeit entdeckte ich als Sohn eines streng deutsch-nationalen, konservativen, lutherischen, bayerischen Pfarrers, dass Pazifisten nicht notwendig verächtliche Feiglinge sind, Sozialisten nicht notwendig verächtliche Novemberverbrecher und Juden nicht notwendig von Gott verdammte Menschen. Von da an begann meine Marxlektüre und während der Studentenzeit Diskussionen mit linken Kommilitonen.“

Im Jahr 1935 wurde Karl Barth aus Deutschland ausgewiesen und mit ihm musste auch sein Assistent Gollwitzer die Bonner Theologische Fakultät verlassen.

Gollwitzer erhielt in dieser Zeit eine Anstellung als Schlossprediger beim Prinzen Reuß in Niederösterreich.

1935 lernte er auf einem Schloss des Fürsten Reuß auch Martin Niemöller kennen, eine Bekanntschaft, die sein Leben bis zum Beginn des Krieges bestimmen sollte.

Gollwitzer verließ 1937 den Dienst des Prinzen, als ihn der Bruderrat der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen bat, in ihren Dienst zu treten. Er schreibt:

„Ich reiste im Land herum und habe das Volk aufgewiegelt, indem ich überall eine Unzahl von Bekenntnisnachmittagen, Bekenntnisabenden und Bekenntnisvorträgen hielt und außerdem theologische Schulung mit der kleinen Zahl von Vikaren, die sich zur Bekennenden Kirche hielt, betrieb.“

Nach der Verhaftung Niemöllers hielt Gollwitzer in dessen Gemeinde in Berlin-Dahlem Bekenntnisgottesdienste, in denen er bei strenger Bibelauslegung doch deutlich Stellung zu den Zeitereignissen nahm. Die Predigten waren nach kurzer Zeit genau so beliebt wir zuvor die von Martin Niemöller.

Im Dezember 1939 verliebte er sich in eine junge Frau, Eva Bildt, die Tochter eines Staatsschauspielers. Eva war eigentlich auch Schauspielerin, durfte aber nicht mehr auftreten, weil ihre Mutter Jüdin war. Die beiden verlobten sich. Ihr Vater stellte bei Hermann Göring einen Heiratsantrag für seine Tochter, der aber abgelehnt wurde

Im März 1945 wollten Eva Bildt und ihr Vater gemeinsam aus dem Leben scheiden. Eva starb, ihr Vater überlebte.

Gollwitzer selbst hat das tragische Ereignis erst im Herbst 1946 erfahren, als die erste Post aus Deutschland im Gefangenenlager eintraf.

Im September 1940 beendete die Gestapo Gollwitzers Arbeit als Pfarrer in Dahlem, wies ihn aus Berlin aus und erteilte ihm Redeverbot im gesamten Reichsgebiet.

Gollwitzer wurde zur Wehrmacht einberufen und im Mai 1941 in Paris stationiert.

Einen Teil des Jahres 1943 verbrachte Gollwitzer im Osten, im Donez-Becken südlich von Slawiansk. Er schreibt:

„Einen großen Teil meiner Kompanie habe ich dort – ich hatte mich zum Sanitäter umschulen lassen – mitbegraben. Seither habe ich im Osten nur Rückzüge und knappes Entkommen aus Kesseln mitgemacht.“

Auf rumänischem Boden geriet Gollwitzer schließlich am 10. Mai 1945 in russische Kriegsgefangenschaft.

Nach Aufenthalten in verschiedenen Sammellagern wurde er schließlich in ein Sonderlager des Moskauer Innenministeriums gebracht, später  nach Westsibirien. Im Dezember 1949 konnte endlich den Transportzug in Richtung Heimat besteigen.

Die Gefangenschaft wurde für Gollwitzer zu einer existenziellen Erfahrung. Er erlebte sie als ein Gleichnis für die christliche Hoffnung.

„Der Gefangene wartete ja nicht etwa ohne jegliche Erwartung für sein Leben, er erwartete sogar sehr viel, er war die fleischgewordene Erwartung, - aber er erwartete alles von der Zukunft, nichts von der Gegenwart und alles von einer ganz bestimmten Zukunft, von einem „Tag“, der ihm – biblisch zu reden  . der ‚Tag des Herrn‘ war, der Tag, um deswillen sich allein das gegenwärtige Leben lohnte, von dem her allein es Sinn bekam. Die Gegenwart war entwertet. Lebenswert war das gegenwärtige Leben nur, sofern es als Hinschreiten auf das eschatologische Ziel von ihm her Sinn bekam.“

Im Jahre 1951 veröffentlichte Gollwitzer seinen Bericht über die Zeit der Gefangenschaft unter dem Titel „…und führen wohin du nicht willst“. Gollwitzer wurde damit mit einem Schlage bekannt, Bundespräsident Theodor Heuss nannte das Buch „ein großes geschichtliches Dokument“ wegen „seiner phrasenlosen, konkret-nüchternen Sachlichkeit und psychologischen Deutkraft“.

Die eigentliche Botschaft des Berichts war der unerschütterliche Glaube, dass Gottes Führung in einer schrecklichen Zeit zu spüren ist. Es kommt darauf an, wie man die schrecklichen Ereignisse deutet, wie man Not und Verzweiflung verstehen kann. Gleichzeitig brach das Buch gleich mehrere Tabus: Die Russen waren nicht die „Untermenschen“, die „Bestien“, als die sie in den letzten Kriegsjahren dargestellt wurden. Die „Kommunisten“ trugen menschliche Gesichter, waren an Gesprächen und Diskussionen interessiert, behandelten die Deutschen besser als diese die Zwangsarbeiter und russischen Kriegsgefangenen behandelt hatten. Und schonungslos berichtete er über seine mit eigenen und den Augen Mitgefangener erlebten Verbrechen der Wehrmacht, deren Teilnahme an Judenerschießungen in Russland.

Sofort nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wurde Gollwitzer zum Theologie-Professor der Universität Bonn ernannt.

Wenige Wochen nach Dienstantritt erhielt er Besuch von einem alten Freund, der von einer jungen Frau begleitet wurde: Brigitte Freudenberg, die er bereits in Dahlem als Konfirmandin Martin Niemöllers kennengelernt hatte. Wegen ihrer jüdischen Mutter war die Familie 1939 in die Schweiz ausgewandert, gerade noch rechtzeitig, und blieb für die Dauer des Krieges dort. Die beiden verlobten sich recht schnell, und im nächsten Jahr heirateten sie, getraut von Martin Niemöller.

Musikalisches Zwischenspiel

Auf dem vierten Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart im Jahre 1952 legte Gollwitzer seine grundlegenden Positionen zur politischen Ethik dar. Er stellte die Frage: „Was geht den Christen die Politik an?“ Die Antwort war radikal:

„Es kann im Bereich der Politik nichts geben, was nicht sofort eine schreiende Frage nach der Kirche ist. Machen wir auch wieder nur einfach mit, oder kommt durch das Dasein der christlichen Gemeinde ein anderer Ton in das allgemeine Geschrei zwischen Ost und West, in die gegenseitigen Beschuldigungen und Verdammungen, in die täglichen Kriegserklärungen des Kalten Krieges, in die Partei- und Wirtschaftskämpfe hinein?“

In den nächsten Jahren wurde er zu einem gerngesehenen Redner in der Bundeshauptstadt Bonn, war häufig Gast beim Bundespräsidenten Theodor Heuß. Gustav Heinemann, der gerade aus der CDU ausgetreten war und zunächst eine neue Partei gegründet hatte, wollte ihn für eine Bundestagskandidatur gewinnen. Er lehnte ab, weil er sich nicht parteipolitisch binden wollte.

Und Gollwitzer war einer der ersten, der in der Bundesrepublik Deutschland öffentlich die Stimme für Israel erhob. Er sah als grundlegendes politisches Prinzip die Verantwortlichkeit der Menschheit im Westen und im Osten für die Erhaltung des Staates Israel.

„Der Skandal besteht darin, dass nicht die Überlebenden des Volkes der Ermordeten zögern, zum Volk der Mörder normale Beziehungen aufzunehmen, sondern dass die Überlebenden des Volkes der Mörder zögern, ihre Beziehungen zu den Überlebenden des Mordes zu normalisieren.“

Zum Wintersemester 1958/59 zog Gollwitzer nach Berlin und wurde Professor an der Freien Universität. Sonntags predigte er oft an der St. Annenkirche in Berlin-Dahlem. Er verstand seine Predigten als „politische“; sie sollten zum Nachdenken über die eigene Stellung im geschichtlichen und gegenwärtigen Ort innerhalb der Kirche und der Gesellschaft anregen.

Im Sommer 1961 suchte man in Basel einen Nachfolger für Karl Barth. Viele dort wollten Gollwitzer berufen, aber schließlich wurde er wegen seines „weichen Kurses gegenüber dem Bolschewismus“ abgelehnt.

In der Schweiz gelangte man zu diesem Vorurteil, weil Gollwitzer ein entschiedener Gegner der deutschen Wiederaufrüstung und Atombewaffnung  war:

„Wo ist gegen diese Katastrophenursachen von Seiten der christlichen Gemeinde eine kräftige Gegenbewegung erfolgt, spontan und stark als Antwort auf die gehörte, freimachende Verkündigung die ganze Gemeinde erfassend? Jeder Blick in die politische Wochenbetrachtung eines beliebigen Sonntagsblattes zeigt, wie es stattdessen steht. Mit der Formel von der ‚Christenheit zwischen zwei Übeln‘ setzt man zwei in Wahrheit unvergleichliche Übel – ein diktatorisches System und den Atomuntergang – einander gleich und hat sich damit schon unfähig gemacht, Wirklichkeit und Forderung der gegenwärtigen Stunde unvernebelt zu erkennen, hat sich stattdessen schon mitschuldig an der Bagatellisierung der Gefahr und an der selbstmörderischen Idiotie des Wettrüstens gemacht.“

Und er kritisierte die CDU, die diese Politik maßgeblich betrieb, in ihrem Selbstverständnis als christliche Partei:

„Vom evangelischen Verständnis des Christentums her ist diese Namensgebung und das sich in ihr ausdrückende Selbstverständnis indiskutabel. Die CDU hat die Verschleuderung des christlichen Namens betrieben, damit zur inneren Verwahrlosung der Deutschen beigetragen und so die Katastrophe Deutschlands perfekt gemacht.“

Diese Äußerungen machten aus ihm, dem Antikommunisten, in den Augen der konservativen Öffentlichkeit einen Kommunistenfreund.

Im Sommer 1966 lud die Evangelische Studentengemeinde Gollwitzer ein, über Marxismus und Christentum zu referieren. Er dachte sich, das könnte er im Schlaf, da brauche er sich doch nicht vorzubereiten! Doch auf einmal wurde ihm etwas klar:

„Den alten Käse kannst du nicht mehr sagen, der war zwar nicht falsch, aber andere Dinge sich wichtiger! Ich entdeckte, dass die Theologie, der ich mich verschrieben hatte, ein Produkt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung war, und ich bin in den letzten Jahren meines Lebens in die Situation eines Christen gekommen, der wie meine Zuhörer, am Abend  ab und zu ein paar theologische Bücher noch lesen kann, im Übrigen aber sein Christsein bewähren muss in seinem weltlichen Beruf. Theologie ist nötig, aber sie ist nicht alles, sie ist nur eine Hilfswissenschaft.“

Ihm ging es immer stärker darum, wie sich das Christentum in den gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Konflikten bewähren könne. Für ihn wurde immer deutlicher: Das Evangelium hat eine Tendenz auf den Sozialismus und dessen Ziele einer gerechteren, humanen Gesellschaft hin. Das Evangelium stellt den Menschen allerdings nicht in den Dienst einer sozialistischen Partei, sondern fragt vielmehr ständig nach, ob das politische Agieren tatsächlich in Richtung einer besseren Gesellschaft weist.

Vermutlich war gerade diese theologische Wende mitverantwortlich dafür, dass Gollwitzer die Studentenunruhen der späten 60er Jahre mit großer Sympathie erlebte. Endlich einmal, so schrieb der damals fast Sechzigjährige, bewege sich eine junge deutsche Generation politisch nicht in Richtung auf Nationalismus und militärischen Drill, sondern denke weltoffen, demokratisch und in einer neu bewegenden Weise humanitär.

Brigitte und Helmut Gollwitzer nahmen in dieser Zeit häufig Studenten in ihrem Haus auf, das sich langsam in eine Wohngemeinschaft verwandelte; unter anderen Rudi Dutschke und Christa Ohnesorg, die Witwe des erschossenen Studenten Benno Ohnesorg. Es gab regelmäßige Hausandachten, ein Tischgebet, und ein „Hausrat“ regulierte das Zusammenleben sowie die Finanzierung des Haushaltes.

Rudi Dutschke wurde Ostern 1968 Opfer eines Attentats und überlebte schwerverletzt. Als er dann Weihnachten 1979 an den Spätfolgen  in Dänemark gestorben war, beerdigte Gollwitzer ihn auf dem Friedhof der Dahlemer St.-Annen-Kirche.

Bereits 1959 hatte Gollwitzer die spätere Terroristin Ulrike Meinhof bei einem studentischen Kongress gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr in Berlin kennengelernt und war mit ihr in loser Verbindung geblieben, bis sie mit der „Roten Armee Fraktion“ im Untergrund verschwand.  Als sie im Gefängnis in Köln einsaß, besuchte Gollwitzer sie. Nach ihrem Tod im Jahre 1976 wurde er von einer Vorbereitungsgruppe gebeten, an ihrem Grab zu sprechen. Er sah dies als seine Christenpflicht an, distanzierte sich andererseits aber klar und deutlich von Meinhofs Gewaltanwendung. Lauten Beifall und Buhrufe gab es, als Gollwitzer in seiner Traueransprache sagte:

„Allen bürgerlichen und christlichen Leuten, die sie verdammen wegen ihrer Taten und wegen ihres Todes, sage ich: Dieses Kind Gottes Ulrike Meinhof ist – unabhängig von allem Richtigen und Falschen in ihrem Wollen und Tun – hinübergegangen in die Arme der ewigen Liebe:“

Den Buhrufern schleuderte Gollwitzer nach einer Pause entgegen:

„Gott sei Dank!“

Sein wichtigstes Werk veröffentlichte Gollwitzer 1970: „Krummes Holz und aufrechter Gang“. Schnell erreichte das Buch 10 Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Über viele Jahre hatte sich Gollwitzer mit der Frage abgequält, wie das Evangelium und die Suche nach dem Sinn des Lebens miteinander in Beziehung stehen:

Er schrieb dazu:

„Das Buch ist nicht ein wissenschaftliches für Wissenschaftler geworden. Ich erhoffe Verständlichkeit ohne Fachvoraussetzungen.“

Mit dem Buch wollte er deutlich machen, dass die Sinnfrage nichts anderes ist als die Gottesfrage schlechthin. Die Suche nach Sinn ist in Wahrheit die Suche nach Gott.

Die Begegnung mit dem Evangelium geschehe immer in einer doppelten Richtung:

„Ich werde befreit vom Blick auf mich selbst und meine Leistungen – davon hängt mein Leben nicht ab. Der Sinn ist etwas, was ich empfange. Und dann aber umgekehrt die Frage: Was tust du selbst dazu und inwiefern zerstörst du deinen Lebenssinn durch Abwendung von deinem Mitmenschen. Die Sinnfrage wird uns in allen ihren Formen – warum Übel, warum Leid, Tod usw. – nicht einfach im Evangelium beantwortet, sondern die Antwort wird uns erst verheißen. Durch diese Verheißung können wir leben, ein Leben mit ungelösten Fragen. Mit ungelösten Fragen leben, das scheint mir eigentlich das Wichtigste zu sein.“

Im Jahre 1975 beendete Gollwitzer seine offizielle Lehrtätigkeit an der Freien Universität Berlin. Er blieb aber weiterhin öffentlich tätig und wirksam. Er marschierte 1981 mit auf der Friedensdemonstration in Bonn, galt als „APO-Opa“. 

Auf dieser Demonstration begann er seine Rede mit den Worten:

„Wir rücken ihnen jetzt auf den Leib, hier in Bonn! Nur unsere Weigerung, das schwachsinnige Weitermachen auf dem Wege der Zerstörung der Erde und der Erhöhung der Kriegsgefahr weiter mitzumachen, kann noch etwas ändern. Friedensfähig werden, abrüstungsfähig werden – dass müssten die Völker ihren Politikern beibringen durch konsequente Rüstungsverweigerung und Rüstungsverhinderung“.

An dieser Demonstration habe ich selbst auch teilgenommen, und Gollwitzers Rede ist mir eine bleibende Erinnerung.

Noch mit siebzig Jahren setzte er sich zusammen mit seiner Frau Brigitte und vielen anderen Angehörigen der Friedensbewegung auf die Straße vor die Pershing-Raketen in Mutlangen und wurde deswegen rechtskräftig verurteilt.

Am 17. Oktober 1993 starb Gollwitzer an den Folgen eines Treppensturzes. Er wurde auf dem Dahlemer Friedhof in seinem „geliebten Räuberzivil“, mit Karohemd und Cordhose, begraben.

 

Sinn des Lebens – sinnvolles Leben

Helmut Gollwitzer macht sich in seinem wichtigsten Werk Gedanken über den Sinn des Lebens und stellt damit auch die Frage nach einer sinnvollen Gestaltung des Lebens.

Der Buchtitel lautet: „Krummes Holz – aufrechter Gang.“

Krummes Holz nannte Immanuel Kant die Menschen. Aufrechter Gang ist das Bild Ernst Blochs für die noch nicht erreichte, noch zu gewinnende Bestimmung des Menschen.

Aufrechter Gang ist Leben in der Sinnesgewissheit. Krummes Holz bezweifelt den Sinn überhaupt. Gollwitzer stellt an den Anfang seines Buches die Leitfrage: Wie kommt krummes Holz, nämlich der am Sinn des Lebens Zweifelnde – zu aufrechtem Gang – zu einem sinnerfüllten Leben?

Es geht bei der Sinnfrage um mich selbst. Alle Menschen haben ein Bedürfnis, dem Leben einen Sinn zu geben. Sinn hat eine Funktion im Interessenzusammenhang, in Zielsetzungen. Die einzelne Handlung empfängt ihren Sinn aus diesem Zusammenhang, durch ihren Nutzen zum Erreichen eines oder mehrerer Ziele.

Sinn kann im unaufhörlichen Suchen nach Höhepunkten im Leben bestehen, nach Events, auch das Streben nach Geltung, nach Reichtum und Macht kann dazugehören. Manchmal bleibt nach dem Erreichen eines solchen Ziels ein schaler Nachgeschmack – wie der Kater nach einer alkoholreichen Party. Das kann doch nicht alles gewesen sein? Was kommt jetzt, was kommt danach? Das Leben geht irgendwie weiter, wir machen uns erneut auf die Sinnsuche.

Die Sinnfrage wird am drängendsten in einer Lage der Existenzbedrohung, also der Lebensgefahr, des drohenden eigenen Todes oder des Todes eines anderen, einem nahestehenden Menschen. Die Sinnfrage äußert sich dann als Klage, als Trauer, Jammer oder auch melancholischer Resignation. Es hat ja doch alles keinen Sinn?

Der Trost, mit dem die Klage beantwortet wird, muss ein neues „Wofür“ geben. Wofür lohnt es sich, weiterzuleben? Was Sinngebendes ist, muss es also mit dem Tode aufnehmen können.

Das ist das Motiv des Toten- und Gräberkultes: Wir erweisen den Gestorbenen die Wohltat des Nicht-Vergessenwerdens und uns selbst dabei die Wohltat, sie im Gedächtnis gegenwärtig zu haben. Sie leben in unserer Erinnerung weiter.

So wird das Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern weiter nachvollzogen mit der Aufforderung: „Dieses tut zu meinem Gedächtnis!“

Und eben dies ist die hoffende Gewissheit, die der biblische Glaube gewähren will: Der Ewige Gott gedenkt des Menschen, der Mensch lebt im Gedenken Gottes

Der Weg zu Gott ist der absolute Sinngrund, der von sich aus und durch sich selbst sinnhaft ist und allem anderen Sinn verleihen kann.

Der Auferstehungsglaube ist nicht die „Lösung“ des Todesproblems, aber: die Überwindung des Sterbens ist im Bereich menschlicher Möglichkeiten. Nicht ins bessere Jenseits, sondern an das Leben auf der Erde verweist uns die christliche Auferstehungshoffnung; verweist uns in eine Diesseitigkeit, in der die Erkenntnis des Todes und die Auferstehung immer gegenwärtig ist.

In der Aufforderung Jesu: „Folge mir nach!“ ist nicht nur die Bereitschaft zum Tragen des Kreuzes, zum Leiden enthalten, sondern auch der Blick auf Jesu Leben – auf die Nachfolge in der Nächstenliebe, in den eindrücklichen Aufforderungen der Bergpredigt, wie wir uns gegenüber unseren Mitmenschen verhalten sollen.

Umfragen haben bestätigt: Wir sind von der Anlage her auch soziale Wesen. Die meisten Menschen haben ein Bedürfnis, dem Leben einen Sinn zu geben durch sinnvolles Tun in der Gesellschaft, in Gemeinschaft.

Das Ja von mir zur Existenz des Anderen verhilft mir auch zur Bejahung meiner eigenen Existenz. Und umgekehrt: Ich empfange das Ja der anderen zu meiner Existenz und beantworte es. Sinn ist daher auch ein Beziehungsbegriff.

Wenn wir Lob und Zuspruch erfahren, sind wir dankbar. Die Leistung, mit der wir antworten, ist unser Dank dafür.

Jesus hat sich in seinen Gleichnissen häufig auf Vater-Kind-Verhältnisse bezogen. Kinder empfangen, ohne zunächst zu leisten. Ihr Dank ist ihre Leistung für gewährte Aufmerksamkeit. Wir sind Kinder Gottes, empfangen seine Gnade und können nur mit Dankbarkeit antworten. Das besagt auch der Bibelvers unseres Einladungsplakats:
„Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“

Gollwitzer zitiert in diesem Zusammenhang ein Wort Jesu: „Wenn ihr nicht die Gottesherrschaft empfangt wie die Kinder, werdet ihr nicht in sie gelangen.“

Vertrauend den Sinn annehmen, statt ihn erleisten zu wollen.

Daraus entsteht Freiheit: Wir stehen nicht permanent unter dem Zwang, für das Gottesreich leisten zu müssen. Katholische Werkgerechtigkeit wird von unserem lutherischen Verständnis her entschieden abgelehnt. Freiheit wie Sinn wie Glück ist immer Gnade.

Die Sinnfrage ist also letztlich die Gottesfrage. Im christlichen Glauben wird das Wort „Gott“ reserviert für eine Stimme, die in der Geschichte Israels und in der Erscheinung Jesu Christi gehört wird.  Wir sind Empfänger der Sinngebung, wenn wir Gottes Wort hören und schließlich anderen gegenüber bezeugen.

Überzeugen liegt nicht in unserer Hand. Bezeugen jedoch können wir am glaubwürdigsten, wenn wir Gottes Wort leben; im eigenen Leben zeigen, wie dadurch das in die Zukunft gehende Leben zur Hoffnung verändert wird. 

Jesus spricht in der Bergpredigt: „Was immer ihr von den Mitmenschen an guten Taten erwartet, das tut ihnen. Das ist das ganze Gesetz Gottes und die Botschaft der Propheten.“ (Matth. 7, V.12)

Das könnte die Sinnerfüllung in unserem Leben, unseres Lebens sein, das ist aufrechter Gang des gewesenen krummen Holzes, wie Helmut Gollwitzer es uns für unser Dasein empfiehlt.

Diese Art von Sinnerfüllung thematisiert auch das Lied Nr. 613, das wir jetzt singen werden.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Elisabeth von Thadden

Apostelandacht zu Elisabeth von Thadden, gehalten am 13. November 2011

Geboren wurde Elisabeth von Thadden als älteste von fünf Geschwistern am 31. Juli 1890 auf Schloss Mohrungen in Ostpreußen. Ihr Vater, Adolf von Thadden-Trieglaff, war zum Landrat gewählt worden. Die Geschwister wuchsen in christlich-protestantischem Geist auf dem Familiengut Trieglaff in Pommern auf. Betreut von Kindermädchen und unterrichtet von Hauslehrerinnen.

Man führte traditionell ein offenes Haus mit Gästen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Kreisen und war sozial engagiert

Elisabeth und ihre Schwestern besuchten das Viktoria-Internat in Baden-Baden, das schon ihre Mutter besucht hatte.

Nach dem frühen Tod der  Mutter musste Elisabeth sich  mit 19 Jahren in die wirtschaftliche Leitung des Gutes einarbeiten. Es forderte ihre ganze Kraft, sich in den vielfältigen Bereichen zurechtzufinden, mit Angestellten umzugehen. Mit der Aufgabe ihren Geschwistern Mutterersatz zu werden, war sie naturgemäß überfordert. Ihre Schwester Ehrengard schreibt später in einem Rückblick:

“ Sie war eine vorzügliche Gutsfrau, die in der Familie zuerst ein wenig Schrecken erregte, weil sie großzügig investierte. Erst allmählich sahen wir, dass sie nie verschwendete, sondern ein todsicheres Gefühl für Rentabilität besaß, und dass sie genau wusste, wo man Untergebenen scharf auf die Finger passen musste. Sie machte sich angesichts ihrer großen Jugend nicht immer beliebt, und wie sich zeigte, hatte die ganze Stellung auch für ihren inneren Menschen erhebliche Gefahren, aber ihr wirklich warmes  Herz für alle Bedürftigen kompensierte das meiste. Sie hat sich wirklich um das Dorf gekümmert, hat dafür gesorgt, dass die Arbeiterhäuser instand gesetzt wurden, sie besuchte die Kranken und kannte alle.“

Bis in die Zeit des 1. Weltkriegs organisierte sie mit dem Vater die „Trieglaffer Konferenzen“ – ein weit über die Pommerschen Grenzen hinaus bekannter geistiger Mittelpunkt, zu dem Persönlichkeiten  aus  Politik, Wissenschaft, Theologie eingeladen wurden. Elisabeth lernte dabei  Menschen kennen, die auf geistigem oder  sozialem Gebiet Bedeutung hatten.

1920 musste E. v. Th. das Familiengut Trieglaff verlassen. Der Vater hatte nach elf Witwerjahren noch einmal eine junge Frau geheiratet, und so wurde sie in der Stellung der Gutsherrin nicht mehr gebraucht. Bei all ihrem Verständnis für den Vater eine sehr bitter Erfahrung für  sie selbst, die zum  Bruch mit der Familie führte. Sie hatte ihre besten Jahre dem Vater gewidmet, ohne an eine eigene Ausbildung denken zu können. Sie schreibt an den Pfarrer Friedrich Siegmund-Schulze:

“Vater hat sich verlobt. Ich kann mich mit ihm über sein großes Glück freuen in Anbetracht meiner eigenen Unzulänglichkeit in dieser Beziehung. Aber an alles andere zu denken ist so schwer, dass man kaum wagt, daran zu rühren. Ewigkeit in die Zeit leuchte hell herein, dass uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine. Und schließlich ist ja Heimat, Familie, Arbeit, Tradition nur Diesseitigkeit. Und ‚wenn uns die Form zu Scherben geschlagen wird’, dann bleibt doch das Beste! Aber man wird frieren ohne diese Form, ohne das Trieglaffkleid!“

Elisabeth ging nach Berlin, wo Verwandte und Freunde lebten. Sie war 30 Jahre alt, hatte keine Berufsausbildung und bekam keine finanzielle Unterstützung von der Familie. Aber sie konnte auf die Erfahrungen einer Gutsherrin zurückblicken. Entschlossen begann sie, Möglichkeiten zum eigenen Lernen und fortbilden im pädagogischen Fach zu ergreifen. Die Forderungen von Helene Lange, einer bekannten Lehrerin und Pädagogin, die für gleichberechtigtes Lernen und Ausbilden bei Mädchen und Frauen eintrat, fanden ihr großes Interesse. Dann ergriff sie die Chance einer Kurzausbildung in einer Sozialschule, um die staatliche Anerkennung als Wohlfahrtspflegerin zu erlangen.

So fand sie Arbeit als Jugendleiterin und als Wirtschafterin in mehreren Einrichtungen zur Kindererholung und –erziehung. Bei einer Anstellung als Wirtschafterin im Schloss Internat Salem eignete sie sich Kenntnisse über moderner Internatsorganisation an und setzt sich mit der Reformpädagogik.

Elisabeth von Thadden hatte längst den Plan, sich mit einer eigenen konfessionellen Schule für Mädchen selbständig zu machen. Sie wollte Bodenständigkeit, Stetigkeit. Auch jetzt traf sie im festen Glauben auf Gottes Führung ihre Entscheidungen, auch im Bezug auf ihren weiteren Lebensweg.

1926  pachtete sie das Landgut Schloss Wieblingen bei Heidelberg. Mit nur 3.000 RM Startgeld.  Das kleine Schloss mit Nebengebäuden und einer Kapelle in einem Park mit altem Baumbestand ist wie geschaffen für ein Landerziehungsheim für  Mädchen.

Aus ihrem großen  Freundeskreis bekam sie Geldspenden. Es gab in Baden damals keine private konfessionelle Schule mehr, so verhandelte sie erfolgreich mit der Badischen Landeskirche und der Inneren Mission in Berlin um Dahrlehen für ihre Schulgründung. Mit ihrem Vater, Adolf von Thadden, und einem hinzugezogenen Rechtsanwalt gründete sie den Verein “Evangelisches Landerziehungsheim Schloss Wieblingen e. V.“

Ostern 1927 begann der Schulbetrieb mit 16 Schülerinnen, die zumeist  Töchter des gehoben Bürgertums und des Adels waren. Für die wissenschaftliche Leitung sowie die staatliche Anerkennung der Abschlüsse wurde ein Schulleiter eingestellt.

Im Unterschied zum Internat Salem ist es E. v. Th. ganz wichtig, Schule und Internat in einer bewusst evangelischen Geisteslinie zu führen. In Salem hatte ihr die christliche Grundhaltung, die ihr Leben prägte, gefehlt. Dort war das Christentum nur eine sinnvolle Religion, während für Elisabeth der Glaube Mittelpunkt und Halt in ihrem Leben bedeutete. Gemäß der bewährten Tradition ihrer preußischen Herkunft und deren Bindung an das Christentum war ihr oberster Leitgedanke die Erziehung zum ‚klaren evangelische Bewusstsein’ mit der Orientierung an der Bergpredigt. Dies wurde in täglichen Morgen- und Abendandachten, meistens von der Internatsleiterin selbst gestaltet, und mit der Gottesdienstpflicht an Sonntagen verwirklicht. Sie hatte bei der Gründung ihrer Schule darauf bestanden, dass für den Religions- u. Konfirmandenunterricht nur Pfarrer ihrer Wahl aufgenommen wurden. Deutschchristliches Gedankengut wollte sie auf keinen Fall an ihrer Schule dulden.

  1. v. T. hatte durchaus ein traditionelles, bürgerliches Frauen- und Familienbild und formulierte das in einem Erziehungsprogramm so:

“Die Schülerinnen sollen trotz aller Schwierigkeiten versuchen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, denn gerade die Erlebnisse und Erfahrungen, die ihnen im außerfamiliären Raum ein Berufsleben schenkt, könnte später der Familie zum Reichtum und Segen werden. …Wir wollen jedenfalls mit allem Nachdruck die Notwendigkeit einer sorgfältigen hauswirtschaftlichen, pädagogischen und pflegerischen Ausbildung betonen. ..Die hier zu erfüllenden Aufgaben bleiben eigentliches Ziel und letzter Sinn eines Frauenlebens. Ist diese Pflicht klar geworden, dann ist jedes willkürliche Leben ausgeschlossen. Dann haben alle Versuchungen, die an den Instinkt des Menschen appellieren, keine Befehlsgewalt mehr, weil man den Weg weiß, den das Gefühl der Verantwortung für alles was man denkt, lebt und tut, gehen muss.“

  1. begleitete jede einzelne ihrer Schülerinnen, bestärkte sie, ihre Begabungen herauszufinden. Sie wusste, das die Schülerinnen nur dort gut lernten, wo sie sich wohl und sicher fühlen konnten. E. entfaltete als Vorsteherin des Internats in Wieblingen ihre ganze Gestaltungs- und -schaffenskraft, um ihrem Ideal vom Umsorgen und Führen von Menschen auf ganz besondere Weise zu entsprechen.

1929 gingen die ‚Goldenen 20er’ mit der Weltwirtschaftskrise unter. Die politischen Gärungsprozesse hatten Straßenkämpfe in den Städten Deutschlands zur Folge. Die Verelendung der Bevölkerung durch hohe Arbeitslosigkeit ließ sich auch in den Straßen Heidelbergs nicht mehr übersehen. Eltern meldeten ihre Töchter aus wirtschaftlichen Gründen von der Schule ab. Ein Wirtschaftsgutachten bewog den Vorstand des Vereins den Mitarbeitern und der Leiterin des Landerziehungsheims vorsorgliche Kündigungen auszusprechen. Als 1933 die Nationalsozialisten  an die Macht kamen, begrüßte E. v. Th. das Neue mit viel Vertrauensvorschuss, hoffte auf Aufbauarbeit und Auswege aus der allgemeinen Not und Arbeitslosigkeit.

Nach dem Krieg schreibt Ehrengard, die jüngste Schwester Elisabeths:

„Mit warmer Anteilnahme verfolgt sie die Bemühungen, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, das Los der arbeitenden Schicht zu verbessern…. In uns Ostdeutschen, die wir durch Jahrhunderte hindurch im Luthertum und im preußischen Staat erzogen worden sind, steckt so viel Treue gegenüber der Obrigkeit, dass es zunächst einmal nahe lag, zu sagen: lass sie versuchen zu zeigen, was sie können. Meine Schwester war ganz besonders geneigt, mitzumachen  und zu helfen, wo anscheinend gute Arbeit angefangen wurde.“

Dann erreichen Elisabeth v. Th. die Nachrichten, dass Freunde  mit der Begründung ‚nicht arischer’ Herkunft zu sein, ihre Stellungen verloren haben.

Ihr väterlicher Freund Pfarrer Fr. Siegmund-Schulze wurde aus Deutschland ausgewiesen, geht in die Schweiz ins Exil.

Sie erfuhr von  Verhören auf Trieglaff und der Verhaftung ihres Bruders und ihrer Tante Hildegard v. Thadden, einer Stiftspröpstin in Altenburg.

Ihr Bruder, Reinold von Thadden-Trieglaff, Präses der Pommerschen Bekenntnissynode und Mitglied in der Bekennenden Kirche, war an der Denkschrift der Deutschen Evangelischen Kirche an A. H. beteiligt, die u. a. die Einhaltung der Menschenrechte einklagte.

Elisabeth von Thadden wurde eine vehemente Gegnerin der Nürnberger Rassengesetzgebung. In der „Judenfrage“ machte Elisabeth v. Th. keine Kompromisse. Sie ignorierte entsprechende Erlasse und nahm jüdische Kinder in ihrer Schule auf.

Sie konnte dann einer  Mutter sagen: “ Ihre Tochter ist sehr willkommen bei mir; es ist selbstverständlich, dass sie hier nicht isoliert sein wird … Sie helfen mir, meine Kinder zu aufgeschlossenen und verständnisvollen Menschen zu erziehen.“

Sie reduzierte in besonderen Fällen den Pensionspreis und hielt weiterhin zu ihren jüdischen Freunden. Sie umarmte eine ihr  bekannte Frau, die den gelben Stern trug, auf offener Straße, um ihr ihre Verbundenheit zu zeigen.

Nach der Scherbennacht  1938 war E. v. Th. außer sich vor Empörung, als sie von den Zerstörungen von Synagogen, Friedhöfen, den jüdischen Geschäften hörte und die Zerstörungen in Heidelberg und Mannheim sah.  Sie schrieb:

“ Ich habe nicht gedacht, dass es solche Folgen haben kann, wenn ein Volk aufgehetzt wird. Ich finde es schrecklich, dass sie Synagogen und Friedhöfe zerstören. Die religiösen Dinge eines Volkes, auch wenn es noch so gehasst wird, sollen einem unantastbar sein.“

1939 hatte der Krieg mit dem Überfall auf Polen begonnen und die Wehrmacht beschlagnahmte das Schloss als Erholungslazarett für Wehrmachtsangehörige. Und wegen befürchteter Kriegshandlungen an der nahen Grenze zu Frankreich fürchteten Eltern um ihre Töchter. Daraufhin beschloss die Leitung der Schule  den Umzug nach Tutzing in Bayern. Im Oktober 1940 geriet die Schule dann durch Denunziation einer Schülerin in das Blickfeld  von Sicherheitsdienst und Gestapo. Das Bayerische Kultusministerium drohte, die Schule wegen „staatsgefährdender Umtriebe“ zu schließen, weil im Gebäude kein Hitlerbild aufgehängt war und in den Andachten biblische – also Jüdische – Psalmen gelesen wurden.  Die persönlichen  Vorwürfe lauteten:

“Die Internatsleiterin, Frl. v. Thadden, ist im vollsten Sinne des Begriffes der leitende Geist ihres Töchterheims. Durch ihre allerorten bekannte Energie, durch ihre Geschäftstüchtigkeit und durch ihre Fähigkeit, nach allen Seiten Verbindungen aufrechtzuerhalten und Beziehungen anzuknüpfen oder auszuwerten, ist sie die treibende Kraft und gleichzeitig die eigentliche Verantwortliche des Landerziehungsheimes.“

Sie erkannte schnell, dass der Umzug nach Bayern eine Kurzschlusshandlung war, die sie zutiefst bedauerte. Und in der Hoffnung, in Wieblingen wegen des anerkannt guten Rufes der Schule nicht behelligt zu werden, zogen sie wieder zurück; 5 – 6 Waggons der Reichsbahn mussten wieder beladen werden.  Aber der ‚Krebs des Denunziantenwesens’ hatte bereits alle Fühler – auch nach Baden – ausgestreckt.

Im Mai 1941 kam von dem Badische Unterrichtsministerium die Mitteilung an die Schulleitung, dass ihr die Genehmigung zum Betrieb eines Landschulheimes entzogen würde,  ‚da das private Unterrichtsunternehmen nicht eine ausreichende Gewähr für eine nationalistisch ausgerichtete Erziehung der Jugendlichen biete.’

Für  E. v. Th. war besonders der Gedanke bedrückend, die ‚Kinder’ nicht mehr schützen zu können und einer staatlichen Schule dieses Staates überlassen zu müssen.

Mit Beginn der Sommerferien 1941 ging ihre Tätigkeit in Wieblingen zu Ende.

Ihre Schwester Ehrengrad berichtete vom letzten Tag:

 „Als wir alle damals noch einmal in die Wieblinger Schlosskapelle zogen, wurde, da kein Pfarrer zugegen war, der Bibeltext verlesen aus dem Johannesevangelium 15 und 16. Die letzten Worte lauteten:

‚Solches habe ich zu euch gesagt, dass ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden’.

Später im Rückblick empfand sie das erzwungene Ende ihrer Tätigkeit in Wieblingen, als Entwurzelung aus der vielgeliebten süddeutschen zweiten Heimat.  Auf tragische Weise wiederholte sich, was sie schon 20 Jahre zuvor bei ihrem Abschied vom Familiengut in Trieglaff erfahren hatte, den Verlust von Heimat und in diesem Fall den Verlust  ihres Lebenswerkes. Wieder  stand sie vor dem Nichts. Vom chronischen Kummer schreibt sie. Während einer Auszeit in den Bergen findet sie, die immer aktive, keine Ruhe.

In Berlin bezog sie eine kleine Wohnung im Souterrain des Hauses ihrer ehemaligen Lehrerin  Anna von Gierke in der Carmerstraße. Der Wieblinger Rechtsanwalt hatte für sie einen Ruhegehaltsvertrag ausgehandelt über 355 RM, mit dem sie gerade so existieren konnte.

