Nachrichten und Berichte

 

In dieser Rubrik finden Sie Nachrichten, die die gesamte Gemeinde betreffen, Aktuelles, das im Gemeindebrief noch nicht veröffentlicht werden konnte, oder Entwicklungen, die wir für so wichtig halten, dass wir sie hier erwähnen.

 

 
 

Apostelandacht zu Sophie Scholl

Apostelandacht zu Sophie Scholl, gehalten am 22. Mai 2016

Idyllisch von Weinbergen eingeschlossen liegt das kleine Forchtenberg am Kocher, wo Lina Sophie Scholl am 9. Mai 1921 als Tochter des Bürgermeisters Robert Scholl und seiner Frau Magdalena Müller geboren wird, und zwar im Rathaus, das nicht nur Wirkungsstätte des Vaters, sondern auch Wohnung der Scholls ist. Lebensmittelpunkt ist die Diele. Dort wird gegessen und gespielt. Eine Schaukel hängt dort für die fünf Scholl-Kinder, Inge, Hans, Liesl, Sophie und der Werner. Christlich und im Geiste Pestalozzis erzieht Lina Scholl ihre Kinder. Sophie hat den wöchentlichen Badetag am liebsten, denn anschließend gibt es ein Honigbrot und die Mutter erzählt ein Märchen oder Geschichten über den Heiland und von einem die Menschen liebenden Gott. Vor dem Einschlafen sprechen die Kinder ihr Abendgebet, und sonntags besuchen sie das Kinderkirchle nach dem Hauptgottesdienst, das die frühere Diakonissin Lina Scholl oft selbst leitet. So dürfen wir uns die ersten neun Jahre von Sophies Kindheit vorstellen, bis die Familie erst nach Ludwigsburg und wenig später nach Ulm umzieht, wo sich der Vater mit einer Steuerkanzlei selbstständig macht.

Sophie aber darf wie die älteren Geschwister auf die höhere Schule wechseln. Seit 1932 geht sie morgens von der Olgastraße 81 zur Mädchenoberrealschule an der Steingasse nahe dem Ulmer Münster. Ihre Aufsätze und vor allem ihre Zeichnungen liegen über dem Durchschnitt. An der Grundschule war sie Klassenbeste. Das wird sich ändern, denn Sophie wird wie ihre Geschwister vom allgemeinen Begeisterungstaumel für die braunen Machthaber mitgerissen, und Ulm ist eine Hochburg der Nationalsozialisten. Ihre Freizeit opfert sie nun für den BDM statt für die Schule, und wie die anderen Scholl-Kinder wird sie einen mehrjährigen Prozess durchlaufen, bis sie sich voll Ekel von den Nazis abwendet.

Doch das Jahr 1933 ist erst einmal eins der Streitigkeiten über die neuen Machthaber zwischen Eltern und Kindern. Hans hängt ein Bild des Führers im Kinderzimmer auf, Robert Scholl nimmt es wieder ab. Das geht so wochenlang, bis der Vater aufgibt, er, der überzeugte Demokrat, der nach dem Schillerschen Gedanken lebt:

„...dass der Einzelne sich keinem blinden Schicksal beugen muss, sondern aus freiem Willen sein Leben gestalten und Großes daraus machen kann.“ (zitiert nach Barbara Beuys).

Hans, der Mitglied im Jungvolk des CVJM ist, tritt automatisch in die HJ ein, denn die christliche Jugendorganisation wird von der nationalsozialistischen einfach geschluckt. Wenig später folgen Inge, Liesl und Werner dem Beispiel des älteren Bruders und schließlich erhält auch Sophie 1934 die Erlaubnis der Eltern, sich bei der Jungmädelschaft zu melden. Sie macht dort schnell Karriere, denn sie ist klug und sportlich. Schon ein Jahr später wird Sophie Scharführerin und leitet etwa 15 Mädel an.

Was mag sie bewogen haben? Susanne Hirzel, Sophies Freundin, beschreibt das später einmal so:

"Wir wanderten, lernten im Freien behelfsmäßig kochen, lernten Karten und Kompass lesen, betrieben Sternkunde, sangen und lernten viele alte und neue Volkslieder."

(zitiert nach Barbara Beuys).

Sophie singt gern, besonders zur Gitarre, die sie spielt, außer dem Klavier und der Sopranflöte. Sie schaut aus wie ein Junge. Sie trägt einen Knabenhaarschnitt und mit Vorliebe die Blusen ihres Bruders Hans. Sie klettert auf Bäume und schwimmt in der Donau durch den mittleren Pfeiler der Ulmer Brücke, eine Mutprobe, denn sie liebt Herausforderungen, oder muss ich sagen, Gefahren. Am meisten mochte sie die Wanderungen und Ausfahrten des BDM, aber die Heimabende waren Pflicht. Und Sophie Scholl ist in äußerstem Pflichtbewusstsein erzogen. So wird sie auch später ihren Widerstand gegen die Nazis als ihre allerheiligste Pflicht begreifen.

Ende 1937 steht die Gestapo bei den Scholls vor der Tür. Hausdurchsuchung! Sie verhaftet Inge, Sophie und Werner. Sophie darf gleich wieder nach Hause. Kurz vor Weihnachten wird Hans verhaftet und kommt in Untersuchungshaft. Es ist eine reichsweite Aktion, die sich gegen die Bündische Jugend richtet, der sich Hans noch immer verbunden fühlt und deren Lieder und Bräuche er in die HJ einführte. „Bündische Umtriebe“, hieß das im Nazi-Jargon und war verboten. Keins der Scholl-Kinder tritt aus der HJ aus. Hans wird lediglich degradiert. Ein gleiches Schicksal erfährt Sophie im Frühjahr 1938. Sie darf nicht mehr Führerin sein.

Empört reagiert sie auf die Reichspogromnacht und mutig äußert sie ihre Empörung öffentlich, und zwar in der Schule. Jeder soll hören, wie Sophie Scholl über Unrecht denkt. Aus dem BDM zieht sie sich zurück, besucht noch die Heimabende und übernimmt den Kindergärtnerinnendienst. Statt der Aufmärsche und Kundgebungen beschäftigt sie sich mit Literatur. Rainer Maria Rilke und Stefan George sind ihre Lieblingsdichter. Sie zeichnet in der Natur, besucht eine private Kunstschule, wo sie einen Aktkurs belegt. Malerinnen wie Paula Modersohn-Becker und Renée Sintenis sind nicht nur Vorbilder in Sachen Malerei, sondern vor allem für ein Leben selbständiger Frauen, das nicht dem nationalsozialistischen Frauenbild entspricht.

Den endgültigen Bruch mit den Nazis vollzieht Sophie allerdings mit Ausbruch des Krieges. Hat der Vater doch Recht gehabt, der schon kurz nach 1933 prophezeite, dass die massive Ankurbelung der Wirtschaft Kriegszwecken diene. Die einzige Hoffnung, die sich für alle Scholls mit dem Krieg verbindet, ist der feste Glaube, er befreie, wenn er denn verloren ist, Deutschland vom Joch der braunen Machthaber.

Und umso länger der Krieg dauert, desto näher, so glauben sie, sei das Ende der Diktatur, die die Menschen ihrer Freiheit und ihrer Individualität beraubt.

Nach dem Abitur 1940 beginnt Sophie Scholl eine Ausbildung zur Erzieherin im Fröbel-Seminar in Ulm-Söflingen wie schon ihre Schwester Liesl vor ihr. Sie hofft damit den Reichsarbeitsdienst (RAD) umgehen zu können. Ein Jahr dauert die Ausbildung für Abiturientinnen, in denen Sophie die Pädagogik von Friedrich Fröbel, Maria Montessori und Johann Heinrich Pestalozzi kennenlernt. Nur, um den RAD kommt sie nicht herum. Die Behörden erkennen das Fröbel-Seminar als Ersatz nicht mehr an. Sie würde so gern studieren wie ihr Bruder Hans. Stattdessen muss sie im März 1941 ins RAD-Lager Schloss Krauchenwies im Kreis Sigmaringen. Pflicht sind das Tragen einer Uniform und die körperlich harte Arbeit im Außendienst. Sophie schuftet in der Landwirtschaft. Aus den Blasen an den Händen werden bald Schwielen. Schrecklich aber sind der Drill, die Fahne hoch, die Fahne runter, und die Schikane, der Verlust jeder Individualität. Sie schreibt in einem ihrer zahlreichen Briefe an die Familie und Freunde:

„Wir leben sozusagen wie Gefangene, da nicht nur Arbeit, sondern auch Freizeit zum Dienst wird.“ (Sophie Scholl,

Sophie bewahrt sich dennoch ihre Individualität. Sie hat sich ein eigenes Pensum neben dem des RAD auferlegt. Nachts liest sie mit der Taschenlampe unter der Bettdecke Thomas Manns verbotenes Buch „Der Zauberberg“ und Augustinus „Die Gestalt als Gefüge“. Später im Verlauf des RAD beginnt sie, sich durch kalte Duschen abzuhärten, als müsse sie sich immer wieder wachrütteln, um sich nicht ihrer Umgebung anzupassen. Sie sieht es als eine Übung zur Erhaltung der eigenen Disziplin. Ein Goethewort, welches der Vater gern zitiert, ist Sophie Leitsatz:

 „Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten.“ (zitiert nach Barbara Beuys).

Das kalte Duschen hilft ihr, diszipliniert Sophie als Sophie zu erhalten.

Und kein Ende ist absehbar. Kurz vor Ende des RAD ordnen die Nationalsozialisten für Studenten einen weiteren sechsmonatigen Dienst an, den Kriegshilfsdienst. Sophie erfährt die Nachricht aus dem Radio. Nichts mit Freiheit. Wieder nichts mit Studium.

Anfang Oktober 1941 tritt sie ihre neue Arbeitsstelle an: ein Kindergarten in der Kleinstadt Blumberg nahe der Schweizer Grenze. Während des Kriegshilfsdienstes – wieder lebt Sophie in einem RAD-Lager - sucht sie noch stärker Trost im Glauben. Sie liest Kierkegaard. Eine Kapelle wird in Blumberg ihr Refugium, nicht nur um Orgel zu spielen, sondern um bei Gott Trost zu suchen, auch im Gebet. Sophies Verhältnis zu Kirchen drückt sich am schönsten in einer Zeile aus ihrem Lieblingsgedicht von Manfred Hausmann aus:

„Ich möchte eine alte Kirche sein, voll Stille, Dämmerung und Kerzenschein.“ (zitiert nach Barbara Beuys).

Ende März 1942 hat sie es dann endlich geschafft. Sie kehrt nach Ulm ins Elternhaus zurück, um wenige Wochen später, an ihrem 21. Geburtstag, nach München aufzubrechen, wo sie Biologie und Philosophie studieren wird

Liegen die Nerven bloß, als Sophie Scholl am 25.1.1943 nachmittags von ihrer Wohnung an der Franz-Joseph-Straße Nr. 13 zum Münchner Bahnhof geht? Auf dem Rücken trägt sie einen Rucksack, unter dem Arm eine Aktentasche. Beide sind gefüllt mit Flugblättern, rund 2.000 Stück, davon etwa 250 in Umschlägen. Sie geht sicher nicht schnell, das wäre auffällig. Aber sie geht zügig, denn sie muss den Schnellzug nach Augsburg erreichen. In den steigt sie mit ihrer gefährlichen Fracht, obwohl sie weiß, dass die Züge ständig kontrolliert werden. Da ihr für einen Teil der Briefe Marken fehlen, kauft sie welche in Augsburg. Sie klebt sie auf die Umschläge und wirft ihre Sendung in zwei verschiedene Briefkästen. Am Abend fährt sie weiter nach Ulm. Doch Hans Hirzel erwartet sie nicht wie verabredet am Bahnhof. Sie läuft mit ihrer Fracht von noch etwa 2.000 Flugblätter quer durch Ulm, ihrer Heimatstadt. Das Risiko jemanden zu treffen, den sie kennt, ist groß. Im Pfarrgarten der Martin-Luther-Kirche trifft sie endlich Hans Hirzel, übergibt ihm die Flugblätter und kehrt sofort zum Bahnhof zurück. Erleichtert fährt sie nach München. Das ist gut gegangen.

Wochen mühseliger Vorbereitungen der ersten Flugblattaktion liegen hinter ihr. Mit Hans Scholl und Alexander Schmorell im Wechsel sitzt sie im Deutschen Museum, wo die Telefonbücher des "Großdeutschen Reiches" einsehbar sind, also auch die Österreichs, und schreibt Adressen ab. Das geht so zwei Wochen lang. Ständig kauft sie irgendwo Briefumschläge oder Briefmarken, möglichst kleinere Mengen, weil große sofort auffallen. Sie kauft Matrizen und Saugpapier. Das sind ihre Aufgaben. Mitte Januar lagern rund 10.000 Blatt Papier, 2.000 Umschläge, 1.000 Briefmarken und 20 Matrizen in Hans Zimmer. Ebenso ein Vervielfältigungsgerät, ein ziemlich modernes der Firma Geha, mit dem sich die Flugblätter in wenigen Stunden abziehen lassen. Sophie beschriftet die Kuverts auf der Schreibmaschine mit Adressen. Anschließend falzt sie die Flugblätter,  steckt sie in die Umschläge und frankiert diese.  Und ständig die Angst, die Gestapo steht vor der Tür, denn die Geschwister glauben, überwacht zu werden. Sophie ist angespannt, aber auch erschöpft.

Weil sie von der Flugblatt-Streu-Aktion am 29.1.1943 ausgeschlossen ist - Hans, Alexander und Willi verteilen in Hauseingängen, Hinterhöfen und Toren in drei Münchner Stadtteilen geschätzte 1.500 Exemplare – hat sich Sophie ihre eigene Streuaktion ausgedacht. Stets hat sie einige Flugblätter in der Handtasche, die sie in Telefonzellen oder parkenden Autos auslegt. Auch an mehreren Schriftaktionen, bei denen Hans und Alex und Willi ab dem 3.2.1943 mittels einer Schablone und Teerfarbe "Nieder mit Hitler" an die Hauswände schreiben, ist Sophie nicht beteiligt.

Das zweite Flugblatt richtet sich nicht allgemein an die Bevölkerung, sondern ruft speziell Studenten zum Widerstand auf. Es stammt aus der Feder Professor Kurt Hubers. Schmorell tippt es am 12.2.1943 auf Matrize und zieht gemeinsam mit Hans und Willi etwa 3.000 Exemplare ab. Aus einem veralteten Studentenverzeichnis schreibt Sophie am folgenden Abend  mit ihrem Bruder Hans Adressen auf Briefumschläge und am Montagmorgen hilft auch Alexander den Geschwistern beim Kuvertieren, und zwar nicht in deren Wohnung, sondern im nahegelegenen Atelier des Architekten Eickmeyer an der Leopoldstraße, zu dem sie einen Schlüssel haben und wo sie sonst Gesprächsrunden und Lesungen abhalten. Am Nachmittag setzen die beiden Männer die Arbeit allein fort. Erst nachts machen sie in der Wohnung der Geschwister weiter, und zwar zu viert. Sophie ist wieder mit dabei und Willi Graf kam hinzu. Erstmals verstecken sie Vervielfältigungsapperat und Schreibmaschine im Atelier Eickmeyer. Noch in derselben Nacht macht sich Willi Graf auf den Weg und steckt geschätzte 800 – 1.200 Briefe in Kästen an verschiedenen Postämtern Münchens ein. Gleichzeitig läuft eine Schriftaktion. Sophie ist während dessen mit den restlichen rund 1.500 Flugblättern allein in der Wohnung. 50 Briefe bringt sie am folgenden Tag in Begleitung von Hans Freundin Gisela Schertling zum Briefkasten an der Ecke Leopoldstraße und Franz-Joseph-Straße. Auch kauft sie dort auf dem Postamt noch einmal Briefmarken.

Der Anlass zu der waghalsigen Aktion an der Münchner Universität, die zur Verhaftung der Geschwister Scholl am kommenden Donnerstag, 18.02.1943 führt, ist vermutlich ein Anruf von Inge Scholls Freund Otl Aicher, indem er eine verschlüsselte Nachricht von Hans Hirzel aus Ulm hinterlässt: Das Buch "Machtstaat und Utopie" sei vergriffen. Dies ist ein vereinbarter Code, um sich gegenseitig zu warnen. Hirzel wurde einen Tag zuvor von der Ulmer Gestapo verhaftet und verhört. Wollen die Geschwistern die Flugblätter möglichst schnell loswerden, als sie sich nach dem Frühstück mit einem Koffer und einer Aktentasche gefüllt mit den restlichen 1.500 Exemplaren des zweiten und etwa 50 Exemplaren des ersten Flugblattes auf den Weg zur Uni machen? Sie betreten das Gebäude durch den Haupteingang und legen und verstreuen die Flugblätter im Erdgeschoss vor den Hörsälen. Sie sind schon auf dem Weg zum Hinterausgang, als sie spontan noch einmal umkehren. Noch immer haben sie Flugblätter übrig. Sie laufen die Treppe zum ersten und zweiten Stockwerk hinauf und legen auch dort Stapel mit der Flugschrift aus. Im zweiten Stockwerk wirft Sophie eine Handvoll Flugblätter in den Lichthof. Das beobachtet der Hausschlosser der Universität, Jakob Schmid, läuft in den zweiten Stock und setzt mit den Worten "Ich verhafte Sie" die Geschwister fest. Er bringt sie ins Zimmer des Syndikus, bis Polizei und Gestapo eintreffen.

Robert Mohr, Leiter der Münchner Gestapo-Sonderkommission, die beim Auftauchen der Flugschriften neu gegründet worden war, lässt Sophie und Hans ins Wittelsbacher Palais an der Brienner Straße 50, also ins Gestapo-Hauptquartier bringen. Das erste Verhör der beiden getrennt voneinander, aber zur gleichen Zeit beginnt noch am selben Tag gegen 15 Uhr. Nach drei Stunden Verhör leugnet Sophie noch immer die Tat. Ihre Erklärungen sind plausibel. Mohr deutet an, sie könne am Abend wieder nach Hause zurückkehren. Die Haussuchung in der Wohnung der Geschwister ändert alles. Gefunden werden eine Reiseschreibmaschine, ein Heft mit Anschriften in Augsburg und München, hunderte von Briefmarken und schließlich eine Armeepistole mit Munition. Um 19 Uhr beginnen deshalb Sophies und Hans zweite Verhöre. Sie dauern bis zum Morgen des Freitag. Um 4 Uhr in der Früh gesteht Hans. Zum Verhängnis wird ihm der Entwurf eines Flugblatts geschrieben von Christl Probst, das Hans bei seiner Verhaftung noch in der Manteltasche trug und das er zu entsorgen versuchte, was misslang. Als Sophie von dem Geständnis des Bruders erfährt, gibt auch sie die Tat zu und versucht so viel Schuld wie möglich auf sich zu laden. Um 8 Uhr morgens kehrt sie in ihre Zelle zurück. Ein letztes Verhör dann am Samstag, und noch am Sonntag wird sie dem Haftrichter vorgeführt. Der erlässt Haftbefehl. Gleiches widerfährt Hans und dem inzwischen verhafteten Christl Probst.

Schon am nächsten Tag, Montag 22.2.1943, um 10 Uhr ist die Verhandlung von Sophie, Hans und Christl. An den Händen gefesselt werden sie in den Saal 216 des Schwurgerichts geführt. Ihr Richter ist Roland Freisler, berüchtigt durch die hohe Zahl seiner Todesurteile. Inzwischen haben auch die Eltern der Geschwister von deren Verhaftung erfahren und sind mit dem Zug in München angekommen. Der Prozess hat schon begonnen, als sie den Gerichtssaal betreten. Robert Scholl ergreift das Wort, wird zurechtgewiesen, ergreift aber immer wieder das Wort. Schließlich werden die Eltern aus dem Gerichtssaal entfernt. Der Prozess dauert bis 13.30 Uhr. Dann zieht sich das Gericht zur Beratung zurück. Wenig später verkündet es drei Todesurteile, die von Sophie, Hans und Christl.

Nach dem Prozess wird Sophie ebenso wie Hans und Christl ins Gefängnis München Stadelheim gebracht, wo es den Eltern gelingt, noch einmal mit ihren Kindern zu sprechen. Beide, sowohl Sophie als auch Hans, sind sehr gefasst. Beide nehmen das Abendmahl und den Beistand eines protestantischen Pfarrers an. Schon um 17 Uhr des 22.2.1943, also nur wenige Stunden nach der Urteilsverkündung, werden sie durch die Guillotine hingerichtet. Das Gnadengesuch der Eltern wurde abgelehnt.

In den Verhören begründete Sophie Scholl ihr Handeln wie folgt: "Es war unsere Überzeugung, dass der Krieg für Deutschland verloren ist, und dass jedes Menschleben, das für diesen verlorenen Krieg geopfert wird umsonst ist." In ihren Briefen findet sich eine christliche Motivation für ihr Handeln. Sie wollte nicht schuldig werden vor Gott an einem sinnlosen Blutvergießen und an den Greueltaten des Nationalsozialismus, dem sie eine tiefe Abneigung gegenüber empfand, weil ihrer Auffassung nach "... die geistige Freiheit des Menschen in einer Weise eingeschränkt wird, die meinem inneren Wesen widerspricht." (Zitiert nach Barbara Beuys S. 451/52).

Marlies Matthies

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Óscar Arnulfo Romero

Apostelandacht zu Óscar Arnulfo Romero, gehalten am 13. März 2016

Vom Konservativen zum Anwalt der Armen

Am 23. Mai 2015 fand die Seligsprechung von Óscar Romero in San Salvador, der Hauptstadt El Salvadors, statt. 200 Bischöfe und 300.000 Gläubige nahmen daran teil. Endlos lange Schlangen pilgerten vorbei an der Reliquie mit dem blutgetränkten Hemd, das Oscar Romero an jenem Märztag 1980 trug, als Kugeln sein Leben auf grausame Weise beendeten.

Mit der Seligsprechung erkannte auch die römische Kurie endlich die Verehrung an, die Romero in ganz Lateinamerika zuteil wird.

Der Seligsprechungsprozess für Romero wurde bereits 1997 eingeleitet, bald darauf aber durch den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, wieder eingefroren. Die salvadorianische Bischofkonferenz forderte Rom erfolglos auf, zum 30. Jahrestag der Ermordung Romeros im Jahr 2010 die Seligsprechung zu verkünden. Unter Papst Benedikt XVI., dem einstigen Kardinal Ratzinger, hatte diese Forderung keine Chance.

Erst sein Nachfolger Papst Franziskus erlaubte die Wiederaufnahme des Verfahrens und setzte damit ein deutliches Zeichen des Wandels.

Óscar Arnulfo Romero wurde am 15. August 1917 in einer kleinen Gebirgsstadt an der Ostgrenze zu Honduras geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Er hatte sechs Geschwister und mindestens eine uneheliche Schwester. Der Vater war Telegraph und Posthalter in der Stadt, und die Romero-Kinder trugen Briefe und Telegramme in der Stadt aus. Der kleine Oscar wurde als lernfreudig und fromm beschrieben. Schon mit dreizehn Jahren äußerte er den Wunsch, Priester zu werden. So trat er als Internatsschüler in das Seminar der Stadt San Miguel ein und begann sein Theologiestudium im Jahre 1937 am jesuitischen Priesterseminar in San Salvador. Auf Weisung seines Bischofs beendete er sein Studium in Rom an der Päpstlichen Universität und empfing dort im April 1942 seine Priesterweihe.

Im August 1943 kehrte er nach El Salvador zurück und arbeitete in den folgenden Jahren als Pfarrer und Redakteur kirchlicher Zeitschriften in der Stadt San Miguel.

Im Jahre 1967 wurde er zum Generalsekretär der Nationalen Bischofskonferenz berufen. Aus diesem Grund musste er San Miguel verlassen und nach San Salvador übersiedeln. Zusätzlich zu seinen Ämtern in El Salvador wurde er 1968 auch noch Sekretär des Zentralamerikanischen Sekretariats der Bischöfe.

Papst Paul VI. ernannte ihn 1970 zum Weihbischof in der Erzdiözese San Salvador. Ein Weihbischof ist der Stellvertreter des Bischofs und leistet ihm Hilfe bei der Amtsführung. Romero leitete dort außerdem eine konservative kirchliche Zeitung und wurde Rektor des Priesterseminars von El Salvador.

Vier Jahre später wurde er zum Bischof der Diözese Santiago de Maria ernannt.

Im Juni 1975 überfielen Gardisten nachts einen Weiler in Romeros Diözese, erschossen und zerstückelten fünf Campesinos, also Kleinbauern, und plünderten die Häuser auf der Suche nach Waffen. Am folgenden Tag kam Romero, um die Familien zu trösten und für die Opfer eine Messe zu halten. In seiner Predigt verurteilte er das Massaker als Übergriff auf die Menschenrechte. Anschließend ging er zum Ortskommandanten der Guardia. Dieser aber bezeichnete die Opfer als Übeltäter und unternahm nichts weiter.

Er schrieb auch einen Brief an den Präsidenten El Salvadors. Darin beschrieb er seine Erlebnisse und protestierte gegen die Gewalttat; aber er protestierte nicht öffentlich. Der Brief war respektvoll und höflich. Er glaubte offensichtlich immer noch, die Behörden wären für die Verbrechen ihrer Untergebenen nicht verantwortlich und würden Missbräuche abstellen, so dass es besser wäre, die Dinge zwischen kirchlichen und staatlichen Behörden zu regeln.

Am 30. Juli 1975 massakrierten Truppen in San Salvador etwa vierzig Studenten, die gegen die von der Regierung verordnete Besetzung der Universität demonstriert hatten. Aus Protest dagegen besetzten andere Gruppen, einschließlich Priestern und Ordensleuten, die Kathedrale von San Salvador – die erste solcher Besetzungen. Romero war aufgebracht, allerdings hauptsächlich über die Haltung der Protestler. Er gab unzweideutig zu verstehen, dass er mehr Frömmigkeit und wenige Ideologie in der Ausbildung des Priesternachwuchses wünsche, entließ den Direktor und ernannte einen neuen.

Durch diese Haltung gewann Romero Ansehen in den Augen des päpstlichen Nuntius von El Salvador. Der überlegte sich bereits, wen er in Rom als nächsten Erzbischof von San Salvador vorschlagen könnte.

Die Erzdiözese von San Salvador wurde seit 1938 von Erzbischof Luis Chávez geführt. Der unterstützte das Recht der Bauern, sich zu organisieren und politischen Druck auszuüben. Das sahen viele Mitglieder der kirchlichen Hierarchie eher kritisch.

Anfang 1977 ließ sich der Erzbischof in den Ruhestand versetzen. Er ließ einen unteren Klerus zurück, der auf der Seite der Armen und Unterdrückten stand.

Als Nachfolger ernannte Rom auf Vorschlag des päpstlichen Nuntius den Bischof Óscar Arnulfo Romero.

Er galt bei seiner Ernennung als Wunschkandidat der Konservativen und Oligarchen. Sie hofften, Romero würde mit den politisierenden Priestern aufräumen und die Kirche wieder zu ihrer geistlichen Aufgabe zurückführen. Im Klerus der Hauptstadt dagegen war seine Ernennung umstritten, weil viele das sozialpolitische Engagement seines Vorgängers schätzten.

Der Grundbesitz in El Salvador war in den Händen einiger weniger Familien. Die große Mehrheit der Bevölkerung hatte dagegen nichts, bestenfalls schlecht bezahlte Arbeit in den Erntewochen von Kaffee, Baumwolle und Zuckerrohr.

In den sechziger Jahren hatten sich neue soziale Bewegungen gebildet, Gewerkschaften und linksorientierte Parteien. Die Herrschenden sahen in ihnen und den sozial engagierten, christlichen Gruppen zunehmend eine Bedrohung ihrer Interessen und erhofften sich vom neuen Erzbischof Romero, dass er gegen diese Gruppen vorgehen würde.

1968 hatte die lateinamerikanische Kirche die Bischofskonferenz von Medellín abgehalten, um das Zweite Vatikanische Konzil auf Lateinamerika anzuwenden. Die Grundideen der Befreiungstheologie waren bereits verbreitet und eingebettet in die Dokumente von Medellín: Gott will keine soziale Ungerechtigkeit, sondern das Gegenteil: das Volk soll mit Gottes Hilfe für die Herbeiführung der Gerechtigkeit arbeiten.

Mit den Dokumenten von Medellín kündigten die Bischöfe das Bündnis zwischen den herrschenden Besitzenden und der Kirche auf. Das alarmierte sowohl die lateinamerikanischen Oligarchien als auch die Regierung der Vereinigten Staaten. Gott in einen Zusammenhang mit den politischen und wirtschaftlichen Strukturen zu bringen, wurde als Marxismus und Kommunismus abqualifiziert. Oscar Romero allerdings gehörte zu denen, die sich lange schwer taten mit diesen Neuorientierungen der lateinamerikanischen Kirche.

Zeitgleich mit der Amtsübernahme Romeros als Erzbischof von San Salvador fanden im Februar 1977 Präsidentschaftswahlen statt. Nach massiven Wahlfälschungen wurde General Carlos Humberto Romero zum Wahlsieger ausgerufen, der mit Erzbischof Romero nur den Namen gemeinsam hatte, sonst nichts. Die Opposition reagierte mit einem Generalstreik und einer Protestkundgebung gegen den Wahlbetrug auf dem Platz vor der Kathedrale. Am Abend forderte das Militär eine Räumung des Platzes und schoss danach wahllos in die Menge. Es gab mehr als 100 Tote.

Einen Monat später wurde der Pater Rutilio Grande zusammen mit zwei Begleitern auf dem Weg zu einem Gottesdienst aus einem Hinterhalt ermordet. Auftraggeber waren die Großgrundbesitzer. Oscar Romero war lange Jahre eng mit ihm befreundet gewesen und wurde durch dieses Ereignis im Innersten erschüttert.

Die drei Leichname wurden in die Hauptstadt überführt, wo Romero in der Kathedrale das Requiem feierte. Das Radio übertrug die Messe. Romero nahm an, dass die Mörder in ihrem Versteck die Übertragung hörten, und richtete sich an sie mit den eindrücklichen Worten:

„Wir möchten euch sagen, ihr mörderischen Brüder, dass wir euch lieben und dass wir Gott um Reue für eure Herzen bitten, denn die Kirche ist nicht zum Hass fähig und sie kennt keine Feinde.“

Auf die Ermordung Rutilio Grandes regierte Romero mit der Ankündigung, an keinem offiziellen Akt der Regierung mehr teilzunehmen, bis das Verbrechen aufgeklärt sei. Außerdem wurde für die ganze Erzdiözese am folgenden Sonntag nur eine einzige Messe in der Kathedrale von San Salvador gefeiert.

Sowohl der päpstliche Nuntius als auch die Regierung protestierten, doch Romero ließ sich nicht beirren. Über 100.000 Menschen kamen zusammen. In seiner Predigt stellte er klar:

„Wer einen meiner Priester anrührt, rührt mich an.“

Sowohl der Nuntius als auch die Regierung und die Oberschicht stellten beunruhigt fest, dass ihre Rechnung mit der Ernennung Romeros nicht aufgegangen war. Der verhielt sich ganz anders, als sie sich das vorgestellt hatten.

Die Lage verschärfte sich durch die Entführung des Außenministers El Salvadors durch eine linke Befreiungsorganisation. Die Regierung machte Teile der Kirche und den Erzbischof für diese Entführung mitverantwortlich. Bald fand man die Leiche des ermordeten Ministers, und einen Tag später wurde als Vergeltung ein weiterer Priester ermordet. Romero feierte jeweils Requiems für beide Tote.

Drei Monate nach seiner Ernennung war Romero ein anderer, ein veränderter Bischof. Viele sprachen im Zusammenhang mit dieser Wandlung vom „Wunder Romero“. War er zuvor eher zurückhaltend, ja ängstlich gewesen, so suchte er jetzt die Begegnung mit den Menschen und predigte wortgewaltig im Andenken an einen einige Tage zuvor ermordeten Priester:

„‘Tut Buße‘, mit diesem Wort begann Jesus das Evangelium zu predigen. Um Buße geht es auch im Wesentlichen in der Predigt der Kirche: ‚Tut Buße, bekehrt euch, verlasst die bösen Wege.‘ In dieser Stunde sollten wir auf alle Straßen unseres Vaterlandes hinausgehen, wo so viel Hass, Verleumdung, Rache, fehlgeleitete Gewissen sind, und sagen: ‚Bekehrt euch!‘ Die Kirche verabscheut Gewalt. Niemals wird sie Verbrechen billigen, wie sie in dieser Woche begangen wurden. Doch empfindet sie nie Hass auf Menschen, die mit der Pistole geschossen, ermordet, entführt haben. Vielmehr sagt sie zu ihnen liebevoll: ‚Bekehrt euch.‘ Bekehrung auch von den Sünden, die jeder von uns im Herzen trägt. Ich trage meine eigenen Sünden und jeder von euch auch. Wer von uns ist kein Sünder? Bitten wir Gott um Verzeihung, bekehren wir uns, verlassen wir den bösen Weg.“

Die Reichen, die zuvor seine Freunde gewesen waren, wandten sich zum großen Teil von ihm ab. Ein ultrarechtes Kampfblatt machte sogar den Vorschlag, der Papst sollte einen Exorzismus an Romero vollziehen.

Doch Vertreter aller gesellschaftlicher Gruppen suchten das Gespräch mit ihm: Unternehmer und Großgrundbesitzer, Militärs, Regierungsmitglieder, Diplomaten, Journalisten und auch die einfachen Menschen. Damit wuchs Romero in die Rolle eines Vermittlers. Er vermittelte in Arbeitskonflikten, bei Besetzungen von Botschaften durch die linken Volksorganisationen und in Entführungsfällen.

Sein internationales Prestige wuchs beständig. Im Dezember 1978 schlugen ihn 118 britische Abgeordnete für den Friedensnobelpreis vor, der dann allerdings an Mutter Teresa von Kalkutta vergeben wurde. Im Dezember 1979 predigte Romero:

„Eine echte christliche Bekehrung heute muss die sozialen Mechanismen aufdecken, die den Arbeiter und den Bauern marginalisieren. Warum gibt es für den armen Campesino nur Einkünfte währende der Kaffeernte, der Baumwoll- und Zuckerrohrernte? Warum benötigt diese Gesellschaft Bauern ohne Arbeit, schlecht bezahlte Arbeiter, Leute ohne gerechten Lohn?“

Damit vollzog er den Schritt vom karitativen zum strukturellen Ansatz der Armutsbekämpfung, wie er auch von den anderen sogenannten ‚Befreiungstheologen‘ vertreten wurde. Fester Bestandteil seiner Sonntagspredigten waren seine Kommentare zu den Ereignissen der vergangenen Woche. Er nannte hier nicht nur die Namen der Opfer von Menschenrechtsverletzungen, sondern so weit wie möglich auch die Täter. So wurden die im Rundfunk übertragenen Predigten des Erzbischofs zur wichtigen Informationsquelle im Land. Man nannte ihn jetzt bewundernd ‚Journalist der Armen‘. Er sagte:

„Die Kirche predigt keinen Hass, sondern Liebe. Sie benutzt dabei manchmal harte, gewaltsame Worte, um Menschen der Herrschaft der Sünde zu entreißen und sie zum Herrn zu bekehren. Die Kirche ist nicht marxistisch, und sie engagiert sich nicht zugunsten irgendeines sozialen Systems. Die Kirche verteidigt die Ethik ihrer Religion, ihrer Liebe zu Gott, und genau das interessiert sie in jeder Art von System. Sie wird nicht marxistisch oder kapitalistisch. Aber sie mahnt Marxisten und Kapitalisten, sich von ihrem Materialismus abzuwenden, um dann den einzig wahren Gott zu verehren und ihre soziale Sorge in eine Mitarbeit am Aufbau des wahren Reiches Gottes zu verwandeln, des Gottes, der uns als Brüder und Schwestern aller fühlen lässt. Es gibt eine Autonomie der staatlichen Autorität. Doch die Kirche hat auch ihre Autonomie. Deswegen soll jeder auf seinem Gebiet mit dem anderen für das Gemeinwohl zusammenarbeiten. Denn das, das Gemeinwohl, ist die große Politik der Kirche. Und sie hat aufgrund ihrer moralischen Aufgabe in der Welt das Recht, Fehlverhalten in der Politik zu kritisieren.“

Die konservativen Kleriker El Salvadors beschwerten sich zunehmend über das Verhalten Romeros in Rom. Dort war man beunruhigt, und Romero reiste mehrfach zum Vatikan, um sich zu rechtfertigen und um Verständnis zu werben.

Insgesamt vier ‚apostolische Visitationen‘, vatikanische Kontrollen, wurden Romero während seiner drei Jahre als Erzbischof geschickt. Eine von ihnen empfahl Ende 1978, einen Apostolischen Administrator zu ernennen und damit Romero faktisch als Erzbischof zu entmachten. Romero sagte im Anschluss an diese Visitation:

„Wenn sie mich nicht wollen, wie ich bin, sollen sie mir doch das Erzbistum entziehen und mich zum Pfarrer einer Pfarrei ernennen. Ich kann doch nicht deshalb meine Worte ändern, denn ich spreche, wie mein Gewissen es mir befiehlt.“

Die letzten Monate

Im Jahr 1979 verschlimmerte sich die Situation in El Salvador immer mehr. In den ersten sechs Monaten waren 406 Menschen militärischer und paramilitärischer Gewalt zum Opfer gefallen. Am Straßenrand und auf Müllkippen fand man die übel zugerichteten Leichen. Auch in Teilen der Armee setzte sich die Überzeugung durch, dass es so nicht weitergehen könne. So kam es am 15. Oktober 1979 zu einem unblutigen, von der US-Regierung unterstützten Putsch jüngerer, reformwilliger Offiziere. Romero war bereits im Voraus von ihnen ins Vertrauen gezogen worden. Eine Regierungsjunta mit zwei Militärs und drei Zivilisten wurde von den Putschisten eingesetzt. Romero äußerte sich öffentlich mit vorsichtiger Hoffnung angesichts der neuen Situation. Er verlangte die Entlassung derjenigen aus der Armee, die sich schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht hatten. Ebenso forderte er die Aufklärung des Schicksals der Verschleppten. Militante Vertreter der Linken sahen aber in dem Putsch nur eine Störung des revolutionären Prozesses. Sie setzten nach dem Beispiel Nicaraguas ihre Hoffnungen auf einen breiten Volksaufstand. So empfanden sie Romeros vorsichtige Unterstützung der neuen Regierung als Verrat an der Sache der Volksorganisationen. Zunehmend geriet Romero also zwischen die Fronten.

Schließlich gewannen diejenigen die Oberhand, die meinten, man müsse in El Salvador mindestens 200.000 Menschen umbringen, um so ‚die Pest des Kommunismus‘ auszurotten. Ihre Gallionsfigur war Major Robert D’Aubuisson, der die Todesschwadronen organisierte und später auch den Befehl zum Mord an Romero gab. Eine neue Stufe der Menschenverachtung war erreicht, als über einer Großdemonstration am 22. Januar 1980 ein Flugzeug Insektenvernichtungsmittel versprühte. Die Demonstration endete mit mindestens 21 Toten und 120 Verletzten.