Trotz Vorbehalten gegen die Organisation bemühte sich E. v. Th. um Mitarbeit im Dt. Roten Kreuz. Sie hoffte auf eine Leitungsfunktion in einem Soldatenheim. Diese Hoffnung sollte sich nie erfüllen.  Stattdessen begann eine Lebensphase der weiteren Demütigungen. Sie bekam einfache Tätigkeiten zugewiesen, wie Bücher sortieren und an Internierte und Gefangene verteilen. Sie musste sich als einfache Helferin in einem Soldatenheim einarbeiten .und wurde mit dem Versprechen, dort eine Heimleitung übernehmen zu können, nach Meaux bei Paris geschickt; aber in dem Soldatenerholungsheim gab es bereits eine junge Leiterin.

Und das Verhängnis nahm seinen Lauf.

1943  reiste E. v. Th. während eines Urlaubs zurück in das graue Berlin; das Haus in der Carmerstraße war während der Bombardierungen der Stadt getroffen worden.

Aus Anlass des 50. Geburtstags ihrer Schwester Agnes-Marie tat Elisabeth das, was sie hervorragend konnte, sie organisierte ein Geburtstagsgesellschaft, beschaffte Kuchen und Schlagsahne und lud Gäste ein.  Aber sie lud auch einen ihr bis dahin fremden, gewandten Mann dazu ein, der mit einem Empfehlungsschreiben und Grüßen ihrer  Schweizer Freundin Bianca Segantini  E.’s  Vertrauen gewonnen hatte.

Die Gäste fühlten sich unter sich und besprachen die politisch aussichtslose Lage in Deutschland; über den Krieg, der nicht mehr zu gewinnen war und Beratungen über Hilfsmaßnahmen nach dem Krieg.

Die Gäste der Schwestern: Der frühere Gesandte Otto Kiep, Legationsrat Hilger van Scherpenberg, der frühere Staatssekretär Arthur Zarden, dessen Tochter Irmgard, Fanny von Kurowsky und Anna Rühle. Hanna Solf verspätete sich. Otto Kiep und Hanna Solf gehörten beide der Widerstandsbewegung an.

Am Tag danach wurde sehr schnell klar, dass die Gestapo mitgehört hatte, die Gesprächsinhalte weitergeleitet würden.  Otto Kiep dazu:“ Die geführten Gespräche waren absolut tödlich.“

In dieser bedrohlichen Situation boten Freunde Elisabeth an, sie in Sicherheit in die Schweiz zu bringen. Sie lehnt das aber aus Verantwortungsgefühl ab und macht sich schwere Vorwürfe, weil sie befreundete Menschen aus Leichtgläubigkeit in diese lebensgefährliche Situation gebracht hatte. In welcher Gefahr sie selbst sich befand, schien sie nicht zu erkennen. Weihnachten 1943 traf sie erneut im Soldatenheim Meaux in Frankreich ein.

Am Morgen des 13.01.44 wurde Elisabeth von Thadden wegen des  Verdachts  auf Hochverrat verhaftet.

Es folgten Tage und Nächte mit grausamen Verhören, zum Teil mit teuflischen SS-Leuten; und die Verlegung in verschiedene Untersuchungsgefängnisse. Später diktierte sie die Umstände ihrer Verhaftung dem Gefängnisfpfarrer Dr. Ohm:

„Ich wurde im Januar 1944 in Meaux in Frankreich um 8 Uhr morgens festgenommen. Im Auto wurde ich von M. nach Paris (Frauengefängnis von Fresnes) gebracht, dort verhört von 9 Uhr bis abends um 6 Uhr; nach einer Stunde Abendbrotzeit Fortsetzung des Verhörs während der ganzen Nacht. Im Laufe des nächsten Tages wurde die Verhaftung ausgesprochen. Es bestand mehrfach Fluchtmöglichkeit. Von dieser habe ich bewusst keinen Gebrauch gemacht, um meinen Bruder nicht zu gefährden. Dann wurde ich nach Berlin (Gefängnis Alexanderplatz) gebracht und erneut die ganze Nacht verhört. Die Schwere der Inquisition war ganz ungeheuerlich. Ich wurde gefragt nach der bekennenden Kirche und nach Una Sancta. Mir ist kein Wort entschlüpft, was andere belastet hätte. Das KZ Ravensbrück war schlimm. Mit der Aktion vom 20. 7. habe ich nichts zu tun gehabt, ich kenne keinen dieser Leute. Wir wollten soziale Hilfe leisten, in dem Augenblick, wo diese Hilfe Not tat. Dass dieser Augenblick kommen musste, war klar. Wir wollten barmherzige Samariter sein.“

Eine zutiefst furchtbare und erschreckende Erfahrung für E. v. Th. war es, als man im Frauengefängnis Ravensbrück sämtliche Gäste der Teegesellschaft  an ihr vorbeiführte.

Entsetzen darüber, dass sie mit ihrer Leichtgläubigkeit so viele Menschen ins Verderben gezogen hatte.

Eine der Frauen aus der Gesellschaft schreibt: „Elisabeth war  in Schwesterntracht, bleich, schlank, ernst. Wir durften nicht miteinander sprechen…Ich versuchte, sie immer aufmunternd und lieb anzuschauen – sie hatte ein so verzweifeltes Gesicht, so versteinert…“

Brief an Verwandte mit der Bitte um kleine Dinge des täglichen Lebens: Stopftwist, ihre Patiencen, Backobst.

  1. v. Th. hat diese Zeit der Untersuchungshaft nach Aussage von Mitgefangenen in tiefem Glauben und großer innerer Freiheit ertragen.

Die Kriminalbeamtin berichtete später den Angehörigen, dass sie mit E. v. Th. Nachts über Religion gesprochen habe „.. welch’ große und tiefe Gedanken hatte sie, und das Neue Testament kam ihr nicht aus der Hand.“ Diese Frau erhielt später von der SS einen strengen Verweis wegen „Gefangenenbegünstigung.“

Ausgesprochene  Zweifel am „Endsieg des Dritten Reiches“ wurden in der Regel mit dem Tod bestraft. E. v. Th.. war Juni 1944 in das Justizgefängnis Moabit in Berlin verlegt worden und am 1. Juli begann der Prozess im Volksgerichtshof unter dem berüchtigten Präsidenten R. Freisler.

Ihre Geschwister, die alle gekommen waren, sahen Elisabeth zum ersten Mal nach Monaten wieder, um Jahre gealtert. Aber sie erlebten sie als ungebrochenen, klaren, aufrechten Menschen.

In der Anklageschrift des Oberreichsanwalts Lautz heißt es u. a.:

„Ich klage an die Angeschuldigten Elisabeth von Thadden, Dr. Kiep und Johanna Solf, durch Wehrkraftzersetzung und durch Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens die Kriegsfeinde die Großdeutschen Reiches begünstigt zu haben.“

Sie verzichtete darauf, sich zu verteidigen, begründete aber diese Entscheidung und übernahm die gesamte Verantwortung für die Gespräche während der Teegesellschaft.

Ausführungen zur Begründung des Todesurteils:

“Fräulein von Thadden legte zwar besonderen Wert darauf, immer wieder zu betonen, dass sie für sich nur an soziale Zusammenarbeit gedacht hat. Etwa nach Art der früheren Quäkerspeisungen; offenbar ohne einzusehen, wie entwürdigend für uns als stolzes Volk solch Almosennehmen wäre …Die so dokumentierte Gefährlichkeit und die abgrundtiefe Gemeinheit der Verratsgesinnung sind denn auch die beiden leitenden Gesichtspunkte, unter denen man das Verhalten von Kiep und Fräulein von Thadden sehen und beurteilen muss… Dadurch haben sie beide sich für immer  ehrlos gemacht. Sie müssen deshalb mit dem Tod bestraft werden. Ein anderes Urteil wäre schon deshalb nicht nationalsozialistisch gewesen, weil es unserem Reich den notwendigen Schutz vorenthalten würde.“

 Eine Verwandte und Prozessbeobachterin  erinnerte sich wie folgt:

 „Um 21.45 Uhr … verkündete Präs. Freisler das Urteil… Elisabeth – Tod, Kiep – Tod, Scherpenberg  2 Jahre, Kurowsky und Zarden – frei. Ich muss einen Moment bewusstlos gewesen sein, denn als ich wieder zu mir kam,  waren  Freisler und sein Stab wie ein Spuk verschwunden, der Saal fast leer und E. und Kiep hatten im Rücken gefesselte Hände.“

Das Entsetzen und Lähmung der Geschwister und Verwandten.  Es  bezieht sich nicht nur auf das Urteil, sonder auch auf den menschenunwürdigen Verhandlungsstil und die menschenverachtende Begründung des Urteils.

Noch 10 weitere Wochen musste E. v. Th.  im Frauengefängnis Barnimstraße auf ihre Hinrichtung warten. Zur Hafterschwerung gehörte, dass sie ständig Eisenfesseln tragen musste, was sie kaum ertragen konnte. Geschwister und Verwandte durften Besuche machen. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. 7.  waren die Aussichten für den Erfolg eines Gnadengesuchs der Geschwister aussichtslos geworden.

Elisabeth begann mit aller Kraft gegen Selbstmitleid und Lethargie anzukämpfen. Sie lernte Gesangbuchlieder auswendig, Teile des Römerbriefes und die Bergpredigt. Später fand man in ihren persönlichen Dingen das Buch ‚Der Kreuzweg’ des katholischen Dichters Reinhold Schneider.

Zu dem Gefängnispfarrer Dr. Ohm entwickelte E. v. Th. Vertrauen. Er ermöglichte ihr, an den sonntäglichen Gottesdiensten teilzunehmen, was zum Tode Verurteilten sonst nicht gestattet war.  Er konnte Elisabeth auf ihr Ende vorbereiten, da er über den genauen Zeitpunkt schon einige Tage vorher unterrichtet war.

Am Todestag wurde Elisabeth mit anderen zum Tode verurteilten Frauen in einem Bus  zur Hinrichtungsstätte Plötzensee gefahren.  Eine Gefängnisbeamtin  Erna Jarius  war den ganzen Tag bei ihr  in ihrer Todeszelle bis zur Vollsteckung des Urteils. Sie berichtete später den Angehörigen, dass sie gemeinsam Psalmen und Lieder von Paul Gerhard sprachen.

Als der Gefängnispfarrer an diesem Tag den Todestrakt des Gefängnisses betreten wollte, hielten ihn Gestapo-Beamte plötzlich auf. Sie bewachten die Opfer des 20. Juli, die auch in diesem Teil des Gefängnisses auf ihrer Hinrichtung warten mussten. Und für sie durfte es keine seelsorgerliche Betreuung geben. E. Hinrichtung wurde um mehrer Stunden verschoben, da die Hinrichtung der Widerstandskämpfer des  20. Juli  „außerplanmäßig“  vorverlegt wurde.

  1. v. Th. diktierte dem Pfarrer noch Grüße an ehem. Schülerinnen und Mitarbeiter in Wieblingen. Der Gedanke, dass die Schülerinnen eines Tages diese Grüße bekommen würden, war ihr lieb und wertvoll.

wenige Stunde vor ihrer Hinrichtung schrieb E. einen Brief an ihre Geschwister:

‚Lobet den Herrn, oh meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen’

„Meine geliebten Geschwister, ‚Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.’ ‚Sterben ist mein Gewinn.’ Euch danke ich für eine ganze Welt von Liebe, die mich immer reicher gemacht hat. Aus dieser Liebe habe ich immer wieder Kraft und Hilfe gehabt für meine Arbeit, für meine Kinder, an die ich in den letzten Monaten viel noch gedacht habe.“

Um 13.45 Uhr nahm Elisabeth das Abendmahl ein, sie sagte dabei:

“Ich bereue aufs Tiefste, was ich durch Lieblosigkeit verpatzt habe. Dankbar bin ich für alle Güte, die ich erfuhr. Wie köstlich ist es: ‚Lobe den Herrn meine Seele, der dir alle Sünden vergibt.“

Dann wurde sie vorbereitet: die Haare wurden hoch gesteckt, ein Kleid mit weitem Halsausschnitt übergestreift und die Hände auf dem Rücken gefesselt…

Zwei Beamte führten sie in Begleitung des Pfarrers bis zur Tür des Hinrichtungssaales..

„Sie ging festen Schrittes ohne zu  Zittern  mit den Worten des Paul-Gerhardt-Liedes: Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unserer Not,

stärk unsre  Füß’ und Hände und lass bis in den Tod

uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein,

so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Am. 8. 9. 1944 wurde Elisabeth von Thadden in Berlin Plötzensee um 17.00 Uhr enthauptet.

Nicht sicher belegt werden kann, dass ein Arzt der Berliner Charité´ dafür  sorgte, dass der Leichnam der Familie zur Feuerbestattung übergeben wurde.

Sicher aber ist, dass die Urne am 03. 06. 1949 im Park der wieder eröffneten Elisabeth-von-Thadden-Schule in Heidelberg-Wieblingen im Beisein von Pfarrer Hermann Maas, Verwandten und Freunden sowie Wieblinger  ehem. Schülerinnen  beigesetzt wurde.

Hannelore Bauer

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Apostelandacht am zu Albrecht Goes

Apostelandacht am zu Albrecht Goes, gehalten am 25. September 2011

„Jeder Tag ist ein neuer Versuch Gottes mit uns.“

Abrecht Goes wurde im Jahre 1908 im evangelischen Pfarrhaus in Langenbeutingen geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte. Nach dem frühen Tod seiner Mutter kam er 1915 zur Großmutter nach Berlin-Steglitz, wo er bis 1919 das Gymnasium besuchte.

Von 1922 bis 1926 besuchte er verschiedene theologische Seminare und legte das württembergische Saatsexamen ab.

Anschließend studierte er zunächst Germanistik und Geschichte, später Theologie in Tübingen und Berlin.

1930 wurde er in der Tuttlinger Stadtkirche von seinem Vater ordiniert und trat 1933 seine erste Pfarrstelle an. Im selben Jahr heiratete er und wurde in der folgenden Zeit Vater von 3 Töchtern.

Im Jahre 1938 übernahm er eine Pfarrstelle  in Gebersheim nahe Stuttgart.

1940 wurde er zur Wehrmacht einberufen, zum Funker ausgebildet und zunächst in Rumänien eingesetzt.

Nach einem Lehrgang zum Wehrmachtspfarrer war er von 1942 bis 1945 als Geistlicher in Lazaretten und Gefängnissen in Russland, Ungarn und Österreich tätig. In dieser Zeit vertrat ihn seine Frau Elisabeth in vielen Arbeitsfeldern in seiner Heimatgemeinde in Gebersheim. Gegen Ende des Krieges versteckte sie im Pfarrhaus etliche Juden und bewahrte sie damit vor der Deportation ins KZ. Sie wusste genau, dass sie sich und ihre drei Töchter damit in größte Gefahr brachte; tat es aber dennoch, weil ihre Nächstenliebe größer war als ihre Angst. Viele Gemeindeglieder wussten von den Versteckten und halfen ihr auch bei deren Versorgung. Niemand verriet sie an die Gestapo.

Nach dem Krieg war Albrecht Goes wieder Pfarrer in Gebersheim, bis er 1953 ausschied und von da an als freier Schriftsteller wirkte. Er predigte weiterhin zweimal im Monat bis zu seinem 65. Lebensjahr.

Außerdem engagierte er sich gegen die Wiederaufrüstung Deutschlands, arbeitete dabei eng mit Gustav Heinemann zusammen.

Bereits 1932 erschien sein erster Gedichtband, 1934 der zweite.

In seiner Lyrik, aber auch im erzählerischen Werk blieb das kleine Dorf Gebersheim, die schwäbische Provinz unverwechselbar gegenwärtig. Er malt das dörfliche Leben mit kräftigen Farben aus: die bäuerliche Arbeit im Rhythmus der Jahreszeiten, die Sorge der Frau für Hof und Familie, den unaufhörlichen Wechsel von Geburt und Tod, aber ebenso die rustikal-beschwingte Heiterkeit des Alltags und das Zutrauen in die Wohlgeordnetheit des Daseins. Er beschreibt die typischen Tätigkeiten des Landpfarrers, zu der das regelmäßige Läuten der Kirchenglocken erklingt:

Komm in diesem Glockensegen,
Herr, uns allen du entgegen,
Dass wir geh’n in deiner Gnad,
Eh der finstre Abend naht.

Tu dein Licht zu unsren Händen,
Dass wir treu das Werk vollenden,
Bis du, der du ewig wachst,
Bei uns allen Abend machst.

1950 veröffentlichte er die Erzählung „Unruhige Nacht“, die ein Welterfolg wurde.

Er beschreibt darin die Ereignisse eines Abends und einer Nacht im Oktober 1942 in dem von den Deutschen besetzten Proskurow in der Ukraine. Der Ich-Erzähler wird als evangelischer „Kriegspfarrer“ der Wehrmacht von seinem Lazarettstandort Winniza nach Proskurow berufen, um den deutschen Soldaten Baranowski auf seine Hinrichtung vorzubereiten. Sie soll in den frühen Morgenstunden stattfinden. Baranowski war wegen Fahnenflucht kriegsgerichtlich zum Tode verurteilt worden.

Es stellt sich heraus, dass der Leiter des Hinrichtungskommandos, Leutnant Ernst, ebenfalls ein Pfarrer ist. In der Nacht vor der Hinrichtung kommt es zu einer Begegnung zwischen dem Wehrmachtspfarrer und seinem Amtsbruder. Der ist in großer Gewissensnot:

„Lieber Herr Bruder…, was tun wir denn? Morgen früh soll ich sagen: Gebt Feuer! Sie haben den Delinquenten schön zurechtgeknetet, und ich gebe ihm dann vollends den Rest. Wir essen Hitlers Brot und singen Hitlers Lied.“

Der Wehrmachtspfarrer entgegnet:

„Sie bringen mich da in eine merkwürdige Lage. Oder nein: das Leben bringt mich in diese Lage. Ich soll Sie ermutigen, morgen früh zur Stelle zu sein. Ich soll Ihnen so etwas geben wie das gute Gewissen zu Ihrem argen Dienst. Was soll ich Ihnen sagen: wenn Sie, Bruder Ernst, es nicht tun, so hilft das dem Baranowski keinen Deut; der muss doch dran glauben, und Sie kostet’s das Offizierspatent oder mehr. Dürfen Sie das wollen? Im Effekt hieße das: ein menschlicher Offizier weniger in diesem düstren Krieg und ein unmenschlicher mehr; denn Ersatz, dass wissen Sie ja, Ersatz ist gleich gestellt, er ist billig wie Zuckerrüben. Oder soll ich Sie an einen gewissen Martin Luther erinnern, der schon vor vierhundert Jahren gefragt hat: ‚ob Kriegsleute in seligem Stand sein können’ und geantwortet hat: ‚Ja?“

Leutnant Ernst antwortet:

„Nun ja: Böses tun, um Böseres zu verhüten: ist es diese Melodie? Das Amt des Schwertes als das Amt der Ordnung. Aber was für eine Ordnung halten wir denn aufrecht mit unserem Krieg? Die Ordnung der Friedhöfe. Und den letzten Friedhof, den größten dann, den belegen wir selbst. Und wenn wir je doch übrigbleiben sollten, dann wird man uns fragen: Was habt Ihr getan? Und dann werden wir alle daherkommen und sagen: Wir, wir tragen keine Verantwortung, wir haben nur getan, was uns befohlen wurde. Ich sehe es schon im Geist, Herr Bruder, das ganze Heer der Beteuerer, der Händewäscher der Unschuld.“

Der Leser erhält damit Einblicke in die Doppelrolle des Militärgeistlichen, der einen zum Tode Verurteilten bis zur letzten Minute begleitet. Einerseits ist der Geistliche Seelsorger, spendet Trost und bereitet jemand im Auftrage Gottes auf das ewige Leben vor. Andererseits ist er Teil des militärischen Systems, handelt im Auftrag eines Wehrmachtsvorgesetzten und darf die Rechtmäßigkeit der Verurteilung und der Erschießung nicht in Frage stellen.

Die Reflexionen des Ich-Erzählers spiegeln diese Zerrissenheit wider und zeigen, dass man 1942 von den Verbrechen des NS-Regimes einschließlich der Judenverfolgung Kenntnis haben und sich nach dem Krieg nicht als unwissend herausreden konnte.

1954 erschien seine Erzählung „Das Brandopfer“. Sie thematisiert die Judenverfolgung während des Dritten Reichs anhand des Schicksals einer schlichten Frau namens Margarete Walker, die eine Metzgerei betreibt. Sie hat die Aufgabe bekommen, jeden Freitag von 13 bis 17 Uhr an die jüdischen Einwohner der Stadt Fleisch zu verkaufen. Während dieser Zeit dürfen andere Deutsche das Geschäft nicht betreten. Im Laufe der Zeit tauschen ihre jüdischen Kunden auf dem Einwickelpapier der Schlachterei Informationen aus, der Rabbiner betet im Laden mit den Anwesenden, was den Juden nicht mehr erlaubt ist.

Bei einem Bombenangriff bleibt sie in ihrem brennenden Haus, weil ja auch die jüdischen Menschen nicht das Recht haben, einen Luftschutzbunker aufzusuchen. Sie ist bereit, sich zu opfern. Nach einem Bombeneinschlag brennt das Haus, und ein jüdischer Kunde von ihr holt die Halbbewusstlose heraus und rettet sie.

Wir zitieren aus dem Schluss der Erzählung:

„Die Frage: ob da einer ist, der die furchtbare Schuld der Zeit aufrechnen könnte gegen das wilde Opfer einer Metzgersfrau, gegen diese Bereitschaft, die in den feurigen Ofen kriecht?

Aber der eine, der hier aufrechnen könnte, der wird sagen, dass ihm solche Opfer nicht gefallen, dass er nicht ‚Lust hat am Brandopfer’ und ‚am Fett der Gemästeten’ sondern am geängsteten Geist und am zerschlagenen Herzen. Und wir sagen – und das wird die Antwort sein: dass sie alle bewahrt sind zu anderem Dienst. In dem Brandmal freilich auf dem Gesicht der Frau soll es aufgerichtet bleiben, das Zeichen, und anders nicht zu lesen denn als ein Zeichen der Liebe, jener Liebe, welche die Welt erhält.“

Das in einfacher Sprache geschriebene Werk gilt bis heute als Beitrag zu Dialog und Versöhnung zwischen Juden und Christen. Albrecht Goes schildert hier wie auch in anderen Erzählungen unbekannte Helden, kleine Leute, die aber ihr Gewissen fragen, bevor sie etwas tun oder lassen. Mit alltäglichen Geschichten widerlegt er jene Schutzbehauptung, man habe von nichts gewusst, und wenn doch, nichts tun können.

Albrecht Goes erhielt 1978 dafür die Buber-Rosenzweig-Medaille.

Mit dem jüdischen Gelehrten Martin Buber verband ihn seit den 30er Jahren eine lebenslange Freundschaft. Als Martin Buber 1953 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, hielt ihm Albrecht Goes die Festrede.

 

Für Albrecht Goes stand die bleibende Erwählung Israels außer Frage. Er hat nie daran gezweifelt, dass Israel Gottes erste Liebe ist. Die Zerstörung des Tempels, der damit verbundene Exilstatus der Juden dienten ihm nie zu christlicher Selbstvergewisserung. Im Gegenteil, er schreibt:
„Ich kenne die sinistre Leitlinie der Judenfeindlichkeit, die sich durchzieht von Marcion über Chrysosthomus, Papst Innozenz III, Luther bis zum Schandpunkt der ‚Deggendorfer Gnad’, ja bis in einige Untertöne des Oberammergauer Passionsspiels.“

Und an anderer Stelle:

„Es gibt Daten, die man nicht ausradieren soll aus dem Gedächtnis der Nation: 1. April 1933, 10. November 1938. Es gibt Städtenamen, die man nicht vergessen darf: Theresienstadt, Warschau, Cholm, Auschwitz. Wer dies nicht so sieht, mit dem reden wir nicht. Man kann über viele Dinge in der Welt verschiedener Meinung sein und man soll dann die verschiedenen Meinungen ruhig und sorgfältig gegeneinander abwägen. Hierüber aber ist – im Deutschland von heute – keine Auseinandersetzung möglich: Antisemitismus ist keine Meinung, noch weniger eine Haltung, sondern eine Pest.“

Auch in seinem lyrischen Werk geht er immer wieder auf die Verbrechen ein, die von deutschen Menschen am europäischen Judentum begangen wurden.

Als Journalist arbeitete er u.a. auch für den Süddeutschen Rundfunk und schrieb Essays und literarische Portraits.

Er konzentriert - verdichtet – Wesentliches in wenige Sätze, so z.B. in seinem Gedicht Sieben Leben:

Sieben Leben möchte ich haben:
Eins dem Geiste ganz ergeben,

So dem Zeichen, so der Schrift.

Eins den Wäldern, den Gestirnen

Angelobt, dem großen Schweigen.

Nackt am Meer zu liegen eines,

Jetzt im weißen Schaum der Wellen,

Jetzt im Sand, im Dünengrase.

Eins für Mozart, für die milden,

Für die wilden Spiele eines.

Und für alles Erdenherzleid

Eines ganz, und ich habe –

Sieben Leben möchte ich haben! –

Hab ein einzig Leben nur.

Albrecht Goes hat seine Predigttätigkeit bis ins 65. Lebensjahr ausgeübt. Sie ist so sehr Bestandteil seines Lebenswerks, dass man ihn mit dem Titel eines „Dichterpfarrers“ etikettiert hat. Drei Predigtbände gehören zu seinem Gesamtwerk

Mit seinen Predigten möchte er die Menschen zum Hören des Wortes Gottes anleiten. Gottes Wort ist eine individuelle Lebensweisung, die auch die Korrektur eines falschen Lebenswegs einschließt. Wahre Freiheit fällt ineins mit jener Abhängigkeit von Gott, in der ein Mensch der Weisung Gottes für sein eigenes Leben gehorcht. Kommt es dazu, dass ein Mensch den Auftrag der Stunde als einen gottgegebenen Auftrag versteht, und zur Stelle ist, dann wird er auf den Weg geschickt.

Goes benutzt die Sprachbilder der Stunde, des Weges, der Straße und des Gehens für das Leben des von Gott in Anspruch genommenen Menschen. Der glaubende Mensch begreift sein Leben als das „ernste Glück“ eines ihm so und nicht anders gewiesenen individuellen Lebenswegs.

In diesem Sinne ist auch der von uns gewählte Spruch Albrecht Goes’ zu lesen: „Jeder Tag ist ein neuer Versuch Gottes mit uns“.

Gott ruft den Menschen in die Freiheit des Dienstes. Dies führt nicht zur Selbstentfremdung. Im Gegenteil: Erst im freien Dienst am Nächsten, der eine Antwort auf die Anrede Gottes ist, kommt der Mensch zu sich selbst und wird mit Leib und Seele ein ganzer Mensch. Immer wieder zitiert er eine Wendung Martin Bubers: „Du sollst dich nicht vorenthalten.“ Das gilt sowohl für die unmittelbare Umgebung eines Menschen als auch für den politischen Bereich.

Das Geheimnis des Segens Gottes ist nicht der vorzeigbare Erfolg im Sinne von Glück und materiellem Wohlstand. Das Geheimnis ist die Kraft der göttlichen Gegenwart, die dazu ermächtigt, unser Los als Gotteslos anzunehmen. Er predigt:

„So kann ein Mensch als ein Glückskind alle Türen dieser Welt aufschließen und alle Schätze einheimsen – und doch ist der Segen nicht über ihm,
und ein anderer liegt krebskrank und menschenverlassen im Hinterhaus und liegt doch nicht, wie der Unmut denkt, an einem ‚gottverlassenen Platz’, sondern nahe bei Gott, im Segen mitteninne und Frieden.“

Gesegnet ist derjenige Mensch, der sein in vieler Hinsicht unbegreifliches Leben als ein von Gott bejahtes Leben getrosten Mutes selbst zu bejahen vermag.

Und eine wesentliche Bestimmung der Predigt ist der Trost. Trost kann eine Predigt nach Goes nur vermitteln, wenn die Sorge des Predigers dem einzelnen Menschen gilt. Goes warnt davor, „den Menschen nur mehr zu verstehen als ein Stück Gesellschaft, ihn billig wie Kopfsalat an die Soziologie zu verkaufen, so dass man jede Betrachtung des Menschen als einer unverwechselbaren Einzelperson geringschätzt.“

Für Albrecht Goes war es wichtig, Leser im Westen und im Osten Deutschlands zu haben.

In der DDR sind seit 1955 die bedeutendsten belletristischen Werke von Albrecht Goes erschienen, und er wurde dort viel gelesen. Den Menschen dort waren seine Texte wichtig, weil in ihnen auf eine sonst in der DDR nicht bekannte Weise das jüdische Schicksal im 20. Jahrhundert zur Sprache kam. Die geistliche Dimension der Begegnung von Juden und Deutschen während des Dritten Reichs und danach wurde bei Albrecht Goes besprochen und gestaltet. Er wurde auch zu Lesungen in die DDR eingeladen, meist von evangelischen Kirchengemeinden.

Nach der Maueröffnung 1989 setzte er sich dafür ein, dass die PDS, die Partei des Demokratischen Sozialismus, am politischen Prozess beteiligt würde. So sehr er gegen die alte SED-Herrschaft war, forderte er nun eine Teilhabe der PDS. Das schien für ihn der angemessene Weg zu einem geeinten Deutschland zu sein.

Im Bewusstsein tiefer Verantwortung hat sich Albrecht Goes der Versöhnung zwischen Juden und Deutschen gestellt; und mit großem Ernst, verbunden mit Heiterkeit und Souveränität, hat er darauf bestanden, zwischen Ost und West zu vermitteln, hat er allen rassistischen, ideologischen und religiösen Verteufelungen, Verleumdungen und Verdächtigungen widerstanden und in jedem Menschen, auch in dem ihm feindlich Gesonnenen, im Fremden, Schwestern und Brüder gesehen.

Hochbetagt starb Albrecht Goes am 23. Februar 2000  und wurde in Stuttgart bestattet.

Eines seiner Gedichte ist auch seine Grabinschrift:
Mein bist du,

spricht der Tod

und will groß Meister sein.

Mir aber hat der Herr versprochen:
Du bist mein.

Sein Anliegen als Theologe und Prediger, als Vater und Sohn und als Erzähler fand er in den Kirchenliedversen von Paul Gerhardt am schönsten ausgedrückt. Und so veröffentlichte er anlässlich des 300. Todestags von Paul Gerhardt 1976 ein Buch mit dessen Liedern und beschrieb darin auch seine Erfahrungen mit den Texten dieses Dichters:
„In Einzelerfahrungen wollte ich mir bestätigen, was ich summarisch wusste seit eh und je: dreihundert Jahre sind mehr Zeit als unser Sinn sich erdenken kann. Aber wenn wir an die Lieder des Paul Gerhardt geraten, dann sind diese drei Jahrhunderte, als wären sie nicht. Die Griechen hatten ihren Homer. Die Italiener hatten, ihren Dante. Wir – haben wir so Goethe, Mörike, das Volkslied aus des ‚Knaben Wunderhorn’? Doch wohl nicht. Aber ‚Die güldne Sonne’, ‚Befiehl du deine Wege’, ‚Wir gehen dahin und wandern’: diese Strophen, entstanden am Ende des Dreißigjährigen Krieges, so viele Kriege überdauernd, sie sind, so dünkt uns, entnommen der vergehenden Zeit. Wir mögen den Wandel der Kirch-, Welt- und Geistesgeschichte bedenken; das kam und ging, das kommt und geht. Gerhardt war da und blieb da.“

3 Strophen seines Lieblingslieds singen wir gleich: „Ich hab in Gottes Herz und Sinn“. Es ist das einzige Gerhardtlied, das Johann Sebastian Bach für eine Choralkantate verwendet hat.

Hören wir dazu noch einmal Albrecht Goes:

„Alles, was ich als ein vom Vers Getroffener und nach dem Gedicht Verlangender, als Leiden und Freuden Erlebender Paul Gerhardt schulde – in den zwölf Strophen dieses Liedes finde ich seine Gaben ‚als in der Summa’. Dieses Lied wird uns nicht im Stich lassen, zu keiner Stunde. Man kann mit ihm leben – und sterben.“

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Roger Schutz

Apostelandacht zu Roger Schutz, gehalten am 29. Mai 2011

Der Name Taizé ist weltweit bekannt. Die „Gesänge von Taizé“ auf dem burgundischen Hügel ziehen Zehntausende Jugendliche aller Nationalitäten an. Taizé fasziniert. Menschen in Kirche und Gesellschaft spüren sein Geheimnis, das Geheimnis seines Erfolgs und seines charismatischen Gründers. Wer war dieser Mann?

Roger Schutz wurde am 12. Mai 1915 in der Nähe von Neuchâtel in der Schweiz geboren. Er war der Jüngste einer glücklichen Familie mit neun Geschwistern. Sein Vater war reformierter Pastor und gab seinen Kindern von Anfang an eine religiöse Prägung. Roger erinnerte sich, dass er von früher Kindheit an lernte, über konfessionelle Grenzen hinwegzuschauen. Von Zeit zu Zeit ging sein Vater zum Beten in eine katholische Kirche, was für einen reformierten Geistlichen sicher ungewöhnlich war. Als Roger dreizehn Jahre alt war, wechselte sein Vater die Pfarrstelle. Um seinem Sohn weiterhin eine gute Schulbildung zu ermöglichen, gaben sie ihn in Logis zu einer armen katholischen Witwe. Roger schrieb später, dass er in dieser Zeit umgeben war von lebendigem katholischem Glauben. Die Unduldsamkeit sowohl der Protestanten als auch der Katholiken stießen ihn ab. Schon als Schüler interessierte sich Roger stark für das mönchische Leben. Roger schrieb:

„Ein echtes Mönchsleben, durchdrungen vom Geist der Erneuerung, birgt in sich die einzigartige Kraft, einer besonderen Berufung in der Kirche nachzugehen.“

Mit zwanzig entschloss er sich, Theologie zu studieren. Vier Jahre verbrachte er an den Universitäten Lausanne und Straßburg.

Im Jahre 1939 gründete er eine Gruppe zum Studium von Glaubensfragen. Ein Jahr später erwuchs daraus eine Art Orden, der sich Grande Communauté nannte. Die Gruppe bestand aus 20 Studenten, die versuchten, ihren christlichen Kommilitonen durch Gebet und Arbeit aus ihrer Vereinsamung und zu einem gemeinsamen Lebenszweck zu helfen.

Sie veranstalteten Einkehrtage „um viel mit Gott und wenig mit seinen Geschöpfen zu sprechen.“ Meditation, Gewissenserforschung und Beichte gehörten dazu.

1940 entschloss er sich, ein Haus zu kaufen, wo seine Gruppe beten und studieren und gleichzeitig in einem vom menschlichen Leid gezeichneten Gebiet leben konnte.

Er wählte ein solches Gebiet im damaligen von Deutschen unbesetzten Frankreich. Der Krieg hatte dort großen Schaden angerichtet, und dahin strömten Juden und andere Flüchtlinge, um von da aus Sicherheit in der neutralen Schweiz zu suchen.

Roger Schutz fand in Burgund nahe den Ruinen des mittelalterlichen Klosters Cluny in einem Dorf Taizé ein geeignetes Haus und kaufte es.

Im Dezember 1940 konnte die Grande Communauté ihre erste Zusammenkunft im neuen Quartier halten, das sie damals „Haus von Cluny“ nannten.

Ständig klopften Flüchtlinge an seine Tür, und er nahm sie auf und kümmerte sich um sie. Um den Unterhalt für sich und seine Gäste zu besorgen, bebaute er ein Stück angrenzenden Landes und melkte die einzige Kuh. Dreimal täglich zog er sich zu Gebet und Betrachtung in ein Zimmer zurück, das er in eine Kapelle verwandelt hatte. Während dieser Zeit verfasste er eine Schrift, in der er kurz sein mönchisches Ideal beschreibt.

„Lass in deinem Tag Arbeit und Ruhe von Gottes Wort ihr Leben empfangen; wahre in allem die innere Stille, um in Christus zu bleiben; lass dich durchdringen vom Geist der Seligpreisungen: Freude, Einfalt und Barmherzigkeit.“

Obwohl das Haus mehrere Male durchsucht und Roger von der Gestapo verwarnt wurde, blieb er bis 1942 in Taizé. Dann floh er selbst vor den Nazis in die Schweiz.

Zusammen mit Freunden lebte er in Genf und betete jeden Morgen und jeden Abend in einer Seitenkapelle der Kathedrale.

Inspiriert durch Schriften Franz von Assisis, verpflichtete sich die Gruppe zu Ehelosigkeit und Gütergemeinschaft.

Roger Schutz verfasste in dieser Zeit eine Dissertation mit dem Titel „Das Ideal des monastischen Lebens bis zur Zeit des heiligen Benedikt und seine Übereinstimmung mit dem Evangelium“. Trotz eines gewissen Widerstands aus protestantischen Kreisen gegen seine Dissertation wurde er 1943 zum Pastor ordiniert.

Gegen Ende des Krieges kehrte er mit seiner Gruppe nach Taizé zurück. Der Terror der deutschen Besatzung war dem Hass der französischen Bevölkerung auf die deutschen Kriegsgefangenen in einem Lager in der Nähe des Dorfes gewichen. Die Brüder von Taizé versuchten erneut, Versöhnung zu stiften. Sie besuchten die Gefangenen und teilten ihre geringe Nahrung mit ihnen.

Gleichzeitig betrieb die Gemeinschaft Landwirtschaft, um sich ohne Spenden wirtschaftlich zu unterhalten. Sie waren gastfreundlich zu Priestern, Mönchen, evangelischen Theologen und anderen, die neugierig waren, „Mönche des 20. Jahrhunderts“ aus der Nähe zu sehen.

Bald wurde ihr Haus zu klein und sie durften für ihre Andachten die kleine Dorfkirche benutzen.

Zu Ostern 1949 legten alle 7 dort lebenden Brüder die traditionellen Mönchsgelübde ab. Sie verpflichteten sich auf Lebenszeit zu Ehelosigkeit, Gütergemeinschaft und Annahme einer Autorität, verkörpert in der Gestalt des Priors Roger. Dadurch wurde zum ersten Mal das jahrhundertealte mönchische Ideal in einer Kirche der Reformation verwirklicht.

Frère Roger beschreibt es so:

„Wir haben immer versucht, uns nicht von den Erfahrungen anderer beeinflussen zu lassen. Wir wollten ganz neu anfangen und alles ganz neu erfahren. Dennoch aber wurde uns eines Tages klar, dass wir unserer Berufung nicht treu bleiben konnten, wenn wir uns nicht zu Gütergemeinschaft, zu Annahme von Autorität und zu Ehelosigkeit verpflichteten.“

Im selben Jahr reiste Roger mit einem seiner Brüder nach Rom, um Papst Pius XII. aufzusuchen. Sie setzten sich für engere Beziehungen zwischen den Kirchen ein, waren aber insgesamt gesehen erfolglos. In den frühen fünfziger Jahren stieg die Zahl der Brüder beständig.

Die Bruderschaft von Taizé sandte jetzt auch Mitglieder ihrer Gemeinschaft in andere Gegenden aus, z. B. als Krankenpfleger in das vom Krieg verwüstete Algerien, als Hafenarbeiter nach Marseille und als Sozialarbeiter in die Gettos von Chicago.

Der neu gewählte Papst Johannes’ XXIII. lud Frère Roger nach Rom zu einer Audienz ein.

Frère Roger erinnerte sich:

„Diese Audienz gab unsern ökumenischen Bemühungen neuen Ansporn. Von da an hatte Papst Johannes einen unerwarteten Einfluss auf uns und ließ, ohne es zu wissen, einen kleinen Frühling für Taizé aufblühen.“

Zum zweiten Vatikanischen Konzil im Jahre 1962 wurden Frère Roger und ein weiterer Bruder eingeladen, an den Sitzungen als Gäste teilzunehmen.

Mittlerweile war die Dorfkirche zu klein geworden für die großen Besucherscharen. Hilfe kam von der deutschen „Aktion Sühnezeichen“, die den Bau einer neuen, größeren Kirche finanzierte und mit Freiwilligen durchführte. Zu den Einweihungsfeierlichkeiten im August 1962 kamen viele christliche Würdenträger aus allen Konfessionen und allen Teilen der Welt.

Zeitungen in aller Welt veröffentlichten Artikel und machten Taizé überall bekannt. Besonders das tägliche Gebet der Brüder zog die Menschen an.

In Reformationskreisen wurde es mit gemischten Gefühlen betrachtet. Sie sahen ihre Befürchtungen bestätigt, dass Rom durch die Hintertür in die protestantischen Kirchen eindringe.

Mit den Bauern in der Umgebung gründeten die Brüder eine Genossenschaft, um ihre Produkte gemeinsam zu verarbeiten und zu verkaufen.

Frère Roger erklärte:

„Wir haben diese Art der Kooperation gewählt, weil wir überzeugt sind, dass Gütergemeinschaft nicht nur für uns wichtig ist, sondern auch für Laien. Unser Gemeinschaftsleben entbindet uns nicht von der Notwendigkeit, unser tägliches Brot zu verdienen. Im Gegenteil, es ist nicht nur unsere Pflicht, uns selbst durch unsere Arbeit zu ernähren, sondern auch andere zu unterstützen und damit auch auf nichtspirituelle Weise an der Ökumene, das heißt an der Gemeinschaft aller Menschen auf der ganzen Erde, teilzunehmen.“

Frère Roger und andere Brüder nahmen in diesen Jahren an allen Sessionen des II. Vatikanischen Konzils teil, das eine innere Reform der katholischen Kirche und die Einheit der Christen zum Ziel hatte. Einerseits führten die dort gewonnenen Eindrücke dazu, dass seine Theologie noch „katholischer“ wurde; andererseits war er nach dem Ende des Konzils von dessen Ergebnissen hinsichtlich einer Einheit der Christenheit so enttäuscht, das in er eine psychische Krise erlebte.

Für die Arbeit Taizés ergaben sich für die Folgezeit einige spürbare Änderungen:

1969 war die Gemeinschaft so ökumenisch geworden, dass zu ihr Brüder reformierter, lutherischer und anglikanischer Herkunft gehörten. Jetzt wurden auch römisch-katholische Christen aufgenommen, um zumindest in Taizè selbst die Einheit zu verwirklichen.

Und Frère Roger nahm Stellung zum Papsttum. Darin sagt er, dass jede Gemeinschaft und daher auch die universale Kirche einen Hirten braucht, um Gemeinschaft zwischen allen zu fördern, aber er fügte hinzu, dass dieser Hirte von den Nichtkatholiken nicht verlangen könnte, ihre Väter zu verleugnen. Und wörtlich:

„Warum sollte der Papst nicht Männer und Frauen als ‚katholisch’ erklären, die einen Glauben leben, der wahrhaft universal und ökumenisch ist, ohne gleichzeitig von ihnen zu erwarten, dass sie evangelische Werte aufgeben, die ihre Überlieferungen ihnen geschenkt haben? Er allein besitzt die Macht, zu erklären, dass alle, die einen und denselben wesentlichen Glauben haben, ‚von der Kirche’ sind. Mit der ‚Gewalt der Friedfertigen’ wagen wir, einen solchen Akt des Mutes zu fordern.“

 

Ab Mitte der sechziger Jahre konzentrierte sich die Arbeit Taizés auf die christliche Jugend der Welt. Im September 1965 fand ein erstes „Internationales Jugendtreffen“ in Taizé statt, dem jährlich weitere Treffen folgten.

Ostern 1970 beschloss eine Versammlung von Jugendlichen aus allen Kontinenten:

„Wir haben gesehen, dass sehr viele nach Gott verlangen. Zugleich wollen sie sich entschieden für das Vorankommen im Dienst der Menschen einsetzen. Viele erwarten einen Aufbruch, unbelastet von Konventionen, in dem sie sich so weit wie nur möglich für Christus engagieren; einen Aufbruch, der ihre Energien freisetzt und sie dynamisch und schöpferisch macht, damit die Erde bewohnbar werde. So kann sich die von Hass geprägte Gewalt noch in eine ‚Gewalt des Friedens’ verwandeln. Da wir nach einer Antwort auf die Hoffnung vieler suchen, haben wir uns an die ersten Christen erinnert. Im Anfang ‚hatten sie alles gemeinsam; sie waren ein Herz und eine Seele.’ Jedermann konnte sehen, wie sie in brüderlicher Einmütigkeit lebten.“

Frère Roger entwickelte die Idee eines „Konzils der Jugend“. So versammelten sich Ostern 1972 etwa 16.000 Besucher aus mehr als 80 Ländern in Taizé. Daraus entstanden kleine Gruppen in allen Teilen der Welt, die wenigstens dreimal in der Woche zu gemeinsamem Gebet zusammenkamen und jeden Tag versuchten im Geist der Seligpreisungen, in Freude, Einfalt und Barmherzigkeit zu leben. Sie fügten sich soweit wie möglich in das Leben ihrer jeweiligen Ortskirche ein.

„Briefe aus Taizé“ wurden damals vierteljährlich in zehn verschiedenen Sprachen veröffentlicht und an etwa 100.000 Leute in 130 Ländern verschickt. In ihnen wurden alle wesentlichen Gedanken für das „Konzil der Jugend“ diskutiert und bewertet.

Im Sommer des Jahres 1974 wurde das Konzil eröffnet. Es brachte mehr als 40.000 Menschen aus so gut wie jedem Land der Erde in ein kleines bisher fast unbekanntes Dorf. Sie campierten in Zelten und feierten mit Fère Roger und vielen kirchlichen Würdenträgern beeindruckende Gottesdienste, über die in aller Welt berichtet wurde. Höhepunkt war die Verkündigung eines Briefes, den Frère Roger mit Jugendlichen aus allen Kontinenten verfasst hatte, einem „Brief an das Volk Gottes“. Darin heißt es:

„Wir sind auf einer Erde geboren, die für die Mehrzahl der Menschen nicht bewohnbar ist. Durch eine unerträglich privilegierte Minderheit wird ein großer Teil der Menschheit ausgebeutet. Zahlreich sind die Polizeiregime, die die Mächtigen schützen. Multinationale Konzerne schreiben ihre Gesetze vor und setzen sie durch. Profit und Geld regieren. Wer die Macht hat, hört fast nie auf die Stimme der Stimmlosen.“

Auch zahlreiche Kirchen, stellt der Brief fest, würden überwacht und verfolgt.

„Einige unter ihnen geben den Beweis, dass die Kirche, wenn sie an kein politisches Regime gebunden ist, weder Machtmittel noch Reichtum besitzt, eine Neugeburt erfährt, befreiende Kraft für die Menschen wird und damit Gott widerspiegeln kann.“

Ein anderer Teil des Volkes Gottes verbünde sich mit System der Ungleichheit.

„Sowohl Christen auf individueller Basis als viele Institutionen der Kirche haben ihre Besitzungen als Kapital angelegt und ungeheure Reichtümer an Geld, Boden, Gebäuden und Aktien angehäuft. Viele stellen fest, dass das Leben immer mehr aus der Kirche schwindet, die Institutionen jedoch im Leerlauf weiterarbeiten. Ihr Wort verliert seine Glaubwürdigkeit.“

Der Brief fragt dann die Kirche:

„Kirche, was sagst du von deiner Zukunft? Wirst du auf die Mittel der Macht und die Vorteile der Kompromisse mit der politischen und finanziellen Macht verzichten? Wirst du die Privilegien aufgeben und dich weigern, Kapital anzulegen? Wirst du endlich die ‚universelle Gemeinschaft’ werden? Wirst du das ‚Volk der Seligpreisungen’ werden, ohne andere Sicherheit als Christus: ein armes Volk, das kontemplativ lebt und Frieden schafft, das Träger der Freude und eines befreienden Festes für die Menschen ist, auf die Gefahr hin, dass du verfolgt wirst um der Gerechtigkeit willen. Da wir zu diesem Volk dazugehören, wissen wir, dass wir nichts Weitgehenderes von anderen verlangen können, wenn wir nicht selbst alles für das Ganze riskieren. Wir werden es wagen, alles im Voraus selbst zu leben, was wir verlangen.“

Das „Konzil der Jugend“ traf auf ein so starkes Echo, dass es in der Folge die „Europäischen Jugendtreffen“ und einen „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“ hervorbrachte. Zehntausende Jugendliche versammelten sich seitdem jeweils am Jahresende um Frère Roger in Paris, Barcelona, Warschau, Prag und vielen anderen Städten. Seit den späten 80er Jahren, nach dem Ende der kommunistischen Regime in Mittel- und Osteuropa, trug Taizé maßgeblich dazu bei, die jungen Europäer aus Ost und West zu versöhnen.

1974 wurde Frère Roger auch der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen.

In seiner Ansprache beim Empfang des Friedenspreises sagte Frère Roger in der Frankfurter Paulskirche:

„Wenn ich versuche, alles in den jungen Menschen von heute zu verstehen, entdecke ich hinter ganz unterschiedlicher Ausdrucksweise eine leidenschaftliche Suche nach Kommunikation. Für Christen bedeutet diese Kommunikation Kommunion. Die Jugendlichen von heute wünschen sie mit Menschen aus den verschiedensten Kulturen und Rassen. Viele Jugendliche haben begriffen, dass Gemeinschaft mit den Ärmsten der Welt zugleich Beteiligung am Kampf der Welt zur Überwindung des Elends bedeutet.“

Im November 1977 wurde das Konzil der Jugend in Wien abgehalten. Etwa 2.000 Teilnehmer feierten im Stephansdom mit Frère Roger einen Gottesdienst. Er sagte:
„In dieser Welt voller Misstrauen müssen wir wieder den Frieden zurückbringen, wir müssen Schranken und Vorurteile durchbrechen, mit den anderen teilen statt Besitztümer ansammeln, Christus folgen, ohne die zu verurteilen, die es nicht tun.“

Anschließend reiste Frère Roger nach Hongkong, Er begründete dies:
„Wenn wir wieder nach Asien reisen, geschieht das, um das Miteinanderteilen noch besser zu verstehen. Unsere Reise an die Grenze von China bedeutet, dass wir uns auf eine der Hauptgrenzen stellen, die die Menschheit zerreißen. Wir werden dort versuchen, ein Wort herauszuhören, das Gott an uns richtet durch die Ärmsten, in deren Vierteln wir leben werden, und durch alle, denen wir begegnen.“

Weitere Reisen führten Frère Roger in den folgenden Jahren auch in viele Länder Lateinamerikas und Afrikas.

Im Oktober 1986 kam Papst Johannes Paul II. auf seiner dritten Frankreichreise für einen kurzen Zwischenhalt nach Taizé. Er würdigte die Arbeit der Brüder:

„De Papst ist nur vorübergehend hier. Doch man kommt nach Taizé wie an den Rand einer Quelle. Der Reisende hält ein, löscht seinen Durst und setzt den Weg fort.“

Lange Zeit war es fast unmöglich, größere Treffen von Jugendlichen in einem Land des Ostblocks durchzuführen. Erst im Frühjahr 1989 fand ein größeres Treffen in Ungarn statt, nachdem 6 Jahre zuvor ein solches Treffen in Budapest noch verhindert worden war.

Frère Roger griff jetzt ein Wort Johannes XXIII. auf: „Wir werden nicht herauszufinden suchen, wer recht und wer unrecht gehabt hat. Wir sagen einfach: Versöhnen wir uns.“

Und er kündigte an, dass das Europäische Jugendtreffen am Jahreswechsel zum ersten Mal in einem Land Mittel- und Osteuropas stattfinden werde: In Polen, in der Stadt Breslau. Dort trafen sich dann 50.000 Teilnehmer, vorwiegend aus dem Ostblock.

In den folgenden Jahren nahm die Zahl der jugendlichen Besucher in Taizé nochmals deutlich zu, weil die Länder des europäischen Ostens die Reise gestatteten.

Im April 2005 nahm Frère Roger am Beerdigungsgottesdienst für Papst Johannes Paul II. teil.

Bald ging ein Foto um die Welt, das bei vielen Erstaunen hervorrief: Frère Roger empfängt im Rollstuhl aus den Händen Kardinal Ratzingers die Kommunion. In der Öffentlichkeit wurde vermutet, er sei katholisch geworden. Der Vatikan antwortete offiziell:
„1. Die Zulassung von Frère Roger zur heiligen Kommunion war nicht vorgesehen; eine Verkettung von Umständen führte dazu, dass der Prior von Taizé sich vor dem Zelebranten (nämlich Kardinal Ratzinger) in einer Personengruppe befand, die auf den Empfang der heiligen Eucharistie wartete. Es war in der gegebenen Situation unmöglich, ihm das Allerheiligste Altarsakrament zu verweigern. Er stimmt, wie bekannt, dem Glauben der katholischen Kirche zu.
2. Im Kloster Taizé wird keine Interkommunion praktiziert, Frère Roger ist klar dagegen. Nichtkatholiken wird das allerheiligste Altarsakrament nicht gereicht. Frère Roger teilt voll den Glauben der Katholischen Kirche bezüglich der heiligen Eucharistie. Sein Fall ist ein besonderer und kann nicht verallgemeinert werden.“

Am 16. August 2005 war Frère Roger beim Abendgebet in der Kirche der Versöhnung von mehren Tausend Jugendlichen umgeben. Gleichwohl gelang es einer rumänischen Frau, sich ihm zu nähern. Sie stach ihn unter lautem Schreien mit einem Messer zweimal in den Hals. Blut sickerte in das weiße Gebetsgewand des Priors. Kurze Zeit später verschied der Gründer von Taizé. Er starb als Opfer einer Geisteskranken, der kein Prozess gemacht werden konnte.

Frère Roger war ein Grenzgänger. Als Schweizer ließ er sich in Frankreich nieder. Als Calvinist gründete er die erste evangelische Mönchsgemeinschaft auf französischem Boden. Er war Pfarrersohn und Pfarrer, ging aber über den Protestantismus hinaus. Frère Rogers Leitgedanke war, zu helfen und zusammenzufügen. Frère Rogers Leben und Wirken ist Teil der Kirchengeschichte, der Geschichte Europas überhaupt.

Bis zuletzt verkörperte Frère Roger nicht den Lehrmeister, sondern den Glaubenden, der andere Glaubende oder „Gottsucher“ an seiner Erfahrung teilhaben ließ und sich nicht scheute, eigene Schwächen und Zweifel ebenso anzusprechen wie eigene Erkenntnisse.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Elisabeth Haseloff

Apostelandacht zu Elisabeth Haseloff, gehalten am 27.3.2011

In der evangelischen Kirche Deutschlands sind mittlerweile Theologinnen nicht mehr die Ausnahme, sondern der Normalfall. Der Pastorenberuf ist neudeutsch formuliert genderneutral. Wichtig ist den meisten Gottesdienstbesuchern, ob eine Person kompetent ist und gut predigen kann und nicht, welcher Geschlechtsklasse er oder sie zuzuordnen ist. Das ist noch nicht lange so, erst recht nicht bei uns in Hamburg.

Der lange Weg ist in Vergessenheit geraten, den Theologie und Kirche schon zurückgelegt haben mit dem Ziel, die Gleichstellung von Frauen und Männern zu erreichen.

In vielen anderen Ländern und Kirchen ist die volle Zusammenarbeit noch nicht realisiert.

Weltweit sind jene Kirchen, die keine Frauenordination anerkennen, nach Mitgliederzahlen mit 85% in der deutlichen Mehrheit. Die Frauenordination ist vorwiegend in der westlichen Welt, also Europa, Anglo-Amerika und Australien anzutreffen, wesentlich seltener in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Wir wollen heute der ersten deutschen Theologin gedenken, die zur Gemeindepastorin ordiniert wurde und mit ihrer energievollen Arbeit in Kirche und Gesellschaft Spuren hinterlassen hat, auch wenn ihr Name weitgehend aus dem Gedächtnis der Allgemeinheit verschwunden ist.

Sie hieß Elisabeth Haseloff und wurde am 30. Juni 1914 in Rom geboren. Ihr Vater war dort Professor der Kunstgeschichte am preußischen historischen Institut. Ab dem Jahr 1920 lehrte er an der Kieler Universität und war gleichzeitig Direktor der Kieler Kunsthalle. So wuchs sie mit vielen kulturellen Anregungen auf und lernte bereits in frühen Jahren viele Menschen aus den Kreisen der Wissenschaft und Kunst im Hause ihrer Eltern kennen.

In ihrer Personalakte ist ein von ihr selbst verfasster Lebenslauf enthalten, in dem sie schreibt:
„Ein tiefer Einschnitt trennt in meinem Leben die Kinder- und Jugendjahre ab. 1928 starb mein jüngerer, von mir besonders geliebter Bruder. Die zweimonatige Krankheitszeit mit ihrem Hoffen und Bangen und die tiefe Erschütterung der Eltern und Anverwandten, die hoffnungslose Ohnmacht des eigenen Herzens im ersten wirklichen Leid, haben mich plötzlich gereift und gewandelt. So kam ich sehr bereit im gleichen Jahr in den Konfirmandenunterricht… Das eigene tiefe Erleben und die Begegnung mit dem Wort Gottes wirkten so tief auf mein Leben, dass ich bereits kurz nach meiner Konfirmation 1929, 14jährig erklärte, dass ich Theologie studieren wolle. Seitdem habe ich mich bemüht, mit der Kirche zu leben.“

So begann sie 1935 in Tübingen mit ihrem Studium und trat auch in die Bekennende Kirche ein.

In ihr fand sie ihre kirchliche Heimat.

Nach ihrem ersten theologischen Examen in Kiel im Jahre 1939 arbeitete sie in Neumünster im Rahmen des Lehrvikariats an der Anscharkirche. Hauptsächlich war sie dort in der Krankenhausseelsorge tätig. Das letzte halbe Jahr ihres Lehrvikariats absolvierte sie in Hademarschen am Nord-Ostsee-Kanal. In dieser Zeit wurden immer mehr Pastoren zum Kriegsdienst eingezogen. Der sie anleitende Pastor musste auch die Nachbargemeinden mit versorgen und ließ sie vor seiner eigenen Gemeinde predigen. Das war formal unzulässig, denn eigentlich durfte sie nur Bibelstunden halten. Es war nicht vorgesehen, dass Frauen auf der Kanzel standen, aber im Krieg duldete man das.

Das zweite Examen folgte 1941. Sie war die erste Frau mit diesem Examen in Schleswig-Holstein. Es folgte ihre Promotion an der Universität Münster.

Nach ihrem zweiten Examen wechselte sie nach Büdelsdorf bei Rendsburg und vertrat dort den eingezogenen Pastor. Die Kirchengesetze sahen nur Männer als Pastor vor. Trotzdem wurde sie 1946 mit Beschluss der Kirchenleitung widerruflich mit der Wahrnehmung der Pfarrstelle beauftragt, weil es keine männlichen Pastoren gab.

In ihrem Lebenslauf schreibt sie:

„Aus dem 3. Pfarrbezirk wurde 1949 eine selbständige Kirchengemeinde mit eigenem Kirchenvorstand, dem folgte der Aufbau einer eigenen Verwaltung, die Einstellung der nötigen Mitarbeiter, Errichtung einer zweiten Pfarrstelle und Bau eines zweiten Pfarrhauses, Errichtung einer kirchlichen Fürsorgearbeit und schließlich der Umbau des vorhandenen Gemeindehauses in Kirche und Gemeindehaus. Ich habe die Verwaltungs- und Organisationsarbeit sehr gern erfüllt, mich aber oft gefragt, ob es wirklich tunlich ist, dass der Pastor einer so großen Gemeinde so viel Zeit darauf verwenden muss.“

In Büdelsdorf blieb sie bis ins Jahr 1959, in ungesicherter Anstellung als Vikarin.

Im geltenden Kirchenrecht hieß es in dieser Zeit noch:

„Die Vikarin hat das Recht, an den Sitzungen der kirchlichen Körperschaften mit beratender Stimme teilzunehmen; zur Leitung der Gemeinde ist sie nicht befugt.“

Neben ihrer Arbeit begleitete sie ständig die Frage nach der Regelung des Amtes der Frau in der Kirche. In ihrem Haus trafen sich die Theologinnen, also die Vikarinnen – zu Gesprächen, zur Beratung und zur Fortbildung. Sie wollten nicht auf die seelsorgerliche Arbeit mit Frauen eingeengt und festgelegt werden, sondern wie ihre männlichen Kollegen auch am Aufbau der gesamten Gemeinde arbeiten.

Außerdem war Elisabeth Haseloff Mitherausgeberin der Zeitschrift „Die Theologin“.

In dieser Zeit kam es aber auch zu Beschwerden über ihre Tätigkeit. Ein Pastorenkollege schreibt einen vertraulichen Brief an die Kirchleitung und bittet, die Versetzung von Frau Haseloff in die Wege zu leiten in einen Aufgabenbereich, „der dem Wesen einer Frau entspricht.“ Eine alte Dame schreibt an den Bischof und kritisiert den unwürdigen, Gott widrigen Zustand, dass sich eine Frau „alle Amtshandlungen eines Pastors“ anmaße. Sie zitiert den 1. Timotheusbrief, 2,12: „Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei.“ Im Antwortbrief erhält die protestierende Briefschreiberin den Hinweis, dass es in Büdelsdorf ja einen zweiten männlichen Pfarrstelleninhaber gebe, so dass nicht alle Gemeindeglieder an die Vikarin verwiesen seien. Beschwichtigend schreibt man, es sie nicht beabsichtigt, „Vikarinnen im vollen Pfarramt zu verwenden.“

 

Und nun kam Lübeck ins Spiel:

Seit 1956 suchte die dortige Kirchenleitung eine Vikarin für die Leitung der Evangelischen Frauenarbeit. Pastorinnen gab es zur damaligen Zeit gar nicht. Ausgebildete Theologinnen konnten nur als Vikarin tätig sein, mit 80% des Gehalts eines Pastors und ohne Berechtigung zu predigen oder die Sakramente zu verwalten.

Zunächst übernahm eine Gemeindeschwester die Aufgaben nebenamtlich, ohne Büro oder Amtszimmer.

Die Suche nach einer Vikarin gestaltete sich schwierig, und so wandelte die Lübecker Kirchenleitung Ende 1957 die bereits bewilligte Stelle in eine „Landeskirchliche Pfarrstelle für Frauenarbeit“ um. Die Synode beschloss als erste überhaupt in Deutschland ein „Kirchengesetz für die Pfarrstelle einer Pastorin“, auf die anschließend Dr. Elisabeth Haseloff berufen wurde. Gleichzeitig beauftragte man sie mit der Verwaltung einer Gemeindepfarrstelle in Lübeck. Am Pfingstsonntag 1959 wurde sie feierlich in ihr Amt eingeführt, als erste Pastorin der Evangelischen Kirche Deutschlands. Viele Zeitungen berichteten darüber.

Es gab viele Bedenken innerhalb und außerhalb kirchlicher Kreise. Das neue Kirchengesetz könnte einem Erdrutsch ähnliche Folgen haben. Auch in anderen Landeskirchen würden womöglich ähnliche Gesetze entstehen und Frauen in das volle Pfarramt eingeführt. Dieses würde der Ökumene und dem Verhältnis zur katholischen Kirche schaden. Der Bischof ermahnte die frisch ordinierte Pastorin, nicht mit neuen Ideen, sondern mit dem Wort Christi ihre Aufgabe zu lösen.

Mit voller Energie stürzte sich Elisabeth Haseloff in ihre neue Arbeit: Sie veranstaltete Seminare, in denen Zusammenhänge unserer Gesellschaft deutlich gemacht wurden: Politikerinnen, Ärztinnen, Gewerkschafterinnen und Lehrerinnen kamen zu diesen Tagungen. Und es ging ihr um die „Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche“. So lud sie auch ein zu Eheseminaren, auch an Wochenenden, wo die Eheleute ihre Kinder mitbringen konnten.

Sie schreibt: „ Am lebendigsten sind die Tagungen, bei denen verschiedene Berufsgruppen von Frauen gemischt sind, weil dadurch ein lebhafter Austausch ermöglicht wird… Daraus erwuchs ein Kreis, der über Jahre hinweg in intensiven Gesprächen über die Gestaltung des christlichen Lebens in uns entsprechenden Formen nachdachte, und in Zeiten auch lebte.“

Und im Jahre 2005 schreibt eine dankbare Frau über sie:

„Mein Mann und ich wurden am 12. Juli 1959 von Frau Pastorin Haseloff getraut. Die Verwandtschaft war überrascht, denn das kannte ja niemand, eine Frau im Talar! Ich erinnere mich, dass darüber debattiert wurde. Die Frauen in meiner Familie lächelten still. Alle Männer fanden das eher unpassend. Sie waren der Meinung, dass nur Männer so etwas können und dass es wohl bei dieser einen Ausnahme bleiben würde. Inzwischen gibt es – Gott sei Dank – viele Pastorinnen in unseren Kirchen. Später hat sie nacheinander meine drei Kinder getauft.“

Elisabeth Haseloff organisierte Begegnungstage zwischen der Frauenarbeit in Lübeck und der Frauenhilfe der Landeskirche Greifswald in der DDR. Zweimal im Jahr trafen sich Frauen aus Ost und West in Ost-Berlin zu Studientagen unter einem Leitthema, z.B. „Was heißt Erziehung in Ost und West?“ oder „Christsein im sozialistischen Staat“.

Während eines „Weltgebetstags der Frauen“ entstand die Idee, ein Afrika-Stipendium für Frauen zu stiften. So kamen 1962 zwei junge Afrikanerinnen aus Tansania zur Ausbildung nach Lübeck und lebten während ihrer drei Ausbildungsjahre meist bei Elisabeth Haseloff im Hause. Sie bestanden ihr Examen als Kindergärtnerinnen und machten anschließend in ihrem Heimatland Karriere, eine als Leiterin der kirchlichen Frauenarbeit.

Und Elisabeth Haseloff organisierte „evangelische Frauentage“, zu denen Busse und ein Sonderzug bis zu 1.300 Frauen nach Travemünde brachten. 1968 gab es einen besonderen Frauentag zur Pastorinnenfrage. Zu dieser Zeit galt für ordinierte Frauen noch die sogenannte „Zölibatsklausel“. Vikarinnen und Pastorinnen, die heirateten, mussten aus dem Dienst der Kirche ausscheiden. Erst im Herbst 1969 wurde per Kirchengesetz diese Regelung abgeschafft. Ein bei den Verhandlungen um dieses Gesetz anwesender Professor schreibt später:
„Unter Wut und Tränen hat Schwester Haseloff diesen Schritt in der Kirchenleitung durchgekämpft.“

Ein wichtiges Thema war für sie auch die sogenannte Müttergenesung in verschiedenen Heimen der Kirche. 1963 setzt Frau Haseloff den Ankauf des Gutshauses Bahrenhof durch. Es wurde anschließend in ein Müttergenesungsheim der ev. Frauenarbeit Lübeck umgebaut. Die erste Sonderkur in dem neuen Heim fand mit Müttern von geistig- und körperlich behinderten Kindern statt.

Sie startete die sogenannte „Halbfamilien-Arbeit“ mit alleinerziehenden Müttern mit ihren Kindern. Diese Arbeit wurde so umfangreich, dass 1972 ein Pfarramt für Alleinerziehende eingerichtet wurde.

1974 feierte sie fröhlich ihren 60. Geburtstag. Sie erklärte, noch bis zum 67. Lebensjahr arbeiten zu wollen, war im Vorstand des Müttergenesungswerkes Deutschland und der evangelischen Frauenarbeit in Deutschland.

Nordelbien sollte entstehen und sie wurde Mitglied der Intersynodalen Nordelbischen Kirchenkommission, die die Richtlinien für die Verfassung der Nordelbischen Kirche erarbeitete. Ab 1970 war sie Vizepräsidentin der „Verfassungsgebenden Synode der Nordelbischen ev.luth. Kirche“.

Am Ewigkeitssonntag 1974 predigte sie noch und fuhr dann für einige Urlaubstage nach Hamburg. Sie wollte sich in aller Ruhe für ihre Aufgabe als Vizepräsidentin bei der 1. Lesung der Verfassung der Nordelbischen Kirche vorbereiten.

Auf dem Weg zu der Synodentagung in Winterhude wurde sie am 29. November 1974 Opfer eines Verkehrsunfalls – als Fußgängerin bei Grün auf dem Zebrastreifen.

Das Hamburger Abendblatt schrieb darüber am 2. Dezember:

„Elisabeth Haseloff musste sehr lange warten, bis sie das Amt einer Pastorin übernehmen durfte. 20 Jahre lang bewährte sie sich als Vikarin in Hademarschen, Neumünster und Rendsburg. Dann erst wagte die Lübecker Landeskirche den damals revolutionären Schritt, eine Frau von der Kanzel predigen zu lassen…Die hochgewachsene Frrau mit dem mütterlichen Gesicht und der strengen Knotenfrisur setzte sich mit ganzer Kraft für ihre Aufgabe ein. ‚Ich werde niemals aufhören, für die Mütter zu wirken’, hatte sie noch vor kurzem beim zehnjährigen Jubiläum des Müttergenesungsheims Bahrenhof gesagt. Das Müttergenesungsheim wurde auf ihr Betreiben eingerichtet. Privat lebte die Pastorin sehr zurückgezogen. In ihrer Freizeit widmete sie sich ihrer Antiquitätensammlung und der Malerei.“

Bischof Stoll sprach im Trauergottesdienst über ihren Konfirmationsspruch aus dem Hebräerbrief:

„Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fester werde, welches geschieht durch Gnade. Sie hat mit diesem festen Herzen, solange ich sie kenne, gedacht. Ihr ganzes Denken und Wollen ist durch die Bewegung eines erfüllten und leidenden Herzens hindurchgegangen. Manchmal war sie stürmisch in einer neuen Initiative. Türen für den Fortgang ihrer Arbeit mussten geöffnet werden, und sie war dann betrübt, wenn sie mit ihrer Tüchtigkeit diejenigen verlegen machte, die ihr Drängen in Relation zum übrigen Ganzen zu bringen hatten. Manchmal war sie traurig. Ihre Arbeit gelang nicht, und ihr Unwille darüber hatte freien Lauf. Manchmal war sie verwundet. Sie litt unter dem Tatbestand, dass Frauen sich immer noch diskriminiert fühlen, eine Angelegenheit, die ihren eigenen Weg begleitet vom ehemalig umstrittenen Studium der Theologie bis zum Kampf um das Recht der Frau im vollen Pastorenamt. Manchmal erfüllte sie eine ausstrahlende Gewissheit des Glaubens: Erinnern wir uns an die vollen Gottesdienste auf den Frauentagen. Sie hat sich in Anspruch nehmen lassen von Ratsuchenden und Hilflosen und in alledem sich selber eingebracht.“

Rolf Polle

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Apostelandacht zu vier Lübecker Märtyrern

Apostelandacht zu vier Lübecker Märtyrern, gehalten am 30. Januar 2011

Am Abend des 10. November 1943 wurden im Hamburger Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis 3 katholische Kapläne und ein evangelisch-lutherischer Pastor aus Lübeck durch das Fallbeil hingerichtet, also geköpft. Es geschah im Abstand von ungefähr 3 Minuten. Am Boden des Hinrichtungsraums floss das Blut der Opfer ineinander.

Dieser gemeinsame Tod hat in der Zeit des Nationalsozialismus keine Parallele. Er soll für uns Anlass sein, der vier Hingerichteten zu gedenken und uns zu fragen, was ihr Leben und gemeinsames Sterben für uns heute zu bedeuten hat.

 

Der älteste von ihnen war der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink. Er wurde am 28. Oktober 1894 als Sohn eines Zollbeamten in Münster geboren. Der erste Weltkrieg unterbrach seine Ausbildung als Auslandspfarrer. Nach einer scheren Verwundung konnte er 1917 seine Ausbildung fortsetzen.

1921 ging er für acht Jahre zu deutschsprachigen Gemeinden nach Brasilien. Danach kehrte er mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Er übernahm zunächst ein Pfarramt in Thüringen, bevor er 1934 Pastor der Luther-Kirche zu Lübeck wurde.

Pastor Stellbrink war Nationalist und trat deshalb schon 1921 einer nationalen evangelischen Bruderschaft bei, dem „Bund für Deutsche Kirche“; am 1. Mai 1933 auch der NSDAP. Seinen Pastorendienst verstand er als eine theologische und gesellschaftspolitische Aufgabe.

Seine hochgespannten Hoffnungen schlugen nach der Machtergreifung der Nazis schnell um. Er äußerte offen seine Enttäuschung. So wurde er vor ein internes Parteigericht geladen, weil er eine freundschaftliche Beziehung zu einem Juden unterhielt, der gegenüber dem Pastorat wohnte. Ende 1937 wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen.

Seine Predigten veranlassten die Gestapo zu Verwarnungen.

Im März 1942 hatten englische Flugzeuge ihre Bomben über der Altstadt von Lübeck abgeworfen. Die Stadt brannte noch, als Pastor Stellbrink am Sonntagmorgen in seinem Konfirmationsgottesdienst predigte. Die Gestapo erhielt davon einen Bericht. Pastor Stellbrink habe in seiner Predigt den Bombenangriff ein Gottesgericht genannt – ein Gericht über das Unrecht, die Gewalt und die Lüge, die sich in Deutschland breitgemacht hätten. Es sei ein Gericht über den Krieg, den Deutschland vom Zaun gebrochen hätte. Ein Gericht über die Euthanasieaktionen, die Vernichtung unschuldiger Geisteskranker.

Kurze Zeit später wurde er von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und mit ihm die drei katholischen Kapläne, mit denen er schon seit längerem eng verbunden war.

 

Herrmann Lange wurde am 16. April 1912 in Ostfriesland geboren und hatte vier Geschwister. Als Gymnasiast schloss er sich in Leer einer Schülergruppe der katholischen Jugend an. Schon früh verspürte er in sich den Wunsch, Priester zu werden. So studierte er nach seinem Abitur Katholische Theologie in Münster und wurde 1938 zum Priester geweiht.

1939 wurde er Hilfsgeistlicher an der Herz-Jesu-Kirche in Lübeck und dort 1940 zum Vikar ernannt. Er galt als hochbelesener und intellektueller Priester und war ein strikter Gegner des Nationalsozialismus. Seine Treffen mit Jugendlichen aus seiner Gemeinde nutzte Hermann Lange für eindringliche Mahnungen gegen Ungeist und Untaten des Nazi-Regimes. Soldaten gegenüber äußerte er nach Kriegsbeginn, dass ein Christ auf deutscher Seite an dem Krieg eigentlich gar nicht teilnehmen dürfe.

Lange beteiligte sich an der Verbreitung regimekritischer Druckschriften, u.a. auch der Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen.

Am 15. Juni 1942 wurde Hermann Lange von der Gestapo festgenommen und in das Lübecker Gefängnis gebracht.

 

Johannes Prassek wird in den Veröffentlichungen über die vier Märtyrer als das Haupt der drei katholischen Geistlichen bezeichnet. Er war der Dienstälteste und dem Rang nach „Erster Kaplan“ an der Gemeinde.

Prassek wurde am 13. August 1911 in Hamburg-Barmbek geboten. Er hatte zwei Geschwister, sein Vater war Maurer. Er wuchs in recht bescheidenen Verhältnissen auf. Am Johanneum machte er 1931 das Abitur. Anschließend zog er erst ins Priesterseminar in Münster und dann nach Osnabrück.

Sein Studium wurde vom Bischöflichen Stuhl Osnabrück und von der Hansestadt Hamburg teilweise finanziert, außerdem nahm er neben seinem Studium Gelegenheitsarbeiten an.

Er war damals schon ein kritischer Geist und kritisierte die im Priesterseminar üblichen Andachtsformen. Deswegen verzögerte sich seine Priesterweihe um ein halbes Jahr bis zum März 1937.

Nach einer kurzen Zeit in Mecklenburg wurde Johannes Prassek 1939 Vikar, ein Jahr später Erster Kaplan in Lübeck.

Seine beeindruckenden Sonntagspredigten zogen nicht nur zahlreiche Gläubige an, sondern auch Gestapo-Spitzel. Auf Warnungen von Gemeindegliedern soll er geantwortet haben, dass einer ja schließlich die Wahrheit sagen müsse.

In Lübeck gab es nach Kriegbeginn zahlreiche polnische Zwangsarbeiter, mit denen jeder Kontakt streng verboten war. Prassek hielt sich nicht daran. Um ihnen seelsorgerlich und menschlich beistehen zu können, lernte er in dieser Zeit sogar etwas Polnisch, nahm ihnen heimlich die Beichte ab und taufte die in den Lagern Geborenen Babys.

Im Sommer 1941 lernte er bei einer Beerdigung seinen protestantischen Amtsbruder Karl Friedrich Stellbrink kennen. Beide befreundeten sich schnell. Sie hörten regelmäßig Sendungen feindlicher Rundfunksender und tauschten ihre Erkenntnisse daraus aus. Das Hören dieser Sender galt als „Rundfunkverbrechen“ und stand unter der Androhung der Todesstrafe.

Höhepunkt ihrer verschwörerischen Aktivitäten bildete die gemeinschaftliche Vervielfältigung und Verbreitung der berühmten Predigten des Bischofs von Galen, der darin furchtlos die Vernichtung lebensunwerten Lebens durch die Nazis anprangerte. Die Predigten wurden mit der Schreibmaschine mit jeweils sieben Durchschlägen abgetippt oder mit einem Matrizendruckgerät vervielfältigt, an Freunde und Bekannte weitergegeben oder mit der Post verschickt.

Ein Gestapo-Spitzel, der sich in einen Gemeindekreis eingeschlichen hatte, berichtete seinen Vorgesetzten von den regimekritischen Äußerungen Prasseks.

Daraufhin wurde er am 18. Mai 1942 er von der Gestapo abgeholt.

 

Eduard Müller wurde am 20. August 1911 in Neumünster geboren. Sein Vater war zuerst Schuhmacher, dann Rangierer und verließ schließlich seine Familie. Die Mutter schlug sich als Stundenhilfe und Waschfrau mühselig mit ihren sieben Kindern durch.

Eduard Müller besuchte die katholische Volksschule, war eifriger Ministrant und absolvierte nach seinem Schulabschluss eine Tischlerlehre. Er schloss sich der katholischen Jugendbewegung an und wollte gern Priester werden, aber dazu fehlt ihm das Abitur.

Ein Kaplan seiner Gemeinde fand glücklicherweise einige Gemeindeglieder, die seine weitere Schulbildung finanzierten. So zog Eduard Müller mit 19 Jahren in das Spätberufenenheim St. Clemens in Bad Driburg, wo er 1935 das Abitur ablegte.

Danach studierte er ebenfalls in Münster, wurde im Juli 1940 zum Priester geweiht und anschließend nach Lübeck berufen.

Müller wurde dort insbesondere in der Jugendarbeit und im Gesellenkreis eingesetzt. Geschätzt wurde vor allem seine Zugewandtheit zum Arbeiter- und Handwerkerleben, das er ja aus eigener Erfahrung gut kannte. Müllers Jugendarbeit war so erfolgreich, dass die Lübecker Führung der Hitler-Jugend ihn gern für sich gewonnen hätte.

Doch Müller lehnte ab. Mehr noch: Nach der Messe am Sonntagmorgen lud er zu Ausflügen in die Umgebung Lübecks ein – exakt zu der Zeit, zu der auch die Hitler-Jugend ihre Ausflüge anbot.