Romero reiste in diesen Tagen nach Europa. An der Universität Löwen in Belgien sollte ihm die Ehrendoktorwürde verliehen werden.

Zunächst flog er nach Rom, wo er an der allgemeinen Audienz des Papstes teilnahm. Danach sprach er in einer Privataudienz mit dem Papst. Er hatte den Eindruck, dass Johannes Paul II. allem, was er sagte, zustimmte. Am Schluss umarmte ihn der Papst und sagte, er bete täglich für El Salvador. Romero schrieb in sein Tagebuch darüber:

Dies empfand ich als göttliche Bestätigung und Kraft für meinen einfachen Dienst“.

Zurück in San Salvador, erfuhr er von den Absichten der USA, Militärhilfe an El Salvador zu leisten. Er schrieb einen Brief an Präsident Carter:

„Der Beitrag Ihrer Regierung wird zweifellos, statt vermehrte Gerechtigkeit und Frieden in El Salvador zu fördern, die vom organisierten Volk erlittene Ungerechtigkeit und Unterdrückung noch verschärfen. Dieses Volk hat oft für die Anerkennung seiner elementarsten Menschenrechte gekämpft. Seit die Sicherheitstruppen wie gemeldet Ausrüstung und Ausbildung aus den Vereinigten Staaten erhalten hatten, haben sie mit erhöhtem Selbstschutz und gesteigertem Wirkungsgrad das Volk mit noch größerer Gewalt und unter Anwendung tödlicher Waffen unterdrückt.“

Er bat Carter, nicht noch mehr Militärhilfe zu schicken.

Am 17. Februar 1980 predigte Romero über die Seligpreisung und die Armen. Wie immer wurde die Messe vom kirchlichen Radio El Salvadors übertragen. Er sagte:

„Der Tod von Salvadorianern, der schnelle Tod durch Repression oder der langsame Tod struktureller Unterdrückung. Gott möchte uns Leben schenken, und jeder, der Leben zerstört und durch Verstümmelung, Folter, Unterdrückung verletzt, zeigt uns auch durch diesen Gegensatz das göttliche Bildnis des Gottes des Lebens – des Gottes, der das Leben der Menschen achtet.“

Am darauffolgenden Tag zerstörte ein Sprengkörper die kirchliche Funkstation.

In seiner nächsten Predigt richtete Romero einen Aufruf zur Bekehrung an die Oligarchie:

„Wenn sie auf mich nicht hören wollen, so sollen sie doch wenigstens auf Papst Johannes Paul II. hören, der in dieser selben Woche, zu Beginn der Fastenzeit, die Katholiken der Welt ermahnt hat, überflüssigen Reichtum aufzugeben, um den Notleidenden als Zeichen der fastenzeitlichen Buße zu helfen. Von einem christlichen Gesichtspunkt aus ist Teilen eine innere Haltung, die der Haltung Christi entspricht, der, da er doch reich war, arm wurde, um seine Liebe mit den Armen teilen zu können. Ich hoffe, dieser Aufruf der Kirchen wird die Herzen der Oligarchie nicht noch mehr verhärten, sondern sie zur Bekehrung bewegen. Mögen sie teilen, was sie sind und haben. Mögen sie nicht länger mit Gewalt die Stimme jener zum Schweigen bringen, die versuchen, gerechteres Teilen von Macht und Reichtum in unserem Land zu erreichen. Ich spreche in der ersten Person Einzahl; denn diese Woche habe ich eine Nachricht erhalten, dass ich auf der Liste jener stehe, die nächste Woche zum Schweigen gebracht werden sollen. Aber sie werden erfahren, dass die Stimme der Gerechtigkeit nicht länger erstickt werden kann.“

Der Außenminister von Nicaragua hatte ihm zuvor geschrieben und bot ihm Nicaragua als Zuflucht an. Romero antwortete, er könne sein Volk nicht verlassen.

Am Sonntag, dem 9. März, feierte Romero eine Messe in der Herz-Jesu-Basilika für Mario Zamora, einem Führer der Christdemokraten, der durch eine rechtsextreme Todesschwadron eine Woche zuvor brutal ermordet worden war. Am folgenden Morgen entdeckte ein Arbeiter einen Koffer mit 72 Dynamitstangen, die nicht explodiert waren. Romero kommentierte dies:

„Statt Angst wollen wir mehr Vertrauen fühlen. Gott behütet uns. Wer auf Gott vertraut, dem kann nicht Schlimmes geschehen.“

Seine Predigt vom Sonntag, dem 23. März 1980 wurde durch einen Kurzwellensender aus Costa Rica übertragen und im ganzen Land empfangen. Er berichtete wiederum ausführlich über die Gewalttätigkeiten der vergangenen Woche und beschloss die zweistündige Predigt mit den Worten:

„Kein Soldat ist gezwungen, einem Befehl zu gehorchen, der dem göttlichen Gesetz widerspricht. Es ist Zeit, dass ihr eure Gewissen wieder gebraucht und euren Gewissen folgt, nicht den Befehlen zur Sünde. Die Kirche als Verteidigerin der Rechte Gottes, des göttlichen Gesetzes, der menschlichen Würde, der Person, kann angesichts solcher Greuel nicht schweigen. Wir wünschen, dass die Regierung ernstlich begreife, dass Reformen wertlos sind, wenn sie mit so viel Blut befleckt werden. Im Namen Gottes und im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Klagen von Tag zu Tag ungestümer zum Himmel steigen, bitte ich euch, flehe ich euch an, befehle ich euch in Gottes Namen: Hört auf mit der Unterdrückung!“

Am 24. März um 18 Uhr feierte er eine Messe zum Gedenken an den Tod der Mutter eines Freundes, die bei einem Sprengstoffanschlag ums Leben gekommen war. Er sagte:

„Wer sich aber aus Liebe zu Christus dem Dienst an den anderen widmet, wird leben – wie das Weizenkorn, das nur scheinbar stirbt. Würde es nicht sterben, so bliebe es allein…nur in der Selbstauflösung bringt es eine Ernte hervor.“

Er mahnte die Anwesenden, dem Beispiel der Ermordeten zu folgen, indem jeder auf seine Art seine Aufgabe wahrnehme, mit Hoffnung, Vertrauen und Liebe zu Gott und sagte:

„Deshalb wollen wir uns in Glaube und Hoffnung in diesem Augenblick des Gebets für Doña Sarita und für uns selbst innig zusammenschließen.“

In diesem Augenblick fiel der Schuss.

Erzbischof Romero stand hinter dem Altar, das Gesicht der Gemeinde zugewandt. Er stürzte zu Boden, zu Füßen des großen Kruzifixes. Mehrere Ordensschwestern und andere Leute sprangen auf ihn zu und legten ihn auf den Rücken. Romero war bewusstlos, rang nach Luft, während Blut aus seinem Mund und seiner Nase rann. Die Kugel war in seine linke Brust eingedrungen und im Rücken steckengeblieben. Splitter des Geschosses verstreuten sich im Brustkorb und verursachten schwere innere Blutungen.

Blut färbte das violette Messgewand und die weiße Albe rot, als einige Personen ihn aus der Kapelle zu einem kleinen Lieferwagen außerhalb des Gebäudes trugen. Im Notfallraum einer Poliklinik lag er dann auf dem Tisch, immer noch nach Luft ringend, an seinem eigenen Blut erstickend, immer noch bewusstlos. Nach ein paar Minuten hörte er zu keuchen auf und war tot.

Seine Beerdigungsmesse fand am Palmsonntag statt. Während der Predigt eines vom Papst entsandten Kardinals explodierte in der Nähe der Kathedrale ein Sprengkörper. Im gleichen Augenblick setzte dort eine Schießerei ein, und die Volksmenge begann zu fliehen. Durch die einsetzende Panik waren anschließend vierzig Tote zu beklagen.

Man brach die Messe ab, der Sarg wurde eiligst unter dem Geräusch der Schüsse und Explosionen von draußen in der Kathedrale beigesetzt.

Die bei Romeros letzter Messe anwesenden Personen wurden von der Polizei nicht zu einer Befragung einbestellt. Die Ergebnisse der Spurensicherung waren nicht vollständig. Einige der Zeugen von Romeros Ermordung wurden ihrerseits ermordet oder verschwanden. Richter Ramirez leitete die Untersuchungen und bemühte sich, trotz aller Widerstände den Fall sorgfältig aufzuklären. Drei Tage nach Romeros Tod drangen zwei Männer unter einem Vorwand in sein Wohnhaus ein und wollten ihn ermorden. Doch Richter Ramirez war bewaffnet und verteidigte sich, die Eindringlinge verschwanden. Danach floh er nach Venezuela.

Nach dem Mord an Romero eskalierte der Bürgerkrieg und kostete in zwölf Jahren mehr als 75.000 Tote, und das bei etwa 5 Millionen Einwohnern.

1992 unterschrieben die Bürgerkriegsparteien einen Friedensvertrag. Die Vereinten Nationen setzten für El Salvador eine Wahrheitskommission ein. Sie sollte die Hintergründe der verübten Gewalttaten klären und die dafür Verantwortlichen benennen. Im Abschlussbericht steht: „Der ehemalige Major Roberto D’Aubuisson gab den Befehl, den Erzbischof zu ermorden. Mitgliedern der Sicherheitskräfte gab er dazu genaue Anweisungen, dass sie als ‚Todesschwadronen‘ die Ausführung des Mordes organisierten und überwachten.“

D’Aubuisson selbst soll sich als ‚geistiger Vater‘ des Attentats auf den Erzbischof von San Salvador bezeichnet haben.

Nur fünf Tage nach der Veröffentlichung des Berichts billigte die gesetzgebende Versammlung El Salvadors ein Gesetz zur Generalamnestie. Sofort wurden alle gerichtlichen Ermittlungen im Falle Romeros endgültig beendet.

Romeros Tod ist eine Konsequenz seiner Haltung: Er fand sich nicht mit Gewalt, Ungerechtigkeit und der Zerstörung seines Landes ab. Für ihn war es ungeheuer wichtig, das Leben durch das Evangelium zu ‚erleuchten‘. Er besaß das Charisma einer außerordentlichen Fähigkeit, mit Menschenmengen zu kommunizieren. Wie die vielen Märtyrer vor ihm blieb Romero seiner Sendung treu. Er floh nicht.

Zwei Wochen vor seinem Tod sagte er einem Journalisten in einem Interview:

„Ich muss Ihnen sagen, dass ich als Christ nicht an einen Tod ohne Auferstehung glaube.

Sollte ich umgebracht werden, so werde ich im salvadorianischen Volk wieder auferstehen.“

Romero war ein Mann, der sein Christsein über die Bewahrung seines eigenen Lebens stellte.

Rolf Polle

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Elise Averdieck

Apostelandacht zu Elise Averdieck, gehalten am 31. Januar 2016

Es ist der 26. Februar 1898. Gegen 10 Uhr wird es auf der engen Straße vor den Fenstern der Wohnung Elise Averdiecks unruhig. Sonst sieht man sonst nur Post- oder Bierwagen in der stillen Straße; jetzt aber fahren fünf elegante Kutschen vor und halten vor dem Hauseingang zur Wohnung Elise Averdiecks. Sie feiert an diesem Tage ihren 90. Geburtstag. Der erste Wagen ist die Hamburger Staatskutsche, so etwas gab es damals, mit zwei dunkelbraunen, prachtvollen Pferden davor. An beiden Wagentüren prangt ein silbernes Hamburger Wappen. Kutscher und Ratsdiener springen herab und öffnen die Türen. Bürgermeister Versmann und Senator Lappenberg steigen würdevoll aus und lassen bei Elise Averdieck klingeln. Sie überbringen ihr die Geburtstagsgrüße des ganzen Senats. Elise wirkt verlegen, besonders als der Pastor der Stiftung Bethesda und die Oberin der Stiftung ihr den Gruß und Segenswunsch Ihrer Majestät der Kaiserin überbringen. Ihr wird ein Bild der hohen Frau mit deren eigenhändiger Unterschrift überreicht. Sie ist unendlich gerührt über diese Ehrung.

Wer war diese Frau, die dann noch mehr als neun Jahre lebte und über Hamburg hinaus zur Legende ihrer selbst wurde?

Elises Vater Georg Friedrich Averdieck ist ein begüterter Kaufmann. Sie wird im Jahre 1808 als zweites Kind geboren, es folgen noch 10 weitere Kinder.

Zu Beginn der französischen Besatzungszeit unter Kaiser Napoleon werden seine aus England importierten Waren öffentlich verbrannt. Der Vater entschließt sich, in Berlin ein neues Geschäft zu gründen. Nach der französischen Niederlage im Jahre 1815 zieht die Familie wieder nach Hamburg in ein großes Kaufmannshaus am Alten Wandrahm. Den Sommer verbringt man im Landhaus an der Alster, wo jedes Kind sein eigenes Gärtchen hat.

Von 1816 bis 1823 besucht Elise eine Höhere Töchterschule. Dort erhält sie Religionsunterricht beim Kandidaten Johann Wilhelm Rautenberg. Er wird später einer der bedeutendsten Vertreter der Erweckungsbewegung in Hamburg.

Durch ihn gewinnt Elise Interesse an biblischen Geschichten. Er bleibt zeit seines Lebens ihr fürsorglicher Beichtvater und Förderer.

Doch im Jahr 1827 wird das Geschäft des Vaters zahlungsunfähig und sie muss das Elternhaus verlassen. Ihr wird eine Stelle als Gesellschafterin und Pflegerin bei einer weitläufigen Verwandten angeboten. Sie bleibt auf dieser Stelle zwei Jahre lang.

Dann fragt sie der Arzt ihrer Familie, ob sie die Pflege für ein krankes Mädchen übernehmen könnte; sie sagt zu, bekommt von ihm eine Wohnung gemietet und nimmt nach und nach immer mehr kranke Kinder auf.

In dieser Zeit hat sie ihr entscheidendes Bekehrungserlebnis. Sie schreibt:

„Konnte die Bibel mir helfen? Sie war mir fremd. Wohl wusste ich, darin ist Trost und Stärke. Aber wie es finden? – Doch Gottes Liebe ist unerschöpflich! Wo ich auch die Bibel aufschlug, wohin auch meine Augen fielen, ich las immer nur Worte des Trostes und der Stärkung: Jes. 43,1: ‚Fürchte dich nicht, denn ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.‘ Das waren die ersten Worte, und dann ging es weiter, bald hier, bald da, lauter Liebesworte! Das Herz ward weich und still und konnte warten. Ich war gewiss, es werde durchbrechen, bald. – Da war’s am Dienstagmorgen, den 3. November 1835 – da hatte ich den Herrn! Oder nein, - er hatte mich, und ich schlief selig in seinem Arm!“ –

Doch dann nimmt ihr Gönner und väterlicher Freund Dr. Günther eine Professor in Kiel an, und sie muss ihre Mädchenbetreuung beenden. Sie möchte eine Mädchenschule eröffnen, aber der zuständige Hamburger Senator verweigert die Erlaubnis.

So eröffnet sie auf Anraten des Pastors Rautenberg in St. Georg eine Vorschule für Knaben.

Der liebste Unterricht ist ihr die biblische Geschichte:

„Das Interesse, das die Schüler an der biblischen Geschichte nehmen, macht mir immer eine besondere Freude. Als ich vom dritten Schöpfungstage erzähle, wie Gott Land und Wasser getrennt habe, fällt einer der Kleinsten ein: ´Siehst du, das ist wieder, weil es der liebe Gott ist. Wenn wir Menschen Erde und Wasser haben, so wird immer Dreck daraus.‘“

Weil Elise keine Fibel findet, die das Interesse der Kinder am Lesen weckt, veröffentlicht sie selbst ein erstes Lesebuch. Für die heranwachsenden Jungen sucht sie ein Buch, um den Schülern daraus zu diktieren, aber keins befriedigt sie. Da macht sie sich daran, abends etwas für die Schüler aufzuschreiben, und so entstehen viele Bücher, die sehr populär werden.

Im Jahre 1839 stirbt ihr Vater. Und weil auch ihre Schüler immer zahlreicher werden, zieht sie in ein geräumiges Haus in der Lindenstraße in St. Georg, wo sie unten ihre Schule einrichtet und in die oberen Räume ihre verwitwete Mutter mit den drei jüngsten Kindern aufnimmt.

In dieser Zeit gründet sie mit gleichgesinnten Freundinnen einen Mittwochskreis. Sie nähen für die Armen, während Elise dabei ein Kapitel der Bibel auslegt.

Dabei entsteht der Gedanke, ein christliches Krankenhaus zu errichten. Sie schreibt:

“Da war’s am Osterabend, den 22. März 1856, als Dora Andersson weinend zu mir kam und mir klagte, ein armer Weber, Johannes Bachmann, liege schwindsüchtig im Keller des Allgemeinen Krankenhauses, zusammen mit drei Gemütskranken; Tag und Nacht bei Gaslicht. Er sehne sich so sehr nach christlicher Liebespflege und fühle sich so unglücklich, dass er in wahrer Verzweiflung Reden führe, die sie angst und bange machten. Da war’s, als nähme der Herr eine Decke von meinen Augen, und ich rief voll Freude: ‚Aber Dora, was suchen wir lange – wir nehmen ihn selbst auf und pflegen ihn; der Herr wird helfen!’“

Dora nimmt einstweilen den armen Weber in ihre Wohnung auf. Elise bestreitet aus ihren Ersparnissen die Kosten der Pflege.

Elise entlässt im Sommer 1856 ihre letzten Schüler, denn inzwischen sind zu dem armen Weber in Doras Wohnung noch verschiedene Kranke hinzu gekommen, so dass die kleinen Räume bald überfüllt sind und die Freundinnen die Bitten um Aufnahme weiterer Kranker abschlagen müssen. Also mietet Elise ein kleines Haus und zieht 1856 mit zwei Freundinnen ihres Mittwochskreises dort ein. Sie nennt ihr Krankenhaus „Bethesda“.

Kaum ein Jahr nach Aufnahme der ersten Kranken erfährt Elise, dass zwei Häuser in der Stiftstraße zu verkaufen sind, und von gespendetem Geld werden sie erworben.

Und sie plant und realisiert die Gründung eines Diakonissenhauses:

„Es ist mir immer klarer geworden, dass, wenn wirklich ein Segen von unserer Anstalt ausgehen soll, das Verpflegen der wenigen Kranken, die wir aufnehmen können, nicht die Hauptsache sein darf, sondern vielmehr das Ausbilden von Diakonissen, von Dienerinnen Jesu, die freudig bereit sind, ihre Zeit und Kräfte den Armen und Kranken zu widmen. Je mehr ich die Sache bedenke, desto mehr sehe ich ein, zur Aufnahme von Schwestern genügt unser Raum nicht, es muss gebaut werden!“

Im Jahre 1866 kommt aus Oldenburg die Bitte, dort eine Gemeindepflege einzurichten. Elise reist hin, um alles mit den betreffenden Persönlichkeiten zu beraten.

Aus Braunschweig erreicht Elise die Bitte, dorthin einige Schwestern zu senden, um ein Diakonissen-Mutterhaus zu gründen. Sie kommt sie auch dieser Bitte nach.

Bis in ihr 70. Jahr steht sie mit fast ungeminderter Lebenskraft auf ihrem Posten; aber von da an gibt es hin und wieder Andeutungen, dass sie ihre Jahre fühlt.

Schließlich notiert sie am 1. November 1881, 73 jährig, in ihrem Tagebuch:

„Heute habe ich das Regiment an Schwester Auguste übergeben. – Der Herr helfe mir, still, fröhlich und dankbar sein für die Kraft, die er mir so lange gegeben; und vergebe alles, was ich wissentlich und unwissentlich verkehrt gemacht, versäumt und vernachlässigt habe! – Ich lege alles auf die treuen Schultern Meines Heilandes und scheide in Frieden. – Er gebe Schwester Auguste reichlich Kraft und Weisheit, den Stab besser zu führen, als ich es vermochte; und fördere das Werk unserer Hände bei uns!“

Danach unternimmt sie viele Reisen durch Deutschland und besucht alte Bekannte,

reist nach England und bleibt dort längere Zeit bei ihrem Bruder Hermann.

Nachdem Elise von ihren Reisen zurückgekehrt ist, wird sie gebeten, die Oberin des Magdalenenstifts für mehrere Wochen zu vertreten, was sie auch gern macht. 1884 vertritt sie auch die Oberin der Schwestern in Braunschweig.

Als Elise 86 Jahre alt ist, möchte sie nicht mehr allein leben und zieht zusammen mit zwei verwandten jungen Lehrerinnen  in eine größere Wohnung.

Sie schreibt:

„Ich bin sehr alt, aber das Herz ist jung geblieben und möchte etwas tun, um zu zeigen, dass es noch lebt, aber – es ist überall gehemmt! Und das hat mich in den letzten zehn bis zwölf Jahren gelehrt: die schwerste Arbeit, die uns aufgetragen wird, ist das Altwerden. – Der Kopf kann nicht mehr denken, überlegen, überschauen, wie er wohl möchte; der Rücken kann mich nicht schmerzlos tragen; Beine und Füße wollen nicht mehr laufen, geschweige denn klettern oder springen; die Augen versagen das Sehen, die Ohren das Hören, die Hände das Nähen usw., und die Glieder haben das doch alles gekonnt und so gern getan!! Ja, ja, das ist das Alter!“

Sie schließt Freundschaft mit Pastor Höck in St. Georg. Trotz ihrer Schwerhörigkeit verfolgt sie aufmerksam seine Predigten und macht sich anschließend darüber Notizen.

Als in der alten Heimat dieses Pastors an der Ostsee ein Häuschen zum Kauf angeboten wird, möchte sie es kaufen. Denn der Pastor mit seinen neun Kindern kann es nicht finanzieren; sie hat allerdings auch nicht das Geld dazu. Aber der Kauf gelingt doch. Sie schreibt:

„Als dann Pastor Höck am zweiten Pfingsttag über den Text: ‚In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen‘ predigt, schildert er das Eigenheim, das der Herr uns droben bereitet, so überwältigend warm und innig, dass ich es nicht unternehme, die Feder anzusetzen um es zu wiederholen. Was geschieht? In den folgenden Tagen kommt eine Dame aus der Gemeinde ins Pastorat. Sie hat wohl auch von dem unerfüllbaren Wunsch gehört und dazu in der Predigt zwischen den Zeilen gelesen. ‚Ich war am Pfingstmontag in der Kirche‘ sagt sie, ‚und – es lässt mir keine Ruhe -: ich schenke Ihnen das kleine, vollständig eingerichtete Haus in Süderhaff zum Eigentum. – Das war die Antwort des Herrn auf das leise, nicht verstummen wollende ‚Warum?‘… Nun sind sie darüber aus, auch andere an dieser Wohltat teilnehmen zu lassen. Uns boten sie liebend an, sobald sie es nach den Ferien verlassen müssen, für ein paar Wochen das reizende Häuschen zu benutzen.“

Zusammen mit anderen alten Freundinnen reist die 88jährige von da an häufig an die Flensburger Förde und genießt die sommerliche Natur.

Noch einmal muss Elise umziehen, weil ihre Mitbewohnerinnen Hamburg verlassen. Elise freut sich besonders über ihr neues großes Wohnzimmer; da steht ihr Lehnstuhl dicht am Eckfenster und dem alten Nähtisch davor; sie kann die ganze Straße übersehen. Morgens nach dem Kaffee und der Andacht, bei der sie gern selbst vorliest und den Gesang anstimmt, holt sie sich zuerst die großgedruckte Bibel, liest darin und betet.

Es gibt Briefe zu schreiben; sinnend, wie wir sie auf dem Bild sehen, ist sie auf ihrem Lieblingsplatz; die Gardine darf nur ganz schmal sein, um das Fenster nicht zu verdecken.

Noch an ihrem Todestage, dem 4. November 1907, kann sie aufstehen und sitzt an ihrem Eckfenster. Sprechen kann sie kaum mehr.

Nachmittags bittet sie: „Ihr müsst hier bei mir Kaffee trinken“, und als die Hausgenossen sich still um sie setzen, spricht sie mit kaum hörbarer Stimme das Gebet.

Gegen Abend wird ihr Atem schwerer; sie sitzt im Lehnstuhl, ohne zu sprechen.  Gegen halb acht Uhr schließt sie die Augen, kaum merklich haucht sie ihren letzten Atemzug aus.

Ihr Grabstein befindet sich heute auf dem Alten Hammer Friedhof in Hamburg-Hamm.

 

Die Religiosität Elise Averdiecks

An Elise Averdieck fasziniert mich ihre tiefe innerliche Frömmigkeit, die in ihren Tagebucheintragen sehr schön und ergreifend zum Ausdruck kommt. Täglich las sie in der Bibel, betete und sang Kirchenlieder, auch für sich allein. Gleichzeitig war sie aber in ihren Alltags-Aktivitäten sehr weltorientiert und zupackend, war geradezu eine Managerin in den von ihr gegründeten diakonischen Organisationen.

Ihre religiöse Heimat fand sie in der christlich-pietistischen „Erweckungsbewegung“. Diese stand im Gegensatz zur aufklärerisch geprägten Theologie der damaligen Zeit. Man betonte in besonderer Weise die Bibel, die Wichtigkeit des Gebets und dass sich der Einzelne für den Glauben entscheiden muss. Bekehrungserlebnisse spielten dabei eine besondere Rolle. Die notwendige Konsequenz aus diesem lutherischen Glauben war für die Gläubigen die aktive Nächstenliebe im Alltagsleben als Ausdruck des Danks für die unverdiente Gnade Gottes.

Viele soziale Anstalten, wie Waisenhäuser, Krankenhäuser und Siechenheime sind auf pietistische Gründer und Gründerinnen zurückzuführen.

Auch die Diakonissen-Mutterhäuser entstanden auf dieser evangelisch-lutherischen Grundlage, ebenso in Hamburg die Brüderschaft des Rauhen Hauses.

Allerdings waren sie auch mit konservativen und reaktionären Kreisen der damaligen Gesellschaft verbunden und grenzten sich gegenüber anderen sozialen Bewegungen ab, insbesondere gegen den Sozialismus. Die Erweckten fanden meist nur einen individuellen Zugang zu den gesellschaftlichen Problemen, bestenfalls organisiert in karitativen Vereinen.

In Hamburg herrschte in der Oberschicht und unter den Theologen eher die aufgeklärt-rationalistische Weltanschauung vor. Entsprechend skeptisch waren breite Kreise gegenüber der pietistisch motivierten Tätigkeit von Elise Averdieck. Sie beklagt dies immer wieder in ihren Tagebucheintragungen.

Im Jahre 1836 gründete Pastor Theodor Fliedner in Kaiserswerth das erste Diakonissenhaus der Neuzeit. Sein Frau Friederike Fliedner wurde die erste Oberin und war eine sehr enge Freundin von Elise Averdieck.

Diakonissen verpflichteten sich bei ihrer Einsegnung zu einem einfachen Lebensstil, zur Ehelosigkeit und zum Gehorsam. Einige heirateten aber doch und schieden dann aus. Andere traten ein, weil sie unverheiratet blieben oder bleiben wollten und eine sinnerfüllende Tätigkeit in ihrem Leben suchten. Abgesehen von sozial-karitativer Betätigung waren ihnen ja ein eigenständiges Berufsleben und damit der eigene Erwerb ihres Lebensunterhalts weitgehend verschlossen.

Von Elise sind uns irgendwelche erotischen Männerbekanntschaften nicht überliefert. Sie entschloss sich wahrscheinlich früh, unverheiratet zu bleiben; ihr Gefühlsleben fand im christlichen Glauben und in ihrer Beziehung zu Gott und Jesus Christus einen Ausweg.

Ihr Liebesbedürfnis sublimiert sie in Nächstenliebe zu Kindern, später zu Kranken:

Meine Sehnsucht ist gestillt, jeder Kummer schweigt,
Meine Wünsche sind erfüllt, wenn ein Kind sich zeigt,
Das mich liebend an sich drückt, zärtlich mir ins Auge blickt,
Mich die liebe Tante nennt,
Tausend Küsse gibt,
Und die Zauberkraft nicht kennt,
Die die Unschuld übt.
Solch ein sanfter Engelsblick gibt den Frieden mir zurück.

Sie findet Trost in einem bewusst kindlichen Glauben:

„Recht tun und Liebe üben ist doch nicht genug, um den inneren Frieden zu erhalten. Im Glücke mag es gehen, aber treffen uns des Schicksals härteste Schläge, dann brauchen wir Glauben, festen Glauben und kindliches Vertrauen, um wieder ruhig zu werden, dann bedürfen wir die heilige Überzeugung: ‚Gott liebt dich unendlich und richtet es alles am besten ein, wenn wir es auch nicht begreifen können.‘ ‚Gott kennt dein Leiden und schickt es dir‘, diese Überzeugung ist nötig, um nicht zu verzagen, nicht unterzugehn im kleinmütigen Schmerz.“

Immer wieder sucht sie Trost im Gebet und schreibt das in ihr Tagebuch:

„12. Oktober 1837. Der Tag ist angebrochen, und ich weiß nicht, was er in seinem Schoße birgt. Viel Trauer, viel Freude, kannst Du, Allmächtiger, in 12 Stunden zusammendrängen! Vergib mir meine Furcht, stärke mein Vertrauen, Du hast mich Tag und Nacht so treu behütet, hast so manches Unglück, das droht, zurückgewandt; hilf mir glauben und hoffen und in stiller Ergebung hinnehmen, was Du mir gibst. Du willst ja nur unser Bestes, Du hast Mittel und Wege, es überall zu fördern. – Befreie meine Seele von der zaghaften Schwäche, die sie so leicht ergreift, und alles Streben für mein ewiges Heil in äußern Sorgen und nutzlosem Grübeln ertränkt.“

Geliebte Aufenthaltsorte für sie sind Kirchen und Pastorenhäuser. Sie schreibt im April 1840:

„Die Bäume sind schön und die Blüten und der Himmel und die Wolken und der Duft und der Vogelsang und das ganze Weltall in der Frühlingspracht! Schön ist’s, dass einem das Herz im Leibe lacht. Aber schöner als das alles ist doch am Ende der Allee die St. Georgskirche! Sie ist mir so recht wie ein Gotteshaus, und wenn ich sie sehe, so ist mir’s immer, als wäre Gott Vater und Christus darin; als schauten sie aus den Fenstern heraus oder vom Turme herab und nicken und winken. Viel tausendmal habe ich die Kirche ja nun schon gesehen, aber jedes Mal jauchzt mein Herz und zuckt freudig zusammen, wenn sie mit einem Mal so groß und freundlich vor mir steht. Im Winter wie im Sommer, im Sonnenschein wie im Regen, Sturm und Unwetter, immer schaut sie mich mit gleicher Liebe an, - ein treuer, treuer Freund, der aller Zeiten Wechsel überdauert! Sie ist mein Schatzkästlein, mein Gnadenbecher, mein Freudenfüllhorn, mein Labetrunk, meine Trostquelle; und je mehr ich von ihr empfangen habe, umso mehr füllen sich ihre Räume mit unerschöpflichem Reichtum. – Ich möchte in der Kirche sterben, so lieb ist sie mir. Mir ist so manches Mal, als stände der Heiland an meiner Seite und halte mich fest in Seinen Armen, dass mir nichts Böses schaden kann. Stürbe ich nun, so würde ich Ihm in den Schoß sinken und selig hinüberschlummern.“ –

Ihre Gedanken kreisen häufig um den allen Menschen bevorstehenden Tod und ihre Sehnsucht nach dem Himmelreich:

„Ich verlasse fast keine Zusammenkunft mit Glaubensgenossen, ohne zu denken: ja, wie wird das schön sein, wenn wir erst gestorben sind; wenn der nicht aufs Kontor muss und der nicht auf die Post; wenn die kein krankes Kind hat und die keine Nervenschwäche; wenn die nicht zu reich ist und der nicht zu arm, der nicht zu klug und die nicht zu dumm; - ja, vor allen Dingen, wenn keiner mehr dem andern ein Ärgernis gibt durch sein Tun oder sein Reden oder seine Ansichten; und wenn wir einander lieben können, frei von allen Nebenrücksichten und Nebenabsichten; wenn wir einander erkennen und verstehen, und alles Verkennen und Missverstehen aufhört; wenn die Seele nicht mehr den weiten Weg durch Mund und Ohr zu machen braucht, sondern Seele zu Seele spricht.“

Aus ihren letzten Lebensjahren stammt eine gleichsam als letztwillige Verfügung gedachte Aufzeichnung, in der sie ihr Leben noch einmal bedenkt:

„Der Herr hat mich wunderbar sanft und freundlich geführt durchs ganze Leben. Ich habe eine glückselige Kindheit im lieben Elternhause durchlebt; eine fröhliche, ungetrübte Jugendzeit; eine kräftige Arbeitszeit; ein stilles, sorgenloses Alter. - - O das rühmt an meinem Grabe, und dankt dem lieben Herrn, der mich an Seiner treuen Hand geleitet, getragen und gehalten hat, wenn ich von Ihm weichen wollte. – In meinem Beruf habe ich unendlich viel Freude gehabt. Mit welcher Gnade hat sich der Herr meiner angenommen und mich trotz aller Sünde, Untreue und Verkehrtheit getragen. Wie oft hat er Schaden verhütet und wieder gutgemacht, was ich (vor allem durch Ungeduld und Härte) verdorben hatte in meinem Beruf als Pflegerin, Lehrerin und Bethesdamutter. Im Ganzen durfte ich 50 Jahre in voller Arbeit und in so lieber Arbeit stehen. Dafür dankt und preist den Herrn bei meinem Grabe.

Dann kam der Feierabend und der Herr ließ mich in Gesundheit, wenn auch bei zunehmender Leibesschwäche, noch viel fröhliche Tage und Jahre erleben und von Verwandten, Freunden und Schülern unendlich viel Liebe erfahren. –

Dank dem Herrn und Euch allen, die ihr beigetragen habt, mir das Leben leicht und angenehm zu machen! – Wenn ich Euch wissentlich oder unwissentlich durch Unfreundlichkeit oder sonstwie betrübt habe, so verzeiht es mir. –

O ich bin nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue, die der Herr an mir getan! Ihm sei ewiglich Lob und Dank! – Er wasche mich täglich mit Seinem Blut, kleide mich täglich mit Seiner Gerechtigkeit und beschere mir ein selig Ende! Amen.“

Rolf Polle

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Simone Weil

Apostelandacht zu Simone Weil, gehalten am 15. November 2015

Biographisches

Die französische Philosophin Simone Weil war eine der faszinierendsten Frauengestalten des 20. Jahrhunderts. Sie war eine überzeugte Christin und Mystikerin, aber sie weigerte sich, die Taufe zu empfangen.

Mit literarischem Genie schrieb sie philosophisch-soziale Bücher Später entwarf sie ihre philosophische Mystik. Sie war in der Lage, ihr christliches Denken durch Traditionen anderer Religionen zu bereichern.

Die Radikalität ihrer eigenen Lebensführung wirkt selbstverachtend. Ihr Eintreten für Gerechtigkeit und ihre unvoreingenommene Suche nach Wahrheit aber bewundernswert.

Im folgenden Text habe ich versucht, Simone Weils Begegnungen mit dem Christentum zu skizzieren.

Simone Weil wurde 1909 als Kind wohlhabender jüdischer Eltern in Paris geboren. Wie ihr zwei Jahre älterer Bruder André, bekam sie eine gute Schulausbildung. Schon als Kind zeigte sie die Neigung, sich den Unterprivilegierten und den Arbeitern zuzuwenden, Sie entfaltete großes Mitgefühl mit dem Leiden anderer Menschen.

Sie und die Schriftstellerin Simone de Beauvoir konnten 1928 als die ersten Frauen an der Universität in Paris (Ecole Normale Supérieure) studieren. S. de Beauvoir sagte über S. W.: „Ich beneide sie um ein Herz, das imstande war, für den ganzen Erdkreis zu schlagen.“

1931 schreibt S. W. ihre Examensarbeit über den französischen Philosophen und Naturwissenschaftler René Descartes.

Während ihrer Zeit als Philosophielehrerin an Mädchengymnasien engagiert sich S. W. an politischen Projekten und Aktionen für die Arbeiterschaft. Den größten Teil ihres Gehaltes spendet sie verschiedenen Hilfsorganisationen und den Gewerkschaften.

Um die sozialen Probleme und das Arbeitsleben von Arbeitern hautnah zu erfahren, arbeitete S. W. als Hilfsarbeiterin in verschiedenen Fabriken. Von zarter, kränklicher Konstitution, nahm sie auf sich selbst dabei keine Rücksicht.

In ihrem Fabriktagebuch schreibt sie:

„Für mich persönlich bedeutet die Fabrikarbeit, dass alle äußeren Gründe, auf denen das Gefühl meiner Würde, die Achtung meiner selbst beruhten, radikal zerbrachen unter der Gewalt eines täglichen Zwanges. Achtgeben, dieses Gefühl nicht zu verlieren. Langsam, qualvoll eroberte ich das Gefühl meiner Menschenwürde zurück. Ein Gefühl, das sich jetzt auf nichts Äußeres mehr begründet und stets vom Bewusstsein begleitet wird, dass mir nichts zusteht.“

Im August 1936 entschied sie sich am Spanischen Bürgerkrieg an der Seite der Republikaner in vorderster Linie mitzukämpfen, wird aber vorsorglich ihrer großen Ungeschicklichkeit und Kurzsichtigkeit wegen im Küchendienst eingesetzt. Dabei erleidet sie einen schweren Brandunfall mit siedendem Öl. Ihre Eltern holen sie nach Frankreich zurück.

Bisher scheint sich S. W. nur mit beschwerlichen Dingen beschäftigt zu haben, die entweder viel Entsagung kosteten oder sogar lebensgefährlich waren.

Eine Reise nach Italien sollte ihr Erholung bringen.

Der Besuch zentraler Stätten des katholischen Glaubens förderte die geistliche und spirituelle Entwicklung Simone Weil’s. Ihr philosophisches Gottesbild wandelte sich in Nähe zum Christentum.

Schönheit und Reinheit italienischer Kunst traf sie ganz unverhofft und unvorbereitet. Die Texte und die Musik der katholischen Liturgie in der gesungenen Pfingstmesse im Petersdom/Rom empfand sie als unvergleichlich schön.

Die radikale Liebe zur Armut und zur Schöpfung des Franz von Assisi  ergreift sie, da ihr diese Haltung ganz vertraut war.

In der romanischen Kapelle aus dem 12. Jahrhundert in Assisi – Santa Maria degli Angel - erfährt sie zum ersten Mal eine transzendentale Realität außerhalb ihrer Selbst: ‚Eine wirkliche Berührung von Person zu Person hienieden zwischen dem menschlichen Wesen und Gott’, wie sie schreibt:

„Im Jahr 1937 verbrachte ich zwei wunderbare Tage in Assisi. Als ich dort in der kleinen Kapelle aus dem zwölften Jahrhundert von Santa Maria degli Angeli, dem unvergleichlichen Wunder an Reinheit, wo der heilige Franz so oft gebetet hat, allein war, zwang mich etwas, das stärker war als ich selbst, mich zum erste Mal in meinem Leben auf die Knie zu werfen.“

  1. W. war hochsensibel für die Schönheit in der Kunst aber vor allem in der überwältigenden Größe und Ordnung des Universums. Nach der Italienreise schreibt sie:

„Wir wollen uns von ihr (der Schönheit), nähren, aber sie ist nur ein Gegenstand des Blicks, sie erscheint nur aus einer gewissen Distanz. Der große Schmerz des menschlichen Lebens ist es, das Schauen und Essen zwei verschiedene Tätigkeiten sind. Nur auf der anderen Seite des Himmels, in jenem Land, in dem Gott wohnt, ist es ein und dieselbe Tätigkeit.“

Gregorianische Gesänge hört sie in der  Benediktinerabtei Solesmes in Frankreich. Später in einem Brief an den Freund, Pater Parrin, berichtet sie von einer Art Ekstase.