In seinen Gesprächskreisen im sogenannten „Gesellenhaus“ wurde das Nazi-Regime offen kritisiert. Er ahnte, dass dies Folgen haben könnte. Von ihm ist die Äußerung überliefert:

„Ich werde bald mit der Gestapo Bekanntschaft machen, denn ich werde mich durch nichts von meiner Pflicht abwendig machen lassen.“

Eduard Müller wurde als letzter der vier Lübecker Geistlichen am 22. Juni 1942 festgenommen.

Formal lag gegen ihn eigentlich wenig vor. Dennoch wurde er auch er zum Tode verurteilt.

Außer den vier Geistlichen wurden noch 18 katholische Laien verhaftet.

 

Ihr Prozess fand im Juni 1943 vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofes statt. Die Geistlichen wurden wegen „Rundfunkverbrechen, landesverräterischer Feinbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode verurteilt, die mitangeklagten Laien erhielten zum Teil hohe Freiheitsstrafen.

Danach wurden die Geistlichen in die Untersuchungshaftanstalt Hamburg am Holstenglacis verlegt.

Der für die katholischen Priester zuständige Bischof von Osnabrück besuchte die Geistlichen im Gefängnis und schrieb ein Gnadengesuch, das abgelehnt wurde. Der Bischof kümmerte sich während dieser langen Zeit intensiv auch um die Angehörigen der Kapläne.

 

Der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink dagegen erhielt keine Unterstützung von seiner Landeskirche, im Gegenteil: Der Kirchenrat Lübecks leitete sofort nach der Festnahme Stellbrinks ein förmliches Dienststrafverfahren mit dem Ziel der Entfernung aus dem Amte ein.

Die Lübecker Pastorenschaft wendete sich aber mit einem Gnadengesuch an den Reichsminister der Justiz in Berlin. Sie beteuert zunächst ihre uneingeschränkte Loyalität gegenüber dem Staat und begründet dann, dass sie trotzdem ein Gnadengesuch stellte:
„Die Pfarrerschaft kann sich mit bestem Gewissen um der Familie des Verurteilten Willen für ein Gnadengesuch einsetzen. Der ehemalige Pfarrer Stellbrink hat sich für deutsche Art und deutsches Volkstum mit allen seinen Kräften eingesetzt. Er wurde Parteigenosse und tat als solcher jahrelang seine Pflicht. Wenn Stellbrink trotz dieser früheren völkischen und nationalen Einstellung auf die Bahn des Verbrechens gegen das Volk geraten ist, so ist dies wohl mit einer unglücklichen Charakterveranlagung und einer starken Überreiztheit der Nerven zu erklären. In der Anlage legt die Pfarrerschaft ein psychologisches Gutachten bei.“

Die Gnadengesuche wurden alle abgelehnt. Fast fünf Monate warteten die zum Tode Verurteilten auf ihre Hinrichtung. Nach eineinhalb Jahren Gefängnis, in welchem Isolation, Folter und Hunger zu den Haftbedingungen gehörten, starben sie am 10. November 1943 unter dem Fallbeil und wurden anschließend eingeäschert.

Der Witwe Stellbrinks wurde die Pension seitens der Kirche verweigert. Sie erhielt aber vom Oberreichsanwalt eine Rechnung über 1.500 Reichsmark, darin enthalten 122 Reichsmark Gebühren für die Hinrichtung. Ihr wurde zudem untersagt, öffentlich Trauerkleidung zu tragen. Für die katholischen Geistlichen und Laien übernahm die katholische Kirche alle Prozesskosten.

Nach Kriegsende, im Juni 1945, teilte der neu zusammengesetzte Kirchenrat Lübecks Frau Stellbrink mit, sie besitze die Rechtsstellung der Witwe eines im Amte verstorbenen Pastors.

Erst 50 Jahre nach dem Mord an den vier Geistlichen hat die Kirchenleitung der Nordelbischen Kirche in einer Erklärung die Versäumnisse bedauert.

Dort heißt es: „Die Kirchenleitung bedauert dieses Versäumnis. Sie kann Unrecht nicht wieder gutmachen. Sie kann nach 50 Jahren nur mit Erschrecken feststellen, wie willfährig kirchenleitende Persönlichkeiten sich dem Unrecht beugten und einen Amtsbruder und seine Familie ihrem Schicksal überließen. Die vier Lübecker Märtyrer stehen für die Kirche Jesu Christi, die nicht lavieren und sich nicht in den Dienst des Unrechts stellen darf.“

Im November 1993 hob das Landgericht Berlin das Todesurteil des Volksgerichtshofes gegen Karl Friedrich Stellbrink uneingeschränkt auf.

In der Luther-Kirche zu Lübeck ist auch seine Grabstätte. Hinter einer Gedenktafel ist die Urne mit seiner Asche in die Wand eingelassen. Die Tafel trägt die Worte: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

In Neu-Allermöhe wurde eine Straße nach ihm benannt.

Am 25. Juni 2011 wird die katholische Kirche ihre drei Märtyrer in Lübeck mit der Seligsprechung ehren.

 

Der „ökumenische Arbeitskreis ‚Lübecker Märtyrer’“ schreibt in einer Veröffentlichung:

„Gleichschaltung“ war ein zentrales Herrschaftsinstrument des nationalsozialistischen Regimes; Schweigen, Gehorsam, Sicheinfügen seine kategorischen Forderungen. Die vier Lübecker Geistlichen widersetzten sich diesem Allmachtsanspruch. Sie erkannten immer klarer den unauflöslichen Widerspruch zwischen dem christlichen Glauben und der rassistischen atheistischen Ideologie der Nationalsozialisten. Dieser Widerspruch ließ sie nicht mehr schweigen. Sie haben sich nicht herausgehalten und sich ein eigenes Urteil nicht verbieten lassen. Je länger das Unrecht dauerte, desto verpflichtender wurde für sie das Gebot, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, die mit Terror regierten und einen Vernichtungskrieg begonnen hatten.

Die Vier zeichnet aus, dass sie angesichts der Willkür der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft die trennenden Grenzen der Konfessionen überwanden und zu gemeinsamem Urteil wie zu gemeinsamem Handeln fanden.

Sie hatten ein Vorbild: den Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen. Die Lübecker schrieben die mutigen Predigten des Bischofs ab zu verbreiteten sie. Sie empfanden wie viele andere das Befreiende dieser Predigten, die das Schweigen brachen und laut aussprachen, was viele insgeheim dachten, als die Aktion zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ anlief, die Ermordung von unschuldigen Geisteskranken.

Die Lübecker Geistlichen haben ihr Widerstehen mit dem Leben bezahlt. Sie sind Zeugen einer anderen, einer besseren Welt in einer Welt des Unheils. Sie sind Zeugen der Wahrheit gegen die Lüge, Zeugen der Menschenwürde gegen die Menschenverachtung, Zeugen des Glaubens in einer Zeit, in der Menschen selbstherrlich den Thron Gottes beanspruchen.

In diesem mit ihrem Tod besiegelten Zeugnis sind die Lübecker als Märtyrer untereinander verbunden und für uns heute ein Vorbild, von dem erneuernde Kraft ausgeht. Sie stehen gemeinsam für die Kirche Jesu Christi, die Unrecht beim Namen nennt, Lüge entschleiert und die Barmherzigkeit Gottes als Quelle des Lebens ehrt.

Zusammen sind sie gestorben. Sie wussten sich vor Gott ungetrennt, „wir sind Brüder“, bezeugte Hermann lange. Als Realität haben sie Gemeinschaft erfahren, die Trennendes überwindet. Konfessionelle Grenzen waren für sie sekundär geworden. Das muss uns für heute Orientierung und Ansporn sein, dass wir dem folgen, was sie uns vorgelebt haben an Gemeinschaft im Geist, im Glauben und im Handeln.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Heinrich Böll

Apostelandacht zu Heinrich Böll, gehalten am 21.11.2010

Es war einer dieser so genannter Steckrübenwinter im 1. Weltkrieg, als Heinrich Böll. am 21. Dezember 1917 in  Köln geboren wurde. Heinrich war das fünfte Kind von Viktor und Maria Böll (geb. Hermanns).

Die religiösen Eltern erzogen ihre Kinder streng im katholischen Glauben. Der Vater, ein Holzbildhauer,  fertigte in eigener Werkstatt mit seinen Gehilfen  Kirchenmöbel an. Er war ein verständnisvoller Vater, der seine Kinder zum Lernen und zum Spiel ermunterte.

Zu meinen e r s t en  E r i n e r u n g e n – so Heinrich Böll – „gehört  die Werkstatt meines Vaters: Holzgeruch, der Geruch von Leim, Schellack, Beize; der Anblick frisch gehobelter Bretter und das Hinterhaus einer Mietskaserne, in dem die Werkstatt lag.“

Die Mutter kam aus einem streng puritanischen Umfeld, dass sie mit dem katholischen Milieu nicht vereinbaren konnte. H. B. beschreibt seine Mutter als Mensch mit selten vereinten Eigenschaften‚ ‚mit Intelligenz, Naivität, Temperament, Instinkt und Witz.’

Heinrich hatte eine starke und  herzliche Bindung zu Eltern und  Geschwistern. Gespräch und kritisches Auseinandersetzen über  politischen Themen und Glaubensfragen gehörten zum Familienleben. Heinrich lernte früh, dass christlicher Glaube nichts zu tun hat mit der Organisation Kirche.

In der Wirtschaftskrise 1929 verlor der Vater die wirtschaftliche Grundlage seines Geschäftes.

Die Eltern lebten nun in ständiger Sorge, um für sich und die fünf Kinder das tägliche Brot, Kleidung und Schuhe zu beschaffen, sowie die Miete aufbringen zu können.

„Ich wusste damals nie, wovon wir eigentlich lebten.“ So Heinrich.

In einem Interview sagte Heinrich Böll:

„Natürlich sind wir klassisch-katholisch erzogen worden, Schule, Kirche, es wurde auch praktiziert, wie man das so nennt. Und trotzdem glaube ich, dass mein Vater und auch meine Mutter in einer bestimmten Weise antikirchlich waren. In welcher Weise, das kann ich nicht erklären. Ich müsste lange darüber nachdenken. Ich könnte mir denken, dass es bei meinem Vater, der sehr viel für Kirchen gearbeitet hat – er war ja Holzschnitzer und Bildhauer und hat fast nur kirchliche Dinge gemacht – mit Erfahrungen und Erlebnissen mit Klerus und kirchlichen Institutionen zusammenhängt; ja und über meine Mutter muss ich noch sehr lange und viel nachdenken, weil sie einen rebellischen Zug hatte, politische und auch kirchliche Dinge betreffend, der spürbar war, aber nicht so genau artikuliert wurde. Sicher hängt das wieder mit der Bildung zusammen, meine Eltern waren nicht im bürgerlichen Sinne gebildet, aber gebildet schon als Menschen.“

Die politisch aufmerksamen Bölls  lehnten den Nationalsozialismus ab. Im Haus der Familie fanden verbotene Zusammenkünfte katholischer Jugendverbände statt – der ältere Bruder Heinrichs war Mitglied eines dieser Verbände - und Heinrich weigerte sich, in die Hitlerjugend einzutreten.

Als der Vatikan 1933 die Nazis mit einem Konkordat (Vertrag zwischen Vatikan und Staat) international salonfähig gemacht hatte, erwog man aus Glaubenstreue den Kirchenaustritt. Viele Jahre später wird der Schriftsteller und Katholik H. Böll diesen Schritt tatsächlich vollziehen.

Nach dem Abitur 1937 fing H. Böll. eine Buchhändlerlehre an in der Buchhandlung Lempertz in Bonn.. Nach einem Jahr Reichsarbeitsdienst begann er im Sommersemester 1939 Germanistik und klassische Philosophie zu studieren, wurde aber im Spätsommer schon zur Wehrmacht eingezogen.

Als Soldat war H. Böll. an verschiedenen Frontstellungen der deutschen. Wehrmacht in West- und Osteuropa stationiert. Aus seinen ‚Briefen aus dem Krieg’ wird deutlich, wie sehr er unter diesem  Leben in Uniform litt und das er das Soldatentum nicht mit sich vereinbaren konnte.

Als  ihm zum wiederholten Mal vom Vorgesetzter der Urlaub gestrichen wird, schreibt er an Annemarie Cech, seine spätere Frau, die er 1942 bei einem Fronturlaub heiratete:

 

“ …aber ich will mein Herz bezwingen, ganz ruhig, friedlich, geduldig  und dankbar sein; weißt Du, ich ärgere mich nicht so sehr über den wegfallenden  Urlaub, wirklich nicht, als über  die maßlose Ungerechtigkeit und die kriecherische Betrügerei, die dahinter steckt. Kannst Du verstehen, dass man irrsinnig und wütend wird, wenn man immer, immer und in jedem diesem widerlichen kleinen und kleinsten und schmierigsten Gesindel ausgeliefert ist, seinen erbärmlichen Schikanen …“.

Viermal wurde er verwundet, erlebte das sinnlose Sterben von Kameraden, die leeren Phrasen der Befehlshaber und die Angst wahnsinnig zu werden. Er musste erkennen, dass sein Gottvertrauen ihn nicht vor dieser Angst schützen konnte:

 „Ich bin regelrecht dumm geworden; meine Gefühle fressen mein Gehirn…Doch ich verzweifle nie, ich bin wohl oft sehr traurig, dass mir alles wie eine unendlich große, schwarze Last auf der Seele liegt,… nur schwach bin ich, sehr schwach… Aber keine Sekunde erscheint mir die Zukunft hoffnungslos.“

und in einem weiteren Brief:

„..ich kann das nicht; ich kann mich nicht mit Leidenschaft dem Soldatenberuf hingeben, meine Wege gehen anders; ich muss immer in den Abgrund jedes Menschenlebens sehen, und mit dieser Anlage kann man nicht Soldat sein, man muss entweder ganz einfach oder ganz groß sein, um ein guter und glücklicher Soldat zu sein, und ich bin beides nicht..“.

In weiteren Zeilen an seine Frau wird eine Wandlung deutlich:

„Ich glaube, ich habe den Auftrag, allen Menschen eindringlich zu sagen, dass es nichts so Geheimnisvolles gibt, nichts so Verehrenswürdiges gibt wie das Leid; nichts das so unmittelbar uns geschenkt ist, regelrecht geschenkt, nicht auferlegt. Es ist wirklich eine Gnade, wenn wir leiden dürfen, denn wir dürfen dann doch auf eine geheimnisvolle Weise wie Christus sein.“ 

Am Ende des Krieges geriet  H. B. mit anderen Kriegkameraden in den Kugelhagel der anrückenden Amerikaner und wurden gefangen genommen. Sie hatten die Amerikaner/die Alliierten herbeigesehnt, das Ende des Krieges herbei geflucht.  In den Lagern aber wurden sie hart empfangen, als Nazis angebrüllt und mit Steinen beworfen.

Im November 1945 kehrte das Ehepaar Böll  nach Köln zurück. Es war ein erschütterndes Wiedersehen,. Die Stadt war ein einziges Trümmerfeld, die Türme des Doms zerstört. Menschen irrten durch die Schutthalden, es gab nichts, weder Kleidung, noch Feuerholz oder Lebensmittel. Man hauste in Kellern oder notdürftig abgedichteten Ruinen..

Gleich nach der Rückkehr starb Heinrich und Annemarie Bölls erster Sohn Christoph, noch im Geburtsjahr, an Unterernährung.

  1. Böll arbeitete in dieser Zeit in verschiedenen Gelegenheitsjobs, z. B. in der Schreinerei seines Bruders. Und er nahm sein Studium wieder auf, nicht zuletzt auch, um an die notwendigen Lebensmittelmarken zu kommen.

Inzwischen1947 und 1950 kamen die Söhne Raimund, René und Vincent  zur Welt.

  1. B. hatte während seiner Wehrmachtszeit fast täglich Briefe geschrieben, jetzt waren es Erzählungen, in denen er  die schlimmen Erfahrungen aus dem Krieg ausarbeitete.. Er fand jedoch, wie auch andere Schriftstellerkollegen, keinen Verleger. Niemand wollte diese realistischen Texte herausgeben oder lesen. Er schrieb:

„Wir schrieben also vom Krieg, von der Heimkehr und dem, was wir im Krieg gesehen hatten und bei der Heimkehr vorfanden: von Trümmern. Das ergab drei Schlagwörter, die der jungen Literatur angehängt wurden: Kriegs-, Heimkehrer- und Trümmerliteratur. .. Merkwürdig, fast verdächtig war nur der vorwurfvolle, fast kränkende Ton, mit dem man sich dieser Bezeichnung bediente: man schien uns zwar nicht verantwortlich zu machen dafür, das Krieg gewesen, dass alles in Trümmern lag, nur nahm man uns offenbar übel, dass wir es gesehen hatten.“

Annemarie Böll verdiente in dieser Zeit als Lehrerin mit fester Anstellung den Unterhalt für die Familie. Gemeinsam  übersetzten sie  englische und amerikanische Literatur.

Sprache war Hort der Freiheit, Schriftsteller die geborenen Einmischer; Literaten trugen  daher eine gesellschaftliche Verantwortung, das waren H. Bölls Überzeugungen..

Mit der Zeit kam der Erfolg für seine schriftstellerische Arbeit. Und er konnte nun als freier Schriftsteller leben. 1951 bekam er den Literaturpreis der Gruppe 47 für seine Erzählung „Das Schwarze Schaf“.

Mit seinen Romanen prägte er das Bild der deutschen Nachkriegsliteratur, in dem er mit Herz und Verstand, aber auch Humor die Lebensnarben der kleinen Leute erkundet und gegen Machtgelüste, Konsumrausch und verweigerte Trauerarbeit angeschrieben hat.

Mit seinen Romane wie ‚Billard um halbzehn’, ‚Ansichten eines Clowns’, ‚Gruppenbild mit Dame’ stieg er zum Weltruhm auf.

Als Publizist übte er Gesellschaftskritik;  führte Klagen gegen die Kriegsfolgen,  polemisierte gegen die Restauration der Nachkriegszeit.

Andererseits aber  galt sein Mitgefühl allen  Wehrlosen. Seine schlimmen Erfahrungen bei der Dt. Wehrmacht  hat er nie vergessen und so träumte er von Gerechtigkeit, von einer entmilitarisierten, klassenlosen Gesellschaft.

Das Bundesverdienstkreuz lehnte er konsequenterweise ab.

Während des kalten Krieges hielt dieser menschenfreundliche Literat unerschütterlich und ohne Rücksicht auf starre politische Einstellungen oder Grenzen durch den ‚Eisernen Vorhang’, zu seinen Kollegen im Ostblock. 1974 nahm er den ausgebürgerten Dissidenten Alexander Solschenitzyn als Gast bei sich auf. Auch Lew Kopelew war sein Gast.

In den 60er und 70er  Jahren sympatisierte Heinrich Böll mit der Außerparlamentarischen Opposition.

Als die RAF mit ihrem Terror die Bundesrepublik aufwühlt, plädiert Böll, der die Taten der RAF  entschieden und unmissverständlich ablehnte, in einem Essay  im Spiegel. für einen rechtsstaatlichen Umgang mit den Terroristen der RAF und griff  die Berichterstattung der Springer-Presse stark an.

In  konservativ-reaktionären Kreisen galt er daraufhin als Sympathisant des dt. Terrorismus.

Die Behörden waren sich nicht zu schade zu vermuten, dass gesuchte RAF-Mitglieder bei H. B. Unterschlupf finden könnten und ließen im Juni 1972 sein Haus in Langenbroich mit bewaffneten Polizisten umstellen und durchsuchen.

In der Springerzeitung Die WELT wurde er zusammen mit Heinrich Albertz, Helmut Gollwitzer und Kurt Scharf auf einem Fahndungsplakat abgebildet, mit der Unterschrift: “Das stille Reserveheer des Terrorismus“.

Heinrich Böll verletzten und beleidigten diese bornierten Angriffe außerordentlich.

In seinem Roman ‚Die verlorene Ehre der Katharina Blum’ setzte er sich mit den Themen Gewalt durch Massenmedien und Überwachung durch den Staat auseinander.

1972  wurde ihm der Literatur-Nobelpreis zuerkannt. Diese Verleihung konnte durchaus als Solidaritätsbekundung mit dem in Deutschland Angegriffenen gesehen werden.

In seiner Nobelrede in Stockholm spricht Böll von der Parteinahme für die Vertrieben und Gefangenen des ganzen Jahrhunderts sowie ‚ganze Provinzen von Gedemütigten’ in seiner Literatur Und wendet sich damit gegen seine Kritiker, die ihm vorwarfen, nicht klassisch-literarisch zu schreiben.

Das grundkatholische Irland wird in dieser Zeit zum Zufluchtsort für H. Böll und seine Familie. Er selbst  sprach später auch von Flucht vor der Hetze gegen ihn im eigenen Land. In den Erzählungen des Bändchens ’Irisches Tagebuch’ beschreibt er die Landschaft, von den Verhältnisse der Menschen, von den einfachsten Dingen des Lebens.

Die Entfremdung zur römisch-katholischen Kirche durchzieht H. B.  gesamtes Leben.

Er wand sich gegen den Klerikalismus der katholischen Kirche, und trat 1976 zusammen mit seiner Frau aus der Kirche aus. Er sagte:

 „Wir treten aus der katholischen Kirche aus „nicht aber aus der Gemeinschaft der an den armen Christus glaubenden. Wir sind Deutsche geblieben und Katholiken, aber wir gehören nicht mehr zum organisierten deutschen Katholizismus.“

Und an anderer Stelle:

Ich brauche die Sakramente, ich brauche die Liturgie, aber ich brauche den Klerus nicht – grob gesagt – als Institution“.

In dieser Aussage Bölls wird der religiöse Grundkonflikt seiner Person und seines Werkes deutlich. Sein Kirchenverständnis unterscheidet zwischen „Corpus“ und „Corporation“. Die Bindung an die Kirche – als den „Corpus“ – ist für Böll „eine sakramental begründete, mystische“ Bindung, die von der Institution in eine „verrechtlichte, völlig unmystische“ verwandelt worden ist.

Diese kritische Haltung fasst (der deutsche Schriftsteller) Carl Amery so zusammen:
„Bölls Groll gilt der angepassten, der bürokratisierten, der smarten, auf „die Höhe der Zeit“ gebrachten Kirche. Er gilt denen, die überall dabei sein müssen; denen, die sich in einer bösartigen Gesellschaft, in den verlogenen Strukturen des bürgerlichen „Anstands“, aber auch in denen des verlogenen modernen Kulturbetriebs eingenistet haben, um irgendwie ihre Schäflein noch ins trockene zu bringen.“

In einem Interview von 1970 sagt Heinrich Böll:

„Die einzige Definition des Wortes Kirche, die mir jetzt einfällt, ich weiß nicht, ob es noch mehr gibt, ist die: ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter euch‘“.

Jetzt reagierte  das katholische Oberschicht/Establishment mit Ausgrenzung, übler Nachrede, Zensur. Eine Radiosendung ‚Brief an einen Katholiken’, eine fiktiver Brief an einen Wehrpflichtigen, in dem Böll seine eigenen Erfahrungen mit der  Militärseelsorge im dritten Reich  schilderte, wurde kurzerhand abgesetzt.

Heinrich Böll war mit allen Fasern einer kernkatholischen Tradition verhaftet. Er hasste aufdringliche Predigten.  Er sprach in diskreten Bildern von Gott, den er nie in Frage stellte.

Das sinnliche Erleben von den Sakramenten Brot, Wein, Liebe, bedeutete Böll viel, den Automatismus im Absolvieren dieser Handlungen lehnte er ab, im Gottesdienst wie im zwischen menschlichen Miteinander.

Und er hatte eine zärtliche Aufmerksamkeit für  Menschen.

„Der Mensch ist ja ein Gottesbeweis ..Die Tatsache, dass wir alle eigentlich wissen – auch wenn wir es nicht zugeben – dass wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind, nicht ganz zu Hause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen.“

  1. B. wird mit seinen Überzeugungen von einem zutiefst menschlichen, Berührung und Kontakt nicht scheuenden, zärtlichen Christentum zitiert. Er sagte:

„Im Neuen Testament steckt eine Theologie der  - ich wage das Wort – Zärtlichkeit, die immer heilend wirkt: durch Worte, durch Handauflegen, das man ja auch Streicheln nennen kann, durch Küsse, eine gemeinsame Mahlzeit. Dieses Element des Neuen Testaments – das zärtliche – ist noch gar nicht entdeckt worden; es ist alles in Anbrüllen, Anschnauzen verwandelt worden; es gibt doch gewiss Menschen, die durch eine Stimme, einfach durch das Tonmaterial einer bestimmten Stimme geheilt werden können; oder durch eine gemeinsame Mahlzeit.“

Die radikale Orientierung an den ethischen Aussagen der Schrift hat wesentlich dazu beigetragen, dass Böll in den Ruf eines Moralisten gekommen ist. Seine gesamte Kirchenkritik ist darauf aufgebaut, Verstöße gegen biblische Maximen im kirchlichen Innenraum festzustellen. Wir haben dies in unserem Zitat aus Bölls Roman „Billard um halbzehn“ auf unserem Einladungsplakat deutlich gemacht: „Wenn Ihr an ihn glaubt, warum tut ihr nicht, was er befohlen hat?“

„Unter Christen ist Barmherzigkeit wenigstens möglich, hin und wieder gibt es sie: Christen, und wo einer auftritt, gerät die Welt in Staunen. Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe, für die die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.“

1982 stirbt sein ältester Sohn Raimund mit 35 Jahren.

Während einer politisch motivierten Reise nach Südamerika erkrankt Böll an einem Gefäßleiden in folge seines starken Tabakkonsums. Er muss in Deutschland operiert werden.

Nach einer weiteren Operation und Rückkehr aus dem Krankenhaus in sein Haus stirbt Hinrich Böll im Juli 1985.

Böll lag mit der sichtbaren Kirche im Streit. Sie erschien ihm bis zuletzt lebensfern, menschenfern, bürokratisch, oft unbarmherzig, machtverliebt und in Allianz mit Militärs und Managern, mit den Reichen vor allem, mit Herrschenden verschiedenster Art und eben weit weniger mit den Armen. Er wünschte sich eine andere Kirche: barmherziger, freier, mehr an Jesus von Nazareth als an Amtsträgern orientiert. Böll hat Priester karikiert, Prälaten, Bischöfe, er hat aber auch Priester detailgetreu, mit großer Liebe beschrieben. Und er wollte nicht ohne den Segen eines katholischen Priesters begraben werden.

Er wurde drei Tage später unter großer Anteilnahme (von Freunden und Bevölkerung und im Beisein der Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker durch einen der Familie befreundeten Priester nach katholischem Ritus bestattet.

Anschließend hagelte es Vorwürfe von links und rechts.

Konservative Kreise kritisierten, dass er als Ausgetretener niemals hätte kirchlich beerdigt werden dürfen.

Von links gab es den Vorwurf, diese Beerdigung sei eine kirchliche Anmaßung, ein unstattgemäßer Verstoß gegen Bölls Willen selbst gewesen.

Die Amtskirche rechtfertigte sich damit, dass Böll sich am Ende doch wieder der von ihm so heftig bekämpften Amtskirche unterworfen habe.

Diese Version ist offensichtlich falsch, verfasst, um dem Wortlaut des Kirchenrechts Genüge zu tun und die binnenkirchlichen Anfragen zu beruhigen.

Böll ist seinem Selbstverständnis gemäß immer Christ und Katholik geblieben. Er besuchte auch nach seinem Kirchenaustritt regelmäßig  Gottesdienste im In- und Ausland.

Er wollte nur aus der Körperschaft der deutschen Kirche als rechtlicher Institution mit Verquickung des Kirchensteuervertrages austreten, aus dem Körper der Kirche nicht.

Der befreundete Priester berichtet in einer veröffentlichten Predigt  von seinem letzten Besuch bei Heinrich Böll:
„Ich habe ihn kirchlich versehen. Kurz vor der Einlieferung ins Krankenhaus zeigte er mir wieder einmal mit zitternden und streichelnden Händen sein Kreuz, das er auf dem Schreibtisch stets vor sich hatte. In seinem Rücken hing das Foto seines verstorbenen und geliebten Sohnes Raimund; und daneben in der gleichen Rahmung als Block ein Christusbild, das eben dieser Sohn in Russland fotografiert hatte. Neben dem sterbenden Böll fand ich die Bibel.“ Nach diesen Dingen, die ich dem Erzbistum Köln mitteilte, hat der Herr Kardinal die kirchliche Beerdigung gestattet.

Heinrich Böll war ein Prophet, wie wir es alle sein sollen – hin auf Christus. Heinrich Böll war ein Hirte, wie wir es alle sein sollen: Lebenshilfe für Menschen – von Christus herkommend.“

Hannelore Bauer

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Apostelandacht zu Elisabeth Schmitz

Apostelandacht zu Elisabeth Schmitz, gehalten am 12. September 2010

Im Herbst des Jahres 2004 wurde zufällig in Hanau am Main in einem Kellerraum eines Kirchengebäudes eine offenbar herrenlose Aktenmappe aufgefunden. Sie musste seit vielen Jahren in diesem Raum gelegen haben, denn sie war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Auf ihr lag ein großer Zettel mit der Aufschrift „Nachlass Dr. Elisabeth Schmitz“.

Die Aktenmappe war prall gefüllt mit sieben Ordnern und einer Vielzahl Unterlagen verschiedenster Art. Und kaum jemand wusste damals überhaupt noch, wer diese Dr. Elisabeth Schmitz gewesen war.

Man fand darin auch Schulhefte, in denen sie handschriftlich eine Denkschrift mit dem Titel „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ verfasst hatte. Diese Denkschrift war zwar schon bekannt, aber einer anderen Autorin zugeschrieben worden.

Nun begannen sich Kirchenhistoriker für sie zu interessieren und erkannten, welchen wichtigen Beitrag sie mit dieser Denkschrift und mit ihrer Tätigkeit für die Bekennende Kirche geleistet hatte.

Man entriss sie buchstäblich der Vergessenheit. Im November 2005 weihte der Hanauer Oberbürgermeister für die 1977 Gestorbene ein Ehrengrab und einen Gedenkstein und hielt eine Rede. Aufsätze und Zeitungsartikel erschienen über sie. Und im Mai 2007 fand anlässlich ihres 30. Todestages in Berlin eine Fachtagung über ihre Bedeutung für den kirchlichen Widerstand statt. Die dort gehaltenen Vorträge wurden 2008 in einem Buch dokumentiert. Im gleichen Jahr drehte ein Amerikaner einen Dokumentarfilm über sie, und Bundeskanzlerin Angela Merkel erwähnte sie in ihrer Rede zum 70. Jahrestag der Reichsprogromnacht im November 2008. Vor etwa 3 Monaten erschien schließlich eine umfangreiche Biografie über ihr Leben.

Ihr Biograf Manfred Gailus schreibt darin, dass sie es verdient hätte, in eine virtuelle protestantische Heiligen- und Heldengalerie aufgenommen zu werden.

Wer war also diese Frau?

Elisabeth Schmitz wurde 1893 als jüngste Tochter eines Gymnasialprofessors in Hanau geboren. Alle drei Schmitz-Töchter besuchten standesgemäß eine vornehme private „Höhere Mädchenschule“ in Hanau.

Seit 1908 wurden in Preußen viele gymnasiale Mädchenschulen gegründet, die zum Abitur führten – nicht jedoch in Hanau. So musste die 15jährige Elisabeth auf ein Mädchengymnasium in Frankfurt wechseln und täglich einen langen Schulweg in Kauf nehmen, um dort nach 5 Jahren Abitur zu machen. Sie nahm sich ihre Religionslehrerin zum Vorbild: unabhängig und selbstbewusst, klug und gebildet, berufstätig, modern und frei.

Ein Theologiestudium im Hauptfach für Frauen war damals noch undenkbar. So studierte sie zunächst in Bonn mit dem Ziel Gymnasiallehrerin das Fach Germanistik. Als Nebenfächer wählte sie Geschichte und Evangelische Theologie.

Im April 1915 wechselte sie nach Berlin und studierte dort bei den berühmten Kulturprotestanten Adolf von Harnack und Friedrich Meinecke. Anfang 1920 schloss sie ihr Studium mit dem Doktorexamen ab.

Anschließend begann sie ihren Vorbereitungsdienst für das Höhere Lehramt mit dem Ziel Studienrätin und absolvierte zugleich ein zweites, freiwilliges Ergänzungsstudium an der Theologischen Fakultät.

Nach Abschluss ihres Vorbereitungsdienstes unterrichtete sie schließlich an diversen, häufig wechselnden Einsatzorten in Berliner Schulen und übernahm auch kleine wissenschaftliche Nebenbeschäftigungen zur Aufbesserung ihrer Finanzen.

In diesen frühen Jahren war sie einerseits gern gesehenes Mitglied in einem Kreis von Studierenden bei Adolf von Harnack und hatte sich auch mit dessen Töchtern befreundet. Andererseits klagte sie in ihren Briefen wiederholt über ihre Einsamkeit. So schrieb sie in einem Brief nach Hanau: „Ich brauche Menschen und nicht nur Bücher!“

Von Bekanntschaften zu jungen Männern wissen wir nichts – wahrscheinlich gab es sie nicht.

Es erwartete sie das zölibatäre Leben einer Studienrätin, einer Beamtin, die vor der Zwangsalternative stand, entweder zu heiraten und dadurch den Beruf zu verlieren, oder den Beruf weiter auszuüben und dafür ledig, familienlos, kinderlos zu bleiben.

Sie bewohnte weiterhin ihre Einzimmer-Studentinnen-Möbliertwohnung; aß, arbeitete und schlief zwischen Büchern; pendelte zwischen Berlin und Hanau, im jährlichen Wechsel von Unterrichts- und Ferienzeiten.

Ihre beste Freundin war in dieser Zeit die jüngste der drei Harnacktöchter, mit der sie sich häufig zum „Tee“, d.h. zum ausführlichen Erzählen traf, mit der sie sich brieflich austauschte. Das Briefeschreiben wurde ihr zur eigentlichen Kommunikationsform und zum idealen Ausdrucksmittel. Und nur durch diese Briefe wissen wir noch etwas von ihrem Leben.

Fotos aus dieser Zeit zeigen das Gesicht einer Studienrätin: schmal, Brille, nicht unbedingt ein Blickfang für heiratswillige Männer; insgesamt eine ausgesprochen evangelisch-pfarrfrauenhafte Erscheinung. Der weibliche Körper wurde von ihr nicht nur verhüllt, sondern geradezu versteckt. Er hatte zu funktionieren für den Dienst, für den Geist, ansonsten galt es, ihn zu neutralisieren.

1929 erhielt sie schließlich nach vielen befristeten Verträgen eine Planstelle in Berlin und wurde zur Studienrätin ernannt. So erlangte sie endlich mit 35 Jahren finanzielle Sicherheit und konnte 1933 eine angemessene Berliner Wohnung beziehen.

In diesem Mietshaus wohnte auch die Ärztin Dr. Martha Kassel. Sie war zwar evangelisch getauft, aber jüdischer Herkunft. Deswegen verlor sie ihre kassenärztliche Zulassung und konnte die Miete für ihre Wohnung nicht mehr zahlen.

Elisbeth Schmitz nahm im Herbst 1933 die 13 Jahre Ältere in ihre Wohnung auf.

Schmitz schreibt:

„Gestern abend war Frau Dr. Kassel wieder ganz verzweifelt. Sie sagte immerfort vor sich hin: ‚Warum hassen sie uns denn nur so? Ich kann es gar nicht verstehen.’ Sie fühlt sich gar nicht als Jüdin, hat es nie getan und ist so fassungslos, dass man sie trennen will vom Deutschtum, wo sie doch deutsche Literatur und Kunst und Landschaft und alles so liebt.“

Das war für Elisabeth Schmitz der erste wesentliche Schock nach wenigen Monaten „nationaler Revolution“, den sie hautnah zu spüren bekam. Er ließ sie diese Zeit aus der Perspektive der Ausgegrenzten und Verfolgten wahrnehmen.

Ein weiterer Bezugspunkt war die Theologie Karl Barths. Er hatte für sie nach dem Tod ihres Mentors Adolf von Harnack die Rolle einer neuen geistigen Vaterfigur eingenommen.

Karl Barth war 1933 noch Professor in Bonn. Elisabeth Schmitz schrieb ihm:

„Verzeihen Sie, dass ich als Ihnen gänzlich Unbekannte an Sie schreibe. Aber es drängt mich dazu aus der tiefen Not der Zeit heraus. In meinem engsten Freundeskreis erlebe ich erschütternd schwer die Folgen der Judenverfolgung. Die Flut von Undankbarkeit, Ungerechtigkeit, Hass, Lüge, Grausamkeit, die über unsere jüdischen und von Juden abstammenden Volksgenossen hereinbricht, scheint mir ein so furchtbarer Beweis von Sünde und Schuld der ‚christlichen’ Seite, dass uns doch wohl noch in anderm Sinne als sonst Todesangst erfassen müsste vor dem Gericht Gottes. Aber die Kirche feiert Ostern in der Siegesstimmung, die augenblicklich durch unser deutsches Volk geht.“

Abschließend fragte sie den renommierten Theologen, dessen Stimme in Deutschland am meisten gehört werde, ob er nicht etwas tun könne, um die Gewissen wach zu rütteln.

Barth antwortete ausweichend diplomatisch.

Anlässlich der letzten Kirchenwahlen vom Juli 1933 kam Schmitz in die Gemeindevertretung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisgemeinde. Dort wurde sie Mitglied der Bekennenden Kirche und traf sich regelmäßig mit Gleichgesinnten in verschiedenen Kreisen.

Jüdische Schülerinnen wurden in dieser Zeit laufend diskriminiert und mussten nach und nach die Schule verlassen. Schmitz und manche Kolleginnen nahmen sie so weit wie möglich in Schutz. Die Schulleiterin wurde wegen ihrer linken politischen Haltung abgesetzt. Trotz Kontaktverbots traf man sich aber regelmäßig privat bei ihr.

Das Jahr 1935 wurde für Elisabeth Schmitz sehr entscheidend. In den Sommerferien fasste sie den Entschluss, eine umfassendere Stellungnahme zur Lage der Juden in Deutschland auszuarbeiten. Sie verfasste eine Denkschrift für die Bekennende Kirche.

Im ersten Abschnitt „Die innere Not“ schildert sie die Aufhetzung der öffentlichen Meinung und die Folgen der Verhetzung. Sie präsentiert eine Zitatenkollage aus NS-Blättern über antijüdische Maßnahmen und Artikel sowie Reden der NS-Führer.

Sie zitiert Berichte über rassistische Maßnahmen und Kundgebungen im Bereich der Medizin und der Ärzteschaft und schließt die Zitatensammlung mit folgenden Worten:

„Wer ruft die Gemeinden und unser ganzes Volk zurück zu dem, nach dem alles Christentum sich nennt? Zu dem, der seiner Kirche gerade den Samariter, den „artfremden“, verachteten Mischling“ als das große Beispiel der Barmherzigkeit, des praktischen Christentums hinstellt? Zu dem, der gesagt hat: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst – und gegen dessen Gebote es sich empört? Und wer von uns wagt, sich zu sondern von seinem Volk, das diese Schuld auf sich lädt? Dieses Volkes Schuld ist auch unsere Schuld.“

Im zweiten Abschnitt „Die äußere Not“ werden Folgen der Gesetzgebung beschrieben, wiederum mit zahlreichen Beispielen: die berufliche Not durch das Berufsbeamtengesetz, die wirtschaftliche Not durch den Boykott. Sie schließt diesen Abschnitt:

„Was sollen wir antworten einst auf die Frage: ‚Wo ist Dein Bruder Abel?’ Es wird auch uns, auch der Bekennenden Kirche keine andere Antwort bleiben als die Kainsantwort.“

Im dritten Abschnitt „Die Stellung der Kirche“ fasst sie zusammen, was sie angesichts aller dieser Ereignisse und Maßnahmen zum weitgehenden Schweigen der Bekennenden Kirche zu sagen hat. Einer Judenverfolgung im Namen von Blut und Rasse müsse notwendigerweise eine Christenverfolgung folgen.

„Warum tut die Kirche nichts? Warum lässt sie das namenlose Unrecht geschehen? Wie kann sie immer wieder freudige Bekenntnisse zum nationalsozialistischen Staat ablegen, die doch politische Bekenntnisse sind und sich gegen das Leben eines Teils ihrer eigenen Glieder richten? Warum schützt sie nicht wenigstens die Kinder? Sollte denn alles das, was mit der heute so verachteten Humanität schlechterdings unvereinbar ist, mit dem Christentum vereinbar sein? Menschlich geredet bleibt die Schuld, dass alles dies geschehen konnte vor den Augen der Christen, für alle Zeiten und vor allen Völkern und nicht zuletzt vor den eigenen künftigen Generationen auf den Christen Deutschlands liegen.

Seit wann hat der Übeltäter Recht, seine Übeltat als den Willen Gottes auszugeben? Seit wann ist es etwas anderes als Gotteslästerung zu behaupten, es sei der Wille Gottes, dass wir Unrecht tun? Hüten wir uns, dass wir den Greuel unserer Sünde nicht verstecken im Heiligtum des Willens Gottes. Es könnte sonst wohl sein, dass auch uns die Strafe der Tempelschänder träfe, dass auch wir den Fluch dessen hören müssten, der die Geißel flocht und trieb sie hinaus.“

Elisabeth Schmitz überreichte ihren Text am 5. September 1935 einem Pfarrer in Berlin zur weiteren Verwendung im Raum der Bekennenden Kirche.

Die Denkschrift soll wohl der dritten altpreußischen Bekenntnissynode in Berlin-Steglitz übergeben worden sein. Doch der Synode ging es um die Kirche selbst, nicht um die rassisch verfolgten Menschen. Um der Existenz der Kirche willen hielten die meisten es für inopportun, etwas gegen die Politik des NS-Staates zu sagen.

Vermutlich kursierte das anonyme Papier zunächst in wenigen Exemplaren. Dietrich Bonhoeffer übersandte jedenfalls ein Exemplar an einen Pfarrer in London.

---------------Musikstück, Kirchenlied??-----------------

Elisabeth Schmitz entschloss sich, weiteres Material zu sammeln und die Denkschrift um einen Nachtrag mit dem Titel „Folgen der Nürnberger Gesetze“ zu ergänzen. Sie hatte einen Vervielfältigungsapparat erworben, schrieb den Text auf Matrize und stellte in ihrer Wohnung eigenhändig etwa 200 Exemplare her. Ein Teil davon wurde auf der Arbeitskonferenz der Bekennenden Kirche in Brandenburg im Juni 1936 verteilt. Andere gelangten an einflussreiche Einzelpersönlichkeiten der Kirchenopposition.

Mit dem Verfassen und der subversiven Verbreitung ihrer Denkschrift hatte sie entschiedenen Widerspruch gegen zentrale Politikziele des NS-Regimes geleistet, eine riskante Aktion, deren Aufdeckung ihr mindestens mehrjährige KZ-Haft eingebracht hätte.

Im Herbst 1937 sprach sich herum, dass sie mit einer ‚nichtarischen’ Ärztin zusammenwohnte. Nach einer Denunziation durch den Blockwart vernahm die Parteileitung die Lehrerin. Der Groß-Gau Berlin verlangte die sofortige Entlassung der Lehrerin und überwies den Vorgang an die Schulbehörde. Sie wurde vorgeladen und traf zum Glück auf einen verständnisvollen Schulbeamten. Erforderte sie auf, zur Besänftigung der NSDAP in die NS-Volkswohlfahrt einzutreten. Das tat sie auch, worauf die Behörde den Vorgang als erledigt erklärte.

Im Jahr 1938 verließ Martha Kassel schließlich die gemeinsame Wohnung und kam bei einem jüdischen Arzt unter, den sie heiratete und mit dem sie im Dezember 1938 nach Argentinien emigrierte.

Die Tage um die Reichspogromnacht im November 1938 versetzten Elisabeth Schmitz in einen permanenten Erregungs- und Unruhezustand, der sie krank machte. Am 9. November betrat sie zum letzten Mal die Schule und ließ sich anschließend krankschreiben. Ihre Ärztin bescheinigte ihr einen Nervenzusammenbruch. In den Weihnachtsferien schrieb sie dann einen Antrag auf Frühpensionierung, dem auffällig schnell stattgegeben wurde. Ab April 1939 war Elisabeth Schmitz im Alter von 45 Jahren frühpensioniert und erhielt ein Ruhegehalt.

Nach ihrer Pensionierung verstärkte sie ihr Engagement in der Kirchenopposition und war Teil der Dahlemer Gemeinde der Bekennenden Kirche.

Sie erhielt den gefährlichen Auftrag, Religionsunterricht an Juden zu erteilen, die sich taufen lassen wollten und tat dies mit Hausbesuchen in den sogenannten „Judenwohnungen“, weil kirchliche Räume nicht genutzt werden durften. Damit erlangte sie tiefe Einblicke in jüdische Schicksale. Anlässlich einer Gedenkfeier in einer Hanauer Schule im Jahre 1950 berichtete sie:

„Von einem jungen Mädchen möchte ich erzählen, die auch zu denen gehörte, die der NS glaubte als ‚Untermenschen’ ausrotten zu dürfen. Sie war verlobt mit einem Ingenieur, der Christ, aber der Abstammung nach Jude war. Ihr Verlobter lebte ihr sein Christentum so eindrucksvoll vor, dass sie wünschte, getauft zu werden. Das war längst verboten und musste in tiefer Heimlichkeit geschehen. Ich gab ihr den Unterricht und denke oft und gern zurück an diese Stunden, an den Ernst und die Aufgeschlossenheit des jungen Mädchens. Meist war auch ihr Verlobter dabei. Sie heirateten. Die Trauung und Taufe der jungen Frau vollzog ein Pfarrer der Bekennenden Kirche. Längst hatten die Deportationen schon angefangen, aber die beiden waren noch nicht dabei. Die junge Frau erwartete ein Kind. Am 3. Tag nach der Geburt kamen die Männer, um sie zu holen. ¾ Stunden lang brauchten sie, um zu telefonieren und Befehle einzuholen und einzusehen, dass das schlechterdings nicht möglich war. Der kleine Junge wuchs und war gesund, obwohl seine Mutter nur ein wenig Magermilch für ihn bekam. Er war ein reizendes Kind. Sie fuhr es spazieren und obwohl sie den Judenstern trug, wurde sie doch um des netten Kindes willen manchmal angesprochen. Da macht ihr Mann ihr klar, dass sie sich und die andern in höchste Gefahr bringe, sobald jemand anzeige, dass andere mit ihr sprächen. Da fuhr sie ihr Kind nicht mehr aus, sondern ließ es im Zimmer in seinem Körbchen. An dies Zimmer muss ich immer wieder denken. Das Seitengebäude des Hauses war bei einem schweren Angriff ausgebrannt. Ruinen starrten herein. Aber innen wohnte der Friede. Ich stand mit der jungen Mutter vor dem Körbchen des schlafenden Kindes, seine Atemzüge waren das einzige, was man hörte, so still war es. Sie glaubte so zuversichtlich, dass Gott das Kind nicht habe geboren werden lassen, um es gleich wieder zu sich zu nehmen. Mir aber zerriss es das Herz, wenn ich daran dachte, welchem furchtbaren Schicksal dies Kind entgegen schlief, und ich hatte keine Hoffnung. Als ich das nächste Mal kam, war die Wohnung leer. Sie waren nach Theresienstadt transportiert worden, aber, wie wir nach dem Zusammenbruch hörten, von dort weiter nach Polen zur Vergasung. Wir haben nie mehr etwas von ihnen gehört.“

Die Zusammenkünfte ihrer Kreise in der Bekennenden Kirche wurden zunehmend von der Gestapo überwacht und Ende 1942 definitiv verboten.

Im April 1943 siedelte sie nach Hanau in ihr Elternhaus um.

Nach Kriegsende arbeitete sie zielstrebig daran, mit häufigen Briefwechseln ihre alten Kontakte wieder aufzunehmen, manche Briefpartner besuchte sie auch.

Ostern 1946 wurde sie wieder als Lehrerin reaktiviert am Realgymnasium für Mädchen in Hanau.

Wie früher las sie viel und nahm Anteil an Debatten, fuhr wiederholt nach Bonn, um Vorlesungen von Karl Barth zu hören.

Es ist aus der Rückschau allerdings schwer nachzuvollziehen, warum sie sich zu dieser Zeit nicht als diejenige zu erkennen gab, die 1935/36 die anonyme Denkschrift gegen die Judenverfolgung geschrieben hatte.

In der Schulverwaltung und wohl auch an ihrer Schule genoss sie eine anerkannte, geachtete Stellung. In ihrer Personalakte steht anlässlich ihrer Wiederverbeamtung, ihr erzieherischer Einfluss und ihre entschieden christliche Einstellung seien von unschätzbarem Wert für die junge Generation. Bei Gedenkanlässen in der Schule war sie es, die um ‚den Vortrag’ gebeten wurde.

Eine Schmitz-Schülerin erinnert sich an sie:

„Sie war eine große, stattliche, streng wirkende Lehrerin in faltigem langen Wollrock und hochgeschlossener Bluse. Sie war eine bescheidene Persönlichkeit, der wir gewissen Respekt entgegen brachten und deren Klugheit wir spürten. Aber eine Lehrerin, für die wir schwärmten, war sie nicht.“

Mit Wirkung vom 1. September 1958 wurde die Oberstudienrätin Schmitz im Alter von 65 Jahren regulär in den Ruhestand versetzt. Eine angemessene Beschäftigung fand sie nun verstärkt im Hanauer Geschichtsverein. Ihre eigene Geschichte hat sie in diesem Rahmen aber niemals thematisiert.

Elisabeth Schmitz starb am 10. September 1977 in einem Offenbacher Krankenhaus im Alter von 84 Jahren. Zu ihrer Beisetzung in Hanau sollen sieben oder acht Personen erschienen sein.

Ihr Hanauer Haushalt wurde aufgelöst. Die vermutlich von ihr selbst in später Lebenszeit bewusst so gepackte und der älteren Schwester übergebene Aktentasche mit dem Wichtigsten ihres Lebens war eine Flaschenpost an die Zukunft. Sie ist angekommen.

Im alten, nationalprotestantisch geprägten Protestantismus bis 1970 musste Elisabeth Schmitz eine unbekannte Größe bleiben, eine unbequeme Außenseiterin, eine lästige Randfigur, die nicht gehört wurde. Der neue Protestantismus des 21. Jahrhunderts wird das Gedenken an diese übersehene und überhörte Frau aus den eigenen Reihen noch sehr nötig haben. Sie könnte als eine protestantische Ikone des 20. Jahrhunderts jene Würdigung finden, die ihr zu Lebzeiten leider vorenthalten worden ist.

Der für sie im Jahr 2005 errichtete Gedenkstein in Hanau trägt die Inschrift:

„Elisabeth Schmitz, 1893 bis 1977, eine mutige Hanauerin, die aus christlichem Glauben heraus wachsam war und verantwortungsbewusst handelte, die schon früh die Anfänge nationalsozialistischen Unrechts anprangerte, die ihre Kirche drängte, sich öffentlich für die Entrechteten einzusetzen, die ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben für Juden eintrat und sie bei sich aufnahm, in ehrendem Gedenken, Stadt Hanau, Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck.“

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Friedrich von Bodelschwingh

Apostelandacht zu Friedrich von Bodelschwingh, gehalten am 6. Juni 2010

Friedrich von Bodelschwingh starb schon vor genau 100 Jahren, im April 1910.

Was kann uns eine Persönlichkeit heute bedeuten, die schon so lange tot ist?

In der Tat gehört Friedrich von Bodelschwingh einer anderen Epoche an – er wurde 1830 geboren und starb mit 80 Jahren, als Kaiser Wilhelm II. noch regierte.

Aber für die Kirchen- und die deutsche Sozialgeschichte ist er eine bedeutende Persönlichkeit. Wir können uns einige Züge seiner Persönlichkeit zum Vorbild nehmen; mit anderen allerdings habe ich meine großen Schwierigkeiten und lehne sie für mich persönlich ab.

Bedeutet das „von“ in seinem Namen, dass er Adliger war?

Ja, er stammte aus einem alten westfälischen Adelsgeschlecht, das über viele Generationen Offiziere und Beamte für den preußischen Staatsdienst stellte. Auch sein Vater war ein hoher preußischer Beamter und für einige Jahre sogar Innenminister Preußens.

Friedrich wurde sogar zum Spielgefährten für den Prinzen Friedrich Wilhelm ausgewählt, dem späteren Kaiser Friedrich III.

Das Elternhaus war streng bibelgläubig und pietistisch gestimmt.

So waren es wohl die Eltern, die Friedrich das Theologiestudium nahe legten?

Nein, Friedrich trat zunächst im Einvernehmen mit seinen Eltern eine Lehre zum Landwirt an. Er lernte auf einem großen Gut in Hinterpommern. Dort erlebte er, wie die Kleinbauern von den adligen Großgrundbesitzern systematisch ausgebeutet und schließlich von ihren Höfen vertrieben wurden. Das Unrecht und die Not der Tagelöhner berührten ihn tief. Er brachte viele von ihnen beim Rübenanbau in Arbeit, verschaffte ihnen Wohnraum. Die bis dahin tätigen ortsfremden Landarbeiter entließ er und schob sie ab.

Er erlernte also nicht nur die Landwirtschaft, sondern wurde dabei auch schon sozial tätig.

Gleichzeitig verteilte er erbauliche Traktate an die Kinder.

Schon hier bildete sich seine Überzeugung heraus, dass tätige Nächstenliebe den ganzen Menschen umfassen muss; dass praktische Hilfe mit der Verkündigung des Evangeliums einhergehen muss; dass liebevolle Hinwendung und strenge Zucht zusammengehören, ebenso das Prinzip Arbeit statt Almosen.

Und wie kam es denn dazu, dass er schließlich Theologie studierte?

Friedrich wurde damals durch die Schriften der Erweckungsbewegung innerlich berührt. Er vermied die Vergnügungen des Landlebens, las in der Einsamkeit regelmäßig im Neuen Testament. Er berichtet später, dass eine fromme Schrift für Kinder mit dem Titel „Tschin, der arme Chinesenknabe“ das Berufungserlebnis in ihm ausgelöst habe. Er schreibt: „Wo ich diese einfachen Worte las, war es plötzlich, als ob mir die Schuppen von den Augen fielen in Bezug auf meinen eigenen Lebensberuf. Ich hätte bis dahin niemals auch nur einen leisen Gedanken gehabt, dass ich Pastor werden möchte. In diesem Augenblick aber wurde es mir so vollständig gewiss, dass mir Gott diesen Beruf geschenkt habe, und ich konnte Gott mit Freudentränen dafür danken.“

Es war also eine schwärmerische Stimmung, in der er beschloss, Missionar zu werden

Zudem starb in dieser Zeit sein Vater, was ihn innerlich sehr erschütterte.

Begann er dann also eine Ausbildung zum Missionar?

Eigentlich wollte er möglichst schnell als Missionar der Basler Missionsgesellschaft zu den Heiden aufbrechen, um sie zu missionieren.

Aber sein Onkel und neuer Vormund Karl von Bodelschwingh, der damalige preußische Finanzminister, drängte ihn, neben der Ausbildung im Missionshaus zugleich die Universität Basel zu besuchen und dort Theologie zu studieren.

An der Universität Basel suchte er sich Lehrer, die den Erweckungsgedanken vertraten, im Gegensatz zu den liberalen Theologen. Die moderne Bibelkritik lehnte er ab.

Er schreibt: „Es wird so viel handwerksmäßige Künstelei mit der Heiligen Schrift getrieben, dass man die stille heilige Freude an ihr verliert – und dazu kommt der konfessionelle Hader, dessen geradezu erkältende Wirkung ich nun auch habe spüren müssen.“

Später setzte er sein Theologiestudium in Erlangen und Berlin fort.

Während seines Berliner Studiums machte er zur Vorbereitung des Missionsdienstes auch eine Ausbildung in Krankenpflege und Arzneikunde.

Zu den Inhalten seines Theologiestudiums äußerte es sich später nochmals sehr kritisch. Er schreibt: „Nach zweijähriger angestrengter wissenschaftlicher Arbeit ist der Weg des Heils mir nicht heller, sondern dunkler geworden.“

Wird er denn nach dem Ende seiner Ausbildung auch Missionar?

Nein, die Arbeitsfelder der Inneren Mission reizten ihn allmählich mehr als die missionarische Tätigkeit unter den Heiden.

So nahm er für sechs Jahre eine Stelle bei der „Evangelischen Mission unter den Deutschen in Paris“ an. Seine Welt dort waren die Elendviertel, in denen viele Tausend Deutsche in ärmlichsten Verhältnissen quasi als Gastarbeiter lebten und als Gassenkehrer die Straßen säuberten und im Müll nach brauchbaren Resten suchten.

Diese Deutschen lebten unter sich, sie lernten meist auch kein Französisch, die Kinder sprachen nur noch schlecht Deutsch. – Ihre Lage ähnelte der unserer heutigen Migranten.

Er sammelte die Kinder der Gassenkehrer, baute für sie eine Schule und ließ sie zweisprachig lernen. Außerdem baute er auf einem verwahrlosten Hügel eine Kirche und bescheidene Wohnungen für die Gassenkehrerfamilien.

Wie wurde das denn alles finanziert?

Er reiste dazu in große deutsche Städte, warb um Spenden und organisierte Spenderkreise. Hier zeigte sich bereits sein großes Talent, breite Schichten zum Spenden zu bewegen. Er ist damit der erste bedeutende Spendensammler, neudeutsch „Fundraiser“.

Seine guten Beziehungen zum preußischen Königshaus halfen ihm dabei sehr. So wurde im gesamten Preußen für seine Arbeit eine Kirchenkollekte veranstaltet, mit deren Ertrag er alle Schulden seiner Unternehmungen tilgen konnte.

Während seiner Pariser Tätigkeit heiratete er auch seine Cousine Ida von Bodelschwingh.

Nach ihrer ersten Geburt wurde sie allerdings schwer psychisch krank, und die Ärzte rieten ihm, wieder nach Deutschland überzusiedeln. Er nahm eine Pfarrstelle im Kirchenkreis Unna an.

Kümmerte er sich denn als Gemeindepastor weiter um soziale Angelegenheiten?

Ja, das Elend der Arbeiterschaft ist weiterhin sein Thema. Er sieht die Ursache im moralischen Versagen vor allem der Unternehmer, in ihrem ungebremsten Profitstreben. Sie kamen seiner Meinung nach ihren sittlichen Verpflichtungen zur Fürsorge für ihre Arbeiter nicht nach. Sie haben den Respekt vor der göttlichen und weltlichen Ordnung verloren. Er machte die Gottvergessenheit der Gesellschaft für die Entstehung der sozialen Frage verantwortlich.

Die Sozialdemokratie sah er allerdings als weltanschaulichen Gegner an.

„...arme, willenlose Knechte ihrer Leidenschaften und Begierden, ein elender, verwahrloster Haufen, fleißig im Saufen und Blau-Montag-Feiern, zum großen Teil ohne jeden Unterricht, und ohne die dürftigsten Inbegriffe von Gott und christlichem Glauben aufgewachsen...“ - Keine Klage über die heutige Spaßgesellschaft, sondern B.s Urteil über die bürgerliche Revolution von 1848. Zur Abhilfe empfiehlt er heute nicht mehr oder kaum noch anwendbare Zwangsmaßnahmen (schon damals erfuhr B., dass ein strikter Puritanismus nicht durchsetzbar war) - aber wie geht es denn dann? Die Existenz einer verbreiteten Brot-und-Spiele-Erwartungshaltung scheint, auch ohne moralinsaures Lamento, unbestreitbar. (B. erkennt scharfsichtig, dass „die Industrie“ das „in Eitelkeit“ kultivierte „raffinierte Wohlleben“ ebenso benötigt wie die immer schneller fließenden Kapitalströme. Im Kern ist diese Diagnose vollkommen aktuell.) Wie wäre B.s Vision der Inneren Mission heute umzusetzen? Muss ein Gottesdienst Spaß machen? Muss man Kindern und Jugendlichen Jesus Christus als „cool“ anbieten?

(...)

War er denn auch ein glücklicher Familienvater?

Ja, seine Frau Ida bekam in dieser Zeit drei weitere Kinder. Aber alle vier Kinder erkrankten an einer Lungenentzündung und starben innerhalb von zwei Wochen. Bodelschwingh deutete dies furchtbare Ereignis als Strafe Gottes dafür, dass sie als Eltern allzu sehr an ihren Kindern gehangen hatten. Er erschrak über die eigene Sündhaftigkeit und wollte sich völlig dem Willen Gottes unterwerfen. Der Tod seiner Kinder wurde für ihn das Vorbild für ein „gelungenes Sterben“, das es zu erlernen gelte. Für uns ist das schwer nachzuvollziehen, aber es half ihm wahrscheinlich, das schwere Leid zu verarbeiten.

Die Erfahrung von Krankheit bis hin zum einen selbst oder nahestehende Menschen bedrohenden Tod hat B. zufolge Zeichencharakter und ruft zur Bußehaltung auf: der Kranke soll erkennen lernen, dass sein Leben gegeben, geschenkt ist. Wir leben einzig aus der Gnade. Der Kranke ist aufgerufen, seinen eigenen Willen dem göttlichen ganz unterzuordnen, sich u.U. heilsam brechen zu lassen, nicht aus Verzweiflung an der Krankheit, sondern als Übergang von Hochmut zu Demut. In dieser Haltung drückt sich ein Vorverständnis aus, das B.s Leben und Wirken insgesamt geprägt zu haben scheint: Diakonie nicht als Durchführung eines sozialen und/oder politischen Programms, sondern ausdrücklich als (Innere) Mission, Hinführung des Menschen zu Gott.

Diakonie „hier und heute“ scheint häufig deutlich andere Schwerpunkte zu setzen; insbesondere tritt das missionarische Leitbild eher in den Hintergrund. Kann man begründet darüber spekulieren, wie B. zu solchen Entwicklungen stünde?

Sofort nach Amtsantritt in Bielefeld setzte er durch, dass ein neues Diakonissenmutterhaus gebaut wurde, außerhalb der Stadt neben der Epileptischen-Anstalt. Er entschied, dass die Epileptischen-Anstalt den Namen „Bethel“ bekommen sollte, übersetzt heißt es das „Haus Gottes“. Das neue Diakonissenmutterhaus wurde „Sarepta“, „Schmelzhütte“ genannt, eine Ortsbezeichnung aus dem Alten Testament, in dem eine Witwe den Propheten Elia bewirtete, obwohl sie selbst schon fast verhungert war.

Auch bei der Benennung der Häuser verwendet er gern biblische Orts- und Landschaftsnamen. Damit will er ausdrücken, dass die Betheler Gemeinde aus Kranken, Diakonissen und Diakonen, Ärzten und Pastoren eingebettet ist in die Heilsgeschichte, die Gott mit seinem erwählten Volk Israel schreibt. Für ihn ist das irdische Leben der Weg auf die Ewigkeit zu und Bethel eben ein Ort, an dem man sich darauf vorbereitet.

Im positivsten Sinne beeindruckend ist B.s Überzeugung, Bethel nicht auf materielle Rücklagen, sondern auf das Fundament des Glaubens gegründet zu sehen. Die Stiftung bzw. die Anstalten sollten dementsprechend den Eindruck äußerlicher „Armut und Niedrigkeit“ und zugleich „weiter Barmherzigkeit“ vermitteln. - Heute gibt es gelegentlich Anlass zu öffentlicher Diskussion, welche Preislage für die Dienstwagen des Leitungspersonals karitativer (wenn auch bislang nicht kirchlicher) Körperschaften angemessen sei. Führt das (zwingend) zu einer kritischen Bewertung des Fundraising-Ansatzes? Es gibt auch die Vorstellung, um anderen helfen zu können, müsse man selbst ungebrochen stark sein - und dies auch nach außen darstellen. Die innere Kraft, von der zuvor die Rede war, meint etwas anderes - oder? Geht beides zusammen? (Im Grunde liegt hier wieder die schon diskutierte Frage vor, ob grundlegende Hilfe - über Almosen hinaus - geleistet werden kann, ohne dass man selbst an gesellschaftlichen Zusammenhängen beteiligt wird, die mindestens dazu beitragen, die Hilfeleistung erst erforderlich zu machen. Kann man zwei Herren dienen?)

Die Anstalt wuchs sehr rasch, finanziert von vielen Spendengeldern aus Fördervereinen im ganzen Land, die nach den Besuchen von Bodelschwingh gegründet wurden.

Das klingt so, als ob Bodelschwingh schalten und walten konnte, wie er wollte, hatte er denn keine Beiräte und Aufsichtsgremien, die Einfluss auf seine Arbeit nahmen?

 

Bodelschwingh muss eine sehr führungsstarke, charismatische Persönlichkeit gewesen sein. Es gab einen Verwaltungsrat, der ihn auch eingestellt hatte. Schon bei der Wahl der Namens Bethel war der Verwaltungsrat eigentlich dagegen. Bodelschwingh nahm aber einfach die Benennung vor, und nach einiger Zeit gab man den Widerstand auf und beschloss diesen Namen, wie Bodelschwingh es gewünscht hatte.

Er war auch überhaupt kein Demokrat und gegen demokratische Wahlen und Strukturen in der Kirche und im Staat. Er war Monarchist, unbedingter Anhänger des Hauses Hohenzollern und sein Verhalten erinnert mich stark an den Umgang Bismarcks mit dem preußischen Landtag und später dem Reichstag.

Der praktizierte ein kraftvolles Tatchristentum, hatte einen stahlharten Willen und zwang seine Mitmenschen mir seinem Charisma in die Gefolgschaft.

Einer der Biographen charakterisiert B.s teils schon rastlos, regelrecht getriebenen Tatendrang als „Aktivismus“ (nicht: Aktionismus). Liegt hier aus lutherischer Sicht nicht schon ein Rückfall in eine überwunden geglaubte Werkgerechtigkeit vor?

Inwiefern darf derjenige, der wie B. konsequente Härte gegen sich selbst praktiziert, entsprechende Maßstäbe auch bei anderen, hier den eigenen Mitarbeitern, anlegen? Lehrt christliches Ethos nicht auch den Blick für das Anderssein und mithin die unterschiedlichen Grenzen von Menschen?

Wurzelt hier womöglich auch B.s teils eigentümlich zwiespältig wirkendes Verhältnis zu den Kranken und Armen, dessen paternalistische Züge immer wieder hervorzutreten scheinen: manches legt die Interpretation nahe, dass er diese zwar als Brüder und Schwestern im Glauben sah, zugleich aber Schwierigkeiten hatte, sie auch als gleichberechtigte gesellschaftliche Subjekte zu verstehen - vielleicht, weil er ihre Not auch als Folge ihrer eigenen Schwäche auffasste? Sich selbst verzieh er (wahrgenommene) Fehler auch nicht - „hart gegen sich, hart gegen andere.“

Haben sich denn die Aufsichtsgremien und die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diesen autoritären Führungsstil gefallen lassen?

Von Widerständen ist nichts mehr bekannt. Mit der Zeit wurde er zur alles beherrschenden Schlüsselfigur des von ihm geschaffenen diakonischen Konzerns. Bereits 1883 war die Anstaltsgemeinde auf nahezu 900 Menschen angewachsen, und er war für alle der „Vater Bodelschwingh“, der immer neue Arbeitsfelder erschloss:

In der damaligen Zeit gab es eine große Zahl von Wanderarbeitern, die überall dort tätig wurden, wo sie gerade gebraucht wurden und ansonsten geradezu wie Landstreicher durch die Gegend zogen. Etliche besuchten auch Bethel und baten um Essen und Spenden. So gründete Bodelschwingh eine landwirtschaftliche Kolonie für Arbeitslose auf drei Höfen in einer wüsten Heide- und Moorlandschaft. Er ließ die wilden Flächen durch Wanderarbeiter für sehr geringe Entlohnung in Ackerland umwandeln. Sie erhielten im Wesentlichen nur freie Kost und Unterkunft sowie schlichte Kleidung. Alkohol war strengstens verboten, die Teilnahme an Hausandachten und Gottesdiensten Pflicht. Von Bielefeld aus wurden die Wanderarbeiter so weit wie möglich in feste Arbeitsstellen vermittelt. Er gründet dort so etwas wie ein erstes Arbeitsamt.

Damit nicht genug: Bodelschwingh startete einen Arbeiterwohnungsbau in zwei kleinen Arbeitersiedlungen. Er prophezeite: Schaffe man jedem fleißigen Fabrikarbeiter ein eigenes Haus, so sei die Sozialdemokratie bald tot und der Thron der Hohenzollern auf Jahrhunderte gesichert.

Seine christlich motivierte Berufstätigkeit wurde doch ursprünglich durch den Wunsch ausgelöst, Missionar zu werden. Hatte er das bei seiner rastlosen Tätigkeit eigentlich vergessen?

Nein, seine ursprüngliche Neigung zur äußeren Mission führte dazu, dass er in einer Berliner Missionsgesellschaft mitarbeitete, sie als charismatische Persönlichkeit schließlich geradezu beherrschte und ihren Sitz nach Bethel verlegte.

Schwerpunkt der Missionsarbeit wurden die deutschen Kolonien im heutigen Tansania und Ruanda, wo er eine Heil- und Pflegeanstalt nach dem Muster Bethels gründen ließ.

Die Bethelmissionare sollten den Afrikanern zugleich mit dem Christentum ein Bündel von Errungenschaften der westlichen Zivilisation vermitteln. Die getauften Afrikaner wurden zur Vaterlandsliebe zu Deutschland und zur Kaisertreue erzogen.

Ein seltsamer Höhepunkt war, als Missionare zwei aus der Sklaverei befreite afrikanische Kinder nach Deutschland brachten, die in Bethel getauft wurden. Es war nach meinem Eindruck so etwas wie eine Marketingaktion, um damit die Spendenbereitschaft in Deutschland zu erhöhen. Die Kinder starben nach kurzer Zeit an Schwindsucht. Ihr geduldiges Leiden und Sterben wurde in den Bethelpublikationen ganz im Sinne der Sterbefrömmigkeit Bodelschwinghs ausgeschlachtet.

Als in Afrika eine Hungersnot ausbrach, sammelte Bodelschwingh Spenden mit dem Werbespruch „Brot für Steine“: Die Spenden wurden zur Bezahlung von afrikanischen Arbeitern verwendet, die Steine für eine Kirche heranschafften und bearbeiteten, ganz nach seinem Motto: „Arbeit statt Almosen“. Die Sammlung war ein großer Erfolg.

Wenn ich das recht verstanden habe, war Bodelschwingh also sehr preußisch-deutsch-national gesinnt?

Ja, er sah in seinem christlichen Einsatz und seiner nationalen Haltung eine Einheit. Er schreibt in einem Brief an den Kronprinzen:

„Wir sind keine Heiligen. Aber das behaupte ich kühnlich, dass unsere Grundsätze und Ziele und auch alle unsere Mittel derartig sind, dass Eure Kaiserliche Hoheit sich mit uns durchaus eins wissen und sie alle gern unterschreiben: Dienende Liebe üben, selbstlose, unverfälschte, weitherzige gegen jedermann, besonders aber gegen alle Mitmenschen, die durch Mangel an Liebe verbittert, gesunken, verkommen, verarmt oder die sonst krank und elend sind. Dies alles aber nicht, um irgend äußeren Kirche Glanz und Ruhm zu verschaffen, sondern lediglich, um aus gottlosen, unglücklichen, verbitterten Menschen gottesfürchtige, glückliche, fröhliche, dankbare Menschen zu machen zur Ehre Gottes und zum Besten des Vaterlandes. Das ist der Zweck der evangelischen Diakonie.“ Solche Schreiben verband er meist auch mit einer Bitte um Spenden, die das Kaiserhaus auch häufig leistete.

Er hat also mit seinen Aktivitäten auch kräftig am Bündnis zwischen Thron und Altar geschmiedet. Wirkt doch heute eher befremdlich oder sogar abstoßend?

Mir behagt das auch nicht, war aber für die damalige Zeit typisch. Auch Wichern in Hamburg mit seiner Stiftung des Rauhen Hauses verfolgte die gleichen Ziele. Beide waren mit dieser Haltung nicht nur hinsichtlich der Spendenbereitschaft aus breiten Kreisen des Bürgertums erfolgreich, sondern sicherten damit auch der Monarchie die Gefolgschaft. Und nach dem Ende des ersten Weltkriegs haben diese Schichten der Bevölkerung und auch die meisten Geistlichen der evangelischen Kirche weiterhin eine deutschnationale Politik unterstützt und mit dem Weg über die Harzburger Front den Nationalsozialisten den Weg an die Macht erleichtert oder sogar erst ermöglicht. Erst einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich viele Geistliche unter dem Eindruck der Terrorherrschaft und den nationalsozialistischen Verbrechen davon befreit.

Zurück zu Bodelschwingh: Seine diakonische Tätigkeit war also auch indirekt politische motiviert. Wurde er dann auch direkt politisch tätig?

Ja, 1903 konnten sich die zwei nationalistisch-konservativen Parteien vor der Wahl zum preußischen Landtag zunächst nicht auf einen Kandidaten für den Wahlkreis Bethel einigen. Man fragte Bodelschwingh, und er kandidierte auf der Liste der Deutschkonservativen Partei und wurde tatsächlich gewählt. Im Mittelpunkt seines Wahlprogramms standen der Bau von Arbeiterhäusern und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Seine Reden im preußischen Landtag waren eine Mischung aus Predigt und Posse und sorgten stets für Heiterkeit im Plenum. Er spielte in der Politik die Rolle des komischen Kauzes voll kindlicher Naivität, Humor, Bauernschläue und Altersweisheit. Sein größter Erfolg war die Verabschiedung des preußischen Wanderarbeitergesetzes. Er wollte damit eine allgemeine Arbeitsvermittlung und eine Erwerbslosenfürsorge schaffen. Das Gesetz blieb aber weitgehend ohne Wirkung. Erst in der Weimarer Republik wurde die Arbeitslosenversicherung beschlossen.

Sein letztes Werk war der Aufbau einer Arbeiterkolonie vor den Toren Berlins.

Nach zwei Schlaganfällen starb er am 2. April 1910 im Kreis seiner Kinder.

Schon zu Lebzeiten war er zu einer Legende geworden. Nach seinem Tod erschien eine Flut von Erinnerungsliteratur, die sein Bild bis heute verklärt.

„Vater Bodelschwingh“ erscheint als eine Heiligengestalt von unerschütterlicher Glaubenskraft, überquellender Liebe und Barmherzigkeit.

Wäre ein neuer Bodelschwingh heute noch denkbar, heute noch möglich?

Heute sehen wir vor allem die geistige Enge seines Glaubens, ein Sendungsbewusstsein, das andere Meinungen nicht gelten ließ; einen mild patriarchalischen, autoritären Führungsstil, eine Rücksichtslosigkeit, mit der er andere Menschen für seine Zwecke einspannte.

Das würde heute wohl kaum einer mehr mit sich machen lassen. Ein geradezu mönchisches Leben mit spartanischem Lebensstil unter dem Motto: „Euer Lohn ist, dass Ihr dienen dürft“ kann keine Massen mehr begeistern.

Entsprechend ist die Diakonie heute vor allem professionalisiert, die Entgelte sind tarifvertraglich geregelt, es gibt Mitarbeitervertretungen, die auf die Interessen der Beschäftigten achten.

Diakonisches Handeln sollte (sage ich...) stets erkennbar aus dem christlichen Menschen- und Weltbild folgen: Wir dienen Gott, indem wir den Menschen dienen - und auch die Umkehrung gilt. Diakonie als tätige Nächstenliebe ist auch eine Erscheinungsform der christlichen Verkündigung. Unsere Gottesdienste wiederum sollen mehr sein als erbauliche, fromme Rituale: Sie dienen den Menschen, indem (insofern) sie ihnen den Weg Gottes mit dem Menschen erschließen und dazu einladen, sich der Liebe Gottes zu öffnen. (Wo das nicht gelingt oder auch von Menschen nicht mehr verstanden wird, steht die Kirche vor einem fundamentalen Problem.)

Gilt das im Bereich der Diakonie noch, oder geht es längst (auch oder zentral) längst um anderes? Betrifft die Kirchen nicht bereits ein gesellschaftliches Kosten-/Nutzenkalkül, das die Existenzberechtigung der Kirchen insgesamt an den Umfang der als nützlich empfundenen karitativen Tätigkeit zurückbindet? Die immer wieder auflebende Diskussion über die Kirchensteuer (die außerhalb des deutschsprachigen Raums immerhin global fast unbekannt ist) legt es nahe. Provoziert oder vertieft diese Situation nicht tiefgreifende Missverständnisse, die die Kirche in die Rolle eines Dienstleisters zu drängen drohen?

Einer etwas zynisch wirkenden Maxime zufolge muss das Leben u.U. zunächst (noch) schlechter werden, bevor es besser werden kann. Als Christenmensch kann man sich diese Sichtweise kaum zueigen machen - und doch ist die Frage zumindest nicht absurd: Stabilisieren nicht Einrichtungen wie die Tafeln, gleich vielen anderen sozialen Projekten, gerade durch die häufig bitter nötige Hilfe, die sie leisten, indirekt auch die systemischen Missstände? Wird nicht die Not insgesamt gerade so weit gelindert, dass sie sozial erträglich („verträglich“) bleibt? B. propagierte „Arbeit statt Almosen“, und genau darum - Hilfe zur Selbsthilfe - müsste es gehen. Stattdessen entsteht nicht selten der deprimierende Eindruck, dass ungewollt die Hilflosigkeit und Abhängigkeit der Menschen reproduziert, aufrechtgehalten wird. Zur materiellen Armut tritt die seelische und geistliche - und erst diese macht (scheint mir) tiefgreifend hoffnungslos

Wie ließe sich das verhindern? Müsste Kirche nicht offensiver politisch werden (diese Dimension fehlt beim in dieser Hinsicht konservativen B. fast gänzlich) - zugleich aber das Wort Gottes den Menschen, ob materiell bedürftig oder nicht, deutlicher, entschiedener, unüberhörbar sagen? Läge nicht darin auch die radikalste politische Utopie, der einzig verbleibende Gegenentwurf zu einem „Markt der Möglichkeiten“, unter dessen Vorzeichen wir mittlerweile alle stehen?

Gewaltloser Widerstand, Ghandi lehrt es ausdrücklich, verlangt Eigenschaften wie Intelligenz, Disziplin, Kreativität, robuste Leidensfähigkeit - eine innere Kraft, die nicht bei allen Menschen manifest und wirksam wird. Der Blick auf B.s Biographie könnte nahelegen, dass erfolgreiche Diakonie ähnliche Qualitäten erfordert. Zugleich war B. offenbar durchaus nicht frei von autoritären Charakterzügen, wirkt im Rückblick vielleicht auch schon etwas zu geschickt und wendig im Umgang mit den Reichen und Mächtigen dieser Welt. Zeichnet sich hier ein Zwiespalt grundsätzlicher Art ab? Zugespitzt: was unterscheidet, trennt einen B. von einer Mutter Theresa? - In die heutige Praxis hat sich (s.o.) der Begriff des Fundraising eingeschlichen, üblicherweise (so sinngemäß die wikipedia) definiert das Einwerben von Zuwendungen „mit marktadäquaten Gegenleistungen“ (!). Der Gebende erhält häufig die Gelegenheit zur gezielten Selbstdarstellung, wobei die Abgrenzung zur kommerziellen oder jedenfalls inhaltlichen Werbung im Einzelfall problematisch sein kann. Es handelt sich um Transaktionen im Sinne des Marktes, vereinzelt mit Zügen eines postmodernen Ablasshandels. Wann darf Kirche daran teilnehmen; wo ist es ihr verboten; in welche (vielleicht auch subtilen) Abhängigkeiten kann sie geraten? Welcher Zweck heiligt welche Mittel? Inwiefern kannte bereits B. diese Problematik, hatte er Vorbehalte?