„Ich hatte bohrende Kopfschmerzen; jeder Ton schmerzte mich wie ein Schlag; und da erlaubte mir eine äußerste Anstrengung, aus diesem elenden Fleisch herauszutreten, es in seinen Winkel hingekauert allein leiden zu lassen und in der unerhörten Schönheit der Gesänge und Worte eine vollkommene Freude zu finden. Diese Erfahrung hat mich auch besser verstehen lassen, wie es möglich ist, durch das Unglück hindurch zu lieben. Ich brauche nicht eigens hinzuzufügen, dass im Verlauf dieser Gottesdienste der Gedanke an die Passion Christi ein für alle Ma  in mich Eingang fand.“

Die Botschaft vom Kreuz ist für Simon W. ein entscheidendes Element ihres Glaubens. Nicht durch die Wunder werde die Göttlichkeit Jesu bezeugt, sondern durch die totale Entäußerung am Kreuz. Und ihr inniger Wunsch ist die Teilhabe am Kreuz Christi.

„Wenn es mir nicht eines Tages gewährt werden kann, dass ich verdiene, an dem Kreuz Christi teilzuhaben, so wenigstens an dem des guten Schächers. … Während der Kreuzigung Christi  an seiner Seite und in der gleichen Lage wie er gewesen zu sein, erscheint mir ein sehr viel beneidenswerteres Vorrecht, als zu seiner Rechten zu sitzen in seiner Herrlichkeit.“

Aus dem Briefwechsel mit Pater Perrin geht auch hervor, warum S. W. gegen ihre Taufe und damit gegen einen formalen Eintritt in die katholische Kirche ist:

Sie sieht in der  katholischen Hierarchie eine Fortsetzung der Machtstrukturen des Römischen Reiches. Auch lehnt sie den Absolutheitsanspruch der Kirche ab. Sogenannte Ketzer und Häretiker würden aus dem Haus ausgeschlossen, das doch für alle offen sein sollte. Falsch sei auch die Weigerung, die übernatürlichen Wahrheiten in anderen Weltreligionen anzuerkennen.

  1. W. sieht ihre persönliche Berufung darin, an der Schwelle stehen zu bleiben, obwohl sie sehr darunter leidet, nicht am sakramentalen Leben der Kirche teilnehmen zu können. Sie will sich nicht von der, wie sie sagt, unglücklichen Masse der Nichtgläubigen trennen.
  2. W.’s Gesundheitszustand ist weiterhin besorgniserregend. Wegen ihrer ständigen Kopfschmerzen lässt sie sich 1938 aus dem Schuldienst entlassen und widmet sich nun verstärkt ihren sozialen und politischen Aktivitäten.

Als 1940 die deutschen Truppen vor Paris stehen, muss Familie Weil fliehen. S. W., die nicht vor einer Gefahr weglaufen will, lässt sich schließlich von der Mutter überreden, in die freie Zone um Marseille mitzukommen. Marseille war damals Sammelpunkt für viele Intellektuelle, die aus Frankreich emigrieren mussten.

Sie verdrängte lebenslang ihre jüdischen Wurzeln und war überzeugt, nicht unter ein ‚Judenstatut’ zu fallen:

„Die christliche, französische, griechische Tradition ist die meine.

„Die hebräische Tradition ist mir fremd. Ich war nie in einer Synagoge, habe niemals eine jüdisch-religiöse Zeremonie gesehen.“

Die beiden Jahre in Marseille sind sicher die schönsten in ihrem Leben gewesen.

Sie wird in katholische Kreise in Marseille eingeführt und lernt dort den fast blinden Dominikanerpater Jean-Marie Perrin, Prior des Klosters in Montpellier, kennen, mit dem sie lange Gespräche über den christlichen Glauben führt und bis zu ihrem Lebensende in vertrautem Briefkontakt stehen wird.

Durch Vermittlung dieses Paters lebt S. W. für einige Wochen auf dem Land, im Landhaus des katholischen Philosophen Gustav Thibon.  Dieser lernt S. W. wegen ihrer Gelehrsamkeit, ihrem Witz und ihrer Ironie schätzen und es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Sie lesen die Werke christlicher Mystiker. In den Schriften des Mystikers Johannes vom Kreuz fühlt S. W. eine Art Seelenverwandtschaft. Es ist der Begriff der „dunklen Nacht“, die Überwindung der natürlichen Abhängigkeiten zu Gunsten einer inneren Leere und die radikale Offenheit für Gott.

Als die Situation für die Weils auch in Marseille gefährlich wird, beschließen sie nach Amerika zu emigrieren. Simone W., die den Eltern zuliebe mitgekommen war, bemüht sich in New York sofort darum, nach England auszureisen. Sie hofft, dort aktiv am Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht in Frankreich teilnehmen zu können.

In London bekommt sie vom Widerstandskomitee die Aufgabe, entworfene Projekte für ein Nachkriegsfrankreich auf ihre Durchführbarkeit zu prüfen.

In dieser Zeit  entstehen zahlreiche Schriften zu religiösen Themen und zu ihrer Mystik. Dabei geht es ihr vor allem darum, zu zeigen, dass es ohne spirituelle Verwurzelung keine gerechte Gesellschaft geben kann.

  1. W. ist körperlich und gesundheitlich am Ende. Sie kann nichts mehr essen und schläft sehr wenig, weil sie mit ihren hungernden Landsleuten im besetzten Frankreich solidarisch sein will. Dieser körperliche Raubbau führt schließlich zum Zusammenbruch.

Sie stirbt dort am 24. August 1943. Als Todesursache werden eine beidseitige Lungentuberkulose und Unterernährung festgestellt. Sie wird auf dem Friedhof von Ashford zwischen jüdischem und christlichem Teil beerdigt.

 

Die Welt als Sprache Gottes

„Die Welt ist die Sprache Gottes zu uns. Das Universum ist das Wort Gottes.“ Diesem Satz möchte ich nachgehen. Ihrer Rede von Gott. Von Christus. Ihrer besonderen Weise das Geheimnis zu umkreisen und zu beschreiben, das letztlich unsagbar ist. An Pater Perrin schreibt sie: „Ich kann sagen, dass ich mein ganzes Leben lang niemals, in keinem Augenblick Gott gesucht habe.“ Wenn die Welt Sprache Gottes ist, dann ist es unsere Aufgabe als Menschen, diese Sprache wahrzunehmen, Aufmerksamkeit zu entwickeln zunächst einmal für das Sichtbare unserer Alltagswelt, das was sich ereignet vor unseren Augen. Und was gewissermaßen „voll von Gott ist“.

Sie sagt: „Der Gegenstand meiner Suche ist nicht das Übernatürliche, sondern diese Welt. Das Übernatürliche ist das Licht. Man darf es nicht wagen, es zu einem Gegenstand zu machen; sonst erniedrigt man es.“  Das ganze Universum ist durchdrungen von Gott und es kommt darauf an, lesen zu lernen, wie sie es an anderer Stelle sagt. Jedes Ereignis des Lebens ist ein unübersetzbares Wort. Der Sinn, den alle diese Worte gemeinsam haben, ist: Ich liebe dich.“ „Gott ist Atem,“ sagt sie. Und auch: „Ein Stück Brot essen, wenn man Hunger hat, bedeutet mit dem Universum und seinem Schöpfer zu kommunizieren.“ Dies Bezogensein auf den Augenblick, auf das Sichtbare und Erfahrbare, hütet davor, sich in Illusionen und Spekulationen zu verlieren. Was der Mensch dazu braucht, um dies wahrnehmen zu können, ist Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit spielt für Simone Weil eine große Rolle, ebenso wie die Notwendigkeit oder der Gehorsam. Die Aufmerksamkeit ist für sie der wesentliche Gehalt der Gottesliebe ebenso wie der der Nächstenliebe. „Die Unglücklichen bedürfen keines anderen Dinges in dieser Welt als solcher Menschen, die fähig sind, ihnen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden.“ Sie geht so weit zu sagen, dass das Gute von der Aufmerksamkeit hervorgebracht wird, die man mit Liebe auf das nicht vorstellbare und unerreichbare Gute richtet. Aus dieser Aufmerksamkeit ergeben sich dann Handlungen, die ohne Wahl sind. Unserem heutigen Sprachgebrauch eher fremd geworden ist das Wort Gehorsam, das bei ihr eine große Rolle spielt. Beides, die Aufmerksamkeit und der Gehorsam, bilden die besondere Ausprägung der Spiritualität bei Simone Weil. Gehorsam ist für sie nicht ein Willensakt, sondern das Einverständnis mit dem Notwendigen. Auch hier bringt sie wieder die Alltagswelt ins Spiel: „Das Wasser ist ein Abbild der ursprünglichen Reinheit und der Fügsamkeit der Schöpfung.“ Und sie verweist auf die Wissenschaft, auf die Kenntnisse aus Astronomie, Mechanik und Physik und Biologie. Das, was sie mit Gehorsam bezeichnet, ist nicht das Ausführen von Befehlen, sondern das Anerkennen von Sinnstrukturen der Schöpfung. So verweist sie auf die Bergpredigt und das Vorbild der Lilien auf dem Felde: „Sie haben alles empfangen, was die Naturnotwendigkeit ihnen zubrachte.

Der Gehorsam der Dinge ist für uns in Bezug auf Gott das, was die Durchsichtigkeit eines Fensterglases in Bezug auf das Licht ist. Sobald wir diesen Gehorsam mit unserem ganzen Wesen empfinden, sehen wir Gott:“

Wenn ich in diesem Bild bleibe: Das Fenster kann gar nicht anders, als das Licht hindurch zu lassen. Und so ist der Mensch von Gott durchwebt.  Und jedes Stück Brot, das wir essen. Jeder Stück Holz, mit dem wir etwas bauen. Das zu erkennen und darauf die Aufmerksamkeit zu richten, das kann Simone Weil uns lehren.

Als ich nach Eimsbüttel kam, war es für mich eine große Freude, ihr Bild als eines in den Apostelfenstern zu sehen. Für mich ist sie eine große Zeugin der Wirklichkeit, die sich uns zeigt und verbirgt.

Pastorin Gundula Döring

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Albert Schweitzer

Apostelandacht zu Albert Schweitzer, gehalten am 27.9.2015

"Vien le pélican!", der Mann mit dem Schnauzbart und den buschigen Augenbrauen ruft seinen Liebling unter den Tieren, die auf dem Gelände des Krankendorfes Lambarene mitten im Urwald der französischen Kongokolonie Gabun leben: den Pelikan. In der Hand hält er eine Schüssel mit Fischen. Die Sonne senkt sich über dem Fluss Ogowe. Es ist die Stunde, zu der sich alle Mitarbeiter zum gemeinsamen Gebet und Abendessen um einen langen Tisch herum zusammenfinden. Anschließend musiziert die Gemeinschaft. So ist es jeden Abend, ein festes Ritual, auf das der Arzt und Theologe Albert Schweitzer großen Wert legt.

Wer war dieser Mann, der eine Professur für Theologie an der Universität Straßburg bekleidete und Konzerte auf den besten Orgeln Europas gab, als er beschloss - 30jährig - ein Medizinstudium zu beginnen, um auf einem fremden Kontinent zu leben und dort Menschen einen Mindeststandard an gesundheitlicher Versorgung zu geben?

Geboren ist er am 14. Januar 1875 im Elsaß. Das gehört gerade seit wenigen Jahren zum Deutschen Reich. Er wächst auf in Günsbach, einem kleinen Ort, wo der Vater, Ludwig Schweitzer, eine Anstellung als Pfarrer bekommen hat. Die Kinderjahre sind unbeschwert, wäre da nicht das Leid anderer. Schon als Junge fühlt Albert Schweitzer die Benachteiligung derer, die in Armut geboren sind und nicht teilhaben können, was ihm selbst an Glück beschieden ist.

Abschied vom Elternhaus zu nehmen, zwingt ihn die Gymnasialzeit. Die Schule liegt in Mülhausen und ist durch tägliche Bahnfahrt nicht erreichbar. Dort lebt aber Großonkel Louis Schweitzer, namensgleich mit dem Vater, der sein Patenkind Albert im eigenen Haushalt aufnimmt und ihm dadurch die Schule ermöglicht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, hilft ein Lehrerwechsel, das Interesse des Jungen am Unterricht zu wecken. Albert Schweitzer wird ein guter Schüler, der 1893 mühelos sein Abitur besteht und sich an der Universität Straßburg in den Fächern evangelische Theologie, Philosophie und Musik immatrikuliert. In allen drei Fächern wird er Herausragendes leisten.

Das erste theologische Examen besteht er 1898, 1900 das zweite und promoviert anschließend mit einer Schrift über das Abendmahlsproblem. Er erhält ein Pfarramt in St. Nicolai zu Straßburg. Ein Jahr später erscheint die theologische Habilitationsschrift „Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis“. Gleichzeitig promoviert er in Philosophie. Albert Schweitzer weist auf 325 Druckseiten Unstimmigkeiten in Kants Schriften nach, so beispielsweise in dessen Religionsphilosophie, und erhält dafür den Doktor phil.

Man müsste denken, damit sei der Student Albert Schweitzer nun endgültig ausgelastet gewesen. Aber das ist weit gefehlt. Mit sechzehn bereits vertritt er im väterlichen Gottesdienst den Organisten. 1893 stellt er sich bei Charles Marie Widor in Paris als Schüler vor. Der bittet ihn 1902, eine kleine Abhandlung über die Bachschen Choralvorspiele für die französischen Organisten zu schreiben. Ein 455 Druckseiten starkes Manuskript entsteht, das 1905 in französicher Sprache erscheint und 1908 überarbeitet als deutsche Ausgabe. Dazwischen veröffentlicht er noch 1906 ein schmales Bändchen über Orgelbaukunst mit dem Titel „Deutsche und französische Orgelbaukunde und Orgelbaukunst“.

1905 ist das entscheidende Jahr im Leben Albert Schweitzers. Den Anstoß gibt eine Broschüre der Pariser Missionsgesellschaft, die einen Ärztemangel in der nördlichen Provinz Gabun der Kongokolonie beklagt. Der Dreißigjährige entscheidet sich, Medizin zu studieren. Zwar gab es schon vorher Versuche sozialen Engagements, so die Betreuung von Waisenkindern oder die von Obdachlosen, denn soziales Engagement ist dem Mann ein Bedürfnis, das seine Wurzeln in der Liebe zu Jesus findet und ihm zu folgen hat. Schweizer schreibt in einem Rundbrief an den Freundeskreis:

„Ja, ich habe alles gekannt: die Wissenschaft, die Kunst, die Freuden der Wissenschaft, die Freuden der Kunst, ich kenne das erhebende Gefühl des Erfolges, und mit wahrem Stolz habe ich meine Antrittsvorlesung mit 27 Jahren gehalten. Aber das alles hat meinen Durst nicht gestillt, ich fühle, daß das nicht alles ist, das es nichts ist. Ich bin immer einfacher, immer mehr Kind geworden und ich habe immer deutlicher erkannt, daß die einzige Wahrheit und das einzige Glück darin besteht, unserm Herrn Jesus Christus dort zu dienen, wo er uns braucht.“

Und ihn, Albert Schweitzer, braucht Jesus Christus in Äquatorialafrika, damit er als Arzt die durch mangelnde medizinische Versorgung leidende farbige Bevölkerung zu heilt. Was zuerst eine wenige Semester dauernde medizinische Grundausbildung werden soll, endet als mehrjähriges Vollstudium mit Abschluss Promotion. Wie hätte er auch anders gekonnt. Außerdem hält er Vorlesungen an der theologischen Fakultät, setzt sein Pfarramt fort mit Predigten und der Betreuung von Konfirmanden, geht auf Konzertreisen und schreibt eines seiner bedeutenden Bücher: „Von Reimarus zu Wrede. Eine Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“. Und auch die Fertigstellung der deutschen Ausgabe des Buches „Johann Sebastian Bach“ reicht noch in diese Zeit.

Am 16. April 1913 kommt Albert Schweitzer in Lambarene an. An seiner Seite Helene Schweitzer, geborene Breßlau. Auch sie hat sich medizinisch ausbilden lassen. Die beiden sind frisch verheiratet, obwohl sie sich schon seit etwa zehn Jahren kennen. Etwa 30 km unterhalb des Äquators beginnen sie mit nichts. Die Wellblechbaracke war nicht rechtzeitig aufgestellt worden. Der erste Behandlungsraum ist ein Hühnerstall. Dafür sind die Patienten um so zahlreicher. Das Siedlungsgebiet, was Schweitzer versorgt, ist riesig und außer ihm nur noch ein einziger weiterer Arzt in Libreville tätig, ein Militärärzt.

Was dort in Lambarene entsteht, ist ein ganz eigener Klinikstil. Meist bringt die ganze Familie einen Patienten zum Oganga. So nennen die Einheimischen den europäischen Arzt, ein Wort, das eigentlich die Fetischmänner bezeichnet. Die Behandlung vollzieht sich also im Schoße der Familie, aus sozialer Sicht durchaus für die Genesung der Kranken von Vorteil. Doch die Versorgung ganzer Familien war zunächst nicht vorgesehen gewesen. Sie müssen ernährt und untergebracht werden. Die Zeit bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs finanziert Schweitzer das Krankdorf aus Ersparnissen. Später trägt sich Lambarene hauptsächlich aus Fremdeinnahmen des Arztes und Spenden von Freunden.

Der Erste Weltkrieg macht Schweitzers Aufbau des Krankendorfes ein jähes Ende. Die Kolonie ist französisch. Der Arzt ein Deutscher. Er und Helene werden nach Europa zurückgebracht und im Lager Garaison in den Pyrenäen und später in St. Rémy in der Provence interniert. Zwar kann das Ehepaar Schweitzer noch vor Ende des Krieges nach Straßburg zurückkehren, aber es folgen bedrückende Jahre, Jahre geprägt von Krankheit - Albert leidet an den Folgen einer Ruhr -, an Schulden, Zerstörung, Völkerhass, wissenschaftlicher Kaltstellung und schließlich am verlassenen Krankendorf in Lambarene. Erst 1924 gelingt den beiden die Rückkehr nach Äquatorialafrika, wo 1925 ein Klinikdorf entsteht, das bis heute im Geiste des Gründers arbeitet, und zwar teils staatlich unterstützt und als Forschungsstation für Tropenkrankheiten mit Schwerpunkt Malaria.

Albert Schweitzer wird bis zu seinem Tod Lamberene nur noch zwecks Reisen verlassen, und zwar sieben Male bis 1939. Die Zeit während des Zweiten Weltkrieges verlässt er Afrika gar nicht. Erst in der Zeit von 1949 bis 1959 ist er wieder unterwegs, insgesamt 13 Male. Es ist die Zeit, in der der Tropenarzt von sich Reden macht und in der die Presse die immerselben Fotos veröffentlicht, auf denen Schweitzer in Anzug, Hemd mit Stehkragen und Hut, in den Händen einen abgewetzten Koffer und eine Reisetasche, abgebildet ist. Es sind Konzert- und Vortragsreisen. Seine Freizeit nutzt er für Besuche bei Freunden und Einkäufe. Denn nie kehrt er mit leeren Händen zurück. Im Gepäck hat er stets Medikamente, Decken, Verbandstoffe, Küchengeräte, Werkzeuge und andere nützliche Dinge.

Die Welt ist aufmerksam geworden auf Albert Schweitzer und Lambarene. Schon 1928 erhält er den Goethepreis der Stadt Frankfurt. 1951 wird ihm der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen und 1952 der Friedensnobelpreis, der ihm am 4.11 1954 in Oslo übergeben wird. Albet Schweitzer ist ein Name - und ich erinnere mich noch gut aus meiner Kindheit - den eigentlich jeder kennt. So ist es auch nicht verwunderlich,  dass sich Interllektuelle an ihn wenden, er möge sich an den Aufrufen gegen Atomversuche beteiligen. Albert Schweitzer lehnt ab, zögert, denn seine Grundauffassung war, wie er schreibt, „... sich nie in etwas einzumischen, was auch nur entfernt mit politischen Fragen verknüpft ist.“

Dabei beschäftigt er sich bereits fast 10 Jahre mit verschiedenen Aspekten der Atomphysik. Sein erster Aufruf gegen Kernwaffenversuche und gegen die Atomgefahren wird am 23. April 1957 über Radio Oslo gesendet. Drei weitere Apelle folgen. Sie sind in dem Text „Friede oder Atomkrieg“ veröffentlicht.

Seine letzten Jahre verlebt Albert Schweitzer in Lambarene, wo allerdings ein Stab von Mitarbeitern die tägliche Arbeit erledigt. Dort stirbt er am 4. September 1965 im Alter von über 90 Jahren. Selbst im Angesicht des Todes wollte Schweitzer keine Ausnahmestellung. Nur ein schlichtes Kreuz markiert sein Grab hinter dem Hospital. Die Trauergemeinde sang zum Abschied sein Lieblingslied: "Ach bleib mit Deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ".

 

Albert Schweitzers Ethik einer Ehrfurcht vor dem Leben

Eines Sonntags in der Passionszeit streifte Albert Schweitzer als Junge mit einem Freund durch die nähere Umgebung ihres Dorfes. Sie hatten sich Schleudern mit Gummischnüren gemacht, mit denen sie kleine Steine auf Vögel katapultieren wollten. Schweitzer machte die Sache Gewissensbisse. Was hatten ihnen die Vögel getan, deren Gesang er so liebte, fragte sich der damals Achtjährige. Als sie in die Nähe eines kahlen Baumes kamen, saß dort eine Schar der unschuldigen Tiere. Die Jungen legten an und spannten ihre Schleudern. Plötzlich erklang das Vorläuten für den Gottesdienst von der Kirche herüber. Erleichtert sprang Albert Schweitzer auf, verscheuchte die Vögel und rannte ins Dorf. Für ihn war das Vorläuten in genau diesem Moment ein Zeichen Gottes, der ihn vor einer bösen Tat bewahrte.

Diese Kindheitserinnerung erzählte Schweitzer im Zusammenhang mit seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, und zwar jeden Lebens. Das Mitfühlen des Leids anderer war dem Arzt und Theologen schon als Kind eigen, und so blieb sein Denken ein Leben lang. Darin ist wohl das Motiv zu suchen, eine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben zu schreiben. Den Begriff selbst fand er 1915 während einer Flussfahrt auf dem Ogowe beim Anblick dreier Inseln etwa 80 Kilometer von Lambarene entfernt.

Die Schrift besteht aus zwei Teilen, einem Überblick, wie Ethik sich im Verlaufe der Menschheitsgeschichte durch bedeutende Denker entwickelte, und einem zweiten Teil, in dem Albert Schweitzer seine Ethik darlegt. Aus diesem zweiten Teil möchte ich Ihnen heute einige Gedanken vorstellen.

Ein Grundsatz der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben sagt:

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

Gleichzeitig erkannte der Philosoph Albert Schweitzer einen unlösbaren Widerspruch, der jedes Leben zwingt, sich nur auf Kosten anderen Lebens erhalten zu können. Die Natur, die keine Sittlichkeit kennt, bringt also Leben hervor und zerstört es gleichermaßen - und wie er meinte, manchmal in sinnlosester Weise. Für den Menschen, der mit Bewusstsein und Gewissen ausgestattet ist, bedeutet es aber, dass er an jedem Leben, das ihn erhält, schuldig werden muss, in dem Moment, wo er es zur Erhaltung des eigenen Lebens schädigt. Dieses Dilemma ist nicht lösbar. Es lässt sich sozusagen höchstens in seiner Sinnlosigkeit und Grausamkeit abschwächen. Schweitzer schreibt, dass der obige Grundsatz vom Willen zum Leben deshalb zwingend in gleichem Maße die Ehrfurcht vor dem Leben verlangt. Kategorien wie Liebe, Hingebung, Mitleiden, Mitfreude und Mitstreben stehen im Mittelpunkt seiner Theorie. Sie verlangt nach Verzicht auf den eigenen Vorteil, soweit er anderen schadet. Nur ein Miteinander der Menschen anstatt eines Gegeneinander kann uns aus dem Dilemma führen.

Unsere Liebe soll aber nicht nur den Menschen gelten, sondern ebenso jeder Kreatur. Es ist unsere Pflicht, den Geschöpfen, soweit wir es können, Leiden zu ersparen und Hilfe zu bringen, wenn sie ihrer bedürfen. Und selbst dabei werden wir wieder schuldig. Eine solche Schuld fühlte der Arzt und Theologe, wenn er seinen schutzbedürftigen Pelikan fütterte. Er bedauerte die Fische, denen er das Leben nahm, um das des Pelikans zu erhalten, und hielt sein Mitfühlen nicht für eine Sentimentalität, derer er sich schämen musste. Gleichgültig gegen das Leid zu werden, gefühlos und gedankenlos, wenn man selbst Leid erzeugt, weil man es nicht ändern kann, betrachtete Schweitzer als eine der großen Versuchungen, und zwar ebenso wie ein Wegschauen und Abstumpfen gegen das Leid, das stets gegenwärtig ist.

Verantwortung trägt der Mensch aber oftmals nicht nur für sich selbst. Er handelt übergreifend auch zum Wohlergehen ganzer Teile der Gesellschaft, in der er lebt. Zwar unterscheidet Schweitzer insofern zwischen einem egoistischen Schuldigwerden, wenn der Mensch für sich selbst Verantwortung übernimmt und einem unegoistischen Schuldigwerden, wenn der Einzelne zum Wohlergehen einer Mehrzahl von Existenzen handelt. Aber dieses unegoistische Verletzen der Ehrfurcht vor dem Leben ist nicht ethisch, wie es oftmals in der Philosophie noch als solches begriffen wird. Denn soweit der Mensch vor die Situation gestellt ist, überpersonelle Verantwortung zu übernehmen, muss er dies so tun, dass er dabei soviel als möglich an Humanität wahrt. Er muss die Humanität stets vor die Interessen überpersönlicher Verantwortung stellen.

Aus einem solchen öffentlichen humanen Handeln entsteht Gesinnung. Die war Albert Schweitzer noch wichtiger als das ethische Handeln selbst. Denn nur wenn der Mensch höchste Humanität in seinem Denken festigt, kann er sich sein Menschsein bewahren anstatt zum Vollstrecker allgemeiner Interessen zu werden. Und: solch Handeln hat Vorbildcharakter und trägt humanes Denken in die Welt. Wir tragen also auch Verantwortung gegenüber einer sich allgemein durchsetzenden Gesinnung.

Sie ist idealistisch im streng philosophischen Sinne, diese Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, insofern sie vom Denken ausgeht, nicht vom Materiellen, und sie will an erster Stelle die Gesinnung der Menschen ändern, nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse. Das hinderte Schweitzer aber nicht, trotzdem einen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu werfen.

Obwohl er dem Denken den höchsten Stellenwert beimaß, sah er, wohin der geistige Fortschritt die Menschen geführt hatte, besonders der technische, und stand ihm kritisch gegenüber. Mit der Erfindung der Maschinen verändern sich die Lebensbedingungen grundlegend, schreibt er. Die Maschine hat unser Arbeitsleben in feste Regeln gepresst und engt es ein. Der Einzelne hat den Bezug zu seinem Haus und zur Natur, die ihn nährt, verloren, wenn er als Arbeiter in der Fabrik schuftet. Der Handwerker oder Kaufmann verliert den Bezug zu dem eigentlichen Sinn seiner Tätigkeit, wenn er als Angestellter im Konzern arbeitet. In der Hektik des Arbeitslebens haben die Menschen kaum Zeit zur Selbstbesinnung und zur Sammlung. Sie werden der Familie und den Kindern nicht mehr gerecht.

Die Macht, die die Menschen zunehmend über die Kräfte der Natur gewonnen haben und noch gewinnen, zieht eine Gewalt der Menschen über Menschen nach sich. Schweitzer schreibt:

„Mit dem Besitz von hundert Maschinen ist für einen Menschen oder eine Genossenschaft von Menschen die Herrschaft über alle, die diese Maschinen bedienen, gegeben.“

Eine einzige Erfindung führt den Tod von tausenden Menschen herbei, wobei ein Einzelner mit einer einzigen Handbewegung diese Katastrophe auslöst. Jede Form von Kampf lehnte der Arzt und Theologe ab, da sie nur dazu führt, dass die Menschen sich in wirtschaftlicher oder physischer Hinsicht verletzen. Durch Kampf erreichen sie nur, dass sie sich untereinander zerstören. Der Staat, wobei er keine Nation benannte, ist völlig verschuldet, führt wirtschaftliche und politische Kämpfe, kennt keine moralische Autorität und ist kaum noch in der Lage, die reale Autorität aufrecht zu erhalten. Er ringt um seine Existenz, denn er wird von Katastrophen und Krisen geschüttelt. Er hat die Grenzen seiner eigentlichen Wirksamkeit längst überschritten und greift statt dessen in alle Verhältnisse ein, die er zu regulieren versucht. Er will in das wirtschaftliche ebenso wie in das geistige Leben eingreifen.

„Und um dies zu erreichen ... arbeitet er mit einem Apparat, der an sich schon eine Gefahr bedeutet.“

Man könnte glauben, Schweitzer spricht von der Gegenwart. So ist es aber nicht. Vermutlich hat er Deutschland nach dem ersten Weltkrieg vor Augen, eine Zeit, in der er an der Schrift zu arbeiten begann. Er forderte, der Staat müsse aus seiner finanziellen Krise wieder herauskommen und sein Eingreifen in alle Belange zurückfahren. Wie dieser Staat, den er beschreibt, gesunden soll, ist ihm selbst ein Rätsel. Verändern lässt er sich nur im Innern, und zwar durch eine neue Gesinnung. Diese sah er in einer Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben und in einer Welt- und Lebensbejahung. Er schreibt:

„So haben wir die Menschen von heute wieder zu elementarem Nachdenken über die Frage, was der Mensch in der Welt ist und was er aus seinem Leben machen will, aufzurütteln.“

Nur so kann es zum Frieden und zur Verständigung zwischen den Menschen, den Staaten und im besonderen gegenüber überseeischen Staaten kommen. Er spricht in diesem Zusammenhang von Begegnung.

Marlies Matthies

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Dietrich Bonhoeffer

Apostelandacht zu Dietrich Bonhoeffer, gehalten am 31. Mai 2015

Biografisches

In unserem linken Chorfenster unten sehen wir den Kopf Dietrich Bonhoeffers, aus einer Fotografie vom August 1935.

Ende der achtziger Jahre berieten wir im Kirchenvorstand, welche Persönlichkeiten als „moderne Apostel“ in den Kirchenfenstern erscheinen sollten. Gleich am Anfang der Beratungen nannte jemand Dietrich Bonhoeffer. Alle unterstützten sofort diesen Vorschlag.

Das war in der unmittelbaren Nachkriegszeit völlig anders, Bonhoeffer war umstritten, weil er in die Verschwörung um das Attentat gegen Adolf Hitler am 20. Juli 1944 verwickelt war und deswegen auch gehängt wurde. Ein Pastor, der die Tötung eines Menschen rechtfertigt, auch wenn dies Adolf Hitler ist? Die evangelische Kirche ehrte ihre christlichen Märtyrer der Nazizeit, lehnte jedoch den politischen Widerstand ausdrücklich ab. Bonhoeffer zählte man zu den politischen Widerständlern. Das änderte sich erst in den achtziger Jahren.

Wer war also dieser Mann?

Dietrich Bonhoeffer wird am 4. Februar 1906 in Breslau als sechstes Kind der Familie geboren. Insgesamt bekommt seine Mutter Paula Bonhoeffer geb. von Hase acht Kinder: Karl Friedrich, Walter, Klaus, Ursula, Christine, die Zwillinge Dietrich und Sabine sowie Susanne.

Sein Vater Karl Bonhoeffer ist Professor für Psychiatrie und Neurologie. 1912 zieht die Familie nach Berlin.

Die Mutter ist ausgebildete Lehrerin und unterrichtet ihre und auch fremde Kinder der Nachbarn in den ersten Jahren selber. Sie leben in einem großbürgerlichen Haushalt mit Kindermädchen, Hausmädchen, Erzieherin, Stubenmädchen und Köchin. So ist Dietrichs Kinderwelt eine heile Welt.

Im Jahre 1916 zieht die Familie in den Stadtteil Grunewald, wo ein regelrechtes Professorenviertel entsteht. Die Kinder dieser Familien befreunden sich schnell, heiraten vielfach untereinander – und etliche gehen dann auch gemeinsam in den konspirativen Widerstand gegen das Naziregime.

Schon als Kind möchte Dietrich Pfarrer werden, obwohl die Familie nicht besonders kirchlich ist. Allerdings werden christliche Haussitten gepflegt, so das gemeinsame Tischgebet.

Nachdem Dietrich Bonhoeffer bereits mit 17 Jahren Abitur gemacht hat, beginnt er sein Theologiestudium in Tübingen und setzt es in Berlin fort. Im Alter von 21 Jahren schließt er seine Doktorarbeit ab und besteht das erste theologische Examen seiner Kirche.

Sein Vikariat leistet er in der deutschen Auslandsgemeinde Barcelona ab und kehrt

im Frühjahr 1929 wieder in die akademische Welt seiner Berliner Fakultät zurück. In kürzester Zeit bewältigt er seine Habilitation und hält bereits im Juli 1930 seine Antrittsvorlesung. Da er wegen seines jugendlichen Alters noch anderthalb Jahre auf seine Ordination warten muss, legt er ein Studienjahr in den USA ein.

Dort lernt er in den Kirchengemeinden Harlems praktische Pastoralarbeit kennen und erlebt die Folgen der Weltwirtschaftskrise.

Nach seiner Heimkehr 1931 hält er in Berlin Vorlesungen und Seminare und ist als Studentenpfarrer tätig.

Außerdem übernimmt er die Geschäfte eines Jugendsekretärs im Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen sowie im Ökumenischen Rat für Praktisches Christentum und fährt zur Konferenz des Weltbundes der Kirchen nach Cambridge. Dies wird für ihn zum Eintritt in die ökumenische Lebensaufgabe.

Mehr und mehr bezieht sich Bonhoeffers Denken und Handeln auf die Bergpredigt. Und er tritt unter Studenten und Pfarrern für einen christlichen Pazifismus ein. Er schreibt:

„Ich stürzte mich in die Arbeit in sehr unchristlicher Weise. Ein Ehrgeiz, den manche an mir gemerkt haben, machte mir das Leben schwer. Dann kam etwas anderes, etwas, was mein Leben bis heute verändert und herumgeworfen hat. Ich kam zum ersten Mal zur Bibel. Ich hatte schon oft gepredigt, ich hatte schon viel von der Kirche gesehen, darüber geredet und gepredigt – und ich war noch kein Christ geworden. Dann kam die Not von 1933. Das hat mich darin bestärkt. Ich fand nun auch Menschen, die dieses Ziel mit mir ins Auge fassten. Es lag mir nun alles an der Erneuerung der Kirche und des Pfarrerstandes. Der christliche Pazifismus, den ich noch kurz vorher leidenschaftlich bekämpft hatte, ging mir auf einmal als Selbstverständlichkeit auf.“

Als im April 1933 ein Gesetz den Juden staatliche Ämter verbietet, entwirft er als einer der ersten Männer der Kirche einen Vortrag mit dem Titel „Die Kirche vor der Judenfrage“.

Er schreibt darin: „1. Die Kirche hat den Staat zu fragen, ob sein Handeln von ihm als legitim staatliches Handeln verantwortet werden könne. Sie wird diese Frage heute in Bezug auf die Judenfrage in aller Deutlichkeit stellen müssen. 2. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören. 3. Wenn die Kirche den Staat ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht ausüben sieht, kommt sie in die Lage, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“

Angesichts seiner Erfolglosigkeit im Kirchenkampf übernimmt Bonhoeffer ein Pfarramt in zwei Londoner Ausländergemeinden. Doch schon nach eineinhalb Jahren kehrt er nach Deutschland zurück, um in der Bekennenden Kirche die Opposition gegen den Nazistaat wieder aufzunehmen.

Die ökumenische Konferenz von Fanö im August 1934 wählt Bonhoeffer in den Ökumenischen Rat. Dennoch erreicht Bonhoeffer nie, was er will: einen Ausschluss der Reichskirchenregierung. Auch aus diesem Grund legt Bonhoeffer 1937 seine ökumenischen Ämter nieder. Seinen Freunden in der Ökumene erscheint er in dieser Zeit als zu starrsinnig.

1935 wird Dietrich Bonhoeffer Gründer und Leiter eines Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Pommern. Zwei Jahre später löst die Gestapo das Seminar auf und versiegelt das Haus. Bonhoeffer arbeitet aber unverdrossen mit seinen Kandidaten weiter in Form eines „Sammelvikariats“. Die Vikare sind formal bei Gemeindepfarrern tätig und kommen die Woche über in einem leeren Pfarrhaus zusammen, wo er seinen Lehrbetrieb fortsetzt. Im März 1940 kommt die Gestapo wieder und versiegelt auch dieses Haus.

Schon 1935 bittet Bonhoeffer einige Kandidaten, mit ihm eine Kommunität, also eine klosterähnliche Wohngemeinschaft zu bilden. Man unterwirft sich einer Gebetsdisziplin, teilt die Finanzen, die allerdings überwiegend aus Bonhoeffers Gehalt stammen, übernimmt Aufgaben im Unterricht und Leben des Seminars und in den benachbarten Bekenntnisgemeinden.

Die Arbeit im Seminar bringt Bonhoeffer in Verbindung mit den Trägern der pommerschen Bekennenden Kirche. Das sind meist Gutsbesitzer mit ihren Familien. Unter den Kindern ist dann auch Maria von Wedemeyer, die später Dietrich Bonhoeffers Braut wird.

Während die Wehrmacht im März 1939 nach „Böhmen und Mähren“ einmarschiert, ist Bonhoeffer bei seiner Schwester Susanne in deren englischem Exil zu Besuch und bereitet von dort aus einen Aufenthalt in den USA vor, der wohl eigentlich eine Emigration aus Deutschland sein soll.

Er bricht am 2. Juni 1939 auf, doch Zweifel quälen ihn.

Keine drei Wochen später lehnt er alle ihm angebotenen Beschäftigungen in den USA ab und kehrt nach Deutschland zurück. Er schreibt in einem Brief:

„Es war ein Fehler von mir, nach Amerika zu kommen. Ich muss diese schwierige Periode unserer nationalen Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben. Ich werde kein Recht haben, auf Wiederherstellung des christlichen Lebens nach dem Kriege in Deutschland mitzuwirken, wenn ich die Prüfungen dieser Zeit nicht mit meinem Volk teile. Die Christen Deutschlands stehen vor der fürchterlichen Alternative, entweder in die Niederlage ihrer Nation einzuwilligen, damit die christliche Zivilisation weiterleben kann, oder in den Sieg einzuwilligen und dabei unsere Zivilisation zu zerstören. Ich weiß, welche dieser Alternativen ich zu wählen habe: aber ich kann diese Wahl nicht treffen, während ich mich in Sicherheit befinde.“

Inzwischen ist Bonhoeffer intensiv in die erfolglosen Umsturzplanungen der Gruppe Oster und Dohnanyi eingeweiht, die Hitler vor dem heißen Krieg im Westen stoppen sollen. Doch die unerwartet schnelle Kapitulation Frankreichs bringt Hitler den Höhepunkt seines Ansehens.