Bodelschwingh hätte heute wohl keine Chance. Aber sein Werk besteht dank verschiedener organisatorischer Reformen und betriebswirtschaftlicher Professionalisierung weiter und seine Persönlichkeit ist ein wesentlicher Teil unserer Kirchengeschichte.

Auf seinem Grabstein steht: „Weil uns Barmherzigkeit widerfahren ist, darum werden wir nicht müde“ aus dem 2. Korintherbrief. Er ließ sich vom menschlichen Elend existenziell berühren: Pommersche Landarbeiter, hessische Straßenkinder in Paris, Epilepsiekranke, Wanderarme, hungernde Afrikaner. Weil er selbst bewegt war, bewegte er mit seinem Charisma auch andere zum Handeln.

Bodelschwingh verkörperte wie kaum ein anderer im 19. Jahrhundert das soziale Gewissen des Protestantismus. Er hat nicht nur eines der weltweit größten diakonischen Unternehmen geschaffen. Durch ihn wurde die evangelische Diakonie zu einem Eckpfeiler des modernen Sozialstaates. Dafür können wir ihm ein gutes Andenken bewahren.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Siegfried Schmutzler

Apostelandacht zu Siegfried Schmutzler, gehalten am 11. April 2010

Die letzten Apostelandachten hatten Persönlichkeiten zum Thema, die allgemein bekannt und bis heute sehr geachtet sind: Karl Barth, Jochen Klepper, Dorothee Sölle, Heinrich Albertz.

Warum jetzt der uns doch weitestgehend unbekannte Siegfried Schmutzler? Muss man ihn eigentlich kennen?

In der Tat ist Siegfried Schmutzler wohl den wenigsten Menschen in den Ländern der alten Bundesrepublik bekannt. Wir haben deshalb auch in unserem Plakat einen Ausschnitt aus einer DDR-Zeitung des Jahres 1957 abgedruckt. Darin wird deutlich, wie der damalige Leipziger Studentenpfarrer öffentlich an den Pranger gestellt wurde. Es wurde berichtet, dass er „staatsfeindliche Ziele“ der illegalen Jungen Gemeinde unter dem Vorwand religiöser Betätigung verfolgte. Er habe Seelsorge für politische und für Nato-Hetze missbraucht, ebenso den Talar und die Kanzel. Neugierig geworden, haben wir uns mit seinem Leben und seiner Tätigkeit befasst und halten ihn in der Tat für jemanden, der uns Orientierung im Leben und im Glauben geben kann.

Ein Freund schlug ihm vor, Theologie zu studieren. Warum lehnte er zunächst ab?

Er antwortete seinem Freund mit Hinweis auf seine naturwissenschaftliche Bildung:

„Theologie studieren aber heißt doch mit Sicherheit auch Einstehen für alle möglichen Wunderdinge, von denen in der Bibel erzählt wird, z.B. die Verwandlung von Wasser in Wein durch Jesus, die wunderbare Speisung der Fünftausend mit einigen Broten und Fischen, Jesu Wandeln auf dem See, sein Entschweben zum Himmel, ganz zu schweigen von seiner jungfräulichen Geburt. Das alles aber bedeutet Verleugnung der Naturgesetze. Und eine solche geistige Verrenkung willst du mir zumuten?“

Wie kam es dann zu seiner Bekehrung?

Während eines Gottesdienstes erlebte er die Gemeinschaft der Gläubigen und fühlt sich in ihr aufgehoben. Ihn berührte innerlich das laute, gemeinsame Beten des Vaterunsers. Er schreibt darüber:

„Niemand hatte zum gemeinsamen Sprechen des Gebetes aufgefordert. Es geschah spontan. Meine Ergriffenheit stieg von Bitte zu Bitte. Als das Amen gesagt war, hatte ich zum ersten Male in meinem Leben erfahren, was Gebet ist: eine wundervolle Öffnung ins Grenzenlos-Universelle hin zu dem unfasslichen lichten und konkreten Gegenüber des Christusgottes und zugleich ein wunderbares Einströmen von Kraft und Heiligkeit und Zuversicht. Ich ergriff das Gebet als eine Möglichkeit meines persönlichen Lebens. Es war wie eine kopernikanische Wende. Ich empfand: Beten, das ist nicht eine fromme Übung neben vielen anderen, es ist die Mitte praktizierten Glaubens. Glaube in Aktion. Mit wurde bewusst: Betend komme ich los von dem Umsichselbstkreisen meines „dicken Ich“, indem ich mich festmache an einem archimedischen Punkt jenseits der Mächte und Gewalten, die in mir und um mich herum rumoren und mich beherrschen wollen. Und dieser „Punkt“ hat einen Namen. Er heißt Gott, genauer: Gott in Jesus Christus.

Dieses Sichfestmachen kann nicht nur punktuell im persönlichsten Innenraum geschehen, es bedarf der Stetigkeit und auch der nach außen sichtbaren Gebärde sowie der Gemeinsamkeit der Gemeinde.“

Die Überwindung einer individualistischen Sicht und Lebenshaltung fordern gerade auch - zumindest als Anspruch - die sozialistischen Entwürfe. Dementsprechend stellt die staatssozialistische Gesellschaft, hierin durchaus dem NS vergleichbar, sehr stark darauf ab, die Einzelperson in Gruppenstrukturen hineinzuziehen, häufig über Zwang. Insofern ist die Frage relevant, was jemanden wie S. dazu veranlasst, sich stattdessen dem christlichen Glauben zuzuwenden.

Welche Folgen hat denn dieses Gemeinschaftserlebnis für sein weiteres Verhalten? Wirkte sich das auch auf seine wissenschaftliche Tätigkeit aus?

 

Nach dem Abend in der Nikolaikirche machte er sich kundig über die Bekennende Kirche und las die in Barmen 1934 beschlossene „Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche“.

Jeder Satz dieser Erklärung wird eingeleitet durch Worte der Heiligen Schrift, und jedem folgt ein Satz der Verwerfung einer aktuellen Irrlehre. Sie hatte für ihn etwas umwerfend Überzeugendes.

Er schloss Freundschaft mit einer Gruppe von Theologiestudenten und erlebte, wie diese täglich mit der Bibel lebten und sie auf sich persönlich und auf die Situation der Kirche bezogen.

Die Gestapo schloss jedoch die Gemeinschaftsräume der evangelischen Studentengemeinde und verbot ihre Zusammenkünfte. Trotzdem traf man sich, sang, spielte und betete miteinander und hielt Bibelstunden. In allem erfuhr Siegfried Schmutzler eine Gemeinschaft, wie es sie zuvor noch nie erlebt hatte. Dies war prägend für sein ganzes späteres Leben.

So war es nur konsequent, dass er sich bei den Nazi-Organisationen abmeldete und in die Bekennende Kirche eintrat.

Gab es für S. einen notwendigen Zusammenhang zwischen seinem innerlichen Angerührtsein einerseits und der späteren wissenschaftlichen Tätigkeit sowie auch dem Wunsch nach christlicher Gemeinschaft, nach gelebtem Glauben?

In diese Zeit fällt auch die Staatsgründung der DDR und der Beginn der SED-Diktatur. Hatte Schmutzler schon in dieser Zeit Probleme mit der Staatsmacht?

Schon Anfang der fünfziger Jahre gab es in der DDR einen militanten Atheismus. Schmutzler schreibt, dass diese Entwicklung starke Parallelen mit dem „Kirchenkampf“ der Nazis aufwies. Der Religionsunterricht an den Schulen war zwar geduldet, aber wurde nach Kräften gebremst. Der militant-atheistische Druck brachte besonders für Kinder christlicher Familien schwere Gewissenskonflikte und massive Benachteiligungen. Riesenplakate in Hallen und Hörsälen der Leipziger Uni verkündeten: „Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist!“

Eine Zeitschrift der evangelischen Jugend wurde ohne Begründung verboten, die Vertreter der Jungen Gemeinde wurden aus dem demokratischen Jugendring der DDR ausgeschlossen.

In der „Leipziger Volkszeitung“ erschien ein Hetzartikel nach dem anderen gegen die Junge Gemeinde.

Als Gemeindepfarrer unterrichtete er auch „Christenlehre“ an der Schule, wo er sich mehrfach vor dem Bürgermeister und dem zuständigen Kreisschulrat für sein Verhalten rechtfertigen musste. Es blieb für ihn aber noch ohne weitere ernsthafte Folgen.

Im Predigerseminar unterrichtete er auch das Fach „Christentum und Marxismus“. Kann man Religion und Marxismus überhaupt vereinbaren? Wie sah Schmutzler das?

Ihm kam es darauf an, einem in Kirchenkreisen verständlichen Antikommunismus zu widerstehen. Denn das genau hätte ja dem Feindbild des Marxismus-Leninismus entsprochen und war seiner Meinung nach weder theologisch noch philosophisch noch politisch sachgemäß. Er stellte dagegen die sozialethisch berechtigte Forderung des Marxismus für soziale Gerechtigkeit heraus, angesichts der schamlos ausgebeuteten Massen des Industrieproletariats im 19. Jahrhunderts. Die Kirche hatte davor weitgehend versagt.

Er unterstützte also die kapitalismus-kritische Dimension marxistischen Denkens, kritisierte aber zugleich das marxistisch-leninistische Gesellschaftssystem, wie es in der DDR und der Sowjetunion täglich erfahren wurde.

Für theoretisch unhaltbar hielt er den Ökonomismus des Marxismus, wonach nämlich alles, was Kultur heißt, nichts weiter ist als ein Überbau der Produktionsverhältnisse.

Der Mensch ist eben nicht nur eine Funktion und ein Produkt der Gesellschaft. Der Marxismus leugnet das Geheimnis des Ich, die Einheit von Sozialität und Individualität, die dialektische Einheit von Notwendigkeit und Freiheit.

Hinzu kam die Praxis als Diktatur des Proletariats, die der Praxis der NS-Diktatur glich.

 

Dieser Position mag man sich anschließen; sie ist jedoch (noch) nicht inhärent christlich. Man kann genauso argumentieren, ohne sich auf Bekenntnis und Evangelium zu beziehen, etwa auf Grundlage eines bürgerlich-säkularen Humanismus’. Mir wird der zwingende innere Bezug zu Gott an dieser Stelle nicht klar.

1956 war ein Jahr der Krise im Ostblock. In Ungarn kam es zum Volksaufstand, und auch an der Uni Leipzig gab es Proteste. Was spielte sich da ab?

Eine Versammlung der Theologiestudenten forderte die Hebung des Niveaus und Diskussionsfreiheit. Auf der Suche nach Schuldigen wurde die Parteileitung schnell fündig: Der Studentenpfarrer Georg Schmutzler. Sie verteilte ein Flugblatt, in dem u.a. stand: „Herr Schmutzler erging sich ausgerechnet in der altehrwürdigen Universitätskirche in Ausfällen gegen unsere gesellschaftlichen Organisationen und diejenigen Universitätsangehörigen, die unserem Arbeiter- und Bauernstaat treu ergeben sind.“

Gleichzeitig wurde Schmutzler zu einer „persönlichen Aussprache“ vor dem Bezirksratsvorsitzenden gebeten, die allerdings eher ein Verhör war. Man forderte ihn auf, künftig alle Äußerungen staatsfeindlicher Art zu unterlassen.

Ein Jahr später, 1957, organisierte Schmutzler Besuchsdienste der Studenten in Landgemeinden. Warum machte er das und scheute nicht die Auseinandersetzung mit der Staatsmacht?

Zu Tumulten kam es während einer Veranstaltung mit dem Thema „Der christliche Glaube – Opium oder Vitamin“. Offensichtlich waren von der STASI Störer geschickt worden. Schon die Themenstellung muss provozierend auf die SED gewirkt haben.

In den folgenden Wochen erhielt Schmutzler einige Warnungen aus der Bevölkerung, er müsse demnächst mit der Verhaftung rechnen. Im Nachhinein vermutete er, dass die STASI ihn damit zur Republikflucht verleiten wollte, um ihn loszuwerden. Er tat den Sicherheitsorganen diesen Gefallen aber nicht und blieb:

„Ich hatte drei zwingende Gründe zu bleiben: 1. habe ich nichts gesagt und getan, wozu ich nicht vom Evangelium und vom Gesetz des Staates her ein gutes Gewissen hätte; ich würde mich ja geradezu ins Unrecht setzen, wenn ich flöhe. 2. Wenn man mich schon mit den Rechtsmitteln des Staates verdrängen will, so soll es in aller Öffentlichkeit geschehen, auf dass alle Welt sieht, welche Art Recht bei uns herrscht. Und schließlich 3. das wichtigste Argument: Der Hirte gehört zu seiner Herde. Verlasse ich die DDR, so beraube ich mich für alle Zukunft der Wirkungsmöglichkeit hier. Aber hier ist meine Heimat. Hier ist meine Aufgabe. Hier hat der Herr mich hingestellt und in Dienst genommen.“

Und dann wird Siegfried Schmutzler tatsächlich verhaftet?

Am Abend des 5. April 1957 ist es dann soweit: Er wurde von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit verhaftet und kam ins STASI-Untersuchungsgefängnis. Dort wurde er über mehrere Monate fast täglich verhört.

Die Anklageschrift bekam er erst im November 1957, also nach 7 Monaten Haft.

Die Vorwürfe gegen ihn waren: Boykotthetze im Dienste der Nato, er sei ein Staatsfeind, der die Evangelische Studentengemeinde als illegale Organisation aufgezogen und in seinen Dienst gestellt habe. In den westlichen Evangelischen Akademien säßen seine Auftraggeber.

Wie stand er die lange Zeit der STASI-Haft durch?

Er schreibt, dass er gegen die beabsichtigte Zermürbung durch die STASI persönliche Waffen hatte:
“Für mich ist und blieb die entscheidende Waffe von Anfang an: das Gebet. Das ganz persönliche, das Stoßgebet. Aber auch und gerade das formulierte Gebet der Kirche. Es erwies sich als ein ungeheurer Gewinn, dass ich viele Psalmen auswendig kann und im Stundengebet der Kirche seit Jahren zu Hause bin. So konnte ich lange, im intensiven Gebet versunken, stehend verharren, das Auge auf den matten Lichtglanz geheftet, der durch die Glasbausteine dringt, indes die Wachtmeister unablässig durch den Spion spähten und nur meinen Rücken zu sehen bekamen. Immer wieder bete ich: ‚Herr in deine Hände befehle ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“

Auch nach seiner vierjährigen Haft blieb er aus freiem Entschluss in der DDR. Was machte er in den folgenden Jahren?

Siegfried Schmutzler erhielt eine Stelle als „theologisch-pädagogischer Fachberater“ der sächsischen Landeskirche. Seine Aufgabe war die theoretische und praktische Durchdringung des gesamten kirchlichen-pädagogischen Handelns in Verkündigung, Kinder-, Konfirmanden- und Jugendarbeit, Arbeit mit Eltern, Ausbildung und Weiterbildung kirchlicher Mitarbeiter einschließlich der Theologen.

Und wieder vermittelte er vorrangig in den Gemeinden das Gemeinschaftserlebnis, meist in Form von Themenabenden. Da andere als geistliche Veranstaltungen der Kirchengemeinden vom Staat verboten waren, wich er auf kirchliche Sommerfeste im Pfarrgarten aus, die die Gemeindeglieder unter seiner Anleitung selbst organisierten und die wieder zu Erlebnissen christlicher Gemeinschaft wurden, die er für so wichtig hielt.

Der junge, naturwissenschaftlich orientierte Schmutzler hatte seine Probleme mit den Wundergeschichten der Bibel. Wie bewältigt dies der gereifte Schmutzler?

Er unterscheidet zwischen dem Gesagten einerseits, dem Geschriebenen, das in einem überholten Weltbild verhaftet war, und dem Gemeinten, das uns noch heute betrifft.

Er macht das deutlich an der Geschichte von der Sturmstillung durch Jesus. Dieser novellistischen Erzählung mag ein reales Erlebnis zugrunde gelegen haben. Aber er bezieht die Handlung als Gleichnis auf die Bedrohungssituation der Kirche. Wir sollen auch in Bedrängnis in der Gewissheit sein, dass die Insassen des Schiffs „Gemeinde“ Hilfe im Kampf und im Widerstand gegen die dämonischen, gesellschaftlichen und politischen Kräfte erhalten, wenn sie ihren Kleinglauben überwinden.

Wind und Wellen sind zum Bild anderer, nämlich gesellschaftlicher und personeller Mächte geworden.

Schmutzler schreibt: „Jesus ruft den angstvollen Menschen zum unverzagten Glauben an Gott, den Schöpfer und Herrn, den Vater, und er kommt den Nichtglaubenden mit seiner eigenen Gottesgewissheit wunderbar zu Hilfe. Dieses Geschehen wird bildhaft dargestellt. Das Bild erzählt, wie Jesus die Jünger vom Tode rettet und wie er sie damit vor dem Versinken in Verzweiflung und Gottesferne bewahrt. Das Bild veranschaulicht die Vollmacht Jesu, in solcher Weise anderen Menschen zu begegnen. Das letztlich unanschauliche Geschehen wird sichtbar gemacht, zugleich aber durch die nachdrückliche Frage nach dem rechten Glauben auf seine eigentliche Wahrheit gebracht.“

Die Rede von der „Bildersprache“ der Heiligen Schrift hat etwas durchaus Zwiespältiges. Wenn es hier um die Wahrheit Gottes geht, dann hat die Sprache der Bibel auch nichts mit einem „überholten Weltbild“ zu tun. Die Bibel berichtet uns davon, wie der Lebendige Gott in unserer Welt wirkt, handelt und seine Geschichte mit den Menschen schreibt. Ist Christus am dritten Tage auferstanden nach der Schrift, oder geht es um nicht mehr als eine Metapher, ein gutgemeintes Bild, das eine allgemein und abstrakt bleibende Hoffnung vermitteln soll? - Vielleicht ist es hilfreicher, über dieser Frage zum Logiker statt zum Naturwissenschaftler zu werden. Also: die Macht des Todes ist gebrochen, den Menschen zum Heil - oder eben nicht; es gibt keine dritte Möglichkeit. Ist das leere Grab nicht mehr als ein Symbolismus, dann droht uns in der Tat die Möglichkeit, dass der Glaube nichtig sei. [vgl. 1. Kor 15] Wir wüssten dann nicht, dass uns - glaubhaft, verlässlich - die Rettung zugesagt ist. Es könnte auch irgendetwas anderes gemeint sein. Das biblische Geschehen weist sicherlich weit über seine „sichtbare“ Ebene hinaus, ist aber dennoch umgekehrt auch nicht rein metaphorisch. Das Geheimnis des Glaubens lässt sich weder physikalisch noch etwa auch religionssoziologisch auflösen. Der Glaube ist nicht vernunftwidrig, aber auch nicht aus der Vernunft herleitbar. Man kennt ihn nur „von innen“ - also aus der Sicht desjenigen, der dieses Wagnis eingeht - oder gar nicht.

Hatte er denn auch noch Konflikte mit dem Staat?

Nicht mehr so offen wie vor seiner Verhaftung.

Er bemühte sich in diesen Jahren intensiv um eine Reform des Konfirmandenunterrichts, der in teils offener, teils verdeckter Konfrontation zur staatlich geförderten Jugendweihe stand.

So beschreibt er ausführlich, wie Eltern unter Druck gesetzt wurden, ihre Kinder nicht zum Konfirmandenunterricht anzumelden, wie dies mit der Androhung beruflicher und anderer Nachteile verbunden war. Er verfasste Handreichungen für einen Konfirmandenunterricht mit aktuellen Themen. Fast immer erhielt er für diese Schriften keine Druckerlaubnis. Sie konnten nur innerkirchlich als „graue Literatur“ verbreitet werden: vervielfältigt mit Matritzen, teils auch in Kurzform in kirchlichen Amtsblättern. Immer war es schwierig, für die Vervielfältigungen Papier zu erhalten. Seine Arbeit wurde also eher indirekt behindert.

Benahm sich Schmutzler also diplomatischer als vor seiner Verhaftung?

Das tat er eher nicht. Ohne Scheu veranstaltete er Kurse zum Thema Erziehung zum Frieden, Erziehung zur Freiheit, in Abgrenzung zur Militarisierung der DDR-Pädagogik in den siebziger Jahren.

Und als im Mai 1968 die ehrwürdige Paulinerkirche in Leipzig, die Universitätskirche, gesprengt werden sollte, fuhr Schmutzler zum Superintendenten. Er schlug ihm vor, dass die Leipziger Pfarrer am Nachmittag im Talar in einem Schweigemarsch von der Thomaskirche zur Paulinerkirche dagegen protestieren sollten. Man würde nicht wagen, eine Schar von Pfarrern im Talar auf offener Straße in der Stadtmitte zu verhaften. Die Welt würde erfahren, was in Leipzig im Gange war. Doch der Superintendent lehnte ab, er protestierte nur intern und damit nichtöffentlich. Die Kirche wurde gesprengt.

Wie beurteilte Schmutzler die Lage der Kirche nach der Wiedervereinigung?

Er sieht zwar die Veränderungen, mahnt aber, dass das Vorrücken des Säkularismus, eines essentiellen Atheismus, weitergeht. Er schreibt: „Der Konsumismus der westlichen kapitalistischen Industriegesellschaft durchdringt alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens und bestimmt das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen als ein quasireligiöser Letztwert. Dieser Götze war auch im kommunistischen Osten am Werke, nur gewissermaßen in seiner Negativgestalt, als Mangelerscheinung, deren Überwindung im Leben der Bürger höchstes Ziel und sehnlichstes Verlagen war.

Indem Gott im Jesus von Nazareth sich als ein Mensch uns Menschen bekannt machte, sich völlig auf die menschliche Situation einließ, wird es auch in Zukunft darauf ankommen, sich in der kirchlichen Arbeit mit Menschen ganz auf deren Situation heute und hier einzulassen.“

Siegfried Schmutzler wurde 1981 in den Ruhestand versetzt. Was geschah anschließend?

Er zog nach West-Berlin um. 1991, nach der Wende, wurde er politisch rehabilitiert, und zwar im selben Gericht, in dem er 34 Jahre zuvor verurteilt worden war. Das Leipziger Bezirksgericht bestätigte, dass er nur seine durch die DDR-Verfassung garantierten Grundrechte der Religions- und Meinungsfreiheit wahrgenommen hatte.

1996 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, 1997 erhielt er die Ehrenmedaille der Stadt Leipzig.

Im Oktober 2003 starb Siegfried Schmutzler im Alter von 88 Jahren in Berlin. Ein Jahr später wurde eine Straße im Leipziger Stadtteil Gohlis-Süd, wo er als Pfarrer gearbeitet hatte, nach ihm benannt.

Sie sagten anfangs, er sei jemand, der uns Orientierung im Leben und im Glauben geben kann. Welche Elemente in seinem Leben sind das?

Erstens: Er war kompromisslos und unbeugsam in seinem Glauben. Er war bereit, für seine Überzeugungen auch zu leiden. Er arbeitete dort, wo er sich von Gott hingestellt fühlte. Darin kann er uns Vorbild sein.

Zweitens: Sein pädagogischer Ansatz in der Verkündigung ist meines Erachtens immer noch aktuell. Insbesondere sein gelebter und gelehrter Hinweis auf die zentrale Wichtigkeit des Gemeinschaftserlebnisses in der Kirchengemeinde sollte uns Anregungen für unsere Arbeit hier und heute geben.

Drittens: Für mich ist seine differenzierte Haltung zum Marxismus wichtig: Die von ihm positiv gewertete Kritik an kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen, am vorherrschenden Prinzip der Ökonomie, an der dadurch verdrängten Mitmenschlichkeit, der auch verdrängten Nächstenliebe, der fehlenden Achtung vor dem Mitmenschen;

andererseits die bedingungslose Ablehnung des marxistischen Atheismus sowie des damals real existierenden Sozialismus. Diese Haltung teile ich und hoffe, dass auch andere sie teilen.

Schließlich: Siegfried Schmutzler war 6 Jahre als Soldat im Krieg, anschließend ein Jahr in Gefangenschaft; es folgen 4 Jahre STASI-Haft.

Ich bewundere seine Lebensenergie und bin dankbar dafür, dass mir und meiner Generation diese Belastungen erspart geblieben sind, dass es uns wirtschaftlich so gut geht, wir in Freiheit leben und ohne Bedrohung evangelische Christen sein dürfen.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Heinrich Albertz

Apostelandacht zu Heinrich Albertz, gehalten am 31. Januar 2010

Heinrich Albertz wurde 22. Januar 1915 in Breslau geboren, also vor fast genau 95 Jahren. Sein Vater war der bereits 69jährige reformierte Hofprediger Hugo Albertz, seine Mutter Elisabeth dessen zweite Ehefrau, 33 Jahre jünger als der Vater.

Das Elternhaus war stark monarchistisch geprägt. Pflichterfüllung, Gehorsam, Verlässlichkeit und Fleiß waren die Erziehungsideale preußischer Pastorenfamilien.

Auch nach dem Tod des 77jährigen Vaters blieb er mit seiner Mutter in Breslau.

Von besonderer Bedeutung für ihn war eine Begegnung mit dem viel älteren Stiefbruder in Berlin Anfang 1933, wo dieser als Oberpfarrer an der St. Nikolai-Kirche und als Superintendent des Kirchenkreises tätig war.

„Ich verdanke es ja nur meinem sehr viel älteren Stiefbruder, dass der mich fix 1933 bei einem Spaziergang hier durch den Brieselangschen Forst bei Spandau darüber belehrt hat, dass ein Albertz nie Nationalsozialist werden könnte. Als ich da aufmüpfig wurde, hat er mir dies sogar mittels einer Ohrfeige klargemacht.“

Im gleichen Jahr begann er mit dem Studium der Theologie zunächst in Breslau, wechselte dann nach Halle und Berlin.

Besonders die Schriften von Karl Barth beeinflussten Albertz nachhaltig. Seine sonstigen Interessen und sein Einsatz für die Bekennende Kirche hielten ihn aber von konzentrierter Arbeit ab. Er bracht vielfach als Kurier konspirativ Briefe ins Ausland.

Nach dem bestandenen 1. Theologischen Examen bekam er zunächst eine Stelle als Lehrvikar in Berlin.

1939 heiratete Albertz, das Ehepaar bekam drei Kinder.

Schließlich wurde Albertz Pfarrer im Auftrag der Bekennenden Kirche in der Patronatsgemeinde einer adligen Familie in Schlesien.

In einer Predigt sagte er 1941 über den seit 1937 inhaftierten Martin Niemöller: „Wir können stolz sein, dass Martin Niemöller ein Pfarrer unserer Kirche ist und bleibt.“

Das führte zu seiner Festnahme und Verurteilung zu zwei Monaten Haft. Noch im Gerichtssaal entschied er sich zum Eintritt ins Militär. Die Strafe musste er deshalb nicht in einem Konzentrationslager absitzen, sondern in der Festung Glatz. Aufgrund der guten Verbindungen seines Patrons wurde Albertz nie an die Front versetzt, sondern blieb Mitarbeiter in der Schreibstube des Chefs der Heeresgruppe Süd, beim General von Grohmann.

Unmittelbar nach dem Kriegsende machte er sich von Bayern aus auf den Weg ins niedersächsische Celle, um dort die Familie wiederzutreffen. Durch die Bekanntheit seines Stiefbruders wurde Albertz von der Kriegsgefangenschaft verschont und am 1. August 1945 Flüchtlingspfarrer in Celle.

Nur zwei Monate später übernahm er auch das städtische Flüchtlingsamt; die englische Besatzungsmacht berief ihn schließlich in den neuen Celler Stadtrat.

Von 1946 bis 1948 war er Leiter des Flüchtlingsamtes für den Regierungsbezirk Lüneburg.

1946 trat er in die SPD ein, denn nach seiner Ansicht ließ sich das Flüchtlingsproblem nur politisch und im Rahmen einer Partei lösen.

Er ging zur Sozialdemokratie, überzeugt, dass Sozialisten sich um leidende und bedürftige Menschen kümmerten und dadurch Gottesdienst betrieben wie die Kirche selbst. Diese Überzeugung teilte er mit seinem Vorbild Karl Barth.

1950 wählten ihn die Delegierten eines SPD-Bundesparteitags in den Parteivorstand.

Albertz ergriff Partei für Martin Niemöller gegen die Politik der Westintegration Adenauers. Er wurde um der deutschen Einheit willen zum erbitterten Gegner der Wiederbewaffnung, zum Feind der Westbindung, zum Anhänger der Blockfreiheit und Kämpfer für eine aktive Wiedervereinigungspolitik.

Als die SPD in Niedersachsen in die Opposition musste, nahm Albertz im Mai 1955 ein Angebot aus Berlin an, Senatsdirektor beim Senator für Volksbildung zu werden.

Kurz darauf wurde er der erste Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt.

1959 wurde er Chef der Senatskanzlei.

Am 13. August 1961 errichtete die DDR die Berliner Mauer. Albertz war schockiert über die zurückhaltende Art und Weise, mit der die Alliierten und Bundeskanzler Adenauer diese Vorgänge aufnahmen. Es bestärkte ihn, in der Berlinpolitik fortan eigene, von Bonn unabhängige Wege zu gehen. Nach seiner Überzeugung ließ sich die Einheit der Nation nur bewahren, wenn man von zwei deutschen Staaten ausging, die miteinander verhandelten. Das war damals in der Bundesrepublik auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs eine Außenseitermeinung, die auf wütenden Protest in der Öffentlichkeit stieß.

Die Lage in Berlin spitzte sich weiter dramatisch zu, als am 17. August 1962 der Ost-Berliner Arbeiter Peter Fechter nach einem Fluchtversuch von Grenztruppen der DDR angeschossen wurde und im Stacheldraht verblutete. Über eine Stunde lang hatte der Verletzte auf Ost-Berliner Gebiet gelegen, ohne dass ihm geholfen wurde. Bei den nun folgenden Massendemonstrationen auf Westberliner Seite ließ Albertz mit einem großen Polizeiaufgebot die Mauer schützen.

1966 wurde Willy Brandt Außenminister der Großen Koalition in Bonn. Heinrich Albertz trat seine Nachfolge als Regierender Bürgermeister von Berlin an.

Er entmachtete zügig den rechten Parteiflügel der SPD. Interne Konflikte und Richtungsstreitigkeiten in der SPD erschwerten ihm die Arbeit; aber auch er selbst provozierte seine innerparteilichen Gegner gern. So versuchten etliche Parteifreunde mit allen Mitteln, Albertz zu stürzen.

Bei Demonstrationen von Studenten aus Anlass eines Besuchs des Schah von Persien kam es zu heftigen Schlägereien zwischen den Demonstranten und den eigens für den Besuch eingeflogenen „Jubelpersern“. Die Polizei war von Albertz angewiesen, mit aller Härte durchzugreifen; die Demonstrationen wurden schließlich mit Gewalt aufgelöst: Dabei kam der Student Benno Ohnesorg ums Leben. Der Polizeipräsident sprach von der Notwehr eines lebensgefährlich bedrohten Polizeibeamten und einem Warnschuss, der als Querschläge den Studenten getroffen habe. Es war aber ein gezielter Schuss, wie sich schnell herausstellte.

Albertz versuchte zunächst, das Vorgehen der Polizei öffentlich zu rechtfertigen. Als er aber mitbekam, dass er getäuscht worden war, änderte sich seine Haltung. Er fühlte sich schuldig an den gewalttätigen Auseinandersetzungen und bekannte das auch öffentlich, was ihm scharfe Kritik aus allen politischen Lagern und aus der Öffentlichkeit eintrug.

Albertz empfand: Er hatte nicht auf seinen Gott gehört, wie es das erste Gebot fordert, sondern mehr auf seinen Polizeipräsidenten.

Der Berliner Bischof Kurt Scharf war in diesen Tagen sein engster Berater, Seelsorger und Freund. In seiner letzten Rede vor dem Abgeordnetenhaus bekannte Albertz schließlich:

„Ich glaube, ich bin hart geworden in diesen Monaten, zuerst gegen mich selbst, um durchzuhalten, was in dieser Stadt und in dieser Lage auf den Regierenden Bürgermeister zukommt. Aber ich habe auch gelernt, wie fragwürdig pauschale Forderungen sein können, in Entscheidungslagen, wo nicht Härte oder Weichheit das Problem ist, sondern das Richtige oder das Falsche zu tun. An mir selbst dargestellt: Ich war am schwächsten, als ich am härtesten war, in jener Nacht des 2. Juni, weil ich dort objektiv das Falsche tat.“

Nach den Rücktritten von zwei Senatoren fand Albertz keine Mehrheit für die Neubildung des Senats und trat selbst zurück, nach nur 285 Tagen im Amt.

Für Albertz war das erste Gebot eine zentrale Richtschnur in seinem Leben:

Er schreibt: „

„Das erste Gebot hat immer seine schneidende Rolle gespielt, schneidend und heilend zugleich und war schließlich auch der tiefste Grund für mein Ausscheiden aus der Versuchung der Macht im Jahre 1967 in Berlin“.

Sein Freund Bischof Scharf bat ihn danach, gemeinsam mit Günter Grass als Vermittler zwischen den Staatsorganen und den Studenten tätig zu werden. Zusammen mit anderen erreichte er schließlich auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen in der Stadt die Aufhebung eines Demonstrationsverbotes per Richterspruch und beruhigte damit die Lage, so dass die Demonstration friedlich verlief.

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im Frühjahr 1968 bekannte er auf einer Versammlung von Studenten:

„Ich spreche als einer, der viele bittere Enttäuschungen mit sich selbst und mit anderen erlebt hat und der trotzdem glaubt, dass noch nicht alles verloren ist.“

Er wurde von den Protestierenden als Vermittler akzeptiert und ergriff nun immer häufiger das Wort, um zu brisanten Fragen Stellung zu beziehen.

Der Rücktritt vom Amt des Regierenden Bürgermeisters und das Eingeständnis des Scheiterns veränderten Albertz tiefgreifend. Das Kalte, Unnahbare wich.

Psalm 23 und das 1. Gebot erneuerten noch einmal seine Grundlage von Glauben und Leben.

„Auf Herrschenwollen verzichten“:

 Die radikale Befreiung, die wir erfahren, wenn wir uns auf den Gott des ersten Gebotes einlassen, macht uns zugleich frei von jeder ernsthaften Angst. Nicht dass wir uns nun gar nicht mehr fürchten würden. Aber wir lernen, uns nicht mehr zu fürchten, als es unbedingt notwendig ist. Die Freiheit Gottes schenkt uns im letzten unerschütterliche Gelassenheit.

 Wenn wir begriffen haben, dass es nur einen wirklichen Herrn gibt, haben wir es leichter, auf das eigene Herrschenwollen zu verzichten. Die Beherrschung des Menschen durch Menschen ist eine zutiefst unchristliche Sache – ich wiederhole: auch wenn sie im christlichen Gewande auftritt.

1974 berief ihn die Berliner Kirchenleitung als Pfarrer an die Johannes-Gemeinde in Schlachtensee, in der er bis zu seiner Pensionierung tätig war.

Im Februar 1975 entführten Terroristen den CDU-Kandidaten für das Bürgermeisteramt in Berlin, Peter Lorenz. Sie verlangten, dass Albertz als Garant für die Erfüllung ihrer Forderungen nach Freilassung der inhaftierten Gesinnungsgenossen mit zum vereinbarten Übergabeort fliegen sollte.

Am Sonntag predigte Albertz noch im Gottesdienst seiner Schlachtenseer Gemeinde. Abends flog er nach Frankfurt und von dort mit den freigelassenen Gefangenen nach Aden. Das Fernsehen übertrug den Abflug live. Nach seiner Rückkehr von der abenteuerlichen und gefährlichen Reise wurde der entführte Peter Lorenz von den Terroristen freigelassen.

Mit Kurt Scharf und Helmuth Gollwitzer blieb Albertz anschließend weiter im Gespräch mit den RAF-Terroristen. Er besuchte sie in den Gefängnissen, denn: „Sie sind doch unsere Söhne und Töchter!“

In der folgenden Zeit wurde Heinrich Albertz zur „Klagemauer der Nation“. Plötzlich sollte der Pfarrer überall dort helfen, wo junge Menschen glaubten, kein Gehör zu finden.

1979 ging er in den Ruhestand. Nach wie vor hielt er aber Gottesdienste in Berlin-Schlachtensee und engagierte sich in der Friedensbewegung gemeinsam mit Helmut Gollwitzer, Kurt Scharf, Heinrich Böll, Walter Jens und anderen gegen den Nachrüstungsbeschluss der NATO. Mit weiteren Prominenten beteiligte er sich im September 1983 an der Blockade des US-Atomwaffendepots in Mutlangen.

1986 siedelte das Ehepaar Albertz nach Bremen in ein Altenheim über. Auch hier war er noch Pastor, predigte häufig in der Kirche St. Stephani. Er nahm er am politischen Tagesgeschehen teil, fuhr zu Vorträgen.

Regelmäßig sprach er im Fernsehen das „Wort zum Sonntag“, war Referent, Mahner und Diskutant bei den „Deutschen Evangelischen Kirchentagen“ und verfasste viele Bücher, veröffentlichte seine Predigten, Reden und Vorträge.

Dennoch ist es vor allem die Ruhe des Lebensabends, die Entdeckung der Langsamkeit, die die letzten Jahre prägten:

Er schrieb in seinem Buch „Am Ende des Weges, Nachdenken über das Alter“:

„Sorgt nicht um euer Leben“ – was heißt das also? Es bedeutet wohl zuerst eine schier unglaubliche Freiheit von der Lebensangst. Der Mensch, der dem Jesus Christus begegnet ist, kann mit seiner Furcht fertig werden. Aber Furchtlosigkeit heißt nicht Lethargie, nicht Resignation, nicht Wurstigkeit. Freiheit von dieser Angst heißt durchaus, im Getümmel stehen, redend, handelnd, Partei ergreifend, aber zugleich wissend, Partei, Auseinandersetzung, Leistung, Karriere, der Ablauf der Jahre, das Altwerden, der Tod – das ist alles nicht das Letzte, nicht das Ziel, nicht die Mitte und der Sinn. Mitte und Sinn gibt der, der in unserem Evangelium redet, der selbst dieses Evangelium ist. Was wir tun oder nicht tun, ist Widerschein, Abglanz, Spiegel in einem dunklen Wort. Freiheit von Lebensangst, von kleiner bedrückender, auf den Tag schauender Sorge ist eben die königliche Freiheit der Kinder Gottes, von der das Neue Testament von der ersten bis zur letzten Zeile redet.“

Und er genießt die ihm vergönnte Ruhe:

„Nichts ist schöner, als mit dir in der Abendsonne auf einer Bank zu sitzen - dicht am Hause vor unserer schönen Wiese, in dem herrlichen Park ganz in unserer Nähe, im alten Riensberger Friedhof. Wir erzählen uns die alten Geschichten, von Glück und Unglück in unserem Leben, von Kindern und Enkeln. Wir sehen in die grünen Bäume hinauf, wie Dome über uns gewölbt, ins Wasser zu unseren Füßen, und sehen in seinem Spiegel den Himmel auf Erden«

Ein Krebsleiden machte Albertz schwer zu schaffen. Er verlor aber nicht die Hoffnung, den Gedanken an die Erlösung:

„Jesus Christus hat gesagt, dass es eine Hoffnung gibt. Eine unbeschreibliche, unbeschreibliche Hoffnung: dass das Leben weitergeht, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass wir im Sterben nicht tiefer fallen können als in die Hände Gottes.“

Er starb am 18. Mai 1993 im Alter von 78 Jahren im Kreis seiner Familie. In seinem Leben hat er das demokratische Profil der Bundesrepublik und den Protestantismus über die Grenzen des Landes hinaus entscheidend mitgeprägt.

In seiner Traueranzeige stand das Wort aus dem Psalm 23, wie ein Schlüssel zu seinem Leben, zu seinem Wirken, seinem Leiden und auch seinem Sterben: „Und ob ich schon wandere im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich.“

Rolf Polle

 

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Apostelandacht zu Dorothee Sölle

Apostelandacht zu Dorothee Sölle, gehalten am 22. November 2009

Dorothee Nipperdey wird am 30. September 1929 geboren. Sie ist das vierte von insgesamt fünf Kindern. Der Vater ist Professor für Arbeitsrecht und später Präsident des Arbeitsgerichtshofes. Die Mutter ist der Mittelpunkt der Familie. Sie hatte jung geheiratet und deswegen ihren Wunsch nach Ausbildung und Beruf aufgeben müssen. Dorothee wird später beschließen, dass ihr das nicht passieren wird.

Sie wächst also in Köln in einer bildungsbürgerlichen, wertkonservativen Atmosphäre auf.  Der Vater ist kein Nazi, hat sich aber mit den Machthabern des „Dritten Reichs“ arrangiert.

Erst im November 1945 erfährt sie, dass ihr Vater eine jüdische Großmutter hatte. Sie schreibt in ihr Tagebuch: „Neulich erfuhr ich durch Zufall, Papi ist Vierteljude, politisch verfolgt. Ich war entsetzt, zuerst, es machte mir so Minderwertigkeitsgefühle, ich bin doch zu ‚naziverseucht’ und sehe im Nichtarischen das Unreine, Mindere.“

Dieses Erschrecken über ihre jugendliche Blindheit ist der Ausgangspunkt für einen lebenslangen Prozess einer persönlichen „Wiedergutmachung, geboren aus einem tiefen Gefühl der Scham“, wie sie schreibt.

Halt findet sie erst einmal bei den Werken des Philosophen Heidegger. Seinen Satz „Dasein ist das Hineingehaltensein in das Nichts“ schreibt sie auf einen Zettel, der jahrelang auf ihrem Schreibtisch liegt. Auch Sartres Existenzphilosophie beeindruckt sie tief.

Der christliche Glaube erscheint der jungen Dorothee zunächst als „ein unerlaubter Ausweg aus dem auszuhaltenden Dunkel“.

Bis eine junge Lehrerin kommt. Sie schreibt in ihr Tagebuch: „Die neue Religionslehrerin ist umwerfend gut, leider Christ!“ Ohne sie wäre Dorothee nie zur Theologie gekommen wie sie schreibt. Neben Sartre und Heidegger lernt sie durch ihre Lehrerin die Werke Luthers, Bonhoeffers und des Theologen Bultmann kennen.

Sie studiert in Göttingen Theologie um, wie sie schreibt, „die Wahrheit herauszubekommen“. Auf dem Weg zur Theologie begegnet ihr das Werk Kierkegaards, der für sie die Brücke bildet zur Theologie mit seinem existenzialistischen Christentum.

Für Dorothee wird die Theologie zu einer geistigen Heimat, aber nicht die Kirche. Ihr Christentum ist wenig traditionell, unkirchlich, existenzialistisch.

In der Szene zwischen Kunst und Literatur, Religion und Politik finden Dorothee Nipperdey und der junge Maler Dieter Sölle zusammen. Was sie verbindet, seht in ihrem Tagebuch: „Wir sind zusammen Christen geworden.“

Sie verwirklichen zusammen ein romantisches Ideal von Liebe und Ehe, sie heiratet in Weiß und sie bekommen drei Kinder.

An einem Kölner Mädchengymnasium unterrichtet sie Religion.

Ab 1960 schreibt sie für den Rundfunk und verschiedene Zeitungen über theologische und literarische Themen – und ihre Ehe zerbricht, was für sie zunächst das Ende eines Lebensentwurfs bedeutet.

Sie ist arbeitet jetzt freiberuflich, ist zeitweise Assistentin an der TU Aachen und im Hochschuldienst der Universität Köln.

Für ihre Kinder hat sie wenig, aber qualifizierte Zeit, wie sie schreibt.

In dieser Phase ihres Lebens verfasst sie ihr erstes theologisches Buch mit dem Titel „Stellvertretung“ und dem Untertitel „Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes“. In den einleitenden Sätzen heißt es:
“Dieses Buch geht von der Frage aus, wie ein Mensch mit sich selber identisch werden könne, und es versucht, sie in Beziehung zu setzen zu der anderen, was Christus für unser Leben bedeute.

Wer bin ich? Wie komme ich zu mir selber? Wie lebe ich so, dass ich es bin, der dieses Leben lebt? So fragt nicht nur die um sich selbst bekümmerte Subjektivität, sondern der Mensch in der Gesellschaft, die ihn bindet und formt, beschädigt und entstellt. Geblendet von den Rückschritten der Aufklärung in diesem Jahrhundert, jenem ungeheuren Rückgang in die selbstverschuldete Unmündigkeit, betroffen von den immer neuen und sich vervielfältigenden Formen der Versagung jeder möglichen Identität, geängstet von Neurosen, mit denen Zivilisation sich erkauft und nicht hält, was sie verspricht: Humanisierung – fragen wir nach einer Welt, in der es vielleicht einfacher sein möchte, mit sich identisch zu werden. Aber jede Vision einer heimatlicheren Erde muss sich messen an der größten der Visionen, die wir kennen: am Reich Gottes.“

Und später erinnert sie sich an diese Zeit:

„Mich persönlich hat weder die Kirche, die ich eher als Stiefmutter erlebte, noch das geistige Abenteuer einer nachaufklärerischen Theologie zu dem lebenslangen Versuch, Gott zu denken, verlockt. Es ist das mystische Element, das mich nicht loslässt. Es ist die Gottesliebe, die ich leben, verstehen und verbreiten will.“

Wie kann man nach Auschwitz von einem Gott reden, der alles so herrlich regieret? Es bleibt die Erfahrung vom „Tode Gottes.“ Diese Erfahrung kann nur dadurch aufgehoben werden, dass Christus diese Leerstelle besetzt: Als Stellvertreter Gottes vor den Menschen und als Stellvertreter der Menschen vor Gott. Ihm folgen heißt, sich eine Lebensperspektive zu eigen zu machen, die im wesentlichen, unüberbrückbaren Konflikt zur Gesellschaft, in der wir leben, steht. (Ihr Glaubensbekenntnis einfügen?)

Sie liest im Werk Martin Bubers, des großen jüdischen Philosophen. Er ist für sie ein Grund, nach Jerusalem zu pilgern.

So fährt also Dorothee Sölle zur Jahreswende 1959/60 zum ersten Mal mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nach Israel.  Sie taucht ein in die Welt der Kibbuz-Genossenschaften, konfrontiert sich mit den Überlebenden des Holocaust, nimmt die Landschaft in sich auf. Zum ersten Mal verbindet sich für die junge Religionslehrerin der christliche Glaube mit dem Glauben an den Gott Israels in einer eindrücklichen und sinnlichen Art und Weise. Und sie trifft Martin Buber.

Das Reden von Gott, sagen jüdische Theologen, ist kein Formulieren von Lehrsystemen, sondern ständiger Diskurs, eine gemeinsame, spannungsreiche Suche nach der Wahrheit, die niemals völlig zu ergründen ist. Diese Sichtweise übernimmt Dorothee Sölle.

1966 wird sie zu einer Konferenz eingeladen, die von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Jerusalem veranstaltet wird. Zu den Organisatoren gehört Fulbert Steffensky, ein katholische Theologe und Benediktinermönch.

In ökumenischer Eintracht suchen evangelische wie katholische Grenzgänger nach neuen Wegen und Quellen der Erkenntnis – und landen bei den gemeinsamen Wurzeln, den jüdischen Traditionen des Glaubens und der Gotteserkenntnis.

Sie schreibt:

„Als wir entdeckten, welche Beziehungen uns mit Buber verbanden, sagte Fulbert kurz entschlossen: ‚Dann gehen wir eben morgen zu Bubers Grab.’ Alles Weitere in meinem Leben nahm dort, in Jerusalem, seinen Anfang“

Drei Jahre später heiraten Fulbert und Dorothee.

Ihre Beziehung, die in Jerusalem ihren Anfang nahm, setzt sich bald in einer gemeinsamen Aktion fort, dem „Politischen Nachtgebet“.

Man kommt zu der Einsicht, dass die Beschäftigung mit theologischen Fragen auch politische Konsequenzen haben muss. Beim Katholikentag 1968 in Essen stellt man den Antrag, eine politische Gebetsliturgie zu aktuellen politischen Fragen halten zu dürfen. Das Organisationsbüro legt den Termin auf eine Zeit nach 23 Uhr. Damit ist das „politische Nachtgebet“ entstanden.

„Es handelte sich dabei um politische Information, um ihre Konfrontation mit biblischen Texten, eine kurze Ansprache, Aufrufe zur Aktion und die Diskussion mit der Gemeinde. Information, Meditation und Aktion sind die Grundelemente aller folgenden Nachtgebete geblieben.“

Die Themen in den späten 60er und frühen 70er Jahren spiegeln die Umbrüche dieser Zeit wider. Es geht um den Krieg in Vietnam, die Zerschlagung des „Prager Frühlings“, um die Intervention der USA in Santo Domingo und am Ende um den faschistischen Putsch in Chile. Behandelt werden gesellschaftliche Probleme wie Frauendiskriminierung, Strafvollzug und Entwicklungshilfe. Die einzelnen Themen werden jeweils von einer Gruppe vorbereitet. Auf diese Weise entstehen Freundschaften über konfessionelle und weltanschauliche Grenzen hinweg.

Die evangelischen und katholischen Kirchenleitungen sperren das Politische Nachtgebet aus den Kölner Kirchen aus. Für viele andere dagegen öffnet sich die Kirche endlich wieder der Welt und den Menschen, ihren Problemen, Sehnsüchten und Hoffnungen.

Man kann nicht denken, was man nicht tut!

Aus diesen Gedanken entwickelt sich zur gleichen Zeit die Theologie der Befreiung. Erst im bewussten Leben mit und für andere, in Parteilichkeit und Solidarität wird sich der Sinn des Evangeliums neu erschließen.

Dorothee Sölle unterstützt in dieser Zeit Basisgruppen, hält Vorträge in Kneipen, Hinterzimmern und Gemeindehäusern fortschrittlicher Pastoren.

In den Amtskirchen und Universitäten wird sie hingegen abgelehnt. Aus den Reihen bekenntnistreuer Christen schallt der Ruf: „Niedergefahren zur Sölle!“

Eine Universitätskarriere bleibt ihr verschlossen. Zu wenig kann man mit der Querdenkerin und politischen Basisaktivistin anfangen.

Die erste spektakuläre Aktion des Politischen Nachtgebets war 1968 eine Demonstration gegen den Krieg der USA in Vietnam gewesen. „Vietnam ist Golgatha!“ stand auf dem Transparent, das eine Gruppe evangelischer und katholischer Christen durch die Kölner Innenstadt trug und dann am Eingang des Kölner Doms aufstellte. Dorothee Sölle arbeitet in der „Hilfsaktion Vietnam“ mit, die politische und humanitäre Hilfe für die vietnamesische Befreiungsbewegung und das ebenfalls von den Amerikanern angegriffene Nordvietnam organisiert.

1972 reist sie mit einer Gruppe durch einige Städte und Dörfer in Nordvietnam, um sich ein Bild von der Lage im Land zu machen. Dorothee ist durch das, was sie sieht, tief erschüttert. Ihre Eindrücke fasst sie in einem Gedichtzyklus zusammen:
“Der Frieden muss sich verstecken

im unterstand steht er ein doktor

der splitter sucht in der lunge des kleinkinds

in der Höhle sitzt er ein Lehrer

der mädchen zeigt wie man bomben entschäft

im bunker hockt er eine mutter

die dem kleinen die brust gibt bei schichtwechsel

unter der erde wohnt er

nicht auf erden“

 

Dass der Gekreuzigte in Vietnam zu finden ist und nicht im sakralen Abseits der Kirchen, wird zu einer zentralen Botschaft des Politischen Nachtgebets. Der ermordete und auferweckte Messias wird identisch mit den gefolterten Opfern der Militärdiktaturen und der Todesschwadrone, er wird aber auch zum Symbol für das Leiden und die Kraft der Schwachen.

1971 erscheint ihr zweites wichtiges Buch „Politische Theologie“, eine Auseinandersetzung mit der Theologie Rudolf Bultmanns. Er hatte ihr mit seinem Programm der Entmythologisierung während des Studiums einen wichtigen, von Vernunft bestimmten Zugang zur Bibel und Theologie ermöglicht.

Am Beispiel der Schuldverstrickung der Bewohner westlicher Länder in das Elend der Arbeiter auf den Bananen- und Kaffeeplantagen in Lateinamerika will sie den personalen Begriff von Sünde in einen strukturellen Zusammenhang stellen.

Das Schicksal der Märtyrerkirche in El Salvador und ihres Bischofs Arnulfo Romero, der während des Gottesdienstes ermordet wird, Kriege in Kolumbien und Guatemala finden ihren Niederschlag in Gedichten, Reportagen und Heiligenlegenden, mit denen Dorothee ihre Verbundenheit mit den Menschen Lateinamerikas zum Ausdruck bringt.

Mitte der siebziger Jahre wird ihr der politische Aktionismus suspekt. Auch richtiges und notwendiges Handeln in der Welt braucht eine spirituelle Dimension. Schon immer hat sie sich für die Mystiker interessiert, jetzt werden sie ihr zunehmen wichtig.

Auf der Suche nach Heilwerden und Ganzheit stellt sie fest, dass sich Identität nicht einseitig durch Arbeit, Aktion und Anstrengung erreichen lässt.

Jeder Mensch ist ein Geheimnis, das nicht in der sozialen Identität aufgeht. Liebe bedeutet nicht nur, den anderen zu entdecken, sondern den anderen in seiner unergründlichen Tiefe wahrzunehmen, eben in seinem von Gott Erkanntsein.

Die Familie zieht nach Hamburg um, Fulbert Steffensky hat eine Professur für Religionspädagogik an der Universität angenommen. Im Sommer 1974 erhält sie einen Ruf an das Union Theological Seminary in New York. Es ist das einzige theologische Seminar, das nicht mit einer Kirche verbunden ist, ein Zentrum der liberalen Theologie in den USA.

Die Studierenden wollen ihren christlichen Glauben im Zusammenhang ihrer Lebenswelt praktizieren und eine aus dem Glauben begründete gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Man ist dort der Überzeugung, dass die biblischen Gebote nicht nur als Anweisung für eine christliche Lebensführung des Einzelnen gedacht sind, sondern auch in soziale und politische Kategorien umgesetzt werden müssen.

Zehn Jahre lang lehrt Dorothee Sölle dort jeweils im Sommersemester, im Winterhalbjahr kehrt sie zu ihrer Familie nach Hamburg zurück.

Politische Schwerpunkte sind in diesen Jahren die Solidarität mit den Befreiungsbewegungen Lateinamerikas, verbunden mit der Unterstützung illegaler Einwanderer.

Schließlich ist sie der Zerrissenheit ihres Lebens zwischen New York und Hamburg überdrüssig und kehrt endgültig nach Hamburg zurück.

1985 nimmt sie am Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf teil, ihre Freundin Luise Schottroff hat die offizielle Einladung gegen starke Widerstände durchgesetzt. Die beiden Frauen geben ihrer Bibelarbeit zum Kirchentagsmotto den Titel: „Die Erde gehört Gott!“ Gott ist anders, nicht nur Mann und „Herr“ er bekommt weibliche und geschwisterliche Attribute.

Sie sagt:

„Es gibt eine männliche Theologie, die Gott vor allem als Befehlshaber, als Allmacht, als Imperator denkt. Ich will diese Theologie den Gottesimperialismus nennen, weil ich glaube, dass sie im Bereich der Ideologie genauso funktioniert wie der Imperialismus im wirtschaftlichen und politischen Bereich, nämlich um Menschen zu unterwerfen. So ist der Fatalismus die Kehrseite des Gottesimperialismus.“

Für sie war der Feminismus Teil einer notwendigen Befreiungsbewegung, die aber nicht auf die Frauenbewegung verengt werden durfte.  Sie schreibt: „Für mich ist Feminismus ein menschheitliches Unternehmen. Gott braucht alle ihre Kinder, damit sie von Furcht und Hass frei werden können und wir endlich miteinander in einen herrschaftsfreien Raum hineinwachsen.“

Frauengottesdienste mit eigenen Themen und Ritualen sind ihr wichtig, mit dem, was Frauen erleben: Schwangerschaft und Geburt, Abtreibung und Vergewaltigung. Mit der Wahrnehmung der weiblichen Spiritualität kommt auch die Entdeckung, dass Gott mehr ist als ein Mann.

Gemeinsam mit Luise Schottroff formuliert sie:

„Grundlage unserer Bibelarbeiten ist eine befreiungstheologische Hermeneutik, die mit der Befreiungstheologie und der Feministischen Theologie zusammengehört. Es gehört dazu, die Situation der Menschen von damals ebenso ernst zu nehmen, die in der Bibel vorkommen, wie die der Menschen von heute. Die biblischen Teste sind Zeugnisse Betroffener, die die ungeschminkte Wahrheit über ihre eigene Situation aussprechen und deutlich machen, was der Glaube und die Hoffnung auf Gott praktisch bedeuten, welche Schritte der Befreiung im Alltag mit dem Glauben verbunden sind. Die politischen und sozialen Verhältnisse müssen beim Namen genannt werden, so vom Glauben gesprochen wird.“

Es ist die Zeit des Nato-Doppelbeschlusses. Seit Beginn der achtziger Jahre gehen in der BRD Hunderttausende auf die Straße, getrieben von der Sorge um Frieden und Sicherheit in Europa. Linke aller Schattierungen, Christen und Sozialisten, Ökologie- und Frauenszene gehen erstmals ein Bündnis ein

Der Protest gegen die Aufstellung neuer atomarer Mittelstreckenraketen eint sie.

Dorothee Sölle nimmt an Blockadeaktionen vor US-amerikanischen Militärstützpunkten teil. Mit dem Freund Heinrich Böll und anderen Prominenten sitzt sie 1983 vor dem Stützpunkt in Mutlangen, auf dem die neuen Raketen stationiert werden sollen. Alle Blockierer werden „abgeschleppt“ und vor Gericht gestellt.

Sie wird wegen Nötigung in verwerflicher Absicht zu 2000 DM Strafe verurteilt.

Im Sommer 1983 wird sie als Referentin zur Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen nach Vancouver eingeladen. Sie hält dort ein Referat gegen Geld und Gewalt:

“Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Erde kommt, einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte, die einige von uns Deutschen noch nicht vergessen konnten; ein Land, das heute die größte Dichte von Atomwaffen in der Welt bereit hält. Ich möchte Ihnen etwas sagen über die Ängste, die in meinem wohlhabenden Land herrschen; ich spreche zu Ihnen aus Zorn, in Kritik und mit Trauer. Dieser Schmerz über mein Land, diese Reibung an meiner Gesellschaft kommt nicht aus Willkür oder weil ich sonst nichts Besseres zu tun hätte; er wächst vielmehr aus dem Glauben an das Leben der Welt, das mir in dem armen Mann aus Nazareth begegnet ist, der weder Reichtum noch Waffen besaß. Dieser arme Mann stellt uns das Leben der Welt vor Augen und weist uns auf den Grund des Lebens hin, auf Gott.

Christus kam in die Welt, damit alle Menschen leben haben und es in Füllte haben. Für rund zwei Drittel der menschlichen Familie gibt es kein Leben in seiner Fülle, weil sie in Armut, nackter ökonomisch bedingter Verarmung and er Grenze zum Tod leben. Sie haben Hunger, sie sind ohne Obdach, sie haben keine Schulen und keine Medizin für ihre Kinder, kein reines Wasser zu trinken, keine Arbeit – und sie wissen nicht, wie sie ihre Unterdrücker loswerden können. Die Handelsverträge und die internationalen Beziehungen werden von der ersten reichen Welt über die Armen verhängt, sie stürzen sie in täglich schlimmer werdendes Elend. Der Kampf ums Überleben zerstört das erfüllte Leben, den Schalom Gottes von dem die Bibel spricht. Christus kam in die Welt, damit alle Leben in Fülle haben, aber die absolute Verarmung, die innerhalb einer technologisch entwickelten Welt ein Verbrechen ist, zerstört Menschen physisch, geistig, psychisch und auch religiös, weil sie die Hoffnung vergiftet und den Glauben zu einer Fratze, zu einer ohnmächtigen Apathie macht. Zwischen Christus, der die Fülle des Lebens für alle bedeutet, und den Verarmten schiebt sich die Ausbeutung als die Sünde der Reichen, die versuchen, das Versprechen Christi zu zerstören.“

Dorothee Sölle hat damit ausgesprochen, was viele ökumenisch und politisch ausgerichtete Christen in der Friedens- und Solidaritätsbewegung denken. Die Kirchenleitungen dagegen distanzieren sich von ihr und weisen darauf hin, dass Sölle auf Einladung des ÖRK und nicht als Vertreterin der EKD in Vancouver gesprochen haben.

Der Titel ihres letzten Buches lautet: „Mystik und Widerstand“. Sie schreibt darin:
“Wir leben seit 1989 in einer vereinheitlichten Wirtschaftsordnung der Technokratie, die eine absolute Verfügung über Raum, Zeit, Schöpfung beansprucht und herstellt. Die Maschine, getrieben vom Zwang, mehr zu produzieren, läuft, von technologischen Erfolgen unvorstellbaren Ausmaßes bestätigt. Sie ist auf ein „Mehr“ an Schnelligkeit, Produktivität, Verbrauch und Gewinn für etwa zwanzig Prozent der Menschheit hin programmiert. Dieses Programm ist effektiver und gewalttätiger als alle historischen Großreiche mit ihren babylonischen Türmen.“

Angesichts dieser Realität stellt sich nicht nur die Frage nach veränderten Formen des Widerstands, sondern auch nach neuen Kraftquellen und Motivationen.

Dieses ist der Ansatz für die Verbindung von Mystik und Widerstand: Das „Nein zur Welt, wie sie jetzt ist!“

In diesem Zusammenhang fragt sie neu nach dem Sinn des Leidens:

„Leiden trennt nicht notwendigerweise von Gott, sondern vermag uns gerade in Beziehung zu dem Geheimnis der Wirklichkeit setzen. Christus nachzufolgen bedeutet, teilzunehmen an seinem Leiden. Mitleiden in diesem Sinne entsteht angesichts der realen Situation anderer unschuldig Leidender aus Solidarität mit ihnen. Ohne Leiden keine Auferstehung.

„Opfer“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass dem Leiden in sich eine Heilsqualität zukäme; wohl aber spricht der Begriff die Teilhabe der Menschen aus, die sich nicht abfinden, sondern in einem mystischen Trotz mitleidend darauf bestehen, dass nichts verloren geht.“

Das „Trotz alledem“ des jüdischen Glaubens das die Widerstandstradition beider Testamente begründet hat, ist die entscheidende Quelle ihrer Kraft und ihrer Inspiration. Diese Tradition ist das Besondere, das Christen und Juden in den Menschheitstraum von einem neuen Morgen einbringen können.

Die andere Tradition ist die der widerständigen Mystik, die die Visionen Dorothee Sölles mit denen der Gottsucher, Wahrheitsfinder und Heimatsucher in vielen Völkern und Kulturen verbindet.

Ihr Mann Fulbert Steffensky schreibt:

„Mystik ist die Erfahrung der Einheit und der Ganzheit des Lebens. Mystische Wahrnehmung, mystische Schau ist dann auch die unerbittliche Wahrnehmung der Zersplitterung des Lebens. Leiden an der Zersplitterung und sie unerträglich finden, in arm und reich, in oben und unten, in krank und gesund, in schwach und mächtig, das ist das Leiden der Mystiker. Der Widerstand wächst aus der Wahrnehmung der  Schönheit. Und das ist der langfristigste und der gefährlichste Widerstand, der aus der Schönheit geboren ist.“

Mystik ist für Dorothee Sölle Widerstand, nicht religiöse Wellness, sondern heiliger Zorn und Raserei, ein Rasen gegen das Sterben des Lichts.

„Wenn du nur Glück willst, willst du nicht Gott“, das ist Dorothees letzter Vortrag, gehalten am 25. April 2003 in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Wer nicht nur Glück will, sondern auch Gott, kommt nicht herum um die großen Klagen, Fragen und Anrufungen, die wir schon in den biblischen Texten finden.

Die Gegenseitigkeit der Gottesbeziehung führt zuletzt wieder zu der Erkenntnis, dass Gott zum Heilwerden unsere Hilfe braucht wie wir seine. Am Ende steht immer noch der Tod; aber stark wie der Tod ist die Liebe:

„Ich habe keine Angst vor Ihnen, Mr. Death. Was ich fürchte, ist das Alleingelassen-Werden, wenn mein Lache-und-Weine-Partner von mir fort muss. Manchmal vermute ich, dass Liebe – falls wir wissen, was wir mit diesem Wort sagen – das Einzige ist, wovor Sie Respekt haben. In diesem Sinne möchte ich Sie bitten, uns nicht zu trennen.“

Das ist am Ende Dorothees großer Wunsch, und er wird ihr erfüllt. Am Abend nach dem Vortrag sitzen beide in Bad Boll mit guten Freunden zusammen, trinken Wein und freuen sich an dem gemeinsamen Abend. Am frühen Morgen erleidet sie einen schweren Herzinfarkt und stirbt im Krankenhaus.

Auf ihrem Grabstein stehen die Worte des Psalms 36: „In Deinem Licht sehen wir das Licht.“

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Jochen Klepper

Apostelandacht zu Jochen Klepper, gehalten am  20. September 2009

Kein Prophet sprach: Mich Geweihten sende!
Wie Fieber brannte es in allen.
Furchtbar ist dem Menschen,
in die Hände Gottes, des Lebendigen, zu fallen.

„Unter dem Schatten Deiner Flügel“

so der Titel des Tagebuches, das Jochen Klepper in den letzten 10 Jahren seines Lebens von 1932 bis 1942 führte. Es ist ein eindringliches und herzbeklemmendes Dokument des Existenzkampfes eines treuen Familienmenschen und christlichen Dichters in einer erbarmungslosen Zeit.

Mich berührt und bestürzt dieses vorbehaltlose Leben mit und im Wort Gottes. Und er vermittelt auf diesen Seiten, dass die Poesie die Quelle seines Lebens ist. Im Schaffensprozess „in dem Gott zu mir spricht“ wie er schreibt, erneuert sich das Vertrauen, mit dem er allen Zweifeln und Abgründen, die in ihm selbst aufbrechen, widerstehen kann.

Jochen Klepper wurde am 22. März 1903 im ehemalig niederschlesischen Beuthen an der oder geboren. Er wuchs in einem evangelischen Pfarrhaus mit vier Geschwistern auf – zwei Schwestern, zwei Brüder. Sein Verhältnis zur Mutter war besonders eng.

Nach dem Willen des Vaters – aber wohl auch aus eigener Neigung – studierte er evangelische Theologie. Er studierte in Erlangen, später in Breslau, belegte auch Fächer für ‚Deutsche Kunst‘ und ‚Nordische Dichtung‘; Kunst, die ihn nie mehr los lies.

Das Erkennen seiner Neigung zur Kunst, die Erfahrung kreativer Freiheit bringt ihn in einen Zwiespalt zur Ordnung des Theologischen Konvikts, in dem er lebt, und in Konflikt zu den Traditionen seines Vaters, was ihm große Not bereitet. Und ihn, der immer schon von labiler Konstitution war, in eine Lebenskrise stürzt.

Mit dem Beistand eines Dozenten und väterlichen Freundes setzt er den während eines Erholungsaufenthaltes gefassten Entschluss um, das Theologiestudium aufzugeben. Und damit beginnt ein Zerwürfnis mit dem Vater, der wohl nicht nachvollziehen konnte, dass sein Sohn der Stimme seiner Berufung folgen musste.

Jochen Klepper bedauerte später manchmal, nicht Pastor geworden zu sein; andererseits gelang es ihm, in seinem Leben und dichterischen Werken Glaube und Kunst zu vereinen.

Die Vater –Sohn-Thematik hält ihn lebenslang fest, wird für ihn wohl zum Trauma. Er setzte sich damit später in seinem großen Roman „Der Vater“ auseinander.

Jochen Klepper wandtet sich der offenen, leichtlebigen Welt der Bühne, des Films und des Funks zu, schrieb literarische Texte, Gedichte – auch Gedichte, die später vertont wurden.

Als erster Roman erschien unter dem Titel „Der Kahn der glücklichen Leute“. Außerdem arbeitete er als Redakteur beim Evangelischen Presseverband in Schlesien.

1929 lernte er seine spätere Frau kennen, die verwitwete Johanna Stein. Hanni war Jüdin aus einer vornehmen jüdischen Familie. Sie hatte zwei Töchter aus erster Ehe, Brigitte und Renate. Die standesamtliche Eheschließung in Breslau fand in Abwesenheit von Jochen Kleppers Eltern und Geschwister statt. Vor allem die Geschwister äußerten antisemitische Hetze auch in Hannis Gegenwart.

Die Zuspitzung des Konflikts mit dem Vater, der Familie führten zur schmerzlichen Trennung und zum Bruch mit dem Elternhaus in Beuthen, woran Jochen Klepper lebenslang litt.

Eine Versöhnung mit dem ihnen bahnte sich erst am Sterbebett des Vaters an.

Jochen, Hanni und die Töchter Brigitte sowie Renate übersiedelten nach Berlin und zogen dort in ein eigenes Haus.

Jochen Klepper war ein Familienmensch. Er schätzte die Geborgenheit und Idylle einer gutbürgerlichen Lebensart, lud Freunde in sein Dichterhaus ein, das er wie ein Pfarrhaus führte. Neben seinem Beruf als Schriftsteller arbeitete er in freier Mitarbeit beim Berliner Rundfunk.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 musste die Familie die Hoffnung auf ein gesichertes Leben aufgeben. Jochen Klepper wurde beim Rundfunk entlassen, weil er mit einer Jüdin verheiratet war. Aus gleichem Grund verlor er auch seine spätere Tätigkeit als Lektor beim Ullstein-Verlag und wurde trotz Anerkennung seiner Schriftstellererfolge – das Buch „Der Vater“ erschien 1935 und wurde zum Bestseller – aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen.

1940 als Soldat eingezogen, wurde er bereits 10 Monate später als „wehrunwürdig“ aus der Wehrmacht entlassen.

Klepper zog sich aus dem äußeren Leben weitgehend zurück, das Familienhaus und sein Dichterberuf wurden für ihn wie zu Inseln mitten im Sturm.

Die Scheidung, die seine Frau anregte, um ihm den Weg frei zu machen, kam für Jochen Klepper nie in Betracht.

Er schreibt im Tagebuch: „Weil Gott mich führt, mitten in den Bedrängnissen, darum darf ich ‚verlangen‘ bei Hanni zu bleiben, denn dass wir beieinander sind, ist Fügung dessen, der mit seinen Plänen all unser Begreifen übersteigt.“

Erst 1938, als die Synagogen brennen, wird ihm unmissverständlich klar, was die Machthaber wirklich im Schilde führen. Bisher hatte er sich nicht ausdrücklich distanziert von politischen Kreisen – wohl auch, weil er dort als Schriftsteller für sein Buch „Der Vater“ Anerkennung erhalten hatte.

Klepper beklagt, dass die Kirche in ihrer Gesamtheit zu all dem schweigt – sich vor dem Staat mehr fürchtet als vor Gott (das ist der Anfang des Gerichtes über dem Hause Gottes), diese Kirche des ‚nationalen Aufstiegs‘ sei sein Todfeind.

Dennoch fühlt er sich durch seinen Taufspruch an die Kirche gebunden: Jesaja 43: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“

Hanis Entscheidung, sich taufen zu lassen, ermutigt Jochen Klepper sehr; so wird das Ehepaar auch kirchlich getraut.

Für die jüdisch-deutsche Familie werden nun die Bedrängungen immer größer; ihr Lebensraum ist unmittelbar bedroht. Immer wieder aufkommende Gedanken an den gemeinsamen Selbstmord der Familie sind von Zweifeln begleitet; werden zu verwirrenden Anfechtungen.

Es ist das Jahr 1942: Bis November sollen alle Juden aus Deutschland deportiert sein. Jüdische Bürger erhalten keine Lebensmittelzuteilungen mehr; ihnen werden die Wohnungen gekündigt, ohne dass sie neue mieten dürfen; und sie sollen sehr begrenztes Gepäck bereithalten.

Die Nachricht von einem KZ in einem Steinbruch bei Weimar kommt in Umlauf. Schreckensnachrichten von Selbsttötungen jüdischer Bürger und Deportationen befreundeter Familien mehren sich im Umfeld der Familie. Ein Schutzbrief von Innenminister Frick – vermittelt durch Freunde während Jochen Kleppers Militärdienstzeit – bewahrt die Familie zunächst noch vor dem Schlimmsten und schafft für einige Zeit einen Aufschub, während dessen sie mit deutschen und schwedischen Stellen verhandeln, die Auswanderung von Hanni, der jüngeren Tochter, zu erreichen. Die ältere Tochter Brigitte ist bereits emigriert, sie lebt in Schweden.

Jochen Klepper hat eine Schaffensphase, arbeitet an seinem neuen Roman „Das ewige Haus“, über Katharina von Bora und Martin Luther; er bestellt Bücher zum Quellenstudium.

Im November erleben Johanna und Jochen ihren Tiefpunkt, die Hoffnung auf irdische Rettung ist erloschen. So bereitet das Ehepaar den gemeinsamen Tod vor. -

Wie eigentlich kann das möglich sein: Für das Leben sorgen, an den Herrn des LEBENS glauben und den eigenen Tod vorbereiten. Kleppers Gewissen stört ihn immer wieder auf, andererseits ist seine Einstellung gereift:

„Es ist vergebbare Sünde wie anderen; Gott hat nur ‚eine Sünde‘ ausgenommen, die gegen den Heiligen Geist.“

Noch einmal scheint sich eine Wende anzubahnen: Per Telegramm erfahren sie, dass sie Großeltern geworden sind: die Tochter Brigitte in Schweden hat eine Tochter geboren. Und ein Anruf vom schwedischen Gesandten bestätigt, dass Reni einreisen kann.

Die Gefühlsschwankungen sind kaum auszuhalten:

„Wieder ist es einer der Tage, an dem man sein Herz in beide Hände nehmen; an dem man die Augen schließen muss, die die Fügung Gottes zu sehen wähnen.“

Die schwersten Schritte stehen Jochen Klepper nun bevor, er muss zum Innenministerium gehen, um eine Ausreisegenehmigung ausstellen zu lassen.

Da dem Innenminister Frick die Kompetenzen entzogen wurden, muss Jochen nach einem qualvollen Tag des Wartens zum Leiter des Sicherheitsdienstes, Adolf Eichmann, gehen, zur „Audienz“, wie Klepper es nennt, um zu erfahren, dass Mutter und Kind nicht ausreisen dürfen.

„Gott weiß, dass ich es nicht ertragen kann, Hanni und das Kind in diese grausame und grausigste aller Depotrationen gehen zu lassen. Gott weiß aber auch, dass ich alles von ihm annehmen will an Prüfung, wenn ich nur Hanni und das Kind geborgen weiß.“

Den Gedanken an Flucht hat Hanni aufgegeben, weil sie weiß, was mit anderen geschah, die zur Flucht verholfen haben. Sie will nun mit den Eltern in den Tod gehen.

Jochens Schwester Hildegard steht der kleinen Familie bis zu ihrem Ende bei…

Sie sichert die vielen Seiten des Tagebuches, wird es später herausgeben.

Die letzte Tagebucheintragung am 10.12.1942:
„Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“ ---

Reinhold Schneider, ein Freund Jochen Kleppers, schreibt im Vorwort des Tagebuches:

„Klepper hat die Seinen an die Hand genommen, als es kein Recht und keinen Schutz mehr gab. Und ist mit ihnen vor den Richter, den schrecklichen Vater, geeilt. Sich schuldig wissend und doch unergründlicher Gnade gewiss.

Gerade dieser Tod ist von ihm her gesehen zu einem Glaubenszeugnis und einem Zeichen der Treue geworden.“

Hannelore Bauer

 

Zum Lied EG 380: „Ja, ich will euch tragen…“

Klepper hat seinem Lied die Überschrift „Silvesterlied“ gegeben. Aber es hat noch einen ganz anderen Charakter: Es ist ein Lied vom Altwerden und Altsein. Und es ist vom Anfang bis zum Ende eine Gottesrede. Wenn wir das Lied singen oder beten, redet Gott selbst uns an und tröstet uns mit seinen Verheißungen.

Die einzelnen Strophen sind denkbar kurz und prägnant:

Im Aufbau ist das Lied auf das Schlüsselwort „tragen“ hin strukturiert.

Es stammt aus dem Text des Alten Testaments, den er dem Lied vorangestellt hat, aus dem 46. Kapitel des Buches Jesaja:

„Ja, ich will euch tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet. Ich will es tun, ich will heben und tragen und erretten. Gedenket der vorigen Zeiten bis daher und betrachtet, was er getan hat an den alten Vätern.“

Das Wort „tragen“  begegnet uns dreimal: in der ersten, in der mittleren vierten und in der letzten Strophe. In den ersten drei Strophen wird das, was Gott von den Menschen erwartet, mit Hilfsverben eingeführt: „Ihr sollt“, „müsst“ und „ihr dürft“, womit eine feine Steigerung angezeigt wird.

Die drei letzten Strophen dagegen werben in Befehlsform um unsere Zustimmung.

Zwei Strophen, die fünfte und die sechste, sind durch das gleiche Anfangswort „Denkt“ miteinander verklammert.

Wir wollen uns zunächst auf das Wort „tragen“ konzentrieren. Sich tragen lassen, wie eine Mutter oder ein Vater ein Kind trägt. Wir können an den Boden denken, der uns trägt, an Stuhl und Bett und Sofa. Wir kennen die Tragkraft des Wassers, das uns beim Schwimmen trägt. Sich tragen lassen bedeutet zugleich, zur tragenden Kraft Vertrauen zu haben.

Wir assoziieren vielleicht den Feuerwehrmann, der das ängstliche Kind aus dem brennenden Haus trägt. Oder auch die Situation, ein uns eher fremdes Kleinkind auf den Arm zu bekommen, das sich eben nicht vertrauensvoll hingibt, sondern anfängt zu schreien, uns misstraut.

Um unser Vertrauen in Gottes Tragen wirbt die zweimalige Aufforderung zum Rückblick in den Strophen fünf und sechs.

„Denkt der vor’gen Zeiten, denkt der frühern Jahre, wie auf eurem Pfad, euch das Wunderbare immer noch genaht..“

Wir haben eine Geschichte mit Gott, die nicht erst jetzt anfängt, sondern weit zurückreicht, zu den Vätern und Müttern. Diese Geschichte ist reich an Erfahrungen göttlicher Hilfe.

Am Ende des Liedes steht noch eine andere einfache Aufforderung: „Lasst nun euer Fragen.“ Gemeint sind wohl die trotzigen, skeptischen Fragen an Gott. Dieses Verstummen kritischer Fragen ist es, was die Bibel Glauben nennt. Glaube ist die Bereitschaft, ein Gotteswort einfach einmal stehen zu lassen, nicht zu hinter-fragen, sondern kindlich zu vertrauen, auch wenn wir älter sind. Glauben heißt eben nicht wissen – sondern sich tragen lassen.