Nach einer Razzia der Gestapo bekommt Bonhoeffer ein Redeverbot wegen „volkszersetzender Tätigkeit“. Seine Einberufung zur Wehrmacht steht unmittelbar bevor. Doch die Abwehrorganisation von Canaris stellt eine Unabkömmlichkeitserklärung für Bonhoeffer aus und verpflichtet ihn als zivilen Abwehrmann bei ihrer Münchner Dienststelle. Damit beginnt sein Weg in den aktiven militärischen Widerstandskreis.

Seine Aufträge sind doppeldeutig: Einerseits hat er ausländische Nachrichten aufzuzeichnen – dies zur Tarnung – andererseits Signale von einer Fortsetzung des deutschen Widerstandes in das Ausland zu vermitteln. Außerdem versorgt er die Verschwörer mit Informationen von ausländischen Freunden.

Im Auftrag der Abwehr mit ihren Pass- und Visamöglichkeiten unternimmt er nun Reisen in die Schweiz und nach Schweden, Norwegen und Italien.

Im Frühjahr 1943 beginnt die Lage für ihn und andere brenzlig zu werden. Sie erhalten Warnungen, dass sie beobachtet und ihre Telefone abgehört würden und dass es zu Hausdurchsuchungen kommen könnte.

Am 5. April 1943 wird Dietrich Bonhoeffer im Haus seiner Eltern festgenommen und in das Tegeler Militärgefängnis eingeliefert.

Im Januar dieses Jahres hat sich Bonhoeffer mit Maria von Wedemeyer verlobt. Sie ist 18 Jahre alt, sehr schön, klug und vital. In der weiteren Familie wird die Verlobung erst bekannt, als Bonhoeffer sich im Tegeler Gefängnis befindet.

Das Leben in der Zelle des Gefängnisses ist zunächst qualvoll. Zunächst erhält er strenge Isolierhaft. Nach der Verhörzeit wird die Zelle zum Studierzimmer. Es gibt Bücher, Schreibpapier, Zigaretten, Kaffee und Nahrungsmittel – alles herbeigeschafft von der Braut und der Familie. Nachdem anfangs nur die zensierten, das heißt offiziell erlaubten Briefe alle 10 Tage aus dem Gefängnis gelangen, kommen später zusätzlich die geschmuggelten hinzu, aus denen nach dem Krieg sein Freund Eberhard Bethge das Buch „Widerstand und Ergebung“ zusammenstellt.

Günstig wirkt sich aus, dass Tegel ein Militärgefängnis ist und dass altgediente, frontuntaugliche Soldaten den Nachtdienst versehen. Unter diesen gibt es Sympathisanten für den interessanten, großzügigen Häftling. Außerdem unterstehen die Berliner Militärgefängnisse einem Vetter von Bonhoeffers Mutter: Generalleutnant Paul von Hase, Stadtkommandant der Hauptstadt. Hase ist dann selbst am Putsch gegen Hitler beteiligt und wird gleich nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet.

Zunächst lässt Hitler die unmittelbar im Zusammenhang mit dem 20. Juli Ergriffenen sofort exekutieren, ehe durch sie noch weitere Kreise der Verschwörung aufgedeckt werden können.

Jetzt fasst Bonhoeffer den Plan, die Flucht zu versuchen und unterzutauchen. Ein Gefängniswärter will ihm unverdächtige Kleidung bringen und mit ihm gemeinsam untertauchen. Doch Bonhoeffer fürchtet, dass seine Angehörigen nach seiner Flucht in Sippenhaft genommen werden, und bleibt im Gefängnis.

Inzwischen hat die Gestapo einen ihrer wichtigsten Funde gemacht: In Zossen bei Berlin entdeckt man in einem Panzerschrank Akten der Abwehr, die beweisen, wer alles in die Verschwörung verwickelt sind, und zwar schon seit 1938. Sofort widerruft Hitler den Befehl zur sofortigen Hinrichtung der Konspiratoren, um die weitere Verzweigung der Verschwörung sorgfältiger ausforschen zu lassen.

Am 8. Oktober 1944 holt ein Gestapokommando Bonhoeffer aus dem Tegeler Gefängnis in ein Kellergefängnis der Gestapo. Im Frühjahr 1945 wird er einem Sondertransport mit anderen prominenten Häftlingen in das KZ Buchenwald zugeteilt. Am 3. April 1945 nahen aber die Amerikaner, und so verlädt man die Buchenwalder Gefangenen und bringt sie in den Bayrischen Wald.

Am 5. April findet die Mittagsbesprechung der militärischen Lage im Führerbunker in Berlin statt. Es wird die letzte sein. Dort fällt die Entscheidung: Dietrich Bonhoeffer, sein Schwager Dohnanyi, Admiral Canaris und General Oster sollen nicht überleben.

Ein SS-Richter wird ins KZ Flossenbürg in Marsch gesetzt und verurteilt dort die Angeklagten in einer Schnellverhandlung ohne Verteidiger standgerichtlich zum Tode. Im Morgengrauen des 9. April werden Dietrich Bonhoeffer und seine Freunde gehängt.

Der Lagerarzt schreibt später:

„Am Morgen des betreffenden Tages zwischen 5 und 6 Uhr wurden die Gefangenen, darunter Admiral Canaris, General Oster und Reichsgerichtsrat Sack aus den Zellen geführt und die kriegsgerichtlichen Urteile verlesen. Durch die halbgeöffnete Tür eines Zimmers im Barackenbau sah ich vor der Ablegung der Häftlingskleidung Pastor Bonhoeffer in  innigem Gebet mit seinem Herrgott knien. Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebetes dieses außerordentlich sympathischen Mannes hat mich auf das Tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und bestieg dann mutig und gefasst die Treppe zum Galgen. Der Tod erfolgte nach wenigen Sekunden. Ich habe in meiner fast 50jährigen ärztlichen Tätigkeit kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen.“

Die Leichen und alle verbliebenen Gegenstände der Verurteilten werden verbrannt.

Für seinen Freund, den Bischof George Bell von Chichester, sind die letzten Worte bestimmt, die uns Dietrich Bonhoeffer überliefert:

„Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens. Ich glaube an die universale christliche Brüderlichkeit über alle nationalen Interessen hinweg, und ich glaube, dass uns der Sieg sicher ist.“

Aufruf zur Nachfolge

Am Dietrich Bonhoeffer der dreißiger Jahre fasziniert mich die vollkommene Übereinstimmung zwischen seinem theologischen Denken, der tiefen Emotionalität, mit der er seinen Glauben verkündigt und seinem daraus abgeleiteten persönlichen Handeln in einer fürchterlichen Zeit. Seit seinem Studienjahr in New York steht für ihn die Bergpredigt im Mittelpunkt seines theologischen Denkens.

Bis zu dieser Zeit hatte er die Ansicht der meisten protestantischen Theologen für richtig gehalten: Demnach ist die Bergpredigt nicht Anweisung zur Umgestaltung der Welt, sondern Hinweis auf deren Erlösungsbedürftigkeit durch Gott, die die Kirche im Evangelium verkündet. Das entspricht ganz der Trennung von Eigengesetzlichkeit der Welt hier – Evangelium für das persönliche Heil dort. Der junge Pfarrer aus Frankreich Jean Lasserre überzeugt ihn, dass die Seligpreisung der Friedensstifter und die Forderung der Feindesliebe von Jesus ernstgemeint sind und auch in der realen Welt realisiert werden müssen. Bonhoeffer begreift diesen christlichen Pazifismus als Auftrag für die ganze Kirche, für die gesamte Christenheit und fordert zum Handeln auf.

In einer Morgenandacht während des ökumenischen Jugendtreffens 1934 auf Fanö predigt er:

„Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dieses alles aus dem einen Grund nicht, weil hier überall Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg zur Sicherheit. Noch einmal darum: Wie wird Friede? Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.“

Genau fünfzig Jahre später wird die Friedensbewegung in beiden deutschen Staaten nach der Aufstellung neuer Mittelstreckenraketen in Europa diese Worte neu hören und ein ökumenisches Konzil des Friedens fordern. Damals bleibt Dietrich ein „Rufer in der Wüste“ und ein Prophet, der vor allem im eigenen Land nichts gilt. Während seiner Tätigkeit im Predigerseminar in Finkenwalde ist das Thema „Nachfolge“ im Zentrum seines Denkens, seines Lebens und seiner Lehre. Wie zeigt sich heute der Gehorsam gegen das Gebot Jesu? Seine Antwort lautet: indem man ohne Kompromisse nach der Bergpredigt zu leben versucht.

Die Bergpredigt spiegelt wider, was die urchristliche Gemeinde als alternative Lebensform zu praktizieren versuchte: Gewaltfreiheit, Feindesliebe, Gerechtigkeit und die Erfüllung menschlicher Gemeinschaftsformen wie Freundschaft und Ehe nicht nach „Buchstaben“, sondern nach dem Geist der Gebote Gottes.

Er schreibt seinem Bruder Karl-Friedrich 1935:

„Ich glaube zu wissen, dass ich eigentlich erst innerlich klar und aufrichtig sein würde, wenn ich mit der Bergpredigt wirklich anfange, Ernst zu machen. Hier sitzt die einzige Kraftquelle, die den ganzen Zauber und Spuk einmal in die Luft sprengen kann, bis von dem Feuerwerk nur ein paar ausgebrannte Reste übrigbleiben. Die Restauration der Kirche kommt gewiss aus einer Art neuen Mönchtums, das mit dem alten nur die Kompromisslosigkeit eines Lebens nach der Bergpredigt in der Nachfolge Christi gemeinsam hat. Ich glaube, es ist an der Zeit, hierfür Menschen zu sammeln.“

1937 veröffentlicht er diese Gedanken ausführlich in seinem Buch „Nachfolge“, das seitdem in vielen Auflagen erschien. Wir möchten Ihnen daraus einige Auszüge vortragen:

Was hat Jesus uns sagen wollen? Was will er heute von uns? Wie hilft er uns dazu, heute treue Christen zu sein? Nicht was dieser oder jener Mann der Kirche will, ist uns zuletzt wichtig, sondern was Jesus will, wollen wir wissen.

Wie viel unreiner Klang, wie viele menschliche, harte Gesetze und wie viele falsche Hoffnungen und Tröstungen trüben noch das reine Wort Jesu und erschweren die echte Entscheidung! Wer ungeteilt dem Gebote Jesu folgt, wer das Joch Jesu ohne Widerstreben auf sich ruhen lässt, dem wird die Last leicht, die er zu tragen hat, der empfängt in dem sanften Druck dieses Joches die Kraft, den rechten Weg ohne Ermatten zu gehen.

Jesus sagt etwa: Verkaufe deine Güter! Jesus meint aber: Nicht darauf kommt es in Wahrheit an, dass du das nun auch äußerlich vollziehst, vielmehr sollst du die Güter ruhig behalten, aber du sollst sie haben, als hättest du sie nicht. Hänge dein Herz nicht an die Güter. Unser Gehorsam gegen das Wort Jesu würde also darin bestehen, dass wir den  einfältigen Gehorsam als gesetzlich gerade verweigern, um dann „im Glauben“ gehorsam zu sein. Damit unterscheiden wir uns vom reichen Jüngling. Er ging traurig davon und war mit dem Gehorsam um den Glauben gekommen. Offenbar stand es nach der Meinung Jesu mit dem Jüngling so, dass dieser sich eben nicht innerlich von seinem Reichtum frei machen konnte.

Der Ruf Jesu ist zwar „unbedingt ernst zu nehmen“, aber der wahre Gehorsam gegen ihn besteht darin, dass ich nun gerade in meinem Beruf, in meiner Familie bleibe und ihm dort diene, und zwar in wahrer innerer Freiheit. Gemeint sei eben die letzte innere Bereitschaft, für das Reich Gottes alles einzusetzen. Es ist überall dasselbe, nämlich die bewusste Aufhebung des einfältigen, wörtlichen Gehorsams.

„Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Jesu Nachfolger sind zum Frieden berufen. Als Jesus sie rief, fanden sie ihren Frieden. Jesus ist ihr Friede. Nun sollen sie den Frieden nicht nur haben, sondern auch schaffen. Damit tun sie Verzicht auf Gewalt und Aufruhr.

Das Reich Christi ist ein Reich des Friedens, und die Gemeinde Christi grüßt sich mit dem Friedensgruß. Die Jünger Jesu halten Frieden, indem sie lieber selbst leiden, als dass sie einem Anderen Leid tun, sie bewahren Gemeinschaft, wo der Andere sie brechen, sie verzichten auf Selbstbehauptung und halten dem Hass und Unrecht stille. So überwinden sie Böses mit Gutem. So sind sie Stifter göttlichen Friedens mitten in einer Welt des Hasses und Krieges.

Die Friedfertigen werden mit ihrem Herrn das Kreuz tragen; denn am Kreuz wurde der Friede gemacht. Weil sie so in das Friedenswerk Christi hinein-gezogen sind, berufen zum Werk des Sohnes Gottes, darum werden sie selbst Söhne Gottes genannt werden.

Die Gemeinde der Seliggepriesenen ist die Gemeinde des Gekreuzigten. Mit ihm verlor sie alles und mit ihm fand sie alles. Vom Kreuz her heißt es nun: selig, selig. Nun aber spricht Jesus darum in direkter Anrede: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles wider euch, so sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost: es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.“ Die Nachfolgenden sind die sichtbare Gemeinde, ihre Nachfolge ist ein sichtbares Tun, durch das sie sich aus der Welt herausheben – oder es ist eben nicht Nachfolge. Flucht in die Unsichtbarkeit ist Verleugnung des Rufes. Gemeinde Jesu, die unsichtbare Gemeinde sein will, ist keine nachfolgende Gemeinde mehr.

In einer Londoner Predigt von 1935 schließt Bonhoeffer mit einem Appell an uns Jesus zu suchen:

„Aber nun steht hier am Schluss eine Frage zwischen uns, die wir bei Namen nennen müssen, damit sie uns nicht verwirre. Sie sagen: Jesus ist tot. Wie sollen wir zu ihm gehen? Wie soll er uns trösten? Wie soll er uns helfen? Was können wir antworten als dies: Nein, Jesus lebt, lebt hier mitten unter uns. Such ihn nur, hier oder bei dir zu Haus. Ruf ihn an, frag ihn, bitte ihn. Und er wird plötzlich bei dir sein. Und du wirst wissen, dass er lebt. Du siehst ihn nicht, du spürst ihn. Du hörst ihn nicht, aber du weißt, er ist da, er hilft, er tröstet, er allein. Und du nimmst dein Joch auf dich und wirst froh und wartest. Und sehnst dich nach der letzten Ruhe bei ihm.

Bonhoeffer hat an dieser Position auch festgehalten, als später verhaftet wurde und jahrelang im Gefängnis saß.  Dort verfasste er ein  Gedicht, das  seine unerschütterliche Position widerspiegelt:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig,  lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Rolf Polle

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Hermann Stöhr

Apostelandacht zu Hermann Stöhr, gehalten am  29. März 2015

Begrüßung:

Wer kann sich auf Gott berufen?

Wer kann davon ausgehen, dass er an ihn glaubt?

Der ehrlich ist in dem, was er sagt.

Der es nicht nötig hat, andere schlecht zu machen.

Der nichts ersinnt, was anderen schadet.

Der seinen Nachbarn im Recht lässt.

Der sich nicht überall anpasst.

Der für seine Überzeugung geradesteht,

auch wenn es ihm schadet.

Der sich für Recht und Wahrheit einsetzt

und sich durch nichts dazu bringen lässt,

gegen sein Gewissen zu handeln.

Wer so lebt, der wird vor der Wahrheit bestehen.

 

Mit diesen Worten, einer freien Übersetzung des 15. Psalms, begrüße ich Sie zu diesem Gottesdienst am heutigen Palmsonntag. Unsere Gedanken werden um Hermann Stöhr kreisen, einen unserer zwölf modernen Apostel. Vor hundert Jahren wurde er geboren - ein Gewissensmensch, ein Rebell gegen ein stromlinienförmiges und blindes Denken, gegen ein Denken, das Gewalt und Krieg akzeptiert, ein Glaubender, ein Evangelischer, ein Ökumeniker, ein Einsamer, ein Schwieriger und so manches mehr. Vor fast 75 Jahren ist er für seine Überzeugungen hingerichtet worden. Den meisten Menschen ist er unbekannt geblieben. Wir tun etwas dagegen, zeigen Hermann Stöhr als jemanden, dessen Gewissen in Gottes Wort gefangen ist, der nicht anders kann, als die Versöhnung zu bezeugen - ut omnes unum sint, auf dass sie alle eins seien.

 

Biografisches:

Geschichte eines KDV – wohl der einzige ev. Kriegsdienstverweigerer im 2. Weltkrieg, der vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und anschließend hingerichtet wurde. Beeindruckend: Überzeugungstreue eines einzelnen Pazifisten, der sich weder von dem sich allmächtig gebenden Staat noch von der auf Distanz gehenden Kirche hat abbringen lassen, den einmal erkannten Weg der Nachfolge Jesu Christi konsequent zu Ende zu gehen.

Zur Lebensgeschichte: Er wurde am 4. Januar 1989 in Stettin als jüngstes von vier Geschwistern geboren. Im November 1914 meldete er sich, noch keine 17 Jahre alt, freiwillig zur Kriegsmarine. Er verbrachte die Kriegsjahre im Marine-Verwaltungsdienst. Anschließend studierte er Volkswirtschaft, öffentliches Recht und Sozialpolitik in Kiel, Berlin und Rostock; dort wurde er Doktor der Staatswissenschaften. Thema seiner Dissertation war „Die Auslandshilfe“, eine Untersuchung der Hilfsmaßnahmen in Mittel- und Osteuropa nach dem Krieg. Er wählte also ein Thema, in dem es um gegenseitige Hilfe und um Versöhnung unter den Völkern ging. Schließlich hatte er sich wohl schon während des Studiums mit den Anliegen der Nachkriegs-Friedensbewegung befasst. Stöhr besuchte theologische Vorlesungen in Berlin und äußerte sich erstmalig publizistisch (Thesen zum Thema Reich Gottes und Reich der Welt in einem Mitteilungsblatt der deutschen christlichen Studentenvereinigung) – die darin zutage getretene Grundhaltung findet sich bei ihm bis zuletzt. Es gelte, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen; alles, auch das Nationalgefühl sei der Herrschaft Jesu zu unterstellen.

Bis 1925 arbeitete er u.a. für den „Internationalen Versöhnungsbund Deutscher Zweig“ und in der Geschäftsstelle der ökumenischen Zeitschrift „Die Eiche“. Er stand in diesen Funktionen in Kontakt zu Prof. Siegmund-Schultze, dem damals führenden Kopf der ökumenischen Bewegung. Dem Versöhnungsbund ging es um Frieden als gelebten Versuch, Feinde zu Freunden zu gewinnen, d. h. Versöhnung. Nach Umzug der Geschäftsstelle des Versöhnungsbundes nach Leipzig hielt es ihn ebendort nicht lange; er kehrte nach Berlin zurück, arbeitete bei der Inneren Mission, ehe er sich 1930 für mehrere Monate als Stipendiat in den USA aufhielt; er sammelte dort Material für sein später im Eigenverlag veröffentlichtes Buch über „die Auslandshilfe der Vereinigten Staaten“. Und weitere Erfahrungen mit der Welt da draußen.

Seit 1931 lebte Stöhr bei Mutter und Schwester in Stettin und schien seitdem keine feste Anstellung mehr gefunden zu haben. Sein Biograf Eberhard Röhm schreibt dazu: „Mit dem offenen Bekenntnis zum Pazifismus handelte man sich schon in der Weimarer Zeit Schwierigkeiten bei der Stellensuche ein.“ (Sterben für den Frieden, S. 29). In den späteren Gefängnisakten ist als Berufsbezeichnung „Verleger“ aufgeführt. In seinem „Ökumenischen Verlag“ sind seit 1936 nur drei, von ihm selbst verfasste, Bücher erschienen, was ihm, zusammen mit der Unterstützung durch seine Familie, nur einen sehr bescheidenen Lebensunterhalt ermöglichte. Im Übrigen verfasste er Zeitschriftenaufsätze und Gemeindeblattbeiträge, allesamt gestellt unter sein großes Lebensthema: die Überwindung nationaler und sozialer Schranken im Geiste christlicher Einheit.

Jedenfalls geriet Stöhr zunehmend im Gefolge seiner Mitarbeit in der ökumenischen Friedensbewegung bis Mitte der 20er Jahre in eine zunehmende Außenseiterrolle, bei der nicht man nicht so recht feststellen kann, welcher Anteil daran seiner religiös begründeten Friedenshaltung und welcher Anteil seinem persönlichen Charakter zuzuschreiben ist. Er galt als schwieriger Charakter und Sonderling, auch bei denen, die ihm verbunden geblieben waren.

1933 erfolgte bekanntermaßen die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Zuvor, 1928, Hitler vor Parteiführern: „Wir werden, indem wir das Volk von dem jämmerlichen Glauben an Völkerversöhnung, Weltfrieden, Völkerbund und internationale Solidarität befreien, diese Ideen zerstören. Es gibt nur ein Recht in der Welt, und dieses Recht liegt in der eigenen Stärke.“ Für radikale Pazifisten wurde es unendlich schwer. Und von der Kirche war öffentlich keine Unterstützung zu erwarten, oft nicht einmal Respekt oder Verständnis. Seine zahlreichen Eingaben zu ihn beunruhigenden Themen, u.a. wegen des Schweigens der Kirche zu Gewaltakten an politischen Gegnern und an den Juden, wurden unzureichend oder gar nicht beantwortet.

Seit 1919 hatte es in Deutschland keine Wehrpflicht mehr gegeben; jetzt wurde aus theoretischer Diskussion persönliche Entscheidung. Stöhr blieb Einzelgänger, schloss sich keiner kirchlichen Gruppe, etwa der „Bekennenden Kirche“, an. Als die Einberufung Anfang 1939 erfolgte, verweigerte er Kriegsdienst und Eid. Er kam Einberufungsbefehlen nicht nach und wurde am 31. August 1939 verhaftet. Wegen Fahnenflucht wurde er zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Stöhr legte dagegen Widerspruch ein. Im Gefängnis verweigerte er den „Führereid“, das Reichskriegsgericht verurteilte ihn deshalb wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode. Hermann Stöhr war ein zutiefst glaubender Mensch; in diesem Glauben war ihm der aufrechte Gang sogar zum Schafott möglich. Er schrieb an seine Mutter: „Wenn wir den Osterglauben, den Glauben an eine Auferstehung des Leibes wirklich haben, erfüllt uns gerade angesichts des Todes eine große Freude, die uns bei irdischen Widrigkeiten nur umso heller entgegenstrahlt… So wünsche ich also mir und euch vor allem einen Glauben an den auferstandenen Herrn, der standhält.“ Am 21. Juni 1940 wurde das Urteil in Berlin-Plötzensee durch Enthauptung vollstreckt. Während der Beerdigung verhinderten Gestapo-Beamte, dass eine Predigt gehalten werden konnte. Das Urteil gegen Hermann Stöhr wurde 1997 vom Berliner Landgericht wieder aufgehoben.

 

Stöhr II – u.a. eine Laienspielszene

In den letzten Wochen seiner Haft schrieb Hermann Stöhr ein Laienspiel mit dem Titel eines Liedes aus dem Gesangbuch: „Lasset uns mit Jesus ziehen“. In diesem Spiel, das sich nur auf zwei Quellen stützt, auf die Bibel und das Gesangbuch, legte er persönlich Rechenschaft ab vor seinem himmlischen Vater. Beinahe gewinnt man den Eindruck, Stöhr wollte wie auf einer großen Orgel alle Register ziehen, um sich seiner Zweifel und seines Glaubens, seiner Angst und seiner Freude gewisser zu werden. Wir stellen einen Abschnitt vor, in dem sich seine Erfahrungen der letzten Jahre widerspiegeln:

 

B: Von Jesus Christus hieß es:

Des Menschen Sohn muss viel leiden. (Mk. 8,31)

Ganz ähnlich sagt es Paulus von den Christen:

Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu,

müssen Verfolgung leiden. (2. Tim. 3,12)

C: Ja, wenn da stände ‚können leiden‘,

dann könnt ich es schon eher glauben.

Denkt ihr denn wirklich,

dass uns im 20. Jahrhundert derartiges widerfahren muss?

B: Stell dich mal ganz auf Gottes Warte,

betrachte dir die Händel dieser Welt.

Bald wirst du sehen und erkennen,

wie vieles faulig und verrottet ist. -

Dann wage gegen jedes Unrecht anzugehen.

A: Da wirst du nie mit fertig.

Nimm dir nur eins heraus

und greif das Unrecht tapfer an.

Bekenne mal den Anspruch Gottes

auf alle Dinge dieser Erde,

und mit Entschiedenheit.

Dann wirst du sehen,

was das kostet an Kampf und Leid und Schmerz.

C: Kannst du mir nicht ein Beispiel nennen?

A: Versuch mal einen Feind zu lieben

mit jener Liebe, die Jesus uns empfiehlt.

Nimm hierfür einen Feind

der eigenen Verwandtschaft, deines Standes,

und du wirst sehen, was das kostet.

B: Wer klar die Schäden seiner Zeit bekennt,

läuft heute immer noch Gefahr

in Acht und Bann getan zu werden;

ja selbst in einen Kirchenbann,

wo sich die Kirche angeglichen hat

dem Geist der Welt, dem Geist der Zeit.

A: Und jede Zeit hat solch ein Zeugnis nötig,

das Zeugnis rechter Christen,

die Kreuz und Leid bejahn,

wo es um Gottes Ehre geht

und wider Wahnideen falscher Menschen.

C: Du denkst, es kann dem Christen dann

mit diesem Kreuz sogar der Tod beschieden sein?

A: Das kann schon sein.

Es stände faul um eine Kirche,

die ihrer Zeit nicht dienen könnte

auch mit dem Blute einiger ihrer Glieder.

 

Das Ende Hermann Stöhrs

Hermann Stöhr war der Tod beschieden. Seit dem 31. August 1939, dem Tag vor Kriegsausbruch, befand er sich in Haft. Nach zwei Prozessen wegen Fahnenflucht und Zersetzung der Wehrkraft wurde er am 21. Juni 1940 in Berlin-Plötzensee enthauptet, jenem Ort, an dem 2.500 Menschen enthauptet, erschossen oder erhängt wurden.

Am Abend vor der Hinrichtung saß er in seiner Zelle und schrieb Abschiedsbriefe. Ein Freund hielt bei ihm Nachtwache und feierte mit ihm das Abendmahl. Stöhr schrieb an seine Schwester: „Liebe Schwester, heute Abend 8 Uhr wurde mir mitgeteilt, dass mein Gnadengesuch abschlägig beschieden ist, und morgen, also am 21. Juni gegen 6 Uhr früh, wird das Urteil vollstreckt sein. - Das ist somit der Wille Gottes, der uns alle liebt, und uns, die wir ihn wieder lieben, muss auch dies zum Besten dienen. Es dient uns zum Besten. Und soweit es Dir oder einem anderen zunächst unverständlich zu sein scheint, bitten wir den Herrn, dass er es uns bald offenbare. - Für mich wie auch für andere gilt, dass Christus uns von der Furcht des Todes erlöst hat, und dass die völlige Liebe die Furcht austreibt. ... - Was wir uns untereinander vorzuwerfen haben, wollen wir uns restlos vergeben mit der Bitte des Vaterunsers: Vater, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. - Und so wollen wir dem Tag entgegengehen, der uns alle in der Ewigkeit vereint.“

Das Schriftwort, das Stöhrs Freunde später für dessen Grabstein bestimmt haben, steht in Weisheit Salomonis 3,1-3:

„Aber der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand, und keine Qual rührt sie an. Vor den Unverständigen werden sie angesehen, als stürben sie, und ihr Abschied wird für eine Pein gerechnet und ihre Hinfahrt für ein Verbrechen; aber sie sind im Frieden.“

 

Versuch eines Resümees

Hermann Stöhr besaß die Unruhe der Friedfertigen. Kein Mangel an Gewissheit. Und ein Mensch mit großem Herzen.

  1. Was fasziniert mich?

Hermann Stöhr besaß die Unruhe der Friedfertigen; er war ein leidenschaftlicher Mensch und Christ, der sich nicht schonte und ernst machte mit Jesu Botschaft von Frieden und Versöhnung.

  1. Was stößt mich ab?

Mich irritiert zugleich, dass Hermann Stöhr so wenig Mangel an Gewissheit hatte, dass der von ihm geforderte Weg der richtige sei und nicht ein eigenmächtiger.

  1. Was ist mir heute wichtig, welches Erbe sollte erhalten bleiben?

Wir brauchen Zeugen, die über-zeugen. Hermann Stöhr starb für den Frieden. Wie auch immer unsere Glaubens-Wege aussehen, uns ist gesagt: Nachfolge heißt auch immer Leidens-Nachfolge. Und wir müssen uns fragen: Um wessentwillen gehen wir auf dem Weg der Nachfolge Kompromisse ein: Aus Mangel an Gewissheit oder um uns zu schonen?

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Ernst Barlach

Apostelandacht zu Ernst Barlach, gehalten am 25. Januar 2015

Plattes Land mit Blick in die Weite – Wiesen und Felder bis zum Horizont, vereinzelt eine Baumgruppe: Marschlandschaft. Der Junge sitzt mit dem Vater in der Kutsche. Krankenbesuche macht Dr. Georg Gottlieb Barlach mit seinem ältesten Sohn Ernst. Krankenbesuche, die der Künstler später seine stärksten Kindheitserlebnisse nennt, denn die Fahrten führen zu fremdem Leid, bei Arm und Reich. Der Junge ist noch nicht einmal schulpflichtig, aber er schaut, beobachtet, während der Vater die Patienten umsorgt.

Bald greift der Junge zu Stift und Skizzenblock, hält Eindrücke in Zeichnungen fest. Eigentlich ist Zeichnen, Malen und Schreiben in der Familie Barlach nur ein Zeitvertreib, auch wenn Tante Luise Schenk unterstützt vom Dichter Gustav Freytag sogar veröffentlicht. Der Vater sieht es gern, wenn der Junge zeichnet, lobt, hängt einige Blätter sogar in der Praxis auf. Als Ernst und sein ein Jahr jüngerer Bruder ins schulpflichtige Alter kommen, zieht die Familie Barlach von Schönberg ins nahe Ratzeburg. Die Jungen sollen die Domschule besuchen.

Vieles ändert sich mit dem frühen Tod des Vaters im Juni 1884. Weil auch Mutter Louise Barlach häufig krank ist, erhalten die beiden Älteren einen Vormund: Onkel Heinrich Barlach aus Altona, ein Jurist. Und damit beginnt Ernst Barlachs Ringen um den Beruf. Künstler ist dem Onkel gar zu unsicher. Dabei weiß der Junge selbst noch nicht recht, was er soll: Malen? Oder doch besser Schreiben, was Ernst schon als Junge macht, und Geschichten für die jüngeren Geschwister erfindet, die Zwillinge Nikolaus und Joseph. Oder soll er gar ein Bildhauer werden?

Ein Kompromiss ist die Hamburger Kunstgewerbeschule am Steintor, für die sich Ernst Ostern 1888 einschreiben darf. In der Werkstatt schleppt er Gipssäcke, rührt das staubige Pulver zu einem modellierbaren Material, knetet Ton, bis er sich verarbeiten lässt. Ein Handwerk stellen sich Vormund und Mutter vor, was auch einmal etwas einbringt. Das scheint ihnen besser als ein vages Kunststudium. Davon aber träumt das Mündel und erfüllt sich seinen Traum am 2. 1. 1891, als Ernst Barlach 21 Jahre alt wird, sein väterliches Erbteil erhält und sich an der Kunstakademie in Dresden einschreibt. Er tritt in die Klasse von Ernst Julius Hähnel ein und studiert nach dessen Tod bei Robert Diez. Die Gemäldegalerie des Zwingers und die im Albertinum sind Lieblingsorte des angehenden Künstlers. Ansonsten besucht er Kaffeehäuser mit Freunden, unter ihnen auch Karl Garbers. Als der ein Stipendium nach Paris erhält, schließt Barlach sich ihm an. Gemeinsam reisen beide nach Frankreich. Aber Paris ist nicht, was Barlach ersehnt. Er kehrt nach Deutschland zurück, wechselt häufig den Wohnort. Stationen sind Thüringen, Hamburg, Geburtsort Wedel und schließlich eine Anstellung als Lehrer an einer Gewerbeschule im Westerwald. Ein Semester hält er aus, und das auch nur aus Pflichtbewusstsein.

Mit 35 Jahren hat Barlach weder einen Ort noch eine Lebensform für sich gefunden. Und schlimmer: er hat noch immer keine Sprache für den künstlerischen Ausdruck. Er ist ein Umherirrender, der nicht findet, was er sucht, ein Verzweifelter auf der Suche nach einer Form des Lebens und der Kunst. Da tritt die Wende ein.

Am Bahnhof Friedrichstraße sitzen die Barlachbrüder Ernst und Nikolaus und warten auf den Zug nach Russland. Dort lebt Bruder Hans, den sie besuchen wollen. Auch Nikolaus, der gerade aus Amerika zurückgekehrt ist, ist noch ein Suchender. Der Zug rattert über Warschau zur Grenzstation Alexandrowo und schließlich durch die endlosen Weiten eines fremden Landes. Barlach schläft nur wenig während der tagelangen Reise. Er beobachtet das Treiben auf den Stationen. Fremd sind ihm die Gesichter der Menschen, ihre Bewegungen, Gesten, fremd ist die Kleidung, fremd das ganze Land. Die Eindrücke, die Russland in Ernst Barlach hinterlässt, notiert er in einem eigens für die Reise eingerichteten Tagebuch. In Skizzen und Zeichnungen hält er fest, was er sieht. Darstellungen von Kleinbürgern, Bettlern und Bauern füllen die Blätter. Sie werden ein Schatz, aus dem er in Zukunft künstlerisch schöpft. Nirgendwo empfand er derart intensiv, was er sah. Ihm erwächst daraus eine innere Einstellung, ein tiefer Humanismus, eine Akzeptanz des Lebens, wie es ist. Wenige Wochen verbringt Barlach in Russland, die intensivsten seines Lebens. Ende September 1906 kehrt er zurück nach Berlin.

Und noch ein Ereignis fällt in das Jahr 1906. Barlach wird Vater. Zu einer bürgerlichen Ehe mit der Kindsmutter mag er sich nicht entscheiden. Aber um Sohn Klaus wird er in einem zwei Jahre dauernden Gerichtsprozess kämpfen. Schließlich erhält er das Sorgerecht, gibt den Sohn aber in die Obhut der Großmutter in Güstrow, wo auch Bruder Nikolaus lebt. Ernst hingegen nimmt ein Stipendium der Villa Romana in Florenz an.

Inzwischen hat er auch ein Medium für seinen künstlerischen Ausdruck gefunden: Holz. Aus Teak, Linde, Eiche schöpft er Figuren, die er zuvor aus den zahlreichen Skizzen gewählt und als Gipsmodelle entworfen hat. Der Aufenthalt in Florenz ist fruchtbar. Die Sterndeuter, der Zecher und der Geldzähler entstehen dort. Außerdem lernt Barlach den Dichter und Philosophen Theodor Däubler kennen, mit dem er die Kunstsammlungen und die toskanische Landschaft erkundet. Bleiben will er aber nicht im „Land, wo die Zitronen blühn“. Als das Stipendium endet, ist Barlach längst bereit, sich wieder nach Norden zu wenden.

Auf dem Marktplatz steht, mit schlankem Turm, dessen Spitze in Zwiebelform ausgebildet ist, die Pfarrkirche. Sie beherbergt den spätgotischen Flügelaltar des Brüsseler Holzschnitzers Bormann und eine Kreuzgruppe, Meisterwerk einheimischer Holzschneidekunst. Fünfhundert Meter weiter hockt wie eine Glucke inmitten der rot gedeckten Fachwerkhäuser der Dom. In ihm der aus Eiche geschnitzte Levitenstuhl von 1420 und eine Gruppe von zwölf Aposteln des Lübecker Holzschneiders Claus Berg. So beschreibt der Barlachbiograf Tom Crepon das kleine Güstrow, das 1910 etwas mehr als 15 000 Einwohner zählt, ein Landstädtchen. Ernst Barlach will hier eigentlich nicht alt werden. Zahlreiche Äußerungen gibt es, wo er davon spricht, aus Güstrow fortzugehen. Aber er bleibt, auch wenn er mit den Güstrowern nicht warm wird, dort auch wenig Anerkennung als Künstler findet. Inzwischen hat Barlach einen Exklusivvertrag mit dem Kunsthändler Paul Cassirer geschlossen. Der nimmt alle Figuren ab, die Barlach Tag für Tag in einem früheren Pferdestall, der ihm als Atelier dient, dem Holz abringt. Mit Großmutter Louise und dem Sohn teilt er sich eine Wohnung und führt ein Familienleben, das die Ehefrau ausspart. Sie würde, so fürchtet der Künstler, das Schaffen behindern.

Den Ersten Weltkrieg begrüßt Barlach wie viele seiner Zeitgenossen in Künstler- und Intellektuellenkreisen. Obwohl er mit der Skulptur „Hunger“ den Steckrübenwinter 1917/18 vorwegnimmt, ist der Krieg ein Ereignis, das Barlachs ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Die künstlerische Arbeit bleibt liegen. Statt dessen liest er Kriegsnachrichten, schreibt Kriegstagebuch, treibt sich als Zuschauer auf Truppenübungsplätzen herum und fühlt sich nutzlos, weil er nichts für die Nation beitragen kann. Er ist Reservist im Landsturm II und damit zum Warten verurteilt. Ausgerechnet als er sich wieder dem Atelier und einer Auftragsarbeit zuwendet, kommt die Einberufung. Mitte Dezember 1915 wird der Landstürmer Ernst Barlach nach Rostock beordert. Von dort geht es zum Kriegseinsatz in Sonderburg an der dänischen Grenze. Eine Freistellung vom Kriegsdienst, die Freunde aus Künstlerkreisen bewirken wollen, lehnt Barlach ab. Er ist kein „Drückeberger“. Nur wenige Wochen im Einsatz meldet sich des Künstlers Gesundheit: das Herzleiden, ein Rheuma und sein Magen, den Barlach selbstironisch „einen Antimilitaristen von reinstem Wasser“ nennt (zitiert nach Tom Crepon, S. 140). Nun stimmt er einem Gesuch auf Freistellung zu. August Gaul stellt es für ihn und unterschrieben ist es u. a. von Liebermann und Slevogt.

Zurück im Atelier gibt Barlach sich ganz der Arbeit hin. Außer Skulpturen entstehen Lithografien und Holzschnitte. Allen gemeinsam und auch dem späteren Werk ist ein  klares Bekenntnis gegen jeden Krieg. Und: er arbeitet literarisch. In den Jahren zwischen 1918 und 1926 entstehen sechs Dramen, die alle veröffentlicht und aufgeführt werden. So "Der Blaue Boll" in der Besetzung der Titelrolle mit Heinrich George inszeniert von Jürgen Fehling.

Inzwischen schwebt dem Bildhauer Barlach die Gestaltung von Figurengruppen vor. Er wechselt das Atelier. In einer acht mal zehn Meter großen Autowerkstatt mit Ober- und Seitenlicht und einem mechanischen Aufzug entstehen zentnerschwere Figuren: „der Schwebende“, Mahnmal für den Güstrower Dom, „der Schwertkämpfer“ für die Kieler Universitätskirche und das Mahnmal für den Magdeburger Dom. Für den Künstler erfüllt sich ein Traum, der Traum, seine Figuren in einem ihnen angemessenen öffentlichen Raum aufzustellen. Wären da nicht... Barlachs Kunst hat viele Verehrer, aber noch mehr Gegner.

Jahre der Verfolgung wird Ernst Barlach bis an sein Lebensende erdulden. Sie beginnen in Weimar, wo Bilder und Skulpturen von Dix, Kandinsky, Klee, Kokoschka, Nolde und von Ernst Barlach aus dem Weimarer Schloss entfernt werden. Am Haustor findet der Künstler Zettel, deren Verfasser ihn Juden und Vaterlandsverräter beschimpfen. Das Gerücht, Barlach sei Jude hält sich besonders standhaft. Nachts treiben sich Verfolger feige in Barlachs Garten herum und werfen Steine in die Fenster. Schmähartikel über ihn erscheinen in der Presse. Mutig ergreift er im Radio das Wort. In der Rundfunkreihe "Künstler zur Zeit" auf der Deutschen Welle hält er einen Beitrag, in dem er offen den nationalsozialistischen Terror kritisiert. Von der Akademie der Künste erhält er den Orden Pour le Merite. Doch dann beginnen dort die erzwungenen Austritte Käthe Kollwitz, Heinrich Manns und Max Liebermanns. Die Reichskulturkammer wird eröffnet. Barlach muss Anträge für zwei Kammern stellen, den für Schrifttum und den für bildende Kunst. Für die Mitgliedschaft muss ein Ariernachweis erbracht werden. Barlach darf in den Kammern bleiben, erhält vorerst kein Berufsverbot. Aber Aufträge oder Ausstellungen hat er nicht mehr zu erwarten. Und die Firma Cassirer verlegt ihren Sitz in die Schweiz. Barlach gelingt es, Figuren aus deren Besitz zu retten.

Schließlich gibt er auf und schließt mit den Mächtigen eine Art Burgfrieden. Nützen wird er ihm wenig. Er unterzeichnet den Aufruf der Kulturschaffenden, in dem es um das Einverständnis einer Zusammenlegung der Ämter Reichskanzler und Reichspräsident und um eine Vertrauenserklärung für Adolf Hitler geht. Aus Briefen und anderen Dokumenten geht Barlachs naiver Glauben hervor, man könne den Nationalsozialismus von Innen aushöhlen, und er werde sich, weil eine junge Bewegung, von selbst totlaufen. Der Lohn für Barlachs Verhalten: er darf, befürwortet vom Auswärtigen Amt, mit Arbeiten an der Weltausstellung in Chicago teilnehmen.

Aber schon bald wechselt das Wetter wieder. Barlach wird aus der Liste der Reichsschriftenkammer gestrichen. 1937 nennt er selbst das "schlimme Jahr". Im April  dieses Unglücksjahres wird der Geistkämpfer abgenommen. Eine Barlach-Ausstellung in Berlin wird im Juni geschlossen. Die Exponate werden beschlagnahmt und ein vorläufiges Ausstellungsverbot verhängt. Nun droht auch Barlach Berufsverbot. Er wird gezwungen, aus der Akademie der Künste auszutreten – nach 20 Jahren Mitgliedschaft. Schließlich kommen auch Arbeiten von ihm in die Ausstellung "Entartete Kunst" in der Münchener Hofgarten-Akademie. Sie soll die Bevölkerung lehren, welche Art Kunst nicht nach dem Geschmack der Nazis ist. Bekannt ist, dass von Barlach ein Band Zeichnungen und die Plastik "Das Wiedersehen" gezeigt wurde. Aber das für Barlach schlimmste Ereignis kommt im August: "Der Schwebende" im Güstrower Dom wird abgehängt, eingelagert, gestohlen und schließlich von den Nazis eingeschmolzen, um der Herstellung von Waffen zu dienen. Im September trifft noch "Die Heiligen" der Lübecker Katharinenkirche die Hatz.

Barlach hat 1938 all seine Kräfte eingebüßt. Er entschließt sich zu einer Erholungsreise in den Harz, kehrt aber nur wenig erfrischt nach Güstrow zurück. Für bildhauerische Arbeit fehlt ihm die Kraft. Im September 1938 wird er in eine Rostocker Privatklinik eingewiesen. Er stirbt am 24.10.1938 im Alter von 69 Jahren an Herzversagen begleitet von einer Lungenentzündung. Barlach verlässt Güstrow im Sarg. Wie oft wollte er das Städtchen verlassen, in dem er wenig Achtung fand. Er liegt in Ratzeburg begraben.

Nach dem Krieg werden Barlachs Kriegsmahnmale neu errichtet, auch die Hamburger Stehle. Aber diese Bemühungen um eine Rehabilitation des Künstlers verlaufen nicht ohne Schmähungen, die deutlich machen, dass der Nationalsozialismus sich im Geiste der Bevölkerung Deutschlands noch lange erhalten hat.

Einige Überlegungen zum Glauben Barlachs

Nun, wie dachte Ernst Barlach über Religion? War er Christ? War er gar Mystiker? Mit solchen Fragen beschäftigen sich Wissenschaftler in ihren Vorträgen und Texten. Und: Warum ist er bei uns in der Gemeinde Eimsbüttel Apostel und hat einen Platz im Kirchenfenster?

Jüdischen Glaubens war Barlach nicht, wie wir gehört haben, auch wenn sich dieses Gerücht hartnäckig hielt, vermutlich weil er oft in einem Zug mit jüdischen Künstlern genannt wurde, so in einer Literaturgeschichte aus den 20er Jahren. Übrigens: Barlach war weder Semit noch Antisemit. Er schreibt:

"Kränken kann mich dergleichen Nachrede ja nicht, ..." (zitiert nach Thomas Creton, S. 240).

Barlach war kein Christ, wenn sich solches am sonntäglichen Kirchgang misst. Aber die Eltern erzogen ihn im christlichen Glauben. Barlachs Großvater väterlicherseits war Pastor in Bargteheide und Mutter Louise lernte den zukünftigen Ehemann, Dr. Georg Gottlieb Barlach, im Haus von Pfarrer Müller in Satrup kennen, wo sie Wirtschaftslehre und Haushaltsführung lernte.

Woran misst sich eigentlich christlicher Glaube? An Lippenbekenntnissen? Ist nicht viel mehr der Christ, der nach den Geboten und im Sinne einer christlichen Ethik handelt? Dass Barlach sich intensiv mit christlichen Fragen beschäftigte, geht aus zahlreichen Quellen wie Notizbüchern, Tagebüchern, Briefen hervor, besonders aber aus seiner Kunst. Die Themen der Barlachschen Werke, und zwar sowohl der bildnerischen als auch der literarischen entstammen dem Alten und Neuen Testament ebenso wie der Tradition und Geschichte des Christentums. Daran knüpft er als Künstler an.

Ganz unmissverständlich ist Barlach Christ. Er glaubt an den Gott der Christen, aber er begegnet ihm vielleicht anders, als in der seiner Zeit üblichen kirchlichen Praxis. Dies geht aus einem Brief an Johannes Schwartzkopff hervor, ein mit Barlach befreundeter Pfarrer, der sich später der Bekennenden Kirche anschloss. Darin heißt es:

"Glaube, welcher Art er auch sei, ist Wohltat, Glück und Gnade, kann aber niemals das Ergebnis eines Willenakts, eines Zuspruchs oder von Ermahnungen sein. Ein Bekenntnis zu miteinander verbundenen, ein Ganzes ausmachenden, ein System begründenen Glaubensartikeln kann von mir nicht erbracht werden." (Brief von Ernst Barlach an Johannes Schwartzkopff vom 3.12.1932, zitiert nach Wolfgang Tarnowski S. 27).

In demselben Brief weist Barlach auch darauf hin, in christlichem Glauben erzogen worden zu sein, und er ist sich durchaus bewusst, dass er die dadurch verinnerlichten Inhalte und Werte und den Glauben an sie nicht einfach ablegen kann wie einen abgetragenen Mantel. Ebenso empfand er Zeit und Kultur, in die er hineingeboren war. Er war sich bewusst, in der christlichen Tradition zu leben und zu arbeiten, weshalb er das, was er schuf, auch nur in christlichen Formen ausdrücken konnte. Etwas anderes hatte er nicht.

So entstanden Skulpturen wie beispielsweise "Das Wiedersehen". Thomas kann nicht glauben, dass Jesus den Jüngern erschienen ist, nachdem er am Kreuz starb. Die beiden Figuren halten einander in den Armen, wobei Thomas, leicht gebeugt und zu dem Totgeglaubten aufschauend, sich auf Jesus stützt. Der steht aufrecht. Er hält den Jünger. Das Wunderbare, das Thomas zweifeln lässt, drückt sich aus in Jesus Blick in die Ferne, den Barlach ihm gibt. Jesus ist nicht mehr allein von dieser Welt, sondern gehört in dem Moment der Begegnung auch schon in die des Vaters. Das sagt uns der in die Ferne schweifende Blick.

Barlach ist ein zutiefst religiöser Mensch. Er glaubt, der Mensch sei so etwas wie ein entfernter Verwandter Gottes, ein "armer Vetter", wie auch der Titel eines seiner Dramen sagt. Es liegt darin ein aus der Mystik kommender Gedanke, der auch als "der göttliche Funke in der menschlichen Seele" umschrieben wird.

Aber für den Menschen erkennbar durch Verstand oder Sprache ist Gott nicht. Aus Kants Philosophie kennen wir die Aussage, dass die letzten Fragen unserer Existenz nicht erkennbar sind. Barlach schreibt 1924 in einem Brief an seinen Vetter Karl:

"Gott, der Schöpfer alles Seins, der Inbegriff, das Absolute ist menschlich unfaßbar [...]. Er steht [...] überm Vermögen der menschlichen Erkenntnis [...]". (Ernst Barlach, Briefe I, Nr. 589, S. 730-731).

Barlach wird häufig der Mystik zugerechnet. Das wird mit seinen Aussagen über die Nichterkennbarkeit Gottes begründet. Auch wissen wir, dass Barlach in Schriften der Mystiker wie beispielsweise Meister Eckehart las. Mit dem teilt er auch eben diese Auffassung, dass der göttliche Seinsgrund und die menschliche Seele unausdrücklich von gleicher Wesensart sind. So findet sich in einem Taschenbuch Barlachs der von seiner Hand notierte Satz:

"Ehrn wir das Unerforschliche, das unser Fleisch zur Wohnung gewählt hat." (Ernst Barlach in einem Taschenbuch, notiert 1925/26, S. 58)

Die Abkunft des Menschen von Gott macht sich besonders im künstlerischen Schaffen dahingehend bemerkbar, dass sie sich zwingend im Schaffensprozess artikuliert, und zwar bewusst oder auch unbewusst. Barlachs Arbeiten sind die eines zutiefst Gläubigen, der sein künstlerisches Schaffen als motiviert von einem nicht erkennbaren höheren Wesen ansah, als dessen Medium er sich betrachtete. Damit ist Barlachs Kunst eine religiöse Kunst, von der er sich nichts so sehr ersehnte, als sie in einem sakralen Raum ausgestellt zu sehen. Wir können Barlach also als einen Vermittler Gottes verstehen, der mit seinen Kunstwerken Botschaften Gottes zu den Menschen bringt, sie, die Botschaften, dem Betrachter der Kunstwerke vermittelt. In diesem Sinne ist Barlach Apostel und deshalb hat er einen Platz in unserem Kirchenfenster.

Marlies Matthies, Januar 2015

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Florence Nightingale

Apostelandacht zu Florence Nightingale, gehalten am 16. November 2014

Es gehört zu den Grundlagen unseres christlichen Glaubens, dass Krankheit und Leiden nicht abgeschoben und ausgegrenzt werden, dass der Schmerz keine Privatangelegenheit der Betroffenen bleibt, sondern, so wie es im 1. Kor. Vers 12 steht: „wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit"

Sich vom Schmerz der Kranken berühren lassen und helfen und lindern, wie Jesus es getan hat - das gilt bis heute weit über die christlichen Kirchen hinaus.

Krankenpflege gehört daher von Anbeginn zur christlichen Gemeinde dazu. Solidarisches Mitleiden ist ein Kennzeichen des christlichen Glaubens.

Florence Nightingale hat aus ihrem Glauben heraus gehandelt: sie hat die Organisation von Verwaltung und Pflege in den Krankenhäusern und die öffentliche Anerkennung von Ausbildung, Tätigkeit und Besoldung der Krankenschwester auf den Weg gebracht.

Dass es heute gemeindenahe und ambulante Krankenversorgung durch Diakonie- und Sozialstationen gibt, dass in Krankenhäusern Pflege, heilendes Handeln und Seelsorge zum Standard gehören, dass die Pflegeberufe trotz schwieriger Arbeitsbedingungen ein sehr hohes Ansehen haben - das geht auf Persönlichkeiten wie Florence Nightingale zurück, The Lady with the lamp.

Biographisches

Das muss man sich einmal vorstellen, da sitzt im Jahre 1845 eine junge 25 jährige  Frau am Tisch und diskutierte mit ihrer Familie über ihre Pläne, in der Krankenpflege aktiv zu werden. Florence Nightingale war Monate zuvor Zeugin geworden, wie eine Kranke infolge der Unfähigkeit ihrer Pflegerin starb, und sie war zu der Ansicht gelangt, dass sie zunächst einer Grundausbildung in der Krankenpflege bedürfe. Sie wollte deswegen zunächst im Krankenhaus von Salisbury ein dreimonatiges Praktikum absolvieren und dann ein kleines Haus erwerben, in dem sie gemeinsam in einer Art protestantischer Schwesternschaft mit Frauen ähnlicher Herkunft und Ausbildung leben und Kranke pflegen würde. Der Vorschlag traf in ihrer Familie auf strikte Ablehnung.

Die strikte Ablehnung der Familie beruhte neben Nightingales anfälliger Gesundheit auf dem schlechten Ansehen des Krankenpflege- Berufs. Bei den Pflegekräften, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in britischen Krankenhäusern arbeiteten, handelte es sich in der Regel um ehemalige Dienstboten oder um Witwen, die keine anderweitige Anstellung fanden und daher gezwungen waren, sich ihr Brot durch diese Arbeit zu verdienen. Nicht besser war das Ansehen der Krankenpflegerinnen, die Kranke in deren Heim pflegten

Was war passiert, dass Florence Nightingale zu diesem Wunsch kam?

Im Sommer 1844 wurde sich Nightingale zunehmend sicherer, dass sie ihr Leben der Krankenpflege widmen wollte. Ausschlaggebend für ihre Entscheidung war die Begegnung mit dem US-amerikanischen Arzt Samuel Gridley Howe und seiner Frau, die während ihrer Hochzeitsreise zu Gast im Haus ihrer Eltern waren. Howe hatte in den USA die erste Blindenschule errichtet; an ihn richtete Nightingale die Frage, ob er es für unpassend halte, wenn eine junge Frau wie sie sich in ähnlicher Form der Krankenpflege widme, wie dies katholische Nonnen der Pflegeorden tun. Howe antwortete ihr:

„Meine liebe Miss Florence, es wäre ungewöhnlich, und in England neigt alles was ungewöhnlich ist dazu als unpassend zu gelten. Aber ich sage Ihnen, gehen Sie diesen Weg, wenn Sie für diese Art zu leben eine Berufung fühlen. Handeln Sie entsprechend Ihrer Eingebung und Sie werden herausfinden, dass nichts Unpassendes oder Undamenhaftes daran sein wird, wenn Sie Ihre Pflicht zum Nutzen anderer tun.“

Nightingale sammelte ihre ersten Erfahrungen in der Krankenpflege zwar durch die Pflege kranker Familienmitglieder, begleitete aber bereits in sehr jungem Alter ihre Mutter und ihre Gouvernante bei Krankenbesuchen in den umliegenden Dörfern. Tagebucheinträge der erst zehnjährigen Nightingale über den Selbstmord einer jungen Mutter weisen darauf hin, dass sie dadurch sehr früh einen Eindruck der Lebensbedingungen der Armen erhielt.

Im Januar 1837 suchte eine Grippe-Epidemie den Süden Englands heim. Nightingale war eine der wenigen, die gesund blieben, und widmete sich vier Wochen lang intensiv der Versorgung Erkrankter. In diese Zeit fällt ein religiöses Erweckungserlebnis, das für sie so prägend war, dass die Jahrestage für sie zeitlebens ein besonderes Ereignis blieben.

Nightingale schrieb in ihr Tagebuch: „Gott sprach zu mir und rief mich in seinen Dienst.“ Welcher Art dieser Dienst sei, sagte die Stimme nicht. Sie gibt in ihrem Tagebuch auch keinen Hinweis darauf, in welcher Weise sich dieser Ruf äußerte. In ihren Notizen und Tagebüchern gibt es jedoch Hinweise, dass sie (auch) in späteren Lebensphasen den Ruf Gottes vernahm

Aus welchen Verhältnissen kam nun diese, man kann wirklich sagen, aufmüpfige Frau?

Nightingales Mutter Fanny entstammte einer politisch liberalen Familie. Der Großvater mütterlicherseits, der Kaufmann und Politiker William Smith, setzte sich im britischen Unterhaus für die Rechte der unteren Schichten, die weltweite Ächtung der Sklaverei und für Religionsfreiheit ein

Fanny und William Nightingale waren Anhänger des Unitarismus, einer liberalen und dogmenfreien christlichen Glaubensrichtung, die unter anderem die Lehre der Dreifaltigkeit Gottes ablehnte. Einzelne Elemente des unitaristischen Ethos waren für Florence prägend: der Glaube an sozialen Fortschritt und an eine moralische Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft sowie die große Bedeutung, die dem Dienst an der Gemeinschaft beigemessen wurde.

Wie verlief das Leben zu der Zeit, in einer Familie aus diesen Kreisen?

Es wurde gereist, anderthalb Jahre war Florence in Frankreich und Italien mit ihrer Familie unterwegs. Danach lebten sie  abwechselnd auf ihren verschiedenen Anwesen, unterbrochen von längeren Besuchen bei Verwandten oder Aufenthalten in London während der Ballsaison.

Bei den Nightingales verkehrten angesehene britische Politiker und Leute aus der gehobenen Gesellschaft. Lang anhaltenden Einfluss auf Nightingale hatte die Bekanntschaft mit dem preußischen Botschafter Christian von Bunsen, der sowohl in Rom als auch in London die Gründung von Krankenhäusern angeregt hatte. Bunsen selbst hatte vergleichende religionswissenschaftliche Studien betrieben, und seine Gedankenansätze prägten auch Nightingales deutlich später erschienene Schrift „Suggestions for Thought“.

 

Aber beleuchten wir einmal die Situation der Kranken in dieser Zeit:

Wer in Großbritannien in der Mitte des 19. Jahrhunderts erkrankte, wurde in der Regel zu Hause gepflegt. Britische Krankenhäuser waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch Wohlfahrtseinrichtungen, in denen Bedürftige kostenlos gepflegt wurden, wenn sie einen Empfehlungsbrief von einem der Unterstützer der Einrichtung vorweisen konnten. Tuberkulose-, Pocken- oder Krebskranke fanden keine Aufnahme, und ebenso wenig wurde Gebärenden Hilfe geleistet. Erst im Zuge der Industrialisierung und der damit einhergehenden Verstädterung der Bevölkerung gewannen Krankenhäuser in Großbritannien an Bedeutung für die allgemeine Gesundheitsfürsorge. Krankenhäuser im modernen Sinne entwickelten sich erst nach 1846, als die zunehmende Verbreitung der modernen Anästhesie andere Formen von Eingriffen ermöglichte, aber auch eine organisierte und sorgfältige ganztägige Betreuung der behandelten Patienten verlangte.

Zwei Jahre nach ihrem ersten Ersuchen unternahm Nightingale einen erneuten Versuch, die Erlaubnis ihrer Eltern zu erhalten, sich in der Krankenpflege fortzubilden. Diesmal schrieb sie an ihren Vater, weil sie sich nicht mehr in der Lage fühlte, dieses Thema ohne Emotionen direkt bei ihren Eltern anzusprechen. Auch diesmal traf sie auf Ablehnung.

Die Eltern schickten Florence mit Freunden der Familie erneut auf Reisen durch Europa und nach Ägypten; sie hofften, sie werde den Berufswunsch vergessen. Doch überall besichtigte Nightingale, neben den obligatorischen Ruinen, Krankenhäuser. Nightingale führte zwei Tagebücher während dieser Reise: eines, das offensichtlich dafür bestimmt war, auch von ihren Familienmitgliedern gelesen zu werden, und ein zweites, in dem sie ihre wachsende Verzweiflung über ihr sinnentleertes Leben niederschrieb. Endlich hatten die Eltern ein Einsehen und erlaubten ihr einen Besuch im Hospital von Pastor Theodor Fliedner und seiner Frau in Kaiserswerth am Rhein, heute ein Stadtteil Düsseldorfs.

In einem Brief an ihren Vater beschrieb Nightingale die Kaiserswerther Diakonie als „ärmlich und hässlich“ und merkte auch an, dass die Sauberkeit teilweise zu wünschen übrig lasse. Sie hielt aber auch fest, dass die Diakonie in allen wesentlichen Punkten ein Modell für Großbritannien sei. Beeindruckt war sie von der wöchentlichen Vorlesung, die Fliedner für die Schwestern abhielt, und von den strikten Regeln, die ein schickliches Betragen der Schwestern sicherstellen sollten. Auf den Stationen für Männer versorgten männliche Pfleger unter Leitung einer der Diakonissen die Patienten, und den Schwestern war es streng untersagt, nach 20 Uhr die Stationen für Männer zu betreten.

Nun endlich lernte sie Medikamentenkunde und Wundpflege, sieht Amputationen zu, kümmerte sich um Sterbende. Sie war glücklich: "Jetzt weiß ich, was es heißt, das Leben zu lieben", schrieb sie. In London verschaffte Florences Mutter ihr eine gehobene Stelle in einem privaten Pflegeheim für vornehme Frauen.

Das Pflegeheim mit seinen 27 Betten, erlaubte ihr, einige der Praktiken aus den von ihr besuchten europäischen Krankenhäusern umzusetzen. Der Ruf, den sich das Pflegeheim unter ihrer Leitung erwarb, führte dazu, dass sie bereits 1854 als Leiterin der Krankenpflegerinnen im King’s College Hospital im Gespräch war. Dieses Ausbildungskrankenhaus lag in einem der dicht besiedelten Elendsviertel Londons, und die Vorstellung, dass sie in diesem Krankenhaus und mit den dortigen Pflegerinnen arbeiten würde, löste die bekannten Vorbehalte ihrer Familie aus.

Aus diesen gesicherten Verhältnissen heraus ließ sie sich beurlauben um während der schweren Cholera-Epidemie Ende August 1854 im Middlesex Hospital Cholerakranke zu betreuen.

Acht Jahre Kampf, von dem sie oft gemeint hatte, er werde sie vernichten, hatten sie langsam aber stetig zu einem Charakter gehämmert, der ein Höchstmaß an Sanftmut mit einem stählernen Willen verband.

Dem nächsten Abschnitt ihres Lebens, der die Hölle des Krimkrieges beschreibt, stelle ich eine These von Florence vorweg:

„Es hat keinen Zweck, um Verschonung vor Seuche und Pest zu beten, solange man die Kloaken in die Themse laufen lässt. Gottes Wille soll geschehen, aber er geschieht nicht ohne die Arbeit des Menschen.“

Der Krimkrieg bringt die Wende in das Leben von Florence:

1854 brach der Krimkrieg aus, in dem England und Frankreich Russlands Griff nach Konstantinopel abwehrten. Mit Empörung lasen die Engländer in The Times mehrere Berichte vom Kriegsschauplatz, in denen auf die Leiden der kranken und verwundeten Soldaten aufmerksam gemacht und festgestellt wurde, dass für die Behandlung der Verwundeten nicht die nötige Vorsorge getroffen worden sei. Es fehle in den britischen Lazaretten an ausgebildetem Personal. Die Franzosen seien mit ihren Feldlazaretten den Engländern weit überlegen. „Ihre medizinischen Einrichtungen sind äußerst gut, ihre Ärzte sind zahlreicher, und außerdem haben sie die Hilfe der Barmherzigen Schwestern... Diese frommen Frauen sind ausgezeichnete Krankenpflegerinnen.“ Der englische Nationalstolz bäumte sich wütend auf. Die Times eröffnete eine Spendenaktion für die Verwundeten und Kranken an der Front. Ein Leserbrief in The Times fragte zornig: „Warum haben wir keine Barmherzigen Schwestern?“

Diesen Leserbrief las Sidney Herbert, der Kriegsminister. Sein Name wird uns in dieser Geschichte noch begleiten.

Nun, Sidney Herbert wurmte es, dass Privatleute für die Betreuung jener zahlten, die ihr Blut für das Land vergossen hatten. Er schrieb seiner alten Freundin Florence Nightingale einen langen Brief, in dem er sie bat, die Leitung einer Schwesternschar zu übernehmen und mit ihnen die Lazarette in der Türkei zu betreuen. „Sie würden natürlich volle Befehlsgewalt über alle Schwestern haben, und ich denke, ich könnte Sie der vollen Unterstützung und Mitarbeit von Seiten der Ärzte versichern, und Sie hätten auch unbeschränkte Vollmacht, die Regierung um alles anzugehen, was Sie für den Erfolg Ihrer Sendung für nötig erachteten.“ Der Brief kreuzte sich mit einem Schreiben Florenz  an Sidney Herbert, in dem sie sich anbot, mit Krankenschwestern auf den Kriegsschauplatz zu gehen.

Innerhalb von vier Tagen stellte Florenz  die Expedition zusammen, mit  insgesamt 38 Frauen. Sie landeten nach einer strapaziösen Reise in Skutari, einer Vorstadt von Konstantinopel auf der asiatischen Seite des Bosporus.

Was Florence jetzt zu sehen bekam, war die Hölle. Eine riesige baufällige Kaserne, eilig in ein Lazarett verwandelt, empfing sie mit unbeschreiblichem Schmutz. Die Fußböden waren so verfault, dass sie nicht geschrubbt werden konnten; an den Wänden wimmelte Ungeziefer. Im Binnenhof stand ein See mit Schlamm voller Abfälle, Müll und Kadaver. Aus Kloaken stiegen Giftschwaden hoch, Ventilation gab es nicht. Miss Nightingale hatte in vielen Großstädten Europas die übelsten Slumwohnungen gesehen, aber in einer solchen Luft wie hier war sie nie gewesen. Hier wurden die Verwundeten von den Schlachtfeldern der Krim auf den Fußboden niedergelegt, in ihren zerfetzten, verschmutzten und blutgetränkten Uniformen. In dichten Reihen lagen sie in den Korridoren. Ratten flitzten umher und machten sich an den Bewegungsunfähigen zu schaffen. Es fehlte an allem. Es gab keine Betten, Laken und Hemden, keine Waschbecken, Handtücher und Seife, keine Tabletts, Teller und Bestecke, keine Tragbahren und Schienen, kein Verbandszeug, keine Medikamente. Küche und Wäscherei waren, gelinde gesprochen, unzulänglich.

In diesem Kasernen-Lazarett wurden Miss Nightingale und ihren entsetzten Schwestern Räume zugewiesen, die man in England nicht einmal den anspruchslosen irischen Landarbeitern als Unterkunft anzubieten gewagt hätte. Die Ärzte wollten die Frauen überhaupt nicht an die Kranken und Verwundeten heranlassen, weil es so etwas in der britischen Armee noch nie gegeben hatte: dass Frauen in einem Kriegslazarett Soldaten pflegten. Wochenlang mussten Florence und ihre Schar untätig bleiben, während Hunderte starben, die mit ihrer Hilfe vielleicht hätten gerettet werden können. Trotzdem hatte Florence den strikten Befehl gegeben, keine Schwester dürfe einem Kranken etwas reichen ohne ärztliche Verordnung. Nur so konnte sie das Vertrauen der Ärzte gewinnen, von deren Mitarbeit der Erfolg des Unternehmens abhing. Allmählich sahen die Ärzte ein, dass Miss Nightingale nicht vorhatte, sich in ihren Zuständigkeitsbereich einzumischen. Sie durfte zunächst die Küche reorganisieren, wo es ihr bald gelang, mehr Abwechslung in die Verpflegung zu bringen und zusätzlich stärkende Rationen zu beschaffen.. Sodann richtete Florence eine Wäscherei ein, damit die Bettwäsche und die Hemden endlich in heißem Wasser gewaschen werden konnten. Es gelang ihr nach einigen Wochen, einige Sauberkeit im Kasernen-Lazarett herzustellen. An dem erschreckenden Zustand der Abortanlagen, der Wasserversorgung und der Abwässer vermochte sie zunächst nichts zu ändern.

Bald konnten die Ärzte nicht umhin, sich der Schwestern als Helferinnen in der Krankenpflege zu bedienen; denn die Lage wurde katastrophal. Massen von Verwundeten wurden aus den Schlachten von Balaklawa und Inkerman eingeliefert. Das Riesengebäude war schon überfüllt. Auf eigene Kosten ließ Florence einen baufälligen Flügel durch 200 Arbeiter instand setzen und reinigen, so dass für 800 weitere Betten Platz geschaffen war. Die sich durch den ganzen Winter hinziehende Belagerung von Sewastopol brachte Ströme von Soldaten mit Erfrierungen, Cholera und Ruhr. Weihnachten 1854 lagen allein im Kasernen-Lazarett zweieinhalbtausend Mann. Auch die anderen Lazarette in Skutari, um die Florence sich zu kümmern hatte, waren überfüllt. Die Sterblichkeitsziffer war erschreckend hoch: 42%. Im Januar und Februar 1855 starben im Kasernen-Lazarett 2315 Mann. Die meisten erlagen nicht den Wunden oder Krankheiten, mit denen sie eingeliefert worden waren, sondern den Seuchen, die sie sich in diesem furchtbaren Lazarett zugezogen hatten. Bis Anfang 1855 waren auch sieben Ärzte und drei Schwestern gestorben.

Die Lady Superintendent — so lautete Florences Titel — war oft zwanzig Stunden an einem Stück auf den Beinen. Die Soldaten verehrten sie wie eine Heilige. Wenn sie einen Krankensaal betrat, verstummten die Flüche, und es wurde still wie in einer Kirche. Jeden, der niedergedrückt war, heiterte sie durch ihr freundliches Wesen auf. Die schwersten Fälle pflegte sie selbst. Sie blieb bei denen, die im Sterben lagen, denn sie wollte keinen allein lassen.

Mehreren Tausend Männern hat sie persönlich das Sterben erleichtert. Nachdem sie nach Anbruch der Dunkelheit mit einer Lampe die sechs Kilometer langen Reihen der Liegenden entlang gegangen war und überall nach dem Rechten gesehen hatte, begann ihre Schreibarbeit: Briefe an Hinterbliebene, Listen, Formulare, Materialanforderungen, offizielle Berichte, außerdem, auf Bitten Sidney Herberts, mehr als dreißig lange Briefe mit einer Fülle detaillierter und sorgfältig ausgedachter Reformvorschläge, manche vom Umfang einer Broschüre — das alles mit eigener Hand bei schlechtem Licht in ihrem ungeheizten Verschlag geschrieben.

Den anfänglichen Widerstand der Ärzte hatte Florence bald durch ihr diplomatisches Geschick und ihren Charme überwunden, und es entwickelte sich unter diesen härtesten Bedingungen eine kameradschaftliche Zusammenarbeit. Nicht so schnell fertig wurde sie mit dem Widerstand sturer Offiziere und schwerfälliger Heeresbeamten. Unter dem schlecht organisierten System der Kommiss-Bürokratie war die Versorgung der Lazarette in Skutari ebenso wie der Krim-Armee zusammengebrochen. In dem Durcheinander von Stellen und Kompetenzen blühte der Stumpfsinn, und die menschliche Unzulänglichkeit feierte Triumphe. Das hätte sie nicht gedacht, dass sie hier erbittert um Nachtgeschirre und Entlausungsmittel kämpfen musste. Tausend Hemden wurden im Lazarett benötigt, sie waren auch vorhanden, aber niemand wollte sie herausrücken, da keiner seine Zuständigkeit zu überschreiten wagte. Anfang Dezember 1854 kamen 20.000 Pfund Zitronensaft für die Truppen an, aber sie konnten erst im Februar ausgegeben werden. In der gleichen Zeit waren 173.000 Rationen Tee auf Lager, von denen die Soldaten nichts sahen. Warum? Weil es keinen Befehl gab, Zitronensaft und Tee in die Tagesration einzuschließen. Mancher Mangel war durch Dummheit, mancher auch durch Gaunerei verursacht. Ganze Schiffsladungen verschwanden auf rätselhafte Weise. Eine Riesenmenge Stiefel traf ein, von denen kein Paar passte, da sie alle unmöglich kleine Größen hatten. Kriegsgewinnler in der Heimat machten ein Vermögen, indem sie sonst nicht absetzbare Ausschussware an das Heer verkauften.

Kein Wunder, dass es an den notwendigen Dingen fehlte. Wo die Dienststellen versagten, sprang Miss Nightingale ein. Obwohl ihr vor ihrer Abreise vom Kriegsministerium gesagt worden war, an Medikamenten und Verbandstoff sei alles reichlich vorhanden, hatte sie in Marseille einen großen Vorrat eingekauft. Den konnte sie jetzt gut brauchen. Was sonst fehlte, kaufte sie in Konstantinopel ein: Bettpfannen, Schrubber, Essbestecke, Badewannen. Sie hatte reichlich Geld zur Verfügung: den Times-Fond, ihr eigenes Einkommen und sogar Geld von der Regierung. So konnte sie die Lazarette ausstatten und obendrein die unzulänglich gekleidete Armee, die über ein Jahr lang Sewastopol belagerte, mit Mänteln versorgen.

Dabei hatte sie Ungeheures geleistet. Sie hatte in einem halben Jahr erreicht, dass die schlimmsten Missstände in den Lazaretten in Skutari beseitigt wurden und die Sterblichkeitsziffer stark zurückging. Nachdem sie in den Lazaretten der Etappe Ordnung geschaffen hatte, unternahm sie drei Reisen auf die Krim, wo sie Truppenverbandsplätze und Feldlazarette inspizierte. Zu Pferd reiste sie von Lazarett zu Lazarett, bis sie am Krimfieber erkrankte. Doch bald machte sie sich wieder an die Arbeit. Sie sah die Soldaten als arme Opfer an, die sie verteidigen und schützen musste. Deshalb lehrte sie Offiziere und Beamte, die Soldaten nicht mehr wie Vieh, sondern wie Menschen zu behandeln. Sie ließ von England Schreibmaterial, Spiele, Fußbälle und Bücher kommen, richtete Soldatenheime, Lesehallen und Cafés ein und sorgte dafür, dass die Soldaten ihren überschüssigen Wehrsold, statt ihn zu vertrinken, ihren Familien nach Hause schicken konnten.

Das alles hatte Florence Nightingale gegen eine Welt von Widerständen durchgesetzt durch die Gewalt ihrer Sanftmut. Ein Beobachter schrieb von der Krim:

„Miss Nightingale ist eine bezaubernde Person, keiner von uns kann sie genügend bewundern. Eine vollendete Frau, die jeden gewinnt und beherrscht. Der gröbste Beamte wird weich beim Klang ihrer feinen Stimme. Alle gehorchen ihren Befehlen sofort.“ Ein anderer Mitarbeiter schrieb rückblickend: „Sie war immer ruhig und selbstbeherrscht. Sie war in allem eine vollkommene Dame, nie anmaßend. Ich habe sie nie mit veränderter Stimme sprechen hören.“ Eine andere Augenzeugin bestätigt ihre Selbstbeherrschung: „Sie ist so besonders sanft in Stimme, Auftreten und Bewegung, dass man, wenn man in ihrer Nähe ist, die Unbeugsamkeit ihres Charakters nicht spürt.“

Florence Nightingale hat in jener Hölle von Grauen, Schikane und Sturheit nie den Kopf verloren. Krach zu schlagen, hatte sie nicht nötig.

Obwohl sie gedemütigt, schikaniert und verleumdet wurde, zeigte sie keine Empfindlichkeit bei persönlicher Beleidigung und bei Bosheiten.

Nach dem Friedensschluss im März 1856 ging sie nach Balaklawa und blieb dort, bis im Juli die Lazarette aufgelöst wurden. Erst als der letzte Soldat heimgekehrt war, reiste sie nach Hause. Sie war inzwischen eine Nationalheldin geworden. Die genesenen Heimkehrer hatten allenthalben ihren Ruhm verkündet. Fantasiebilder von ihr und pathetische Lebensbeschreibungen wurden in Massen verbreitet, Schiffe und Rennpferde erhielten ihren Namen, Tausende Mädchen wurden auf den bisher nicht üblichen Namen Florence getauft, die Königin zeichnete sie mit einem eigens für sie geschaffenen Orden aus, Dichter schrieben Gedichte auf sie, und zahllose Volkslieder verherrlichten ihre Taten. Die Regierung wollte sie im Triumph auf einem Kriegsschiff heimholen lassen. Regimenter sollten ihr mit klingendem Spiel entgegenmarschieren, Städte wollten ihr Ovationen darbringen. Um all diesen Ehrungen zu entgehen, reiste Florence allein und inkognito nach England

Ein Jahr nach dem Ende des Krimkrieges schrieb Florence:

„Im Krimkrieg sind siebenmal so viel Soldaten an Krankheit gestorben wie an Verletzungen. Durch das unglaublich primitive Gesundheitswesen sind mehr Menschen umgekommen als durch russische Kugeln und Bajonette. Neuntausend meiner Kinder liegen aus Gründen, die man hätte verhindern können, in ihren vergessenen Gräbern. Aber ich kann es nie vergessen.“

Und….

„Für jene, die im Dienste ihres Landes gelitten haben und gestorben sind, können wir nichts mehr tun. Sie brauchen unsere Hilfe nicht mehr. Ihr Geist ist bei Gott, der ihn gab. Uns bleibt nur, dafür zu kämpfen, dass ihre Leiden nicht vergeblich waren — aus der Erfahrung zu lernen, damit solche Leiden in Zukunft durch Vorsorge und gute Einrichtungen verringert werden.“

Obwohl von den ungeheuren Strapazen des Krieges noch geschwächt, machte sich Florence sofort an die Arbeit. Nie trat sie in der Öffentlichkeit auf, nie hielt sie Reden. Einladungen, Empfänge zu ihren Ehren, Interviews lehnte sie ab.

Wahrscheinlich wäre ihr dieser Vortrag hier schon zu viel.