Oder in Strophe 4, die letzten beiden Zeilen: „Wer sah mich versagen, wo gebetet ward?“

Dies ist eine rhetorische Frage aus der Perspektive Gottes, eigentlich eine überstarke Aussage.

Das soll uns Hoffnung geben, dass wir unsere existenzielle Angst, vor Schicksalsschlägen in unserem Leben, vor drohender Not, ja auch vor dem Tod, getrost im Gebet vor Gott bringen sollen, der uns in unserer Unvollkommenheit und Hilflosigkeit an unserem Ende in sein Reich tragen wird.

Kleppers Glaube kommt zutiefst aus dem Inneren, aus dem Gefühl; Klepper ist darin der Mystik nahe, und auch der Romantik. Gott ist für ihn Geheimnis, nicht primär theologisch und damit rational zu erfassen. Klepper sucht in den schweren Jahren der Nazi-Diktatur nach Fingerzeigen Gottes, wie er sich verhalten soll. Er vertraut auf Gottes Hilfe und wird dadurch wohl doch eher zur Passivität verleitet – und bleibt gegen den Rat seiner Freunde in Deutschland.

Entsprechend zieht sich Klepper ins Innere zurück, das Bild dafür ist das Haus – das er baut, das er nicht verlassen mag, das auch eine zentrale Stellung in seinem Roman „Der Vater“ einnimmt.

Dieser fast biedermeierliche Rückzug in die Häuslichkeit verbindet ihn mit Matthias Claudius, der auch häuslich, konservativ, familienverbunden war und die wissenschaftsorientierte Theologie ablehnte:

In seinem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ heißt es:
“Gott lass dein Heil uns schauen, auf nichts Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freun; lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Bei Klepper heißt es in der 2. Strophe: „…müsst dem Vater trauen, Kinder sein als Greis“.

Jochen Klepper studierte als Jugendlicher 8 Semester Theologie und brach dann dieses Studium ab. Nach einer schweren seelischen Krise gelang es ihm nicht, seine Examensarbeit abzuschließen. Kleppers Glaube ist nicht in erster Linie rational oder wissenschaftlich geprägt, sondern kommt zutiefst aus dem Gefühl. Er begreift sein Leben und alle Schicksalsschläge als „Fügung“, hat die tiefe Gewissheit, dass Leben nichts anderes heißt als in Gottes Hand zu stehen. Sein Taufspruch auch aus dem Buch Jesaja ist ihm wichtig: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“

Dieses Frömmigkeitsverständnis prägt auch das zentrale Kapitel in seinem umfangreichsten Werk, seinem 1000seitigen Roman „Der Vater“.

Er beschreibt in diesem Buch den Vater Friedrichs II. von Preußen, den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I.; schildert, mit welcher Liebe und Selbstdisziplin dieser sein Land aus dem Elend geholt hat. Er versteht irdisches Geschehen als Abbild göttlicher Ordnung. Kleppers verstecktes Ziel ist es, dem faschistischen Führertypus das Bild eines sittlichen Erziehers des Volkes entgegenzustellen.

Jedem Kapitel stellt Klepper ein Bibelzitat als Motto voran und verweist damit auf die höhere Ordnung.

Wir erinnern uns: Friedrich Wilhelm I. erzieht seinen Sohn, der die Künste und die Literatur liebt, preußisch streng und spartanisch. Friedrich will während einer Auslandsreise fliehen und wird festgenommen. Der Vater-Sohn-Konflikt gerät auf seinen Höhepunkt:

Der Vater Friedrich Wilhelm ist bereit, seinen Sohn für seine Prinzipien zu opfern und durch ein Kriegsgericht zum Tode verurteilen zu lassen. Dies ist das Thema des 11. Romankapitels, das Klepper „Der Gott von Geldern“ nennt.

König Friedrich Wilhelm ist während einer Reise in der Stadt Geldern angekommen und sieht in der Kirche die Pietà des Schmerzensreichen Vaters. „Es trifft ihn ins innerste Herz, das Leiden des ewigen Vaters schauen zu müssen, indes die Glocken zu läuten aufhören und die Kirchgänger zu singen begannen.“

Verstört reist er weiter zum katholischen Erzbischof von Köln und fragt ihn: „Warum müssen Eure Durchlaucht, der Männlichsten einer, ohne Frau und Kind und Erben bleiben? Müssen nicht nach Gottes Kraft und Willen alle Männer dieser Erde Väter künftiger Väter sein?“

Der Erzbischof weiß, was Friedrich Wilhelm eigentlich bewegt und antwortet:
„In der Heiligen Schrift, Majestät, steht das Wort eines Königs aufgezeichnet, das er dem kommenden König weitergab für den künftigen Sohn: ‚Züchtige deinen Sohn, solange Hoffnung da ist; aber lass’ deine Seele nicht bewegt werden, ihn zu töten.‘“

Der Termin der Verhandlung vor dem Kriegsgericht naht, und Friedrich Wilhelm ist innerlich verstört: „Wieder sah er nur das Bild, wie ihm denn die Gedanken immer nur im Bilde des Vollendeten kamen. Er sah das Bild eines großen Gerichtes, in dem das Weltgericht sich spiegelte, vollzogen und aufgehoben in der Opferung des Sohnes.“

Er lässt seinen lutherischen Hofprediger holen und möchte von ihm erfahren, wie der Unterschied sei zwischen Prädestination (Vorherbestimmung) und Fatalismus.

Der Hofprediger antwortet: „Wie zwischen Himmel und Hölle, Geist und Fleisch.

In der Prädestination ist der, welcher alles vorherbestimmt, vorherweiß, fügt, leitet und nach seiner heiligen Ordnung zu Ende führt, der allmächtige Gott. Im Fatalismus aber ist Gott der Herr selbst gar nichts anderes mehr als ein fallender Stein und ein stürzender Bach.“

‚Gott aber lenkt die Herzen der Könige wie die Wasserbäche‘, schloss der König leise.“

Die Frage der Prädestination ist für Friedrich Wilhelm von großer Bedeutung, weil sein Erzieher ihn lehrte, Aufstieg und Niedergang der Regentenhäuser seien sichtbare Zeichen der Erwählung oder Verwerfung durch Gott.

So sucht er weiter nach dem richtigen Weg:

„Tag um Tag und Nacht um Nacht las der König in der Bibel von Gottvater und dem Menschensohn, den er mit der Schuld der Welt belud, von Abraham und Isaak; von König Davids Klage um Absalom, den Aufrührer; von der Verheißung über alle Erstgeburt; von Krone und Dornenkrone; von Gottes Richterstuhl und den Thronen der Könige. Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak, da er versucht ward, und gab dahin den Eingeborenen und dachte: Gott kann auch wohl von den Toten erwecken. Dann versank er in der Karfreitagsgeschichte.

Der König las in der Bibel, doch betete nicht. Es war, als würde er gepeinigt. Es war, als würde er gerichtet; und nicht des Königs Sohn Friedrich.“

Das Kriegsgericht erklärt sich schließlich für unzuständig, nämlich „dass es Sachen sind, so zwischen Vater und Sohn passieret“.

„Sie bestätigten ihn nicht im Gericht. Gott wollte das Opfer nicht. Gott gab ihm kein Recht dazu, in eigener Tat zu sühnen. Der Erstgeborene gehörte ihm, dem Vater, nicht: er war von Gott als der künftige König gezeichnet. Und im Tode seiner beiden ersten Söhne, die im Kleinkindalter gestorben waren, war die Erwählung Friedrichs zum König besiegelt.

Am nächsten Morgen wurde Des Königs Sohn Friedrich begnadigt – begnadigt im Gericht des Vaters über sich selbst.“

Am Schluss des Kapitels betet der König: „Sein Gebet war nur, Gott möge ihn seine Befehle so wissen lassen, wie ein Soldat die Order seines Königs erhält. Gott möge ihn zu solchem Soldaten-König machen, der gehorcht, dient und vertraut und an dem Willen seines Herrn nicht rüttelt und seinen Plan nicht zu erfragen wagt.“

Nicht im Studium der Bibel, nicht durch Gespräche und Beratung bewältigt er seine schweren inneren Konflikte. Erst im Gebet gelingt ihm dies.

„Gott ließ sich nichts abtrotzen. Gott allein vermochte Menschen zu machen nach seinem Bilde. Der König gab den Sohn zum zweitenmal an Gott. Diesmal richtete er ihn nicht. Er betete für seinen Sohn.“

Klepper lebt aus und mit der Bibel und vertraut auf Gottes Führung. In seinem Tagebuch sucht er das lebendige Gespräch mit Gott. Er wandte die täglich von ihm gelesenen Bibelworte auf das eigene Leben an und ließ sich von ihnen leiten. Sie ermöglichten ihm, das Leben in all seiner Schwere zu ertragen. Der Glaube war für ihn nicht einfach Kirchenlehre, sondern Lebensvollzug. Von Gott her erwartet er alle Last und alles Heil seines Daseins. Gott ist ihm primär Schöpfer und erst sekundär der Richter des Menschen.

In vielem, was ihm geschah oder ihm nicht glückte, vermutete er ein Zeichen Gottes. Selbst seine Anstellung beim Rundfunk hat Klepper als Fügung Gottes anerkannt und auch die Begegnung mit seiner späteren Frau Hanni. Diese Deutung seines Lebensschicksals legt er auch in die Figur des Soldatenkönigs hinein.

Als 1941 die Situation für Klepper und seine Familie immer brenzliger wurde, schrieb er in sein Tagebuch: „Wir wissen, dass Gott noch alles wenden kann.“

Persönlich erschüttert und zugleich seinen festen Glauben bewundernd habe ich seine Werke und Auszüge aus seinen Tagebüchern gelesen.

Aber nach unserem heutigen Verständnis ist Kleppers Umgang mit Texten der Bibel schwer nachvollziehbar. Er meint, der Bibel eine direkte Handlungsanweisung entnehmen zu können, sie wörtlich auf sich beziehen zu sollen. Nach außen erschien er oft passiv und resigniert. Er selbst ergriff kaum die Initiative, sondern überließ möglichst alles Gott. Nur im Glauben vermochte Klepper einen Sinn des Lebens zu erfahren. Biografen Kleppers meinen, dass gerade seine Religiosität jeden Eigenwillen erstickt habe.

Wie weit reicht Gottes Fügung in den Bereich menschlicher Freiheit und in menschliche Entscheidungen hinein? Wie weit kann man beides, Gottes Fügung und menschliche Freiheit, in Einklang bringen? Darüber lohnt es sicher, weiter nachzudenken. Kleppers Leben und sein Sterben, sein Werk könnte uns dazu anregen.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Karl Barth

Apostelandacht zu Karl Barth, gehalten am Pfingstmontag, 1. Juni 2009

Karl Barth wurde am 10. Mai 1886 im schweizerischen Basel geboren.

Seine Eltern waren tief in der Tradition des christlichen Glaubens verwurzelt: Die Mutter Anna war die Tochter eines Pastors, sein Vater Fritz hatte einen Abschluss in Theologie und war Lehrer an der Predigerschule in Basel.

Seine Entscheidung für ein Theologiestudium traf Karl Barth im Laufe seines Konfirmandenunterrichts. Er begann sein Studium in Bern und setzte es in Berlin und Tübingen fort und beendete es schließlich in Marburg.

Während dieser ganzen Zeit stritt er sich ständig mit seinem Vater über die Richtung seiner Ausbildung. Während sein Vater eine konservative Theologie bevorzugte, zog es jungen Heinrich Barth zu den liberalen, vom Geist der Aufklärung geprägten Hochschulen.

Er begann seine Karriere zunächst als Hilfspastor der reformierten Gemeinde in Genf und zog nach 2 Jahren in das kleine schweizerische Dorf Safenwil, wo er 10 Jahre seines Lebens als Pastor verbrachte.

Mehrere Faktoren führten in dieser Zeit zu seinem Bruch mit dem Liberalismus. Während der ersten Jahre in Safenwil kam Barth mit der schweizerischen sozialdemokratischen Bewegung in Berührung und machte sich zunehmend Sorgen über die Nöte der Arbeiterklasse. Es gab zu der Zeit etliche Christen, die glaubten, dass der angewendete Sozialismus die Umsetzung der christlichen Theorie war. Das ging so weit, das mancher im weltlichen demokratischen Sozialismus einen Vorboten des Reiches Gottes sah.

Barth beobachtete den Klassenkonflikt in seiner Dorfgemeinde genau und studierte in dem Zusammenhang das Fabrikrecht, das Versicherungswesen und die Gewerkschaftsbewegungen. Es wurde zum überzeugten Sozialisten, hielt zahlreiche Ansprachen über den Sozialismus und veranstaltete Abendkurse für Arbeiter. Er bekam den Beinamen „roter Pastor von Safenwil“. Sein Vertrauen in den bürgerlichen Religionsethos und in die Annahmen des Liberalismus wurde damit untergraben.

Eine weitere Ursache seiner Abwendung von der liberalen Theologie war wohl der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914. Barth war schockiert, dass seine ehemaligen Lehrer eine Erklärung zur Unterstützung des Krieges unterzeichnet hatten.

Er hielt das für einen Verrat am christlichen Glauben.

Der Gott der liberalen Theologie schien so zu funktionieren, dass er lediglich die Werte und Normen, welche die Gesellschaft etabliert hatte, sanktionierte und mit einem göttlichen Siegel der Billigung ausstattete.

Für Barth war liberales Reden jetzt nur noch ein Reden über die Menschheit mit einer lauteren Stimme.

Liberale Theologen werteten die Bibel nicht als Wort Gottes im strengen Sinne. Ihre Inhalte galten eher einer Sammlung symbolischer Dokumente.

Barth dagegen war überzeugt, dass diese Herangehensweise zur Domestizierung der Bibel und ihrer Botschaft, zu einer Umformung für den Hausgebrauch führt, und damit auch zur Domestizierung Gottes, den die Schrift bezeugt.

Er wollte eine Art der Bibellektüre, die sich mehr auf Gott konzentrierte statt auf den liberalen Ausgangspunkt der menschlichen Erfahrung. Die Bibel erzählt für ihn nicht von Geschichte, Moral oder Religion, sondern von Gott.

Es sind nicht die rechten Menschengedanken über Gott, sondern die rechten Gottesgedanken über den Menschen, die den Inhalt der Bibel ausmachen.

Barth schreibt:

„Über den liberal-theologischen und über den religiös-sozialen Problemkreis hinaus begann mir doch der Gedanke des Reiches Gottes in dem biblisch real-jenseitigen Sinn des Begriffs immer dringlicher und damit die Bibel immer problematischer zu werden.“

So wandte sich Barth im Sommer 1916 einem intensiven Studium des Römerbriefes zu. Daraus entstand ein Kommentar, der eine neue Vorstellung von Theologie einleitet.

Für Barth hat das Wahrnehmen der Stimme und des Willens Gottes bei der Lektüre der Schrift den höchsten Stellenwert. Gelehrsamkeit ist hierfür zwar nützlich, aber sie darf in keinem Fall die Inspiration der Bibel ersetzen oder verdrängen. Er schreibt:

„Meine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, durch das Historische hindurch zu sehen in den Geist der Bibel, der der ewige Geist ist. Wir müssen in einer Weise über Gott sprechen und ihm dienen, die sowohl unserem Status als irdische Wesen als auch Gottes Status als unendlichem Schöpfer gerecht wird. Gott ist im Himmel, wir sind auf der Erde.“

Und so entwickelt Barth eine dialektische Herangehensweise an die menschliche Sprache und das Sprechen über Gott. Er spricht von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus als dem Zentrum des menschlichen Wissens von Gott – erklärt aber gleichzeitig, dass menschliche Wesen nicht fähig sind, das Offenbarte zu begreifen.

Barth schreibt:

„Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides wissen, unser Sollen und unser Nicht-Können, und eben damit Gott die Ehre geben.“

Barths Römerbriefkommentar und seine zunehmende Prominenz in Deutschland trugen 1921 zu seiner Ernennung zum Honorarprofessor für reformierte Theologie an der Universität Göttingen bei.

Die Wandlung vom Gemeindepastor zum Universitätsprofessor forderte seine ganze Arbeitskraft. Er erkannte, dass seine neue Tätigkeit eine Breite von Wissen erforderte, über die er nicht verfügte. Aber er bemerkte:

„Studenten interessieren sich besonders für einen Professor, der sozusagen selber noch Student ist.“

Er hielt in dieser Zeit auch viele Vorträge, in denen er seine dialektische Theologie weiter ausformuliert und bekannt machte:

„Wir können nicht von Gott sprechen. Vom Standpunkt der Menschen aus ist Theologie eine Unmöglichkeit. Theologie wird nur dort möglich, wo Gott spricht, wenn von Gott gesprochen wird. Die Menschen haben aber keine Kontrolle über diese selbstoffenbarende Sprache, sie sind bei der theologischen Arbeit immer von Gott abhängig.

Theologie wird nur durch die Gnade Gottes möglich, in der Gott menschliche Worte aufnimmt und sie trotz ihrer Unzulänglichkeit zur Selbstoffenbarung verwendet.“

Anfang 1924 begann Barth mit Vorlesungen zur Dogmatik, die schließlich in seinem monumentalen Lebenswerk, der „Kirchlichen Dogmatik“ über rund 10.000 Buchseiten veröffentlicht wurden.

Dogmatik bezeichnet den Versuch, den charakteristischen Inhalt des christlichen Glaubens für die Kirche zu verdeutlichen. Außerdem ist sie auch eine Untersuchung des Inhalts der christlichen Theologie mit einem praktischen Ziel: nämlich wie dieser Inhalt am besten in jeder neuen Umgebung vermittelt werden könnte.

Nach 4 Göttinger Jahren erhielt Barth einen Ruf an die Universität Münster. Münster ist stark katholisch geprägt und daher setzte sich Barth in dieser Zeit auch intensiv mit den Unterschieden zwischen Katholizismus und Protestantismus auseinander.

Der zentrale Unterschied betrifft die Natur der Gnade.

Die katholische Kirche sieht sich ermächtigt, Gnade durch ihre Gegenwart, ihr Amt und ihre Sakramente zu kommunizieren.

Für Protestanten hat die Kirche nicht die geringste Macht oder Kontrolle über die Gnade. Die Kirche in der Welt ist zwar als Instrument Gottes eine sichtbare und historische Institution, hat aber keinerlei Kontrolle über die Verteilung der Gnade in der Welt.

Dieses Vorrecht gehört Gott und nur Gott allein. Würde die Gnade unter menschliche Kontrolle geraten, wäre sie eben nicht mehr die Gnade Gottes. Somit hat weder die Kirche noch irgendein Individuum in der Kirche einen Anspruch auf die Gnade Gottes.

„Aufgabe der Kirche kann nur darin bestehen, dass sie in ihrer ehrlich eingestanden Armut das Wort des ewig reichen Gottes hört und zu Gehör bringt.“

Im März 1930 zog Barth an die Universität Bonn, wodurch sich dort die Anzahl der Studenten sofort verdoppelte. Barth erkannte die extreme Gefahr, die von den Nationalsozialisten ausging. Er trat aus Protest gegen die Bedrohung der Demokratie in die SPD ein.

Die Unterstützung des Nationalsozialismus erstreckte sich bis in die Kirche hinein. Die sogenannten „Deutschen Christen“ formierten sich im Juni 1932 und vereinbarten nach der Machtergreifung mit Adolf Hitler die Gründung einer evangelischen Reichskirche.

Als Gegenbewegung und vor allem gegen die Einmischung der Nationalsozialisten in das Leben der Kirche gründete Martin Niemöller den Pfarrernotbund und es entstand die „Bekennende Kirche“.

Vom 29. bis 31. Mai 1934, also vor genau 75 Jahren, nahmen Gesandte aus allen Teilen Deutschlands an der ersten Bekennenden Synode der Deutschen Evangelischen Kirche in Barmen teil.

Karl Barth formulierte zusammen mit anderen die „Barmer Theologische Erklärung“. Die erste These gibt mit einer direkten Erklärung den Ton des ganzen Dokuments an:

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören und dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Gegen den Nationalsozialismus gerichtet war vor allem eine Passage aus der 5. These:

„Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.“

Gegen die deutschen Christen richtete sich der dann folgende Satz:

Wir verwerfen die falsche Lehre, als soll und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“

Barths Opposition gegen den Nationalsozialismus führte dazu, dass er den uneingeschränkten Treueid auf den Führer verweigerte. Daraufhin wurde er von seinen Lehrpflichten in Bonn suspendiert und aus seiner Professorenstelle entfernt.

Drei Tage nach seiner Kündigung in Bonn erhielt er ein Angebot auf einen theologischen Lehrstuhl der Universität Basel, den er sofort annahm. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1962.

In diesen Jahren in Basel war er unendlich produktiv und verfasste zahlreiche Werke, worunter die vier Bände der „Kirchlichen Dogmatik“ zu den bedeutendsten zählen.

Die Theologie ist für Barth vollkommen abhängig von Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus. Dies ist ihre einzig mögliche Grundlage. Wir müssen zunächst glauben und können erst dann versuchen zu verstehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.

Diesen theologischen Ansatz haben wir auch mit dem Zitat aus seinem Römerbrief in unserem Plakat zur heutigen Andacht deutlich gemacht:

„Jesus Christus ist unser Herr, das ist die Heilsbotschaft, das ist der Sinn der Geschichte.“

Er lehnt die Annahme der modernen Theologie ab, dass die Rationalität des christlichen Glaubens fragwürdig oder unhaltbar sei und folglich ihre grundlegenden Begriffe aus anderen Wissenschaften ableiten müsse, wie beispielsweise der Geschichtswissenschaft oder der Philosophie.

Stattdessen sollen wir beten, dass Gott sich uns während unseres Suchens und Erforschens mit unserem endlichen Wissen und begrenzten Verständnis selbst offenbare.

Barth schreibt:

Dogmatik ist die wissenschaftliche Selbstprüfung der christlichen Kirche hinsichtlich des Inhalts ihrer eigentümlichen Rede von Gott. Es gibt keine Grundlage für die Verkündigung oder für theologische Überlegungen, abgesehen von der, die vom Wort Gottes selbst stammt.“

Im Sprechen Gottes durch die Bibel offenbart sich uns der verborgene, unaussprechliche Gott: Im Senden seines Sohnes wird Gott selbst die Offenbarung; und im Senden seines Geistes macht sich Gott den Menschen wirksam bekannt.

Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist, und nur in dem Wirken aller drei zusammen geschieht Offenbarung.

Das erfordert, dass Menschen die Augen und Ohren des Glaubens gegeben werden, damit sie die Enthüllung Gottes wahrnehmen können, der hinter dem geschöpflichen Schleier der verkündenden Menschen verborgen bleibt.

Barth schreibt:

„Denn wie Gott nicht erkannt wird und nicht erkennbar ist außer in Jesus Christus, so existiert er auch in seinem göttlichen Sein und in seinen göttlichen Vollkommenheiten nicht ohne Jesus Christus, in welchem er sowohl wahrer Gott und wahrer Mensch ist, also nicht ohne den in diesem Namen beschlossenen und vollzogenen Bund mit dem Menschen. Man hätte Gott nicht vollständig, man hätte ihn darum gar nicht erkannt, wenn man ihn nicht als den Stifter und Herrn dieses Bundes zwischen ihm und dem Menschen erkannt hätte.“

Wir müssen gegenüber dem Zeugnis der Schrift einfach so vertrauensvoll sein wie möglich und das Mysterium, das Geheimnis anerkennen, das zu der Einzigartigkeit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus gehört.

Jesus Christus wird in seiner Bereitschaft, uns zuliebe Erniedrigung zu ertragen und somit sein priesterliches Amt als unser Stellvertreter zu erfüllen, wahrhaft und ganz als Gott offenbart. Jesus Christus wird wahrhaft und ganz als Mensch offenbart, wenn er in der Erfüllung seines königlichen Amtes zu der Gemeinschaft mit Gott erhöht wird. Jesus Christus wird als eine Person, göttlich und menschlich, offenbart, indem er uns und für uns durch den Heiligen Geist sich selbst gibt.

Die Zuteilung göttlicher Erneuerung und Erlösung des Menschen sieht Barth als das Wirken des Heiligen Geistes in der Versammlung der Gemeinde, also dass Individuen nur in der Gemeinschaft von Christusanhängern „Christen“ sein können.

Was bedeutet das für unser Handeln in der Welt, also ethisch?

Dem Namen Jesus den ethischen Vorrang zu geben, heißt zu fordern, dass wir uns bei unseren Handlungen immer fragen sollen: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Wir sollen das tun, was der Gnade Gottes entspricht. Wir sollen mit unserem Tun Rechenschaft ablegen dieser Gnade gegenüber. Ihr allein sind wir verantwortlich. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet.

Gemäß dieser Maxime wendete sich Barth kompromisslos gegen die verbrecherische Herrschaft der Nationalsozialisten.

Mit Misstrauen verfolgte er nach dem Krieg den politischen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland und seine restaurativen Tendenzen. „Viel Geld und wenig Geist“ kommentiert er den Wiederaufbau in einem Interview.

Er äußerte sich kritisch zur Aufrüstung, zu Fragen atomarer Bewaffnung, zum prinzipiellen Antikommunismus des Westens. Er kontert den Vorwurf, er sei Kommunist geworden: Die Probleme der Welt würden nicht durch Abwehrideologien des christlichen Abendlandes, sondern nur durch eine bessere Gerechtigkeit gelöst. Der Christ stehe um des Menschen willen zwischen den Fronten. In der Entwicklung der Evangelischen Kirche beobachtete er mit Sorge die restaurativen Tendenzen.

Im Jahre 1969 sollte Karl Barth auf einer Ökumenischen Woche vor katholischen und reformierten Christen einen Vortrag halten. Er wollte ihn unter das Motto stellen: „Aufbrechen, Umkehren, Bekennen.

Am Abend des 9. Dezember 1968 unterbricht er seine Arbeit an diesem Vortrag. In der Nacht darauf ist er gestorben.

Hans Küng berichtet auf der Trauerfeier von einem Gespräch mit ihm. Er sagte:
“Wenn einmal der Tag kommt, da ich vor meinen Herrn zu treten habe, dann werde ich nicht mit meinen Werken kommen, mit meinen Dogmatikbändchen auf dem Rücken in der Hutte, im Rückentragekorb. Da müssten alle Engel lachen. Dann wird ich aber auch nicht sagen: Ich habe es immer gut gemeint, ich hatte den guten Glauben. Nein, dann werde ich nur das eine sagen: Herr, sei mir armem Sünder gnädig.“

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Charles de Foucauld

Apostelandacht zu Charles de Foucauld, gehalten am 29. März 2009

Charles Eugène Vicomte de Foucauld wird am 15. September 1858 in Straßburg geboren und gehört einer der reichsten Adelsfamilien Frankreichs an. Beide Eltern sterben, als er 6 Jahre alt ist. Die Erziehung übernehmen die Eltern der Mutter, von denen er später auch ein großes Vermögen erbt.

Während seiner Schulzeit verliert Charles seinen Kinderglauben und wird Agnostiker, glaubt nur noch an das dem Verstand Zugängliche.

Entsprechend der Familientradition tritt Charles in die französische Armee ein, wo er schnell zum Offizier aufsteigt. Wichtiger als die militärische Laufbahn ist ihm in diesen Jahren aber das Vergnügen. In Algerien gibt er seine Geliebte als seine Frau aus. Als der Betrug auffliegt, wir er vor die Wahl gestellt, sich von seiner Geliebten zu trennen oder die Armee zu verlassen.

Der Lebemann Charles de Foucauld bleibt ohne zu zögern bei seiner Freundin. Daraufhin wird er vom Dienst in der Armee suspendiert.

Doch wenige Monate später bricht in Algerien ein Aufstand gegen die französische Besatzungsmacht aus. Foucauld tritt daraufhin wieder in die Armee ein und kehrt nach Afrika zurück.

Dort begegnet er dem gelebten Islam Nordafrikas.

„Der Islam hat eine tief greifende Umwälzung in mir bewirkt. Beim Anblick dieses Glaubens, dieser in der ständigen Gegenwart Gottes lebenden Wesen ließ mich ahnen, dass es etwas Größeres und Wahrhaftigeres gäbe als das Treiben der Welt.“

Nachdem der Aufstand in Algerien niedergeschlagen ist, verlässt er die Armee, um sich ganz der Erforschung Marokkos zu widmen. Dieses Land ist zur damaligen Zeit den Europäern vollkommen verschlossen.

Foucauld hat sich in diesen Monaten sichtbar gewandelt. Aus dem zuvor aufgedunsenen jungen Lebemann ist ein ernsthafter Forscher geworden. Zur Vorbereitung auf die Forschungsreise lernt er Arabisch aus dem Koran und beginnt ethnografische und ethnologische Studien.

Schließlich verkleidet er sich als syrischer Rabbi und bricht mit einem marokkanischen Juden als Führer auf. Acht Monate dauert die entbehrungsreiche Expedition in das Innere Marokkos.

Danach widmet er sich der Aufarbeitung und Veröffentlichung seiner zahlreichen Forschungsergebnisse. In Frankreich wird er zu einem bekannten Mann.

In den marokkanischen Nächten hat er eine Ahnung vom Geheimnis des Schöpfers bekommen:

“In der Andacht solcher Nächte versteht man den Glauben der Araber an eine geheimnisvolle Nacht, wo der Himmel sich auftut, die Engel auf die Erde niedersteigen, die Wasser des Meeres süß werden und die ganze unbelebte Natur sich neigt, um ihren Schöpfer anzubeten.“

In Gesprächen mit einer gläubigen Cousine erinnert er sich an den christlichen Glauben seiner Kindheit und erlebt im Alter von 29 Jahren in einer Pariser Kirche seine Bekehrung.

Er ist sehr früh in der Kirche, um mit dem Abbé über den christlichen Glauben zu sprechen. Der Abbé Huvelin fordert ihn jedoch auf, zu beichten und Gott seine Sünden zu bekennen. Foucauld ist zwar gar nicht gekommen, um eine Beichte abzulegen. Er kniet aber nieder und legt eine Lebensbeichte ab. Indem er dies tut, findet er von einem auf den anderen Augenblick zum Glauben an Jesus Christus.

Mit dieser Hinwendung geht die Berufung zum Leben als Mönch einher.

„Sobald ich glaubte, dass es einen Gott gibt, begriff ich, dass ich nur noch für Ihn leben könne: die religiöse Berufung kam mir zur selben Stunde wie der Glaube. Mein Beichtvater ließ mich drei Jahre lang warten. Ich wollte in einen Orden eintreten, wo ich die genaueste Nachahmung Jesu finden würde. Ich fühlte mich nicht dazu bestimmt, sein öffentliches Leben in der Verkündigung nachzuahmen; so sollte ich also das verborgene Leben des demütigen und armen Handwerkers von Nazareth nachahmen. Mir schien, dieses Leben begegne mir nirgends besser als im Trappistenkloster.“

Er tritt in den Schweigeorden der Trappisten ein und siedelt in ein Kloster in Syrien über. Damit sucht er sich eine der strengsten Lebensformen aus, die der Katholizismus zu bieten hat. Er sehnt sich trotzdem nach einer noch einfacheren Lebensweise, nach einer noch radikaleren Nachfolge Jesu.

Die Ordensleitung beschließt, dass er Theologie studieren und sich zum Priester weihen lassen soll. Doch während der Ausbildung reift in Foucauld der Entschluss, sich nicht zum Priester weihen zu lassen, sondern aus dem Trappistenorden auszuscheiden und als Hausknecht eines Klarissenklosters in Nazareth zu leben.

Dort kann Foucauld endlich leben wie Jesus in Nazareth: unbekannt, grenzenlos arm, erniedrigt, in Kittel und Sandalen als armer Hausknecht bei armen Nonnen.

„Alle sollen arbeiten, ein werktätiges Leben führen; wer vor allem geistig arbeitet, soll daneben wenigstens eine gewisse Zeit des Tages eine niedrige und bescheidene körperliche Arbeit verrichten, um sich durch diese Nachahmung des ‚Handwerkers, des Sohnes der Maria’ zu adeln, um ein Stück Evangelium zu erleben, das Evangelium kennenzulernen, das man nicht beim Anhören, sondern beim Ausüben versteht, um ihre Umgebung den Adel, die Größe der körperlichen Arbeit zu lehren und ihr Liebe und Ehrfurcht dafür einzuflößen.“

Seine Sehnsucht nach Armut ist groß. Er lebt in Nazareth in einem kleinen Bretterverschlag, der zuvor als Geräteschuppen gedient hat. Dieser Bretterverschlag wird seine Einsiedelei, in die er sich immer wieder zu Gebet und zur Schriftbetrachtung zurückzieht.

Drei Jahre lebt Foucauld dieses Leben der Nachahmung Jesu in Nazareth.

„Wenn ihr euch müde, traurig, allein fühlt, vom Kummer gebeugt, zieht euch zurück in dies innerste Heiligtum eurer Seele: dort werdet ihr euren Bruder finden, euren Freund, Jesus, der euer Tröster sein wird, eure Stütze und Kraft. Jesus antwortet dem Beter: Ich will dir alles mit einem Wort sagen: ‚verlasse alles, mein Kind, und du wirst alles finden.’“

In ihm wächst allmählich die Überzeugung, selbst in Nazareth ein zu behagliches Leben zu führen. Er will sich jetzt doch zum Priester weihen lassen, um auf diese Weise den Menschen geistlich dienen zu können. Er erkennt seine Berufung: Unter denjenigen Menschen zu wirken, zu denen sonst keine Christen kommen:

“Meine letzten Exerzitien haben mir gezeigt, dass ich dieses Leben von Nazareth, das meine Berufung ist, nicht in dem so sehr geliebten Heiligen Land führen soll, sondern unter den elendsten Seelen, den verlassenen Schafen.“

1901 kehrt Foucauld nach Nordafrika zurück. Im Umfeld einer Oase errichtet er eine Fraternität, ein offenes Haus für Christen, Muslime und Juden. Anders als in Nazareth will er hier sein Leben mit anderen Menschen teilen.

Er beginnt die Sprache der einheimischen Muslime zu lernen, unterstützt die Armen, kauft sogar Sklaven frei und gewährt Reisenden Gastfreundschaft.

In den Augen der Muslime in seiner Nachbarschaft wird Charles de Foucauld in diesen Jahren zum heiligen Mann, zum christlichen Marabut. Denn er lebt vor, dass nicht nur Muslime ein gottgeweihtes Leben führen können. Mehr und mehr wird er zum Bruder aller Menschen.

Im Jahre 1905 siedelt er sich mit Zustimmung seines Bischofs in Tamanrasset im Hoggargebirge, im Süden Algeriens an. Dort sind die Lebensbedingungen noch wesentlich härter als in seinem vorigen Wohnort. Er lebt in einem kleinen Dorf als einziger Europäer. Um sich mit dem Berbervolk der Tuareg verständigen zu können, wird er zum Sprachforscher. Eine Grammatik und ein Wörterbuch ihrer Sprache werden zu Foucaulds letzter Lebensaufgabe. Sowohl die wissenschaftliche Arbeit als auch die Begegnungen mit den Menschen sollen dazu dienen, den Muslimen eine Brücke zum Evangelium zu bauen.

Foucauld wird auch ganz praktisch tätig. Er vermittelt zwischen den Tuareg und den französischen Besatzern, um die Bebauung des Landes und die Viehzucht zu fördern. Er möchte dazu beitragen, dass die regelmäßig auftretenden Hungersnöte überwunden werden können.

„Gott hat Frankreich eine große Gnade erwiesen, als er ihm fünfzig Millionen ungläubiger Untertanen anvertraute, minderjährige Kinder, die es erziehen, im Evangelium unterrichten und zum Himmel führen darf; welche Gnaden wird Frankreich empfangen, wenn es diese Aufgabe erfüllt und die fünfzig Millionen euer erkaufter Seelen rettet, für die Christus gestorben ist! Wie sehr verlangt es mich danach zu sehen, dass die gläubigen Christen Frankreichs sich ein wenig der algerischen Bevölkerung annehmen, da sie für sie zu sorgen haben wie Eltern für ihre Kinder; denn es ist französisches Land, und es geht zugrunde im Islam.“

Der Erste Weltkrieg hat auch die Berberstämme Nordafrikas in Bewegung gebracht. Manche versuchen, die französische Herrschaft abzuschütteln, andere nehmen ihre Raubzüge wieder auf. Charles de Foucauld bleibt in Tamanrasset, um zwischen den Einheimischen und den Franzosen zu vermitteln.

1916 baut er ein kleines befestigtes Fort, um sich zusammen mit den Einwohnern bei einem Angriff feindlicher Stämme zurückziehen zu können. Auch wenn er selbst bereit ist, das Martyrium zu erleiden, will er das Leben seiner Freunde verteidigen.

Am 1. Dezember 1916 ist er im Fort allein. Auf heimtückische Weise verschafft sich eine Gruppe von etwa dreißig Tuareg Zugang. Charles wird gefesselt und auf die Böschung geworfen, die das Fort umgibt.

Zwei militärische Kamelreiter tauchen auf, um die Post zu holen. Sein fünfzehnjähriger Bewacher gerät daraufhin in Panik und schießt ihm in den Kopf.

Damit geht in Erfüllung, was Charles de Foucauld längere Zeit zuvor für sich gewünscht hatte: Die Gnade des Martyriums.  Er wollte auch damit Jesus ähnlich werden.

Der Herr spricht: „Denke, dass du als Märtyrer sterben musst, ausgeraubt, nackt auf der Erde hingestreckt, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, von Blut und Wunden bedeckt, auf gewalttätige und qualvolle Weise getötet, und wünsche, es möge heute geschehen. Bleibe fest im Wachen und im Tragen des Kreuzes, damit ich dir diese unendliche Gabe schenke. Erwäge, wie dein ganzes Leben zu diesem Tode hinführen muss; erkenne daraus die geringe Bedeutung so mancher Dinge. Denke oft an diesen Tod, um dich darauf vorzubereiten und die Dinge nach ihrem wahren Wert zu beurteilen.“

Bereits als Einsiedler in Palästina träumt Foucauld von der Gründung einer neuen geistlichen Gemeinschaft. Sie sollte sich wie er das verborgene Leben des irdischen Jesus in Nazareth zum Vorbild nehmen.

„Als ich sah, dass es bei den Trappisten nicht möglich ist, das Leben der Armut, der Niedrigkeit, der tatsächlichen Loslösung, der Demut zu führen, habe ich mich gefragt, ob es nicht am Platz wäre, ein paar Leute zu suchen, mit denen man die Gründung einer kleinen Kongregation dieser Art unternehmen könnte. Ziel dieser Kongregation wäre: so genau wie möglich das Leben des Herrn zu führen, einzig von Handarbeit zu leben, ohne irgendeine freiwillige oder erbettelte Spende anzunehmen, alle Seine Räte buchstäblich zu befolgen, nichts zu besitzen, jedem, der bittet, zu geben, nichts zu fordern, möglichst viel zu entbehren, zunächst, um dem Herrn gleichförmiger zu sein, dann aber auch, um Ihn in der Person der Armen zu beschenken.“

Zu seinen Lebzeiten erfüllt sich sein Wunsch nicht. Erst 1933 wird die Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu gegründet. Ihre Mitglieder bilden kleine Bruderschaften von bis zu fünf Mönchen, tragen Laienkleidung und leben in Armut. Sie widmen sich vor allem solchen Menschen, um die sich sonst keine geistliche Gemeinschaft oder Institution kümmert.

1939 entstehen auch die Kleinen Schwestern Jesu. Entscheidend für alle Gemeinschaften ist bis heute, dass sie ein Leben in Armut führen, um durch ihr Beispiel Menschen eine Brücke zum Glauben an das Evangelium zu bauen.

Rolf Polle

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