Wir erinnern uns an den Kriegsminister Sidney Herbert, dieser war nun von Lord Panmure abgelöst worden, einem schwerfälligen Mann, der ungern eine Initiative ergriff. Ihn zu bezaubern, war schier unmöglich, doch Florenz gelang auch das. Auf ihr Betreiben beantragte er die Bildung einer Königlichen Kommission, die dann auch zustande kam.  Zum Glück wurde Sidney Herbert  ihr Vorsitzender. Florenz Nightingale durfte als Frau nicht Mitglied einer Royal Commission sein, doch bat der Kriegsminister sie um ein Gutachten für diese Kommission. Auch die Dienstanweisung für die Mitglieder der Kommission stammte aus ihrer Feder, und diese wurde vom Minister ohne Änderung angenommen.

In kürzester Zeit beschaffte und bearbeitete Florence eine Riesenmenge von Berichten, Statistiken und Vergleichsmaterial aus anderen Ländern. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden Ernährung und Unterkunft des Soldaten in Friedenszeiten wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse waren erschütternd. Die Sterblichkeitsziffer unter den jungen Soldaten in den Kasernen war in Friedenszeiten doppelt so hoch wie die in der Zivilbevölkerung; an einigen Orten war sie sogar fünfmal so hoch — obwohl es sich bei den Soldaten um lauter junge, ausgesucht kräftige Männer handelte, die Zivilbevölkerung aber auch Alte, Schwache und Kranke umfasste. Die Jugend holte sich in den Kasernen den Tod. Es war, schrieb Miss Nightingale, als ob man Jahr für Jahr anderthalbtausend der gesundesten jungen Männer erschösse.

Florence verfocht die Ansicht, dass die Erhaltung der Gesundheit durch vorbeugende Maßnahmen ebenso wichtig sei wie die Wiederherstellung der Gesundheit. Es war nicht damit getan, dass die Übelstände erwiesen und die notwendigen Maßnahmen zu ihrer Abhilfe auf dem Papier dargestellt worden waren. Es galt, die Pläne auch in die Tat umzusetzen. Die Notwendigkeit der Reform war unabweisbar. Doch Lord Panmure lehnte es ab, etwas zu tun.

Doch nun brach Florences Gesundheit zusammen. Schon auf der Krim hatte sie Dysenterie, Rheuma, Krimfieber, Ischias, Ohrenleiden, dauernde Erkältungen und Erschöpfungszustände gehabt. Sie war in einem zerrütteten Zustand nach England zurückgekehrt, hatte dann aber trotz Nervenleiden, Herzattacken und Ohnmachtsanfällen geschuftet wie zehn Mann. Sie hatte zahllose Kasernen und Militärhospitäler besichtigt. Sie erholte sich, aber fortan bis an ihr Ende verbrachte sie ihr Leben auf dem Sofa oder im Bett, und kaum einmal verließ sie ihre Wohnung. jahrelang glaubte man, sie werde jeden Augenblick sterben.

Die Ärzte verschrieben ihr absolute Ruhe. Ihre Familie beschwor sie, sich zu schonen. Sie aber wollte nichts von Ruhe wissen. Sie hatte eine Aufgabe, sie musste arbeiten, koste es was es wolle. Konnte sie nicht mehr zu den Mächtigen gehen, nun wohl, dann mussten die Mächtigen zu dem kranken Fräulein Nightingale kommen und sich von ihr sagen lassen, was sie zu tun hätten und was sie verkehrt gemacht hätten. Und so geschah es auch.

Nach vielen Enttäuschungen schöpfte Florence erneut Hoffnung, als 1859 Sidney Herbert wieder Kriegsminister wurde. Er war ihr alter Freund und seit langem ihr überzeugter Mitstreiter für die Reform. Er übte selbstlose Pflichttreue und hatte feste Grundsätze. Dieser erfahrene Staatsmann schrieb: „Täglich bin ich immer mehr davon überzeugt, dass in der Politik, wie in allem, nichts recht sein kann, das nicht in Einklang steht mit dem Geist des Evangeliums.“ Er unterschrieb Verfügungen und Erlasse im Sinne der Gesundheitsreform, doch ihre Ausführung wurde von der sich sträubenden, ständig quertreibenden Ministerialbürokratie vereitelt. Das Dickicht verworrener Kompetenzen ermöglichte es jedem Beamten, Verordnungen von oben mit gutem Gewissen zu sabotieren. Der Verwaltungsapparat erwies sich als Hindernis für die Gesundheitsreform. Wer diese wollte, musste zuerst das Kriegsministerium reformieren.

Florence Nightingale und Sidney Herbert packten also die Reform des War Office an. Bald aber erhob sich ein neues Hindernis: Sidney Herbert war schwer krank und wurde immer schwächer. Er zwang sich trotzdem zur Arbeit, schaffte es aber nicht. Die Ärzte forderten absolute Ruhe. Florence protestierte: Sie liege seit Jahren auf den Tod und habe trotzdem gearbeitet; ihr Fall beweise, dass die Ärzte zu schwarzsähen. Jetzt, wo es ums Ganze gehe, dürfe Sidney Herbert nicht nachlassen. Unerbittlich trieb sie ihn an, die Reform des Kriegsministeriums zu Ende zu bringen. Doch Sidney Herbert erlag seinem Leiden. Seine letzten Worte waren: „Die arme Florence ... die arme Florence ... unser gemeinsames Werk unvollendet.“

Florence schrieb in einer Würdigung Sidney Herberts: Er sei „der erste Kriegsminister gewesen, der sich ernstlich die Aufgabe gesetzt habe, Menschenleben zu retten.“

Weiter ging die Arbeit. In einem einzigen Jahr z. B. wurde Miss Nightingale unter anderem beschäftigt mit einer neuen Dienstanweisung für Apotheker, Vorschlägen für die Ausstattung von Militärhospitälern, einem Plan für die Revision der Heeresrationen, Instruktionen für Stabsärzte, Vorschriften für die Behandlung von Gelbfieber und für das Lieferantenwesen in den Kolonien, einem verbesserten Verpflegungsplan für Truppentransportschiffe, Vorschlägen für Stellenbesetzungen in den Militärhospitälern, Anweisungen zur Behandlung von Cholera. Das alles erledigte sie neben der Hauptarbeit für die Verbesserung der Truppenunterkünfte. Sie kümmerte sich um den Bau von Latrinen, Pferdeställen, Kasernen und Lazaretten. Für den Sanitätsdienst des Heeres entwarf sie ein Kostenberechnungssystem, das um 1865 eingeführt wurde und noch achtzig Jahre später in Gebrauch war. 1947 hat ein Parlamentsausschuss mehrere Systeme, die in anderen Abteilungen erst vor wenigen Jahren eingeführt worden waren, als unzulänglich verworfen, dieses eine aber als bewundernswert bezeichnet und sich nach dem Urheber erkundigt. Man bekam die Antwort: „Miss Nightingale!“

Als die Meuterei der Truppen in Indien ausbrach, erklärte sie sich trotz ihres schlechten Gesundheitszustands bereit, sofort dorthin zu reisen und Dienst zu tun. Daran war nun nicht zu denken. Aber ihre Aufmerksamkeit wurde auf das indische Gesundheitswesen gelenkt. Sie begann eine riesige Korrespondenz mit Eingeborenen und Beamten in Indien, forderte von allen Militärstationen in Indien Berichte an und analysierte sie. Das Aktenmaterial über die indischen Verhältnisse, das sie durcharbeitete, umfasste viele Tonnen von Papier, füllte ein ganzes Zimmer in ihrem Haus und benötigte bei jedem Umzug allein zwei Möbelwagen. Ihr zusammenfassender Bericht war provozierend und sollte es auch sein. Die Todesrate der britischen Truppen in Indien betrug 69 pro Mille. Alle zwanzig Monate starb in Indien von jedem Regiment eine Kompanie — nicht an Tropenkrankheiten, sondern an Baumängeln der Kasernen, an Schmutz und schlechtem Wasser. Florence Nightingale wurde eine Expertin für indische Probleme: Bewässerung, Ackerbau, Kanalisation, Transport, Bodenreform und Steuern. Sie versuchte Gesetzgebung, Verwaltung und Personalpolitik zu beeinflussen, manchmal mit Erfolg, manchmal vergeblich.

Aber auch an Enttäuschung fehlte es ihr nie. Mehrere Male fegte ein plötzlicher Wechsel des Kabinetts ihre schon der Verwirklichung nahegebrachten Pläne zur Seite. Wie oft schrieb sie in Briefen und auf Tagebuchblättern, sie sei „völlig gescheitert“! Schon auf der Krim hatte sie solche Anfälle von Schwermut. Sie sah immer nur das nicht Erreichte, nie die errungenen Erfolge, die doch wahrhaftig beträchtlich waren. Doch dank ihrer Bemühungen sank die Sterblichkeit in der Heimatarmee, die 1857 noch 17,5 ‰ betrug, stetig bis auf 2,4 ‰ im Jahre 1911.

Lange hatte sie gemeint, die Zivilkrankenhäuser seien in einem wesentlich besseren Zustand als die Militärhospitäler. Sie war entsetzt, als sie gewahr wurde, dass sie „genauso schlimm oder noch ärger“ waren. Auch sie hatten eine viel zu hohe Sterblichkeitsziffer, weil sie die elementarsten Grundsätze der Hygiene missachteten und eine Menge typischer „Hospitalkrankheiten“ hervorriefen, mit denen die Patienten erst nach ihrer Einlieferung angesteckt wurden und die ihren Tod verursachten. Florence war der Meinung: Die Abhilfe dieser Übelstände liegt nicht in Gebet und Selbstaufopferung, sondern in besserer Durchlüftung, größerer Sauberkeit, besserer Entwässerung und besserer Ernährung.

Bald dehnte sich ihre Arbeit auch auf das zivile Gesundheitswesen aus. Sie verfasste ein Buch über Hospitäler, in dem sie von der Farbe der Krankenzimmerwände bis zur Warmhaltung von Speisen alle zu verbessernden Dinge behandelte. Sie erstattete Gutachten über Krankenhauspläne in Berlin, Lissabon und Holland. Sie kümmerte sich um die Organisation von Wochenpflege, Hebammenschulung, Armenhauskrankenpflege, ländlicher Gesundheitspflege, Hauspflege und der Pflege für arme Wöchnerinnen. Sie schrieb Bemerkungen über Krankenpflege, ein Buch, das viele Auflagen erlebte und ins Deutsche, Französische und Italienische übersetzt wurde.

Mit den 45.000 Pfund Sterling, welche das englische Volk am Ende des Krimkrieges für sie gesammelt hatte, gründete Florence Nightingale 1860 in London eine Schwestern-Schule, an der künftige Krankenpflegerinnen ihre Berufsausbildung erhielten. Die Schule sollte technisches Können vermitteln und Charaktere bilden. Jedes eintretende Mädchen wurde von Florence persönlich geprüft und weiter beobachtet. Mit den Krankenpflegerinnen, die nach ihrer Ausbildung eine Stelle angetreten hatten, blieb Florence brieflich in Verbindung. Sie hörte nie auf, ihren Schülerinnen die geistliche Natur ihrer Berufung vor Augen zu halten und sie nicht nur zu einem hohen Leistungsstandard anzuspornen, sondern auch zu einem Wandel in der Gegenwart Gottes. Ihre persönliche Fürsorge für die Schülerinnen war rührend. Trat eine Pflegerin eine neue Stelle an, so sandte Florence Blumen dorthin. Kranken Pflegerinnen ließ sie besondere Gerichte zubereiten. Manchmal schickte sie erholungsbedürftige Schwestern auf ihre Kosten an die See oder aufs Land. Schon 1887 hatten alle fünf Erdteile Oberinnen aus der Nightingale-Schule.

Unter Florence Nightingales Papieren finden sich zahllose geistliche Betrachtungen, die sie viele Jahre hindurch aufgezeichnet hat. Meditationen in der Sprache der Mystik über das Einwohnen Gottes in der Seele. Da lesen wir etwa:

„Religion ist nicht Andacht, sondern Arbeit und Leiden aus Liebe zu Gott.— Wir können nur durch Ihn handeln und sprechen und denken. Was wir nötig haben, ist die Entdeckung jener Gesetze, die uns in den Stand setzen, stets in bewusster Übereinstimmung mit Ihm zu handeln und zu denken... - Es wird keinen Himmel geben, wenn wir ihn nicht machen. Und es ist eine sehr kümmerliche Theodizee, die uns lehrt, dass wir uns nicht für diese Welt bereiten sollen, sondern für eine andere. Müssen wir Gott nicht schon hier ‚besitzen‘, wenn wir Ihn im Jenseits ‚besitzen‘ wollen? —  Gott, du weißt, dass ich durch all diese schrecklichen zwanzig Jahre von dem Glauben unterstützt wurde, dass ich mit dir arbeite, der du jeden zur Vollkommenheit führst, auch unsere armen Schwestern.“

Als die Zeitungen 1907 meldeten, dass Miss Nightingale als erste Frau den Order of Merit, Englands höchste Auszeichnung, erhalten habe, waren die meisten überrascht; sie dachten, sie sei schon vor einem halben Jahrhundert verstorben. So sehr war ihre bahnbrechende Arbeit im Dienste der Menschheit im Verborgenen geschehen. Aus aller Welt regnete es jetzt Auszeichnungen auf sie herab. Von diesen Ehrungen hat sie nichts mehr wahrgenommen, denn seit 1901 war sie blind und meistens geistig abwesend. Erst 1910 starb sie, im stolzen Alter von 90 Jahren.

Ihr unermüdlicher Einsatz aber regte unter anderem später Henry Dunant zur Gründung des Roten Kreuzes an.

Er erklärte:

„Obgleich ich als der Gründer des Roten Kreuzes und als Schöpfer der Genfer Konvention bekannt bin, kommt doch alle Ehre der Schaffung der Konvention einer Engländerin zu. Was mich während des Krieges von 1859 dazu brachte, nach Italien (auf das Schlachtfeld von Solferino) zu gehen, war das Werk der Florence Nightingale in der Krim.“

Auch die Genfer Konvention des Jahres 1864, die völkerrechtlich verbindliche Regeln für die Versorgung von Kranken und Verwundeten in Kriegszeiten festschreibt, dürfte durch Nightingales berühmt gewordenen Einsatz auf der Krim beeinflusst worden sein.

Wir haben allen Grund dankbar zu sein - für die Lady with the lamp und allen, die es ihr gleichtun. Männer und Frauen, die sich einsetzen, damit unsere Welt ein menschenfreundliches Gesicht behält.

Susanne Babiel

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Paul Gerhardt

Apostelandacht zu Paul Gerhardt, gehalten am 14. September 2014

Der streitbare Lutheraner Paul Gerhardt

Wir versetzen uns gedanklich zurück in das Jahr 1665. Der dreißigjährige Krieg ist seit 1648, also erst seit 17 Jahren zu Ende. Mitteleuropa ist Schauplatz bestialischer Kämpfe, grauenvoller Verwüstungen gewesen, begleitet von einer unvorstellbaren Zahl von Toten und dem wirtschaftlichen Ruin vieler Städte und Landgebiete.

1665 regiert in Brandenburg seit einigen Jahren Friedrich Wilhelm, später „der Große Kurfürst“ genannt. Seine Eltern hatten ihn als Jugendlichen  in den Niederlanden bei Verwandten untergebracht, wo er vor dem Krieg in Sicherheit war. Und, was damals für Fürstensöhne sehr selten war: Er studierte an der Universität von Leiden; dort erlernte er mehrere Sprachen und wurde in der evangelisch-reformierten, der calvinistischen Religion unterrichtet. Derartig umfassend gebildet, formte er nach Friedensschluss aus den zersplitterten Landesteilen Brandenburgs einen absolutistisch regierten Zentralstaat und ermöglichte 15.000 aus Frankreich vertriebenen reformierten Protestanten die Ansiedlung. Brandenburg ist damals lutherisch geprägt, das Fürstenhaus Hohenzollern allerdings seit zwei Generationen reformiert, also calvinistisch.

Zwischen der katholischen, der lutherischen und reformierten Konfession toben um 1665 erbitterte Auseinandersetzungen, die auch von den Kanzeln herab geführt werden.

Der Große Kurfürst will diese Zänkereien unter den Theologen im Interesse der Staatsraison beenden.

So veranlasst er ein Religionsgespräch zwischen den verfeindeten Lutheranern und Reformierten. Doch nach 17 ergebnislosen Verhandlungsrunden wird abgebrochen, die Verständigung ist gescheitert. Friedrich Wilhelm erlässt schließlich ein Toleranzedikt, befiehlt den Streitenden Religionsfrieden. Es verbietet den lutherischen Geistlichen jede Polemik gegen die Reformierten und droht ihnen mit Amtsenthebung. Doch die Lutheraner sehen darin eine Infragestellung ihres Bekenntnisses, sie ignorieren den Befehl des Kurfürsten und predigen weiter gegen die Reformierten. Kurfürst Friedrich Wilhelm lässt sich das nicht bieten. Er verlangt von allen lutherischen Geistlichen die Unterschrift unter einen Verpflichtungsschein, dass sie künftig „evangelischen Kirchenfrieden“ halten wollen.

Mehr als 200 Pfarrer unterschreiben in Brandenburg, aber in Berlin konzentriert sich der Widerstand - insbesondere an der Nikolaikirche, an der Paul Gerhardt als Pfarrer amtiert und wie seine Amtsbrüder die Unterschrift verweigert. Angst geht um in den lutherischen Pfarrhäusern. Pfarrfrauen verbreiten den Spruch: „Schreib, lieber Herre, schreib, dass er bei seiner Pfarre bleib!“

Doch Paul Gerhardt und seine Amtskollegen bleiben standhaft, verlangen, der Kurfürst möge die Gewissensfreiheit achten und das kirchliche Leben der Lutherischen nicht behindern. Paul Gerhardt ist eine zentrale Person dieses Widerstands. Er bekommt vom Kurfürsten persönlich die Aufforderung, zu unterschreiben. Nachdem er sich weigert, wird er genau wie seine Amtsbrüder abgesetzt. Berlins Öffentlichkeit reagiert bestürzt; der Berliner Magistrat bittet erfolglos für die Abgesetzten.

Auch die Vertreter der Tuchmacher und Gewandschneider, der Schuhmacher, Bäcker und Schlachter, der Kürschner, Schneider und Zinngießer setzen sich ein für den „frommen und in vielen Landen berühmten Paul Gerhardt“. Das bezieht sich auf seine schon damals sehr beliebten Lieder, die sogar im reformierten Gesangbuch Brandenburgs stehen.

Der Kurfürst begreift den Protest als Machtprobe, als Angriff auf seine absolutistische Herrschaft. Er antwortet schriftlich, die Bürgervertreter sollten sich um ihr Handwerk und ihren Lebensunterhalt kümmern und nicht um die Angelegenheit der Theologen.

Nachdem aber auch die adligen Stände den Unterschriftszwang kritisieren und um Wiedereinsetzung der entlassenen Pastoren bitten, gibt der Kurfürst in Bezug auf Paul Gerhardt nach. Er setzt ihn wieder ins Amt ein mit der Begründung, dass der die Bedeutung seines Edikts nicht recht begriffen habe. Doch jetzt bleibt Paul Gerhardt stur: Er teilt dem Kurfürsten mit, dass er Gewissensbedenken habe und schreibt: „Ich fürchte mich vor Gott, in dessen Anschauen ich hier auf Erden wandele und vor dessen Gericht ich auch dermaleinst erscheinen muss:“

Die Streitigkeiten ziehen sich noch mehr als zwei Jahre hin. Schließlich wird 1667 die Stelle Paul Gerhardts neu besetzt, er ist anschließend für zwei Jahre stellenlos. -

Wer war dieser Mann, der so mutig Widerstand gegen seinen Landesherrn leistete und sein berufliches Scheitern aus orthodox-lutherischer Haltung in Kauf nahm?

Paul Gerhardt wurde 1607 im sächsischen Gräfenhainichen als Sohn eines Bürgermeisters, Bauern und Gastwirts geboren. Nach dem frühen Tod seiner Eltern besuchte er die Fürstenschule in Grimma und studierte ab 1628 Theologie in Wittenberg. Hier lebte er bis 1642 und arbeitete nebenbei als Hauslehrer. Warum er 14 Jahre lang Student war, ist ungeklärt. Wahrscheinlich hing dies mit den Wirren des 30jährigen Krieges zusammen, die auch Wittenberg und seine Bürger stark schädigten. Erst 1642 siedelte Paul Gerhardt nach Berlin über, war dort wiederum Hauslehrer bei einer Familie Berthold.

1651, also mit 44 Jahren, bekam er seine erste feste Anstellung als Propst in Mittenwalde. Dort heiratete er die 16 Jahre jüngere Anna Maria Berthold, seine ehemalige Schülerin aus Berlin. Nach sechs Jahren kehrte er nach Berlin zurück und wurde Pfarrer an der Nikolaikirche.

Ein Jahr nach seiner Entlassung, also noch während des Kirchenstreits, starb seine Frau Anna, auch vier seiner fünf Kinder waren bereits tot…

Nach zwei Jahren ohne Amt wurde er Archidiakon im abgelegenen Ort Lübben im Spreewald, wo er nach sieben einsamen Jahren starb und im Chorraum der Kirche nahe dem Altar beigesetzt wurde.

Bis zuletzt ist er als Pfarrer tätig gewesen, denn eine Altersversorgung für Geistliche gab es damals nicht, sie mussten ihr Amt bis zum Tod ausüben.

Sein 13-jähriger Sohn ist jetzt Vollwaise. Der Vater verpflichtet ihn noch auf dem Totenbett, Theologe zu werden und ermahnt ihn schriftlich zu unverfälschter lutherischer Lehre, zu einer Lebensführung nach den biblischen Geboten und dem Glaubensbekenntnis und rät ihm, allemal die ewigen Güter den zeitlichen voranzustellen. Für sich selbst bekennt er im Rückblick auf sein Leben Dank, Sterbebereitschaft und Ewigkeitshoffnung. Er schreibt: „Zusammen mit all den Meinigen erwarte ich die volle Gemeinschaft mit meinem lieben Herrn Jesum Christum. Ich hoffe ihn zu schauen von Angesicht zu Angesicht.“

An der Nordwand der Lübbener Kirche hängt bis heute das Porträt von ihm, das zum Vorbild aller späteren Paul-Gerhardt-Bilder wurde. Es zeigt Paul Gerhardt lebensgroß im Pastorenornat. Die Bibel ruht an seinem Herzen. Der rechte Zeigefinger deutet aufs Kreuz. Der Dichter als Pfarrer und als bibeltreuer Seelsorger. Darunter steht ein lateinischer Text: „Paul Gerhardt, der Theologe, im Sieb des Satans erprobt, danach fromm gestorben zu Lübben im Jahr 1676, im 70. Lebensjahr.“

Dieses Bild soll Ansporn und Ermutigung für den Betrachter geben in Krisen des eigenen Lebens. Die Barockzeit war sehr von Bildern geprägt, wie die heutige Zeit auch.

Paul Gerhardt ist nach Martin Luther der bedeutendste Liederdichter der deutschen evangelischen Christenheit. Seine Texte entstanden aus der Erfahrung persönlichen Leides und zu einem großen Teil in der Zeit, in der der Dreißigjährige Krieg tobte. Sie sind von Gottvertrauen und Heilserfahrung geprägt. Sie bezeugen, dass er trotz der traurigen persönlichen Erfahrungen nicht verbittert war, sondern in sinnlicher, bildlich-anschaulicher und gefühlvoller Sprache von Leid und Not und der Zuversicht des Glaubens sprechen konnte.

Viele seiner Gedichte wurden von den Kantoren an der Berliner Nikolaikirche, von Johann Crüger und seinem Nachfolger Johann Georg Ebeling vertont und in ihren Liederbüchern veröffentlicht.

Liedertexte waren leicht einzuprägen. Sie halfen, biblisch-evangelisches Gedankengut auch unter Menschen zu verbreiten, die nicht lesen konnten. In vielen gesellschaftlichen und persönlichen Erschütterungen hatten Lieder große Bedeutung für Trost und Erbauung, für Glaubenszuversicht und psychische Stabilisierung.

Noch während meiner Konfirmandenzeit mussten wir Liederstrophen von Paul Gerhardt auswendig lernen und in einer „Konfirmandenprüfung“ vor der Gemeinde aufsagen. Das ist heute vorbei, und ich weiß nicht, ob ich darüber froh sein soll oder ob es vielleicht doch zu bedauern ist, weil damit evangelisches Kulturgut buchstäblich aus dem Gedächtnis der Menschen verschwindet.

Überliefert sind von Paul Gerhardt 139 deutsche Lieder und Gedichte. Das Evangelische Gesangbuch enthält heute 26 Lieder, deren Texte von Gerhardt stammen. Im Gesangbuch der Freien evangelischen Gemeinden sind es 24. Das katholische Gesangbuch „Gotteslob“ enthält 6 Lieder von ihm. Auch in Gesangbüchern des fremdsprachigen europäischen Auslands und der USA sind seine Lieder enthalten, ebenso in afrikanischen und japanischen Kirchengesangbüchern.

Trotz seiner harten Haltung gegenüber den anderen christlichen Konfessionen ist er damit zum wahrhaft ökumenischen Dichter geworden. Seine Lieder werden auf der ganzen Welt gesungen, haben schon unzählige Menschen getröstet und erbaut, im Glauben gefestigt. Das können sie trotz der altertümlichen, vom Barock geprägten Sprache bis in unsere Zeit.

 

Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird’s wohl machen.

(Psalm 37, Vers 5)

 

Wichtigstes Leitmotiv in den Liedern Paul Gerhardts ist der Weg- und Wandergedanke. Er sieht das Leben als ein zeitliches Unterwegssein zwischen der Ewigkeit vor der Geburt und nach dem Tod. Dieser Gedanke klingt schon im Alten Testament an im Unterwegssein Abrahams und Moses, zeigt sich bis heute in der Wiederentdeckung des Pilgerns. Auch Jesus wanderte durch das Heilige Land.

Der Singende darf sein Leben als von Gott geplanten und geführten Weg erkennen. Wen Gott führt, den führt er hin zu sich ins Himmelreich, aber auch den Menschen zu sich selbst. Wer singt, handelt. Durch Singen wird Böses entmachtet. Singend lässt der Glaubende biblische Wegweisheit für sich wahr sein. Singen selbst ist ein Wandern durch Melodie und Text.

Die jeweils ersten Worte der einzelnen Strophen unseres Liedes hat Paul Gerhardt aus Vers 5 des 37. Psalms entnommen. Das Bibelwort gab dem Liedgedanken die Richtung, verbindet die Einzelaussagen der Strophen und wird in ihnen ausgelegt. Die Bibel ist für seine Lieder und für seinen Lebensweg insgesamt bestimmend gewesen.

Das häufig von Paul Gerhardt erwähnte „Herz“ (hier in der 2. Zeile) meint das gesamte Wesen des Menschen. In der Barockzeit vermutete man im Herzen den Sitz der Seele; es war ein Symbol für Treue und Tapferkeit, aber auch für Barmherzigkeit und Hingabe, für die sinnliche Liebe. Auch in unserem Sprachgebrauch schwingen diese Bedeutungen in vielen Wörtern mit: herzlich, herzhaft, beherzt, jemanden herzen, sich etwas zu Herzen nehmen, Herzensangelegenheit. Was das Herze kränkt, sind also alle Bedrohungen unseres Lebens, alle Kränkungen, denen wir ausgesetzt sind. Aber Gottes Allmacht, symbolisiert im Lenken von Wolken, Luft und Winden, wird auch uns eine positive Perspektive im Leben geben.

Wir sollen auf Gottes Werke in der Natur schauen und alles auf ihn und seine Schöpferkraft beziehen, dann werden auch unsere Werke, unsere Handlungen in der Welt bestehen. Überhaupt ist für Paul Gerhardt die Natur ein Gleichnis für das menschliche Leben. Gott, der den Kosmos, den Himmel geschaffen hat mit der festgelegten Ordnung der Sterne, lenkt auch die für uns unberechenbaren Elemente Wolken, Luft und Winde – so wie er auch unseren Lebensweg lenkt. Und wir sollen Gott und seinem Ratschluss trauen, auch wenn wir den Weg unseres Lebens nicht verstehen, nicht begreifen, vielleicht auch nicht damit einverstanden sind.

Das Wort „Grämen“ in der zweiten Strophe meint übertriebene, selbstbezogene Sorgen, auch Selbstmittleid. Aus diesen unseren Sorgen und Quälereien kommen wir nur heraus, wenn wir uns Gott im Gebet nähern.

Entsprechend wandelt sich die Anrede des Dichters an uns, an das „Du“ in den ersten zwei Strophen zu einem Gebet ab Strophe 3. Im Gebet unterwerfen wir uns Gottes Ratschluss und nehmen unser Schicksal an, auch wenn es für uns unbegreiflich ist.

Gott ist allmächtig und hat einen Weg für uns, sein Tun ist für uns lauter Segen (Strophe 4). Das Handeln Gottes ist lauter Licht- ein Symbol für Hoffnung- auch das Licht am Ende des Tunnels unseres Lebens.

In der 5. Strophe werden alle Teufel in ihrem Widerstehen gegen Gottes Willen erwähnt. Wir denken dabei an Goethes Mephisto: „Ich bin der Geist, der stets verneint und das mit Recht, denn alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht“. Doch alle Opposition dieses Dämonischen wird Gott nicht hindern, dass die Schöpfung zu ihrem Zweck und Ziel gelangt – am Ende der Zeit, endlich.

Ab der 6. Strophe wendet sich Paul Gerhardt wieder bewusst mit „du“ an den Singenden, ermutigt ihn zur Hoffnung. Unsere arme Seele, psychologisch wohl auch als Depression zu deuten, wird uns Gott mit seiner Gnade aus der irdischen Höhle herausholen, in der sie eingesperrt ist. Die Zeit, die wir erwarten sollen, ist diejenige nach unserem Tod, wo nach damaliger Anschauung die Seele zu Gott ins Himmelreich gelangt, wo wir die Sonne der schönsten Freud erblicken – ein Symbol der Hoffnung. Die Sonne ist das beliebteste Symbol Paul Gerhardts. Sie wird gleichgesetzt mit Jesus Christus und die von ihm verkündete Hoffnung für die Christenheit auf die Freuden der Seele im Himmelreich. Diese Hoffnung soll uns vom psychischen Druck unserer Sorgen befreien, wofür das „auf, auf“ am Anfang der 7. Strophe nachdrücklich ermuntert. Das Vertrauen auf Gottes Führung bringt uns aus aller Kümmernis heraus.

Strophe 8 verstärkt nochmals die Argumentation aus der vorangegangenen Strophe. Auch wenn wir keinen Ausweg kennen, Gott weiß für uns Rat.

In den Strophen 9 und 10 geht Paul Gerhardt in einer Art Einschub auf die Zweifel seiner Hörer ein. Manchmal scheint es so, als habe uns Gott vergessen; aber wenn wir fest im Glauben an ihn bleiben, dann wird er die schwere Last von uns nehmen. Der Singende soll jetzt an die konkrete, ihn schwer bedrückende Last denken und darauf hoffen, dass Gott sie in seinem unerforschlichen Ratschluss von ihm nehmen wird. Die Depression wird sich lösen durch den Glauben.

Gott gibt uns selbst die Palmen (Strophe 11) – Palmen als Symbol des Sieges und der Auferstehung Christi, ein damals sehr bekanntes Symbol. Und statt der Klagelieder kann das „Du“ dann wieder Freudenpsalmen zum Lobe Gottes singen. Gott hat das Leid des angesprochenen „du“, des Singenden, gewandt.

„Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not“ – mit diesen Worten will Paul Gerhardt nicht einfach auf das Ende des Lebens vertrösten, sondern die Bitte ist auch für dieses unser Leben bestimmt. Mach meiner Not ein Ende, du kannst es, Gott! So, wie das ganze Lied mit dem Blick auf den Lebensweg beginnt, „Befiehl du deine Wege“ – so endet es: Der Lebensweg eines Menschen, der auf Gott vertraut und an ihm festhält, der endet ganz gewiss bei Gott.

Dies Lied ist ein Aufruf zu tiefem und festem Gottvertrauen gegen alle Zweifel und Hindernisse, ein Aufruf zum Ertragen von Lasten und Beschwernissen des Lebens, und seien sie noch so groß und bedrückend.

Und Gesang kann dabei befreiend wirken:

In einem Buch über Paul Gerhardt fand ich dazu diese Worte:

„Wer singt und musiziert, schwingt sich ein in die Harmonien des gesamten Seins und erfährt Freude als einen Haupteffekt der Musik. Wie die außermenschliche Schöpfung in Pflanzen und Tieren Gott durch ihre pure Existenz unbewusst lobt, so tut es der Mensch zum Beispiel mit Singen bewusst. Musik entfaltet dabei geradezu therapeutische Kräfte.

Mit seinen Liedern wollte Paul Gerhardt die Sinne der Menschen, ihrer ganzen Emotionalität, in Gottes Ankunft und Zukunft hineinziehen. Den Sinn ihres Daseins sollen sie im Gotteslob finden, im Singen dessen deutlichste Gestalt und schönste Versinnlichung.“

Und so loben und danken wir Gott jetzt mit dem Lied von Paul Gerhardt:
„Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr meines Herzens Lust“.

Rolf Polle

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Ricarda Huch

Apostelandacht zu Ricarda Huch, gehalten am 25.5.2014

Aus dem Leben der Ricarda Huch

Ein Mädchen läuft durch einen Garten. Wir schreiben das Jahr 1870. Die Kleine ist sechs Jahre alt. Sie läuft durch den Garten, hinab zur Oker, an der Rückseite des Braunschweiger Grundstücks. Dort steht sie, blickt auf die gegenüberliegende Seite des Flusses zu den Häusern der nicht so Begüterten wie die wohlhabende Kaufmannsfamilie Richard und Emilie Huch, deren Tochter die Kleine ist. Die Armut anderer Menschen ängstigt Ricarda, jüngste von drei Geschwistern.

Die im Elternhaus lebenden Großeltern mütterlicherseits sind fromm. Tischgebete spricht die Familie vor dem Essen. Abends sitzen die Kinder am runden Holztisch und dürfen sich Bücher und Illustrierte anschauen. Als Anna Schröder, die Gouvernante, Ricarda das Lesen lehrt, wird die väterliche Bibliothek ein wahrer Schatz für das Mädchen. Besonders gern liest sie Stellen im Alten Testament. Die biblische Sprache ist so schön.

Das Huchsche Haus ist ein geselliges. Freunde gehen ein und aus, Freunde der Eltern, aber auch der Kinder. Der Flügel ist zwar nur für die Erwachsenen, aber die Kinder haben ihr eigenes Klavier. Theater- und Singspiele führen die Geschwister bei besonderen Anlässen auf. Ricarda bekommt Gesangstunden. Und mit der Freundin Anna Klie schmiedet sie Verse.

Mit neun Jahren kommt die Königstochter jüngste, wie die Mutter Ricarda mit Worten liebkost, zur Schule. Schon fünf Jahre später endet die schulische Laufbahn wieder, viel zu früh wie die Dichterin in ihren autobiografischen Aufzeichnungen befindet. All ihr Wissen sammelt sie im Familienkreis.

Für ein Studium kann das niemals reichen. Trotzdem reist sie in Begleitung des zwei Jahre älteren Bruders Rudolf mit dem Ziel zu studieren am ersten Januar 1887 nach Zürich. An deutschen Universitäten sind Frauen nicht zugelassen. Zwei Zimmer mietet Ricarda im Haus der Frau Wanner an der Gemeindestraße 25. Manchmal begegnet ihr der Dichter Gottfried Keller auf der Straße. Er wohnt ganz in der Nähe, und sie verehrt ihn sehr. Sie lernt rund um die Uhr, denn um überhaupt studieren zu dürfen, muss sie erst einmal die Matura nachholen. Morgens um sieben steht sie auf und vor Mitternacht findet sie nicht in den Schlaf. Ein Jahr gibt sich die Fleißige für die Vorbereitung auf die Prüfung, eine unverhältnismäßig kurze Zeit. Sie besteht bravourös, hat in allen Fächern die Bestnote.

Die angehende Studentin Ricarda Huch immatrikuliert sich in Geschichte. Neigung hat sie auch für die Naturwissenschaften, musste aber der Großmutter versprechen, ein solches Fach nicht zu wählen, weil das von der Religion wegführt. Auch hat sie sich in Zürich eingelebt. Mit Freunden unternimmt sie Ausflüge in die Berge. Ruderfahrten auf dem See macht sie mit Studienkolleginnen, meist Bekanntschaften aus den Vorlesungen. Sie tritt dem Studentinnenverein bei, und die anderen wählen sie zu ihrer Präsidentin.

Das Studium betreibt Ricarda gewissenhaft. Aber die Wissenschaft, die sich auf Fakten und nochmals Fakten stützt, mutet sie arg trocken an. Sie schreibt in dem autobiografischen Text „Frühling in der Schweiz“:

„[A]ber bloße Tatsachen, wenn sie nicht in Beziehung zu uns und zu den Geistern in der Luft, wie der Apostel Paulus sie nennt, gebracht werden können, mit denen wir kämpfen, bleiben doch Spreu.“ (GW, Bd. 11, S. 194)

Im Juli 1891 schließt Ricarda Huch ihr Studium mit der Doktorprüfung und dem Ergebnis magna cum laude und einem zusätzlichen Lehrerinnenexamen ab.

Die Eltern sind inzwischen verstorben, das Erbe durch die Studienjahre aufgezehrt. Ricarda Huch muss ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie nimmt eine halbe Stelle in der Stadtbibliothek Zürichs an und arbeitet zusätzlich als Aushilfslehrerin an einer privaten Mädchenschule. Kaum bleibt ihr Zeit für sich und die Arbeit empfindet sie unbefriedigend. Sie wollte doch Dichterin werden. Das gelingt erst, als sie Anstellung an einer staatlichen Mädchenschule findet. Neben der Brotarbeit schreibt sie ihren ersten Roman „Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren“.

Ricardas Versuch, 1896 über Bremen nach Deutschland zurückzukehren, scheitert. Die Behörden erkennen das Schweizer Examen nicht an. Sie reist nach Wien. An der langen Tafel der Pension Lammgasse 7 sitzen die Gäste im Speiseraum beim Mittagessen beisammen. Unter ihnen Ermanno Ceconi. Der Zahnarzt aus Italien erinnert Ricarda „... an den Königssohn des Märchens, der, aus der Heimat vertrieben, in Bettlertracht unter fremden Menschen Dienste tun muss ...“ (GW, Bd. 11, S. 245). Bald fühlen sich beide zueinander hingezogen. Über Heirat sprechen die Liebenden. Aber Ceconi muss Vater und Geschwister finanziell unterstützen. Endlich, nach vielen Bedenken, treten Ricarda Huch und Ermanno Ceconi am 9. Juli 1898 vor den Traualtar. Sie begründen ihre Existenz in Triest, wo etwas über ein Jahr später am 9. September 1899 Tochter Marietta zur Welt kommt. Mit ihren Büchern über die Romantik und mit dem Roman „Aus der Triumphgasse“, der die Frage der Theodizee aufgreift, also die Frage, warum Gott all das Schreckliche in der Welt zulässt, wenn er doch allmächtig ist, steuert Ricarda ihren Teil zum Lebensunterhalt bei.

Eine eigene Zahnarztpraxis gelingt Ermanno Ceconi erst, als die Familie nach München übersiedelt. Dort findet Ricarda Huch auch den in Triest vermissten gesellschaftlichen Verkehr. Sie ist mit ihren Bücher inzwischen berühmt. Zur Münchner Wohnung mieten die Huch-Ceconis ein kleines Haus in Grünwald. Dorthin in die Natur zieht sich die Dichterin zum Schreiben zurück. Doch während sie dort arbeitet, ziehen dunkle Wolken über den Ehehimmel. Im Herbst 1905 wird das Paar geschieden.

Ricarda Huch ist eine Gegnerin von Ehescheidungen. Sie empfindet sie als leichtfertig. Trotzdem scheitert auch ihre zweite Ehe mit Dr. Richard Huch, einem Cousin der Dichterin. Sie darf Marietta nicht bei sich haben, so will es Richard. Knapp drei Jahre hält der wenig glückliche Bund und 1910 trennen sich die Eheleute. Ricarda Huch ist nun ohne ihr Kind und ohne ein Zuhause. Die Freundin aus Studienjahren, Marie Baum, nimmt Ricarda bei sich in Düsseldorf auf. Aus dieser Zeit stammt das Gedicht „Gebet in höchster Not“:

            „Herrgott, mein töricht Wunsch und Wahn

            weiß nicht, was Nutz und Schade;

            Was mir von Dir wird angetan,

            Sieg oder Tod, das nehm ich an,

            Das fließt vom Quell der Gnade.“

Ein neues Zuhause für Marietta und sich schafft Ricarda schließlich in München. Bis an ihr Lebensende wird sie mit der Tochter zusammenbleiben. Sie schreibt an ihrem bedeutendsten Werk "Der Große Krieg in Deutschland", einem Buch über den Dreißigjährigen Krieg. Es schließt mit einem ökumenischen Ostergottesdienst, bei dem Protestanten und Katholiken gemeinsam das Abendmahl einnehmen. Gleichzeitig entsteht ihr für mich schönstes Werk: „Luthers Glaube“. Mit dieser Schrift bezweckt Ricarda Huch, Menschen die Gedankenwelt Luthers nahezubringen, die keinen Zugang mehr zu Glauben und Religion haben und sich selbst als modern begreifen. Unter Modernität versteht Ricarda Huch eine Verbindungslosigkeit zu den Kräften des Lebens, ein Abgeschnittensein von der göttlichen Kraft, so die Huch-Biografin Cordula Koepcke. (Koepcke, S. 201/202). Tatsächlich erreichte „Luthers Glaube“ nachweislich einen Suchenden: den Theologen Helmut Gollwitzer. Die Lektüre von „Luthers Glaube“ wurde für ihn sinnstiftend und motivierte ihn zum Studium der Theologie. Beide werden sich während der Jenaer Zeit persönlich kennenlernen.

Während des Ersten Weltkriegs verlassen Ricarda und Marietta Deutschland. Sie leben in der Schweiz und kehren erst mit Kriegsende in die Münchner Wohnung zurück. Die politische Umbruchszeit streift auch die Dichterin. Sie tritt in den Rat geistiger Arbeiter ein, bewirbt sich um die Kanditatur für die Wahl zur Nationalversammlung für die Deutsche Demokratische Partei, unterliegt aber. Unter anderen Künstlern wie Heinrich und Thomas Mann oder Rainer Maria Rilke unterschreibt sie einen „Apell zur Schicksalsgemeinschaft mit dem arbeitenden Volke“ und einen anderen, der eine „Amnestie für alle diejenigen, die Gewalt weder gepredigt haben, noch Gewalttaten sich selbst haben zuschulden kommen lassen“, letzterer vor dem Hintergrund der Hinrichtungen und Verurteilungen im Münchner Frühling 1919. Den Versailler Vertrag lehnt Ricarda Huch ab.

Als Marietta am 20. März 1926 den Juristen Franz Böhm heiratet, folgt Ricarda  den Kindern nach Berlin. Eine bewegende Zeit beginnt für die Dichterin. Im Herbst 1926 wählt die Preußische Akademie der Künste, Abteilung Dichtkunst sie zum Mitglied. Ein Jahr später reist Ricarda nach Italien, wo sie Wochen an Ermanno Ceconis Krankenbett verbringt, denn beide sind einander freundschaftlich verbunden geblieben. Er stirbt am 3. November 1927. Ihre ganze Liebe wird aber zukünftig dem Enkel gehören: Alexander, genannt Kander. Der wird am 14. Juni 1929 geboren. Und im August 1931 erhält Ricarda die damals höchste Auszeichnung für Literatur in Deutschland: den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main.

Mit 37 anderen Persönlichkeiten beteiligt sich Ricarda Huch an einem „Aufruf an die Partei der Nichtwähler“. Der soll Nichtwähler zur Wahl gegen die Nationalsozialisten mobilisieren. Als die 1933 den Vorsitzenden der Abteilung Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, Heinrich Mann, zum Rücktritt zwingen, weigert sich seine Stellvertreterin Ricarda Huch unter der veränderten Lage weiter Mitglied der Akademie zu bleiben. Als die Akademie ihr Verhalten übergeht, erklärt Ricarda Huch brieflich ihren Austritt.

Ein letztes Mal wechselt die Dichterin ihren Wohnsitz, als Franz Böhm einen Ruf an die Jenaer Universität erhält. Das kleine Haus am Oberen Philosophenweg ist Ricarda bis kurz vor ihrem Tod eine Heimat. Zum Jenaer Kreis gehören die Theologen Gerhard von Rad und Helmut Gollwitzer, beide der Bekennenden Kirche zugehörig. Eine innige Freundin ist aber Antje Lembke-Bultmann, die Tochter Rudolf Bultmanns.

Während einer Abendgesellschaft im Haus von Professor Walter Weddigen treten Ricarda Huch und Franz Böhm mutig den antisemitischen Äußerungen des Lehrbeauftragten Richard Kolb entgegen. Nicht ohne Folgen: Verhöre und nochmals Verhöre. Franz Böhm verliert seine Stellung an der Jenaer Universität.  Schließlich wird ein Verfahren gegen beide aber eingestellt.

Zum Kriegsende muss die Familie sich trennen. Franz Böhm erhält überraschend einen Ruf an die Freiburger Universität. Alexander begleitet den Vater. Als die russischen Besatzer im Nachkriegsdeutschland eine Familienzusammenführung und die damit verbundene Ausreise von Ricarda und Marietta in die amerikanische Zone wiederholt ablehnen, entschließen sich die Frauen zur Flucht. Sie nutzten Ricardas Teilnahme am Ersten deutschen Schriftstellerkongress in Berlin. Völlig entkräftet erreicht die inzwischen Dreiundachtzigjährige mit ihrer Tochter das für sie reservierte Gästehaus der Stadt Frankfurt am Main. Die anschließende Lungenentzündung überlebt Ricarda Huch nicht. Sie stirbt am 17. November 1947.

Marlies Matthies

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Rudolf Bultmann

Apostelandacht zu Rudolf Bultmann, gehalten am 26. Januar 2014

  1. Biographisches

Rudolf Bultmann war neben Karl Barth der bedeutendste und zugleich umstrittenste Theologe des 20. Jahrhunderts. Seine Anhänger verglichen seine Arbeiten mit denen Luthers, Kants und Kierkegaards, seine Gegner hielten ihn für einen „Irrlehrer“.

Rudolf Bultmann wurde im Jahre 1884 in Wiefelstede geboren, einem kleinen Bauerndorf, das damals zum Herzogtum Oldenburg gehörte. Sein Vater war Pastor und selbst Sohn eines Missionars, die Mutter Helene stammte auch aus einer Pastorenfamilie. Nach fünf Jahren wechselte der Vater die Pfarrstelle, und die Familie zog in die Kleinstadt Rastede um.

Gern erinnerte er sich im Alter an die harmonischen Kindheitsjahre und an die gute Kameradschaft mit seinen Mitschülern in der Rasteder Volksschule. Er schrieb darüber:

„Ich sehe es als einen großen Gewinn für mein Leben und gerade auch für meine wissenschaftliche Arbeit an, dass ich die erste Jugend in der bäuerlichen Landschaft meiner Heimat verleben durfte, dass mir die Atmosphäre des bäuerlichen Lebensraumes vertraut wurde, dass ich mit meinen Schulkameraden plattdeutsch sprach, an ihren Spielen teilnahm und in ihre Interessen weit verflochten war. Von da aus ist mir nicht nur ein starkes Heimatgefühl erwachsen, sondern daher meine ich auch einen Sinn für volkshaft-bäuerliche Denk- und Redeweise erworben zu haben und einen Anstoß, von der Sprache her die Geschichte des Geistes zu erforschen.“

Seit 1895 besuchte Bultmann das Großherzogliche Gymnasium in Oldenburg. Dort entwickelte er ein ausgeprägtes Interesse an Kunst und Literatur und bestand im Jahr 1903 die Reifeprüfung.

Anschließend studierte er in Tübingen, Berlin und Marburg Evangelische Theologie und Philosophie, legte 1907 das erste theologische Examen ab und erlangte im Jahre 1910 den Doktortitel.

Ab 1912 war Bultmann als Privatdozent in Marburg tätig und wurde 1916 nach Breslau berufen, veröffentlichte Buchbesprechungen über theologische Werke und Romane in Zeitschriften.

Schon während seines Studiums trat Bultmann für ein modernes, aufgeklärtes Christentum ein. Er hielt Vorträge vor Lehrern, um sie mit der neuesten wissenschaftlichen Theologie vertraut zu machen. Besonders dem Bildungsbürgertum wollte er durch vorbehaltlose Aufklärung über die historischen Zusammenhänge des Christentums das religiöse Leben nahebringen:

„Unsere Kirche hat den Laien viel von Kritik und Wissenschaft vorenthalten und muss das Versäumte schnell nachholen, wenn sie nicht bitter büßen will. Nur durch Bildung kann auch die katholische Kirche besiegt werden. Da wird andres schwerlich helfen.“

Im Sommer 1915 machte Bultmann die Bekanntschaft einer Studentin namens Helene Feldmann. Der Privatdozent und Helene fanden sich sympathisch und verabredeten sich zu Konzerten, Ruderpartien und Spaziergängen, hielten ihre Freundschaft aber zunächst geheim. 1916 verlobten sie sich, was viele ihrer Freunde überraschte. Schließlich heirateten sie 1917 in Breslau.

Bultmann teilte die Begeisterung der meisten Deutschen beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Es belastete ihn, dass er wegen seines Hüftleidens keinen Kriegsdienst ableisten konnte. Aber mit zunehmender Dauer des Krieges schlug seine anfängliche patriotische Gesinnung in Skepsis um.

Nach der Novemberrevolution 1918 befürwortete Bultmann den Aufbau eines demokratischen Staatswesens. Er sympathisierte mit dem linksliberalen Kurs der Deutschen Demokratischen Partei, der DDP, aber wurde nicht unmittelbar politisch aktiv. Er hielt allerdings vor Jugendlichen der DDP Kurse zu religiösen und weltanschaulichen Themen.

Innerhalb der evangelischen Universitätstheologie gehörte er der Minderheit der liberalen Vernunftrepublikaner an, die sich dem bedrohten demokratischen Staat gegenüber loyal verhielten. Das unterschied sie von der antidemokratischen Mehrheit im protestantischen Milieu.

Im Jahre 1920 erhielt Bultmann einen Ruf nach Gießen, ein Jahr später nach Marburg, wo er endgültig blieb.

Bultmanns Vorlesungen waren bei den Studenten sehr beliebt, sie waren geradezu überlaufen. Über siebzig seiner Studenten wurden später selbst Theologieprofessoren. Bultmanns Schüler erhielten allerdings während des Dritten Reiches wegen ihrer Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche keine Lehrstühle an den staatlichen Theologischen Fakultäten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich das.

Weltruhm erwarb Bultmann schon 1921, als er in seinem ersten Buch mit dem Titel „Die Geschichte der synoptischen Tradition“ das Neue Testament analysierte und zu dem Ergebnis kam, dass viele Worte Jesu ihm erst nach seinem Tode zugeschrieben wurden und dass viele Wunderberichte nur Legenden, also fromme Phantasiegeschichten seien.

In Breslau waren Rudolf und Helene Bultmann zwei Töchter geboren worden, die dritte später in Marburg.

Die Machtergreifung der Nazis im Jahre 1933 beurteilte Bultmann sehr kritisch, was er auch öffentlich äußerte. In seinen Predigten ermahnte er die Gemeinde, sich im Rausch der nationalen Erhebung nicht selbst zu betäuben.

Die Gleichschaltung der Universität Marburg mit dem NS-Staat erzeugte einen Politisierungsdruck auf die Lehrenden. Bultmann versuchte, sich den damit verbundenen Zwängen zu entziehen und ihre negativen Auswirkungen auf Forschung und Lehre zu verringern.

In den eigenen Lehrveranstaltungen und im Verhältnis zu seinen Studierenden konnte Bultmann die Freiheit der Wissenschaft allerdings während des gesamten Dritten Reichs problemlos in Anspruch nehmen.

Anders verhielt es sich mit der Freiheit der Kirche. In einem gemeinsamen Brief klagten Bonner und Marburger Theologen die „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ an, das Wesen der evangelischen Kirche zu durch ihre schrift- und bekenntniswidrige Lehre zu verleugnen und zu verderben. Dem Pfarrernotbund und der aus ihm hervorgegangenen Bekennenden Kirche schloss sich Bultmann sofort an.

Im Sommer 1934 gründeten auch die Marburger Studenten eine Gruppe in der Bekennenden Kirche, die anschließend stetig wuchs. Bultmann unterstützte diese Arbeit, woraufhin die Geheime Staatspolizei vorschlug, ihn zu versetzen. Allerdings verzichtete der Nazi-Staat auf eine Maßregelung Bultmanns, wegen seines internationalen wissenschaftlichen Renommees.

In seinen Predigten äußerte Bultmann offen Kritik an der nationalsozialistischen Weltanschauung. Er lehnte insbesondere die NS-Rassenideologie aufs schärfste ab und stellte unmissverständlich fest:

„Volk ist im echten Sinne kein biologisches, sondern ein geschichtliches Phänomen, das heißt unsere Teilhabe daran ist nicht eine Frage der Abstammung, sondern der Existenz.“

Er erklärte die Einführung des Arierparagraphen in der Kirche für schrift- und bekenntniswidrig.

Bultmann blieb seinen jüdischen Freunden auch nach deren Entlassung aus dem Staatsdienst treu und unterstützte sie, wo er nur konnte, half materiell und ideell und besorgte auch Ausreisepapiere.

Die Verherrlichung von Blut und Boden, die Vergöttlichung der Rasse war für ihn nur eine krampfhafte Empörung gegen das Christentum.

„Allein die Existenz der christlichen Kirche in der Welt ist ein Protest gegen die Welt; ein Protest dagegen, dass die Welt sich anmaßt, letzte Bindung und Verpflichtung, letzte Erfüllung geben zu können. Deshalb empfindet die Welt die Kirche als Fremdkörper; und fügt sich die Kirche nicht der Macht der Welt in ihren Zielen und Gaben, nun so soll sie ihre Macht in ihrem Zorn erfahren.“

Nach dem Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion 1941 predigte Bultmann:

„Wir wissen alle, dass Deutschland heute kein christliches Land mehr ist; dass das kirchliche Leben nur noch ein Rest ist, und dass manche wünschen und hoffen, dass auch dieser Rest bald verschwinde.“

1941 löste Bultmann mit einem einzigen Zeitschriftenartikel die Debatte über die Entmythologisierung aus, die mehr als 30 Jahre anhielt.

Er erklärte das Weltbild der Bibel für vergangen:
„Man kann nicht elektrisches Licht und den Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“

Von seinen Gegnern wurde Bultmann vorgeworfen, dass er die Gottessohnschaft Jesu, die Jungfrauengeburt und die Auferstehung Jesu leugne.

Auf der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands im Jahre1952 forderten etliche Synodale eine offizielle Verurteilung der Theologie Bultmanns durch die lutherische Kirche. Die Bischofskonferenz beschloss, dass eine Kanzelabkündigung in den Gemeinden verlesen werden sollte. Darin wurde festgestellt, einige theologische Lehrer stünden in der Gefahr, bei ihren Bemühungen um Entmythologisierung der neutestamentlichen Texte „den Inhalt der Verkündigung zu vermindern oder gar zu verlieren“. Diese Theologen müssten sich fragen lassen, ob sie nicht die von der Schrift bezeugten Tatsachen verleugneten.

Bultmann meinte, falls ihm das Dokument offiziell zugestellt werde, könne er es ja auf dem Marktplatz in Marburg verbrennen, wie einst Luther in Wittenberg mit der Bannandrohungsbulle verfahren war.

Um 1961 nahmen verschiedene evangelikale Gruppierungen ihren innerkirchlichen Kampf gegen die „moderne Theologie“ der fünfziger Jahre wieder auf. Sie schlossen sich 1966 zur Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ zusammen. Deren Angriffe richteten sich generell gegen die wissenschaftliche Theologie.

Die öffentliche Auseinandersetzung um die Entmythologisierung machte den Namen Bultmanns weit über den Raum von Kirche und Theologie hinaus bekannt. Er war in den sechziger Jahren des 20. Jahrhundert ein berühmter Mann geworden. Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften widmeten seinen Themen breiten Raum. „Der Spiegel“ befragte ihn im Sommer 1966 vor dem Hintergrund der heftigen Attacken der „Bekenntnisbewegung Kein anders Evangelium“ gegen seine „Irrlehre“ nach seinem theologischen Denken. Maler und Fotografen porträtierten ihn.

Etwa ab 1964 fiel Bultmann auf Grund seiner schwächer werdenden Augen das Lesen zunehmend schwerer. Ein Privatassistent berichtete ihm jeweils über Neuerscheinungen und las ihm ausgewählte Passagen vor. Aber weiterhin schmeckten ihm Korn und Bier, seine Pfeife oder eine Brasilzigarre.

Unter den geistlichen Liedern schätze er besonders das Abendlied von Matthias Claudius „Der Mond ist aufgegangen“, das er mit seiner Frau abends gern sang.

Bultmann wurde sehr alt, viele Freunde und Gesprächspartner starben vor ihm. Auch seine Frau Helene begleitete er bei ihrem Sterben, las ihr am Krankenbett Predigten und schöngeistige Literatur vor. Sie starb 1973, 80jährig, in einer Marburger Klinik.

Zu seinem 90. Geburtstag wurde er mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland geehrt.

Am Morgen des 30. Juli 1976 verstarb er nach einigen Tagen im Koma friedlich in seinem Haus und wurde in Marburg bestattet.

Zum Abschluss der Trauerfeier sang die Gemeinde auf seinen Wunsch hin den Choral „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Das Lied hatte ihm immer viel bedeutet.

In Marburg wurde zu seinem 100. Geburtstag eine Straße nach ihm benannt. Zum Straßenschild ist ein Zusatztext angebracht: „Prof.D.Bultmann (1884-1976) suchte die christliche Botschaft gegenüber dem Wahrheitsbewusstsein der Neuzeit zu verantworten.“

 

  1. Pro und contra Bultmanns Theologie

Pro: Die Inhalte des christlichen Glaubens können nur glaubwürdig vermittelt werden, wenn sie dem modernen Weltbild unserer Zeit angepasst sind. Wir leben in einer Zeit, die von den Naturwissenschaften und der Technik geprägt ist. Die Texte der Bibel dagegen stammen aus der Spätantike, sind etwa 2000 Jahre alt. Die Menschen damals hatten ein mythologisches Weltbild, das inzwischen überholt ist.

Die Menschen glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Sie, die Menschen, existierten auf dieser Scheibe, Gott befinde sich darüber im Himmel, der Teufel unter der Erde in der Hölle. Von oben und von unten werde in das Schicksal und das Leben der Menschen in übernatürlicher Weise eingegriffen, sogar in ihr seelisches Innenleben.

Nach unserem heutigen Verständnis ist die gesamte Wirklichkeit naturwissenschaftlich erklärbar. Sie ist eine ununterbrochene Abfolge von Ursachen und Wirkungen, die von den Naturgesetzen her und erklärbar ist. Der Glaube an Wunder ist überholt.

Bultmann schreibt dazu:

„Kein erwachsener Mensch stellt sich Gott als ein oben im Himmel vorhandenes Wesen vor, ja, den ‚Himmel‘ im alten Sinne gibt es für uns gar nicht mehr. Und ebenso wenig gibt es die Hölle, die mythische Unterwelt unterhalb des Bodens, auf dem unsere Füße stehen. Erledigt sind damit die Geschichten von der Himmel- und Höllenfahrt Christi; erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken des Himmels kommenden ‚Menschensohns‘ und des Entrafftwerdens der Gläubigen in die Luft ihm entgegen.“

 

Contra: Sicher glaubt heute kaum noch jemand, dass die Erde eine Scheibe ist. Aber was bleibt denn noch vom christlichen Glauben übrig, wenn wir die Berichte über die Wundertaten Jesu streichen, und vielleicht selbst an der Auferstehung Christi zweifeln?

 

Pro: Man kann die biblische Botschaft mit einer Frucht vergleichen. Sie besteht aus einem Kern, umgeben von einer Schale. Der Kern ist Gottes Anrede an den Menschen, die alte Schale das mythische Weltbild. Gottes Anrede kann aber nur aktuell bleiben, wenn sie auch heute eine zeitgemäße Schale erhält. Die veraltete Schale darf den Charakter der biblischen Botschaft nicht verdecken.

Es ist die Aufgabe der Theologie, den davon unabhängigen Kern der christlichen Verkündigung herauszuarbeiten. Das hat Bultmann getan.

Kreuz und Auferstehung Christi müssen wir auf unsere Existenz beziehen:

Bultmann schreibt:

„Indem Gott Jesus kreuzigen ließ, hat er für uns das Kreuz errichtet: an das Kreuz Christi glauben heißt, das Kreuz Christi als das eigene übernehmen, - heißt, sich mit Christus kreuzigen lassen.

Der Auferstehungsglaube ist nichts anderes als der Glaube an das Kreuz als Heilsereignis, an das Kreuz als Kreuz Christi. Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, begegnet uns im Worte der Verkündigung, nirgends anders. Eben der Glaube an dieses Wort ist in Wahrheit Osterglaube.“

 

Contra: Das ist mir viel zu abstrakt formuliert, das trifft nicht meine religiösen Gefühle. Es passt zwar zum Johannes Evangelium, wo gesagt wird, das Wort ward Fleisch, also verkörpert in der Gestalt von Jesus.

Aber, um im Bild zu bleiben: Was bliebe, wenn die Schale untrennbar mit dem Kern verbunden wäre, wenn sie nur um den Preis des Verlustes von Kernsubstanz abzutrennen wäre?

Im Philipperbrief steht: „Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christo Jesu.“ Mit Vernunft allein ist der Kern des christlichen Glaubens nicht zu erfassen. Dazu gehören auch Herzen und Sinne, also unsere religiösen Gefühle.

Ich halte es eher mit dem Philosophen Karl Jaspers, einem Gegner der Bultmannschen Theologie. Er schrieb:
„Der Mythus ist Träger von Bedeutungen, die nur in dieser seiner Gestalt ihre Sprache haben. In mythischen Gestalten sprechen Symbole, deren Wesen es ist, nicht übersetzbar zu sein in eine andere Sprache. Sie sind nur in diesem Mythischen selber überhaupt zugänglich, sind unersetzlich, unüberholbar. Ihre Deutung ist rational nicht möglich.“

Der Mythos ist also nicht nur Schale, die ohne Schaden für den Kern beseitigt werden kann.

Nochmal Karl Jaspers: „Was wir im Blick auf Gott redlich aussagen können, weist über das unmittelbar Gesagte auf ein damit Gemeintes hinaus, das absolut unfassbar ist und deshalb gar nicht anders als symbolisch und damit gebrochen ausgedrückt werden kann.“

 

Pro: Es geht bei der Bultmannschen Lehre nicht um Beseitigung, sondern um Interpretation. Der Glaube ist nicht das Fürwahrhalten von Heilstatsachen. Er ist vielmehr die Antwort auf die christliche Verkündigung, die dem Menschen die Gnade Gottes zusagt.

Und Jesus darf nicht als eine mythische Figur missverstanden werden. Als geschichtliche Gestalt ist er der Maßstab der Verkündigung. Allerdings wird das Leben Jesu in den Evangelien sehr frei behandelt. Die Evangelisten schreiben nicht als Historiker, sondern stellten das, was sie über Jesus sagen, in den Dienst der Verkündigung. Ob oder wie Jesus in seinem Tod einen Sinn gefunden hat, können wir nicht wissen. Die Möglichkeit, dass er zusammengebrochen ist, darf man nicht verschleiern.

 

Contra: Das widerspricht allerdings dem Kern meiner christlichen Grundüberzeugungen, die ich im Glaubensbekenntnis gern spreche:

Ich glaube an Jesus Christus, gekreuzigt, gestorben und begraben, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel…“

 

Pro: In der Tat sind die Berichte über die körperliche Auferstehung Christi Legende, also fromme Literatur. Die Auferstehungsberichte sind legendenhafte Konkretisierung des Glaubens der ersten Gemeinde an den Auferstandenen, daran nämlich, dass Gott den Gekreuzigten zum Herrn erhöht hat. Die Erhöhung Jesu ans Kreuz ist zugleich die Erhöhung in die himmlische Herrlichkeit, das ist die Erkenntnis des Osterglaubens.

Vielleicht könnte man auf die Rezitation des Glaubensbekenntnisses im Gottesdienst überhaupt verzichten.

Vielleicht sollte man ein neues Glaubensbekenntnis formulieren, aber damit wäre wieder die Gefahr verbunden, dass Hörer und Sprecher denken würden, es seien Sätze, die sie für wahr halten müssten. Damit wäre wieder der Glaube mit einem Für-wahr-halten verwechselt.

Insofern  sollte man wohl doch im Gottesdienst ruhig das alte Glaubensbekenntnis weiter sprechen, denn kaum jemand fühlt sich verpflichtet, alle seine Aussagen wörtlich für wahr zu halten.

Es kommt für mich auf die Grundsubstanz der biblischen Mythen an, auf den Kern also:

Ich erfahre mich als abhängig von Gott und als befreit durch Gott in Christus. Ich verstehe mich als beschenkt und begnadigt. Ich bin bejaht, ich darf vertrauen; ich bin zur Liebe berufen.

 

Contra: Das ist alles zwar sehr rational formuliert und kann wahrscheinlich für einige Intellektuelle den christlichen Glauben akzeptabler machen. Ich halte es aber eher mit dem Theologen Paul Tillich, der formulierte:
„Religiöse Symbole vermitteln durch ihr Teilhaben am Heiligen die Erfahrung des Heiligen an Dingen, Personen und Ereignissen; eine Erfahrung, die durch keine Erkenntnis vermittels philosophischer oder theologischer Begriffe ersetzt werden kann. Ein Glaube allerdings, der seine Symbole wörtlich versteht, wird zum Götzenglauben. Der Glaube aber, der um den symbolischen Charakter seiner Symbole weiß, gibt Gott die Ehre, die ihm gebührt.

Es gibt keinen Ersatz für Symbole und Mythen, sie sind die Sprache des Glaubens.“

 

Rudolf Bultmann hat zwar wertvolle Denkanstöße gegeben in dem Sinne, dass wir nicht mehr - wie viele Gläubige in früheren Zeiten - jedes Wort der Bibel als wörtlich von Gott inspiriert aufnehmen. Vieles ist sicher symbolisch gemeint und überhaupt nicht wörtlich zu verstehen. Aber seine Theologie erscheint mir wie ein gigantisches Abrissunternehmen an christlichen Glaubensüberzeugungen. Wenn allerdings andere darin ihr religiöses Selbstverständnis finden, ist das sicher legitim. Das wird auch heutzutage nicht mehr bestritten, wie es zu Lebzeiten Bultmanns in heftigster Weise geschah.

Rolf Polle

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Gustav Heinemann

Apostelandacht zu Gustav Heinemann, gehalten am 17.11.2013

Biografie

Gustav Heinemann hat wie kaum ein anderer in seinem Leben christliches und politisches Engagement verknüpft. Und er hat, meine ich, darin vor-bildlich gelebt. In einer Biografie wird behauptet, er war „die Inkarnation, (also die Verkörperung) des protestantischen Pflichtethos“.

Wer war also dieser Mann?

Ein Jahr nach der Geburt von Gustav Walter Heinemann am 23. Juli 1899 zog die Familie in die Industriemonopole Essen. Dieser Stadt blieb Gustav Heinemann bis zum Ende seines Lebens verbunden.

Sein Vater Otto Heinemann fing bei Krupp zunächst als Assistent an und diente sich bis zum Prokuristen hoch. So lebte der kleine Gustav zusammen mit seinen zwei jüngeren Brüdern in einer klassischen Aufsteigerfamilie.

Die Familie erzog ihn zu selbstbewusstem Denken, zu Standhaftigkeit und einem eigenen Willen, gänzlich untypisch für die damalige Kaiserzeit.

Im Mai 1917 bestand Heinemann das Notabitur und wurde Rekrut. Doch er wurde krank, musste ins Lazarett und war anschließend nicht für den Krieg verwendungsfähig.

Danach studierte er Rechts- und Staatswissenschaften in Münster und später in Marburg, wurde Mitglied der deutsch-demokratischen Studentengruppe, die sich als linksliberal verstand.

In den Jahren 1921 und 1922 promovierte er in Volkswirtschaft und legte das erste juristische Saatsexamen ab, trat anschließend in eine renommierte Essener Anwaltskanzlei ein, begann eine Tätigkeit als Justiziar und Prokurist bei den Rheinischen Stahlwerken.

1926 heiratete er Hilda Ordemann, Tochter eines Bremer Getreidekaufmanns. Das Paar bekam vier Kinder.

Bis zur Eheschließung war Heinemann nicht mehr als ein Taufscheinchrist. Erst die Begegnung mit einzelnen aufrechten Christen und deren gelebter Glaube weckten sein Interesse. Hinzu kam der Einfluss seiner Frau Hilda. Sie hatte zunächst Germanistik und Geschichte, später auch Theologie bei Rudolf Bultmann studiert. Zusammen mit ihr besuchte Gustav Heinemann die Gottesdienste ihres Gemeindepastors. Heinemann faszinierte, wie der das Evangelium so realistisch interpretierte, dass seine Zuhörer darin ihre eigene Situation erkannten. Auch die praktische Arbeit dieses Pastors beeindruckte ihn zutiefst. Der Pfarrer verarztete Bergbaukumpels und kümmerte sich um die Bedürftigen. Heinemann schrieb später, dass dieser Geistliche für ihn zum eigentlichen „Wegbereiter zum Verständnis des Evangeliums“ wurde.

Dieser Pastor überzeugte ihn auch von der Notwendigkeit einer evangelischen politischen Partei. 1930 wurde er schließlich Mitglied im „Christlich-Sozialen Volksdienst“. Als Hauptaufgabe definierte diese Partei die „Erneuerung des öffentlichen Lebens aus dem Geiste des Evangeliums“.

Jetzt wurde das Christentum für Heinemann zur neuen bestimmenden Größe seines politischen Denkens und blieb es bis zuletzt.

Er schrieb: „Christsein ohne Dienst ist wie ein Baum ohne Frucht. Darum gehört auch die Mitverantwortung für die bürgerliche Gemeinde und ihre Gemeinschaften in Dorf, Stadt und Staat, Parteien, betrieblichen und Berufsverbänden zum Dienstbereich eines Christen.“

Nach der Machtergreifung der Nazis zog sich Gustav Heinemann aus der Politik zurück.

Aber an der innerkirchlichen Opposition gegen die NS-hörige Reichskirche beteiligte er sich, war Mitglied im Bruderrat der Evangelischen Bekenntnissynode im Rheinland und gehörte damit zum engeren Führungskreis der Bekennenden Kirche.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Heinemann als Vorstandsmitglied eines kriegswichtigen Rüstungsbetriebs vom Dienst an der Front freigestellt.

Nach Kriegsende empfand er eine innere moralische Notwendigkeit, eine persönliche Mitverantwortung für das Leid der vergangenen zwölf Jahre zu übernehmen. Aus dieser Haltung heraus beteiligte er sich an der Erarbeitung der „Stuttgarter Schulderklärung“ des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands vom Oktober 1945. Die Unterzeichner bekannten sich stellvertretend zu einer „Solidarität der Schuld“ aller Deutschen, die „unendliches Leid über die Völker und Länder“ gebracht hatten. Das war sein zentrales Motiv für seine spätere Ablehnung einer Wiederbewaffnung Westdeutschlands.

Und Heinemann beteilige sich an der Gründung der CDU.

Er wurde zum Oberbürgermeister Essens gewählt, dann zum nordrhein-westfälischen Landtagsabgeordneten und zum Justizminister berufen.

Mittlerweile war er auch zum Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt worden.

Nach der ersten Bundestagswahl forderten die evangelischen CDU-Abgeordneten von Konrad Adenauer, Heinemann zum Bundesminister zu ernennen.

„Ich war ihm als Person oder als Fachmann für das Innenministerium längst nicht so wichtig wie als Stimmenfänger für den evangelischen Teil. Ich sitze locker genug im Sattel, um heruntersteigen zu können; denn der Ehrgeiz packt mich nicht.“

1950 bot Bundeskanzler Adenauer den Alliierten die Beteiligung deutscher Divisionen an einer europäischen Armee an. Heinemann war strikt dagegen und trat zurück.

Nach weiteren scharfen innerparteilichen Auseinandersetzungen trat Heinemann schließlich 1952 auch aus der CDU aus.

Aus der FDP heraus wurde Heinemann danach polemisch attackiert als „verblödeter bürgerlicher Intellektueller“.

In der CDU politisch isoliert, von der FDP verspottet und von der SPD gemieden war Heinemann schließlich zu einem „politischen Alleingänger“ geworden.

Auch aus den Gremien der evangelischen Kirche schlug Heinemann offene Kritik, ja Hass entgegen. Er schrieb 1954 an seinen Freund Helmut Gollwitzer:

„Lieber Helmut, hier ist es mir zum ersten Mal ekelhaft geworden, ekelhaft um deswillen, weil dieses Erlebnis tief in Kreis derer hineingreift, die die Bruderschaft in Christo proklamieren und Kirchentag machen. Das stecke ich nicht so in die Tasche wie das Benehmen von Bergbau, Stadtverwaltung und Christlichen Demokraten.“

1955 wählte ihn die Synode der EKD als Präses ab.

In dieser Situation gründeten Gustav Heinemann und andere Unzufriedene im Dezember 1952 eine neue Partei, die „Gesamtdeutsche Volkspartei“.

Im Mittelpunkt des Programms stand der Leitgedanke des Friedens, des Ausgleichs zwischen West und Ost, des christlichen Sozialismus und eines solidarischen Miteinanders.

Doch nach der verheerenden Wahlniederlage 1953 war allen Beteiligten klar, dass die Partei vor dem Aus stand. Letzter Ausweg schien nur die Annäherung an die SPD.

Heinemann tat sich zunächst schwer damit, Sozialdemokrat zu werden.

Die Kernfrage an die SPD blieb für Heinemann:

„Kann die Partei ein positives Verhältnis zum Christentum finden, so dass insbesondere endlich auch der christliche Arbeiter ein volles Vertrauen zu ihr gewinnen könnte?“

Heinemanns Integration in die SPD und sein innerparteilicher Aufstieg gingen schließlich bemerkenswert schnell vonstatten. 1957 wurde er Bundestagsabgeordneter. Sofort wurde er in den Fraktionsvorstand gewählt, und 1958 auch in den Parteivorstand.

Im Jahr 1959 verabschiedete die SPD auf einem außerordentlichen Parteitag in Bad Godesberg ein neues Grundsatzprogramm. Das „Godesberger Programm“ war für viele das lang ersehnte „Signal eines Wandels“ von der Klassenpartei zur Volkspartei.

Das maßgeblich von Heinemann erarbeitete Kapitel über ‚Religion und Kirche’ sorgte für hitzige Diskussionen auf dem Parteitag. Die SPD bekannte sich darin zur „Zusammenarbeit mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften im Sinne einer freien Partnerschaft.“

Im Herbst 1966 scheiterte die CDU/FDP-Bundesregierung. In der neu gebildeten großen Koalition zwischen CDU und SPD erhielt Gustav Heinemann das Justizministerium.

Unmittelbar nach dem Amtswechsel machte sich Heinemann an eine grundlegende Reform des Strafgesetzbuches.

Einer der Schwerpunkte der Reformen war die Revision des Sittlichkeitsstrafrechts.

Gestrichen wurden Straftatbestände wie Ehebruch und des gleichgeschlechtlichen Umgangs unter Erwachsenen.

Gleichfalls verschwanden die Vorschriften über die Ungleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern, das Verbot der künstlichen Samenübertragung und der sogenannten unzüchtigen Zurschaustellung (strip-tease).

Heinemann setzte auch die Aufhebung der Verjährungsfrist für nationalsozialistische Mordtaten durch. Sie wäre sonst am 31.12.1969 eingetreten.

Eine SPD-Kommission unter der Leitung von Willy Brandt empfahl dann 1968 die Nominierung von Gustav Heinemann als Kandidaten zur Wahl des Bundespräsidenten.

Brandt begründete:

„Heinemann ist ein erfahrener, ein überzeugungstreuer und gerechter Mann. Ein Mann des Rechts und der Gerechtigkeit, von dem gesagt wird, er leuchte vor Integrität. Jedenfalls ist die Unbestechlichkeit des Urteils bei ihm in besonderem Maße vereint mit liberaler Gesinnung und der Fähigkeit zur Toleranz. Dieser Mann – davon bin ich überzeugt – wird als Bundespräsident ein würdiger, überzeugender Repräsentant unseres Staats nach innen und außen sein. Aufgeschlossen für diese Zeit und Notwendigkeit.“

Die Wahl zum Bundespräsidenten blieb für Heinemann „die große Unbegreiflichkeit“ in seinem Leben.

„Das hätte nach meinem politischen Konflikt 1950 mit Bundeskanzler Dr. Adenauer und den Auseinandersetzungen in den nachfolgenden Jahren schlechthin niemand auch nur zu denken gewagt.“

Heinemann wollte ein „Bürgerpräsident“ sein. Er wollte das Amt „in einer weniger steif-zeremoniellen Weise wahrnehmen“, um dadurch zu bewirken, „dass auch andere zu staatsbürgerlichem Selbstbewusstsein kommen.“ Sein Ziel sei es, „das Autoritäre, das sich für manche mit der Vorstellung von diesem Amt verbindet, wegzuräumen.“

Bundespräsident Heinemann gelang es, die Beziehungen Deutschlands zu den ehemaligen Kriegsgegnern im Westen Europas nachhaltig zu verbessern.

Bei seinen Versöhnungsreisen nach Holland, Dänemark, Schweden und Norwegen  unterzog er sich „einem sorgfältig geplanten und mit den Gastgebern abgestimmten Bußritual, um einer Versöhnung zwischen den Völkern den Weg zu bahnen.“

Innenpolitisch wollte Heinemann vor allem ein Ansprechpartner der Bürger sein – eine Art „Bundesklagemauer“, wie er es selbst nannte. Aus diesem Verständnis heraus suchte er insbesondere den Kontakt zu der jüngeren Generation, die damals mit Demonstrationen und Protestaktionen für gesellschaftliche Unruhe sorgte. Die rebellische Jugend nahm die Einladung des „APO-Opas“ Heinemann an. Für zahlreiche unter ihnen wurde der Bundespräsident sogar zu einer Art Integrationsfigur, einem Symbol eines neuen Konsenses.

Heinemanns besondere Aufmerksamkeit galt auch den verschiedenen Randgruppen in der deutschen Gesellschaft. In seiner Abschiedsrede betonte er:

„Die großen und an Zahl leider zunehmenden Gruppen der körperlich und geistig Behinderten sind eine Aufgabe für uns alle, die über gesunde Glieder verfügen. Eine auf Leistung und Wettbewerb ausgerichtete Gesellschaft ist schließlich nur dann eine menschliche Ordnung, wenn sie behinderten Minderheiten volle Achtung, volle Gemeinschaft und ein Höchstmaß an Eingliederung gewährt.“

Seit dem Frühjahr 1976 hatte sich Heinemanns Gesundheitszustand rapide verschlechtert. Er litt unter zu hohem Blutdruck und Durchblutungsstörungen. Am 7. Juli 1976 starb er in seiner Heimatstadt Essen.

Gustav Heinemann – Politiker aus christlicher Verantwortung

Eine Antwort auf die Frage, wer der Mensch sei, fand Heinemann vor allem in der Bibel: „Er ist das gefallene Geschöpf Gottes, nicht fähig sich selbst zu erlösen, aber der Verheißung teilhaftig, durch Jesus Christus erlöst zu werden. Dadurch bleibt der Mensch davor verschont, im Staat oder in ethischen oder technischen Entwicklungen der Wegbereiter zu einem Paradies der Gerechtigkeit oder des ewigen Friedens zu sehen.“

Zum anderen sei er davor bewahrt, einen Mitmenschen abzuschreiben.

„Es gibt kein lebensunwertes Menschenleben, das wir auslöschen dürften. Es gibt keinen Leugner Christi, dem wir, etwa aus politischer Gegnerschaft, die Bezeugung Jesu Christi versagen dürften. Christus ist auch nicht gegen Karl Marx oder die Bolschewisten, sondern für sie wie für uns alle gestorben.“

Entsprechend der christlichen Lehre war Heinemann davon überzeugt, dass sich der Mensch nicht grundsätzlich ändern könne:

„Wir sind verwoben in die Schöpfung einschließlich ihrer Gefallenheit, um es biblisch auszudrücken.“

Stets betonte er, dass er „an die endgültige Veränderung des Menschen oder an eine absolut ideale Welt“ nicht glaube. Stattdessen werde es immer nur „relative Fortschritte“ geben.

Obwohl Heinemann von der „Gefallenheit“ und der „Sündhaftigkeit“ des Menschen ausging, war sein Menschenbild jedoch frei von jeglichem Zynismus. Heinemann glaubte an die Einsichts- und Lernfähigkeit des Menschen und leitete daraus die Forderung ab, dass niemand aus der Zumutung entlassen werden dürfe, für die Konsequenzen seines eigenen Handelns gerade zu stehen. Heinemann hielt daran fest, dass der Mensch nicht nur – im Gegensatz zum Tier – vernunftbegabt sei, sondern, dass der sich auch als einziges Wesen „verantwortungsbewusst fühlen“ bzw. zumindest „verantwortlich gemacht werden“ könne.

Entsprechend war Heinemann von der menschlichen Fähigkeit zum „freien Willen“ überzeugt, wissend, dass dieser in letzter Konsequenz auch zu Katastrophen wie Auschwitz führen kann. Jedoch seien die Menschen nun mal nicht „Gottes Marionetten“. Gott lasse jedem „eine eigene Entscheidung offen.“ Daher sei Auschwitz eben auch keine „Tat Gottes, sondern eine Tat von Menschen, die aus eigener Entscheidung handelten.“ Trotz allem, so war sich Heinemann sicher, bleibe „Gottes Weltregiment, auch wenn Mitspieler ausscheren.“

Letztendlich, so Heinemann, habe sich der Mensch vor dem ewigen Weltenrichter zu verantworten. Dieser sei eine Realität „in dem Sinne, dass er als Person uns fordert und die Missachtung seiner Forderung auch und gerade Folgen auslöst, die wir zu verantworten haben.“ Gott, so mahnte er, ließe sich nun mal „nicht spotten“. Der Glaube daran war für Heinemann nicht zuletzt Grund seines verantwortungsethischen Handelns im Dritten Reich. Es konnte nicht gut gehen, wie Hitler und Konsorten sich benahmen, weil sie Gott verspotteten. Heinemanns Meinung nach entband die „Gefangenheit“ und „Befangenheit“ des Menschen bzw. sein Wissen, „dass es ihm nicht verheißen ist, da völlig herauszutreten“, keinesfalls seiner Verantwortung vor Gott.

Für Heinemann stand fest, dass, so sehr es auch zutreffe, „dass diese Welt vergeht“, der Mensch doch darin mitzuwirken habe, „solange sie besteht“ – „freilich nicht in der Meinung, das Paradies zu entwickeln, wohl aber, sie in Ordnung zu halten und das Leben der Menschen mit den Mitteln der Natur und des menschlichen Verstandes zu verbessern.

„Insbesondere gehört der Kampf gegen Hunger und Krieg dazu, und das gerade aus der Verbundenheit mit dem einzigen Herrn der Welt, der einmal alle Herren ablösen wird.

Über die Aufgabe des Staates sagt das Neue Testament, dass der Staat ein Doppeltes tun soll. Er soll dem Chaos wehren, das der Mensch immer wieder heraufzuführen bestrebt ist, und er soll das Gute fördern und der Gemeinschaft dienen. Er ist gesetzt ‚zur Rache über die Übeltäter und zu Lobe den Frommen’ (1. Petr. 2,14). Dem Chaos wehren heißt: öffentliche Ordnung halten, Übeltäter strafen, Angreifer zurückschlagen, kurzum den Bürger in seiner Existenz und Lebensgebarung schützen. Die Gemeinschaft fördern heißt. Für Gerechtigkeit sorgen, das Schöne und Gute entfalten helfen und es stärken, der Jugend eine Bahn öffnen, den Hilflosen helfen und manches Ähnliche.“

Als vornehmstes Mittel, mit dem der Staat seine Aufgabe durchzuführen habe, benannte Heinemann die Schwertgewalt.

„Sie steht hinter allem, was der Staat tut. Der Staat befiehlt und erzwingt Gehorsam. Kein Bürger darf dem anderen etwas nehmen; kein Bürger darf den anderen seiner Freiheit berauben; kein Bürger darf den anderen töten, - aber der Staat darf es und er tut alles solches im Namen des Rechtes. Nur er tut solches recht; deshalb sagen wir: Der Staat hat das Monopol der legitimen Gewalt. In dieser Schwertgewalt liegen Hoheit und Würde des Staates begründet. Sie macht alle Obrigkeit zu dem Stück Gottesordnung, der wir nach neutestamentlicher Lehre Ehrerbietung, Fürbitte und tätige Mitverantwortung nach dem Maße unserer persönlichen Gaben schuldig sind: ‚Fürchtet Gott`, ehret den König!’ (1. Petr.2,17).“

Ganz bewusst stand Heinemanns Neubewertung des Staates in deutlichem Widerspruch zum patriarchalischen Staatsverständnis der älteren lutherischen Lehre. Bezugnehmend auf den Paulusbrief ‚Römer 13’ hatte sie den Staat stets als Stiftung Gottes verstanden, dem von seinen Untertanen unbedingter Gehorsam zu leisten sei. Heinemann interpretierte Römer 13 hingegen im Sinne Karl Barths nicht als Aufforderung , „der Obrigkeit Unterordnung“ zu schulden, sondern „im Sinne einer tätigen Mitverantwortung, im Sinne einer aktiven Einbindung in das öffentliche Leben.“ Der Staat müsse von der demokratischen Verantwortungsbereitschaft und der Mitarbeit seiner Bürger leben. Der Ruf zur öffentlichen Verantwortung verdichtete sich geradezu zu einem „Ruf auch in die politische Verantwortung des Christen, d.h. zur Mitarbeit in Betriebsräten, Gewerkschaften, Parteien, Parlamenten und Regierungen.“

Letztlich leitete Heinemann aus dem Postulat „Christus ist der Herr der ganzen Welt, nicht nur seiner Gemeinde – er ist der König aller Könige und Herr aller Obrigkeiten“ den Zusammenhang zwischen dem christlichen Glaubensbekenntnis und der Verpflichtung zu politischer Mitarbeit im Staat her.

Ich wünschte mir, auch die politisch Verantwortlichen unserer Tage würden sich mehr an diesem christlich geprägten Menschenbild Gustav Heinemanns in ihrer täglichen Praxis orientieren.

Rolf Polle

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Korbinian Aigner

Apostelandacht zu Korbinian Aigner, gehalten am 15. September 2013

Es war zur Gründerzeit des Deutschen Reiches unter Kaiser Wilhelm I – in Bayern herrschte Landesfürst und Märchenkönig Ludwig II – als Korbinian Aigner am 11. Mai 1885  als ältester Sohn auf dem elterlichen Bauernhof in Hohenpolding/Bayern geboren wurde. Kindheit und Jugendzeit auf dem größten Anwesen des Dorfes teilte er mit 10 Geschwistern, 6 Schwestern und 4 Brüdern. Ich denke mir, dass für den heranwachsenden Korbinian auf den Obstwiesen und Feldern des Hofes die Liebe zur Schöpfung zum Selbstverständnis wurde.

Für seinen Wunsch, Priester zu werden, hatte er schließlich die Zustimmung der Eltern erhalten. Er verzichtete damit als ältester Sohn auf sein Erbteil und wurde Zögling im erzbischöflichen Knabenseminar des Dom-Gymnasiums in Freising. Das Abitur legte er 1906 im Münchener Luitpold-Gymnasium ab. Vielleicht hatte die Vielfalt von angebotenen Äpfeln auf dem Münchener Viktualienmarkt den Gymnasiasten zum Zeichnen angeregt. Aus dieser Zeit stammen jedenfalls seine ersten, naturgetreuen Zeichnungen verschiedener Apfelsorten.

Im Priesterseminar in Freising gehörten landwirtschaftliche Kurse zum Theologiestudium. Korbinian Aigner liebte diesen Unterricht und begeisterte sich für den Obstanbau und besonders für die Apfelzucht. Die Arbeit mit Äpfeln wurde ihm zum Dienst an der Schöpfung. Zur ersten Weihe/Primitz im Sommer 1911 wurde zu Ehren des Jungen Priesters auf dem Poldinger Hof, den nach dem Tod des Vaters der Bruder Simon übernommen hatte, ein großes Fest gefeiert.

Bis zur Festanstellung als Pfarrer, erst 20 Jahre später, unterrichtete K. Aigner als Lehrer in einem Knabenseminar Zeichnen und Turnen.  Es war ihm wichtig, dass die Kinder zum Lesen angehalten wurden und eine solide Bildung erhielten. An verschiedenen Orten unterstützte er als Koadjutor (Hilfspfarrer) ältere Pfarrer bei der Gemeindearbeit.

Neben seinen geistlichen Aufgaben traf er mit seiner Leidenschaft für den Obstanbau und die Liebe zur Natur auf großes Interesse bei der Landbevölkerung. Das Bewahren der Schöpfung war zu seinem Lebensprinzip geworden.  Wie jedes Pfarrhaus, so hatte auch jedes Anwesen damals einen Garten mit Obstbäumen und Gemüse zur Selbstversorgung. Der Pfarrer gab Anstoß zum Anlegen von Gemüsegärten und der Pflegen und dem Veredeln der Obstbäume. Mit einem Freund hatte er schon 1908 den Hohenpoldinger Obstbauverein gegründet. Mitglieder zahlten 60 Pf. Jahresbeitrag.Mit einem Staatszuschuss von 1000 Mark gelang es ihm, in seinem Heimatdorf Hohenpolding die erste vereinseigen Kelterei Bayerns/den „Mostkeller“ einzurichten.

Aus geistlicher Sicht hatte man Vorbehalte gesammelt gegen den Pfarrersgehilfen. Es hieß dort, er sei mehr Pomologe als Theologe; versammle die Dorfjugend statt zum Beten zum Bäume-Pflanzen um sich; er schiele zu sehr nach dem Weiblichen.’

Als beliebte und geachtete  Persönlichkeit bekam Pfarrer Aigner schließlich doch die Genehmigung des Erzbischofs, sich in den Vorsitz des Obst- und Gartenbauvereins in Oberbayern wählen zu lassen. Im August 1931 wurde K. Aigner zum Pfarrer ernannt  und erhielt  mit 46 Jahren eine eigene Pfarrstelle in Sittenbach.

Ein kurzer Rückblick:

1918 war der 1. Weltkrieg zu Ende gegangen und 1919 die Weimarer Republik als erste demokratisch-parlamentarische Staats- und Regierungsform in Deutschland gegründet. Die Nationalsozialisten trieben bereits ihr Unwesen. Als Geistlicher und als politisch handelnder Bürge interessierte sich Pfarrer Aigner auch für das tagespolitisches Geschehen. Schon 1916 war er in die Bayerische Volkspartei (BVP) eingetreten.

Bei einer Versammlung der NSDAP in München 1923 hörte der Pfarrer Adolf Hitler reden. Und  war zutiefst beunruhigt über die gemeine Sprache, das Fehlen jeglicher Moral und den Hass  auf  Juden, Kommunisten und katholische Geistliche. Er erkannte die Gefahr sofort, die von diesem Mann und dessen Anhängern für die Menschen und die politische Zukunft des Landes ausging und wurde zum konsequenten Gegner des Regimes. In seinen Predigten sprach  Pfarrer Aigner offen von der wachsenden Bedrohung und weigerte sich, Kinder auf den Namen ‚Adolf’ zu taufen. 1936, zum Friedensappell, ließ er die Glocken nicht läuten und die Hakenkreuzfahne durfte in seiner Kirche nicht gehisst werden:

„Damit ihr nicht auf schiefe Gedanken kommt, möcht ich Euch mitteilen, dass die Fahne nicht geweiht ist und nicht in die Kirche gehört.“

Es wurden Geldstrafen gegen ihn verhängt.

„’Ich wollte kein stummer Hund sein’ _ und ich war’s nicht.“

 

Diese überlieferte Aussage des Pfarrers – vermutlich angelehnt an die Bibelstelle im Alten Testament, die wir vorhin gehört haben – kennzeichnet seine Haltung auch im weiteren Verlauf seines Lebens. Dieser unbeirrbare Pfarrer passte den kirchlichen Vorgesetzten nicht ins Konzept. Aigner stand gegen den Zeitgeist und die offizielle Politik der katholischen Kirche, die sich mit den NS arrangierte hatte. 

1939 wurde Pfarrer Aigner daher nach Hohenbercha/Landkreis Freising strafversetzt. Die Dorfbevölkerung konnte beobachteten, wie er mit Obstbäumen, Hühnern und Tauben Einzug hielt im neuen Pfarrhaus. Es schien so, als käme er endlich an, in seine Landschaft, in eine der schönsten Kirchen der Gegend. Dieser Gemeinde wird er bis zu seinem Tod treu dienen. Doch es kam erstmal ganz anders.

Am 1. September 1939 hatte mit dem deutschen Überfall auf Polen der 2. Weltkrieg begonnen. Ein fehlgeschlagener Attentatsversuch auf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller am 8. 11. 1939 schlug hohe Wellen im Freisinger Land. Bei dieser Tat durch den Regimegegner Georg Elser starben 8 Menschen; 64 wurden  verletzt.

Pfarrer Aigner nahm am Tag danach im Religionsunterricht in der Schule in Hohenbercha das 5. Gebot ‚Du sollst nicht töten’ durch und ging dabei auf das Geschehen in München ein. Eine Aushilfslehrerin fragte danach die Schüler aus und denunzierte den Pfarrer bei dem NSDAP-Ortsgruppenleiter, bezeichnete Religionslehrer Aigner als Vaterlandsverräter. Nachforschungen durch Staatspolizisten (die Gestapo) in Hohenbercha, die nun begannen, fanden das Pfarrhaus leer vor, denn Pfarrer Aigner hatte sich auf den Weg zur nächsten Dienststelle der Polizei gemacht, um klar zu stellen, was er im Unterricht mit den Kindern besprochen hatte:

 

„In der Oberabteilung 5., 6. und 7. Klasse stand das 5. Gebot – Du sollst nicht töten – zur Behandlung. Dies war eigentlich die Ursache, dass wir auf das Attentat in München zu sprechen kamen. Als vom Mord die Rede war, haben verschiedene Kinder „in München“ geflüstert. Ich habe gefragt, wisst Ihr das schon, worauf ich zur Antwort bekam, dass es im Radio schon gekommen sei. Ich habe diese Tat als großes Verbrechen charakterisiert und sagte, dass dies wahrscheinlich schon lange vorbereitet war und so vielen das Leben gekostet habe; wenn der Führer drinnen gewesen wäre, so hätte es ihm wohl auch das Leben gekostet. Darum ist das Verbrechen umso größer.

Wenn der Täter die Tat vollbrachte in der Überzeugung, dass er mit dem Tod einiger das Leben von Millionen retten könnte, ob dann die Sünde auch noch so groß wäre, ist noch fraglich. Wir sehen in das Gewissen des Täters nicht hinein, darüber können wir nicht urteilen. Man muss sich in die Gedanken des Täters hineindenken können. Mord ist nicht immer gleich Mord, es kommt auf die Umstände an, unter denen er geschehen ist.“

Er wurde am 22. 11. 39 festgenommen und zu 7 Monaten Gefängnis in der Münchener Haftanstalt Stadelheim verurteilt. Man warf ihm vor, gegen das 1934 erlassene ‚Heimtückegesetz’ verstoßen zu haben. Beweise hatte man dafür nicht gefunden.

Vielen Regimegegnern ging es damals so wie dem Pfarrer: Nach einem für die damalige Zeit verhältnismäßig milden Urteil und kurzen Haft im Gefängnis folgte die Überführung in ein Konzentrationslager. Zuerst nach Sachsenhausen, dort überlebte er nur knapp eine Lungenentzündung

Ab Oktober 1941 kam Pfarrer Aigner im KZ Dachau in den so genannten ‚Priesterblock’ Damals wurden inhaftierte Geistliche aus allen anderen Lagern im KZ Dachau zusammengefasst. Ich fand dazu Zahlen im Internet: Von den insgesamt 200 000 Gefangenen dort waren es 2.580 katholische Pfarrer, vor allem aus Polen, und 109 evangelische Pastoren.

Korbinian Aigner leistete Zwangsarbeit  in der Landwirtschaft der „Deutschen Versuchsanstalt für Gewürzpflanzenbau“, einem SS. Betrieb im Lager, der eine öffentliche Verkaufstelle für Kräuter und Gewürze unterhielt. Ein wichtiger Ort für die Inhaftierten, die schwer arbeiten mussten und härtesten Demütigungen ausgesetzt waren.

Bei meiner Recherche für diesen Text habe ich überrascht festgestellt, dass dieses Konzentrationslager keineswegs so hermetisch abgeschlossen war, wie ich mir das von solchen Lagern vorgestellt habe. Ein ehemaliger Ministrant Aigners berichtete, dass sie Äpfel ins Lager geschmuggelt hatten „und als sie mit der Sortenbestimmung auf einem Zettel wieder zurückkamen, wussten wir, dass er noch lebt.“ Die Verkaufsstelle der Versuchsanstalt, die ich oben erwähnte, hatte sich eine mutige junge Frau, Kandidatin des Ordens der Armen Schulschwestern, namens Josefa Imma Mack, als Umschlagplatz gewählt für illegale Post ins KZ hinein und hinaus. So schmuggelte sie unter Lebensgefahr vor allem Lebensmittel und liturgisches Gerät in das Lager und hauptsächlich Briefe hinaus. Und einmal ein Päckchen aus braunem Packpapier, in dem sich Pflanzensetzlinge befanden, von Aigner gezogen und für Hohenbercha bestimmt.

Korbinian Aigner gelang es, heimlich aus Apfelkernen neues Leben zu züchten: Für jedes Jahr seiner Gefangenschaft im KZ Dachau eine Apfelsorte; und er gab ihnen die Bezeichnung ihres Entstehungsortes: KZ 1 – KZ 2 – KZ 3 – KZ 4. Gegen alle Bedrängnis und Bedrohung setzte er einen stillen, zarten Widerstand wie Gebete im Dienst an der Schöpfung.

Im April 1945 wurde die Evakuierung des Lagers befohlen. Damals war eine Typhusepidemie ausgebrochen und die etwa 10.000 völlig entkräfteten Dachauer Häftlinge wurden in Richtung Südtirol getrieben. Viele kamen dabei ums Leben. Korbinian Aigner gelang bei Aufkirchen am Starnberger See die Flucht. Nonnen eines nahe gelegenen Klosters versteckten ihn vor der SS. Die Amerikaner befreiten das Lager Dachau kurze Zeit später und nun kehrte Pfarrer Aigner mit 60 Jahren zurück in seine Pfarrei in Hohenbercha, die in der Zwischenzeit von der Nachbargemeinde seelsorgerisch betreut worden war. Aigner arbeitete wieder als Pfarrer und nahm auch seinen Vorsitz im Bayerischen Landesverband für Obst- und Gartenbau wieder auf.

Über die Zeit seiner Haft hat er wohl nie gesprochen. Bei der Arbeit in seinem großen Obstgarten trug er bei schlechtem Wetter den zerschlissenen Mantel seiner Dachauer Häftlingskleidung, in dem er auf der Flucht die Setzlinge seiner Apfelsorten bei sich gehabt hatte, um sie in seinem Garten zu neuem Wachstum einzupflanzen.

Korbinian Aigner starb 1966 mit 81 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Der Mantel wurde auf den Sarg gelegt und mit ihm begraben. Er hatte es sich so gewünscht.

Seine „Poesie der Landwirtschaft“, wie Korbinian Aigner den Obstbau nannte – lebt weiter im Freisinger Land, in den ungezählten Apfel- und Birnenbäumen an Alleen, auf Obstwiesen und Plantagen und erinnern an ihn.

1985 zum 100. Geburtstag des Pfarrers wurde die Apfelsorte KZ 3 umbenannt in Korbiniansapfel.

Hannelore Bauer

mehr lesen...

 

Apostelandacht zu Paul Tillich

Apostelandacht zu Paul Tillich, gehalten am 24. März 2013

„Wenn ich schlecht drauf bin, gehe ich ins Kino, doch wenn ich ernsthafte Sorgen habe, gehe ich zu Tillich.“ Dieser Satz kursierte in den fünfziger und sechziger Jahren unter Theologiestudenten in den USA. Er passte zu Tillichs Konfirmationsspruch, der ein Leitmotiv seines Lebens werden sollte.

„Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Mit diesem Vers aus dem Matthäusevangelium stellte er sich auch persönlich in die Nachfolge Christi, und wir haben ihn deswegen auch auf unserem Einladungsplakat abgedruckt.

Der Deutsche Paul Tillich war also nach dem Krieg in Amerika also zur Kultfigur geworden. Wer war dieser Mann?

Paul Johannes Tillich wurde am 20. August 1886 als Sohn eines märkischen Pfarrers und einer rheinisch geprägten Mutter im brandenburgischen Starzeddel geboren. Seine Mutter starb bereits, als er 17 Jahre alt war. Dies verstärkte seine schwermütige Grundstimmung und sein ohnehin vorhandenes Interesse an Theologie und Philosophie.

Und so studierte er Theologie an den Universitäten Berlin, Tübingen und Halle.

Nach seinem theologischen Examen vertrat er zunächst einen Pfarrer in Berlin, übernahm als 23jähriger die volle Verantwortung für eine Gemeinde und studierte daneben intensiv die Werke des Philosophen und Theologen Friedrich Schelling, einem wichtigen Vertreter des deutschen Idealismus und der Romantik. Über ihn schrieb er dann auch eine philosophische Doktorarbeit.

1911 wurde er Vikar in der Stadt Nauen im Havelland und schrieb gleichzeitig eine theologische Lizentiatenarbeit, wieder über Friedrich Schelling. 1912 bestand er sein zweites theologisches Examen, wurde anschließend Hilfsprediger in Berlin-Moabit.

Hier kam er zum ersten Mal mit Menschen der unteren sozialen Schicht in Berührung. Tillich lernte hautnah das menschliche und wirtschaftliche Elend des Arbeitermilieus kennen – es war seine erste Begegnung mit dem Proletariat. Diese Eindrücke legten den Grund für seinen späteren Weg zum religiösen Sozialismus.

Nach dem Ende seiner Hilfspredigerzeit begann er 1913 die Arbeit an einer theologischen Habilitationsschrift. Er wollte eine akademische Laufbahn einschlagen.

1914 heiratete er Greti Wever, die er im Sommer 1913 kennengelernt hatte. Bekannte warnten Tillich vor diesem Schritt, weil Greti Atheistin war. Wenige Tage nach der Heirat meldete sich Tillich als freiwilliger Feldgeistlicher in den Ersten Weltkrieg. Er erlebte schwere Kämpfe mit, auch die Hölle von Verdun. Nach dieser Schlacht erhielt er Urlaub für seine Habilitation in Halle.

Anschließend arbeitete er weiter als Feldgeistlicher, erlitt Ende März 1918 einen nervlichen Schwächeanfall, was zu einem kurzen Lazarettaufenthalt führte. Im Juli wurde er schließlich in die Heimat versetzt und im Dezember 1918 aus dem Heer entlassen.

Während der Kriegsjahre wandte sich seine junge Ehefrau Greti dem Tillich-Freund Richard Wegener zu. Ein erstes Kind aus dieser Beziehung starb kurz nach der Geburt, ein zweites Kind kam bereits 1919 zur Welt. Die Scheidung von Greti  im Jahre 1921 gab ihm die Freiheit, in ein Leben zu tauchen, das er verklärend Bohème nannte. Seine Stimmung des Weltuntergangs schlug um in eine elementare Daseinsfreude und einen Hunger nach Vergnügungen. Er traf sich mit Freunden in Cafés und Bars, besuchte Bälle und Kostümfeste und geriet in erotische Abenteuer. Mit seinen Depressionen und Schuldgefühlen vertraute er sich vorzugsweise Frauen an. Auf einem Faschingsball begegnete ihm Hannah Werner, mit der sich eine qualvolle, leidenschaftliche und konfliktreiche Liebesbeziehung entwickelte. Denn Hannah war mit einem anderen verlobt, den sie auch heiratete. Nach kurzer Zeit ließ sie sich wieder scheiden und heiratete anschließend Tillich im Jahre 1924.

In diese frühe Zeit fiel auch Tillichs Entscheidung für den Sozialismus. Er begriff den Krieg als Konsequenz einer bestimmten Gesellschaftsordnung und bestimmter, damit verknüpfter Ideen.

Er schrieb: „Vielleicht wirkten auch die Prophetenworte gegen die Ungerechtigkeit und die Worte Jesu gegen die Reichen, die mich tief beeindruckt hatten – Worte, die ich in früher Jugend auswendig gelernt hatte.“

Es entstand ein Kreis religiöser Sozialisten, der von 1920 bis 1927 eine Zeitschrift herausgab, die „Blätter für  Religiösen Sozialismus“.

Tillich verlangte darin von der Kirche und ihren Vertretern eine positive Stellungnahme gegenüber dem Sozialismus und der Sozialdemokratie, und er glaubte an die Möglichkeit einer Vereinigung von Christentum und Sozialismus.

Ab 1919 bot Tillich als Privatdozent Lehrveranstaltungen an der Theologischen Fakultät an. Seine erste Vorlesung trug den Titel „Das Christentum und die Gesellschaftsprobleme der Gegenwart“. Spätere Vorlesungen befassten sich u.a. mit Religionsphilosophie, dem religiösen Gehalt und der religiösen Bedeutung der griechischen und abendländischen Philosophie, der mittelalterlichen Philosophie, den staats- und wirtschaftspolitischen Richtungen. Diese Bandbreite seiner wissenschaftlichen Tätigkeit wurde und wird bis heute selten von Theologen erreicht.

Nach fünfjähriger Tätigkeit als Privatdozent und vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurde er schließlich 1924 an die Universität Marburg berufen.

Ihn beflügelte die Idee, die Welt durch ein System des Denkens zu erobern. In seine Marburger Zeit fiel auch seine Begegnung mit der Existenzphilosophie Martin Heideggers. Er übernahm deren Denkansatz und Begrifflichkeit in seine Theologie.

1925 wurde Tillich zum Ordinarius für Religionswissenschaft nach Dresden berufen. Dresden war zu dieser Zeit eine Stadt mit höchst anregender geistig-kultureller Atmosphäre.

Tillich fühlte aber, dass Dresden für ihn auch nur ein Übergang sein konnte. So bemühte er sich schon seit 1928 intensiv darum, an der Theologischen Fakultät in Berlin eine Professur zu erhalten. Aber dort hatte man Bedenken gegen seine Theologie und lehnte ihn ab.

Schließlich entschied er sich, als Ordinarius für Philosophie und Soziologie an die Universität Frankfurt am Main zu gehen. Dort arbeitete er eng mit Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zusammen, den Gründern der sogenannten „Frankfurter Schule“.

Im April 1933 wurde er aufgrund seines Einsatzes für jüdische Studenten und wegen seiner programmatischen Schrift „Die sozialistische Entscheidung“ suspendiert. Er war der erste nichtjüdische Hochschullehrer, der dieses Schicksal erlitt.

In dieser Schrift hieß es: „Der Aufweis der Disharmonie in der bürgerlichen Gesellschaft, die Enthüllung der Klassensituation, war die größte und erfolgreichste Leistung der marxistischen Ideologielehre. Durch sie wurde das sozialistische Prinzip zu allererst erfasst, wurde das Wissen des Proletariats um sich selber geschaffen, wurde der proletarische Kampf zu weltgeschichtlicher Bedeutung erhoben. Die materialistische Geschichtsauffassung gehört darum wesenhaft und untrennbar zum Sozialismus, solange er im Kampf steht mit der bürgerlichen Gesellschaft. Aber auch darüber hinaus behält sie ihre Gültigkeit.“

Das sind für einen christlichen Theologen sicher ungewöhnliche Worte. Sie sind wohl nur aus der historischen Situation zu erklärbar. Bereits 1929 war Tillich in die SPD eingetreten, ohne jedoch nennenswerte parteipolitische Aktivitäten zu entwickeln. Er schrieb darüber:

„Nur schwer und unter dem Zwang der politischen Situation konnte ich mich entschließen, einer so verbürgerlichten Partei wie der deutschen Sozialdemokratie beizutreten.“

Im Oktober 1933 erhielt er unerwartet vom Theologischen Seminar in New York das Angebot, dort erst einmal für ein Jahr als Gastprofessor zu lehren. Tillich sagte zu und so zogen er, seine Frau Hannah und ihre siebenjährige Tochter Anfang November nach New York. Im Vordergrund stand für ihn zunächst das Erlernen der englischen Sprache, mit der Tillich bis zu seinem Lebensende Schwierigkeiten hatte.

Schnell wurde Tillich durch seine ausgedehnte Vortragstätigkeit bekannt.

In diesen Jahren rückte in wachsendem Maße die Tiefenpsychologie und ihr innerer Bezug zur Religion in Tillichs Blickfeld. Er bezog sie in sein theologisches Denken ein und konnte auf diese Weise in der Sprache der Gegenwart alte theologische Begriffe erläutern.

Ein damaliger Student Tillichs erinnerte sich später:

„Wenn Tillich in seinem gebrochenen Englisch sprach, spürte jeder von uns Hörern, dass er lebendige Wahrheiten hörte; viele von uns erlebten das ein erstes Mal.“

Nachdem sich Tillich nach Ausbruch des Krieges in verschiedenen Publikationen gegen das nationalsozialistische Deutschland ausgesprochen hatte, wurden amerikanische Regierungsstellen auf ihn aufmerksam und forderten ihn auf, an der psychologischen Kriegsführung gegen Deutschland teilzunehmen. So verfasste er für einen Rundfunksender mehr als hundert Reden mit dem Titel „an meine deutschen Freunde“.

Nach dem Krieg konnte Tillich 1948 zum ersten Mal wieder nach Deutschland reisen. Er hielt in vielen Städten Vorträge, auch bei uns in Hamburg, wo er eine Gastprofessur erhielt, aber eine dauernde Rückkehr kam für ihn nicht mehr in Frage. Eine neu aufgekommene Orthodoxie, also Strenggläubigkeit, hatte sich inzwischen breitgemacht, und man sah in der Theologie Tillichs eher eine Gefahr.

Neben vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen predigte Tillich häufig und veröffentlichte seine Predigten in mehreren Büchern. Wenn Tillich gefragt wurde, welches der beste Weg sei, in sein Denken einzudringen, antwortete er meist:

„Lest zuerst meine Predigten!“

Nach seiner Pensionierung 1955 war Tillichs akademische Laufbahn noch längst nicht abgeschlossen. Noch im Herbst desselben Jahres wurde er an die Harvard-Universität berufen; das bedeutet in den USA akademisch das Höchste, was man erreichen kann.

Seine Bekanntheit wuchs auch durch seine Vortragstätigkeit weiter.

Gemeinsame Seminare mit dem Religionshistoriker Mircea Eliade in Chicago ließen in Tillich sein Interesse an den nicht-christlichen Religionen wachsen.

Am Morgen nach seinem letzten Vortrag 1965 über „Die Bedeutung der Religionsgeschichte für den systematischen Theologen“ erlitt Tillich einen schweren Herzanfall, von dem er sich nicht mehr erholen konnte. Er starb am 22. Oktober 1965 in Chicago.

Tillichs Urne wurde auf dem Friedhof von East Hampton beigesetzt, wo die Familie ein Haus besaß.

Am Pfingstsonntag 1966 wurde seine Asche der Erde des Paul-Tillich-Parks in New Harmony im Bundesstaat Indiana anvertraut. Dort erprobten bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgewanderte Europäer genossenschaftliche Produktions- und Lebensformen, die einen christlichen utopischen Sozialismus vorwegnehmen sollten.

 

Gedanken über das Werk Paul Tillichs

Tillichs Denken ist ein Denken „auf der Grenze“. So heißt auch seine autobiografische Schrift. Sein schriftstellerisches Werk bewegte sich permanent auf der Grenze zwischen Philosophie und Theologie. Er wechselte zwischen den Fakultäten, zwischen der europäischen und amerikanischen Kultur, zwischen der Alten und der Neuen Welt.

Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Karl Barth oder Rudolf Bultmann hat er nie eine theologische Schule gebildet. Aber viele Menschen hat er mit seinen Gedanken getröstet. Er war ein Seelsorger mittels des Gedankens.

Karl Barth schaut in die Höhe empor zum Himmel und lauscht dem ewigen Wort der Dreifaltigkeit. Tillich dagegen blickt hinab in die Tiefe der Wirklichkeit und ist fasziniert von dem ständigen Wechselspiel der Geschichte. Barth ist darum bemüht, die Identität und Reinheit und Unveränderlichkeit der christlichen Botschaft zu bewahren.

Tillich dagegen will diese Botschaft neu deuten und in die veränderte Situation unserer Zeit und Welt übersetzen. Wir können mit unseren heutigen Worten sagen: Er sieht das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen als Kommunikationsprozess,

Zwar ist Gott in seiner ewigen Verborgenheit unabhängig vom Menschen, in seiner Selbstoffenbarung aber tritt er zu ihm in das Verhältnis einer freien, lebendigen Gegenseitigkeit von Person zu Person. Gott handelt, der Mensch reagiert darauf, Gott reagiert seinerseits wieder und so fort. Auf diese Weise entsteht nach Tillich eine lebendige Wechselwirkung zwischen Gott und Mensch.

Diese Wechselwirkung zwischen Gott und Mensch zeigt sich zunächst im „religiösen Erleben“. Religion ist „der Name für das Empfangen der Offenbarung“. Gott offenbart sich und der Mensch empfängt diese Offenbarung.

Die christliche Offenbarung hätte von den Menschen nicht verstanden und aufgenommen werden können, wäre sie nicht in der Religion und Kultur zurzeit Christi vorbereitet gewesen. Sie hätte dann nicht zu den Menschen gesprochen, sondern wäre ein Fremdkörper in ihrer Geschichte geblieben. So ist die Bibel sowohl ein Dokument für die Selbstoffenbarung Gottes als auch für die Art und Weise, wie Menschen diese Offenbarung aufgenommen haben. Das Ereignis, auf dem das Christentum beruht, hat zwei Seiten: das Faktum Jesus von Nazareth und die Aufnahme dieses Faktums durch die, die ihn als den Christus anerkannt haben. Das Christentum wurde nicht in dem Augenblick geboren, als der Mensch Jesus von Nazareth geboren wurde, sondern als einer seiner Jünger von ihm bekannte: „Du bist der Christus“ (Matth. 16,16). Und es wird nur so lange leben, als es Menschen gibt, die diese Aussage wiederholen.

In Tillichs Theologie geht es sehr zentral um die Rolle des Symbols im christlichen Glauben.

Religiöse Symbole sind dem Material der erfahrbaren Wirklichkeit entnommen; sie benutzen etwas Endliches, um unsere Beziehung zum Unendlichen auszudrücken.

Von Gott kann nur in indirekten, symbolischen Aussagen gesprochen werden, z.B. Gott als „Vater“. Aber es kommt darauf an, dass die Symbole nicht wörtlich verstanden und für das Göttliche selbst genommen werden. Tillich schrieb:

„Religiöse Symbole vermitteln durch ihr Teilhaben am Heiligen die Erfahrung des Heiligen an Dingen, Personen und Ereignissen; eine Erfahrung, die durch keine Erkenntnis vermittels philosophischer oder theologischer Begriffe ersetzt werden kann. Ein Glaube allerdings, der seine Symbole wörtlich versteht, wird zum Götzenglauben. Der Glaube aber, der um den symbolischen Charakter seiner Symbole weiß, gibt Gott die Ehre, die ihm gebührt.“

Tillich lehnte die Entmythologisierung der biblischen Texte ab, wenn durch sie die Mythen und Symbole als Formen religiöser Aussage überhaupt beseitigt und durch die Wissenschaften ersetzt werden sollen. Darin unterschied er sich von Rudolf Bultmann, der eine konsequente Entmythologisierung forderte. Tillich kommentierte:

„Es gibt keinen Ersatz für Symbole und Mythen, sie sind die Sprache des Glaubens.“

Die Folge einer Entmythologisierung wäre, dass die Religion ihrer Sprache beraubt und die Erfahrungen des Heiligen zum Schweigen gebracht würden.

Religion ist das Ergriffensein von etwas, das uns unbedingt angeht. Es gibt unserem Sein den letzten Sinn. Und so ist auch der Begriff „Gott“ ein Symbol für das, was uns unbedingt angeht. Er ist überall dort, wo man von etwas unbedingt ergriffen ist. Ein religiöses Moment ist dann  sogar in antireligiösen und antichristlichen Bewegungen verborgen, weil man in ihr ein unendliches Anliegen hat, etwas, das unbedingt angeht, ein Heiliges in profanem, in weltlichem Gewand. Das war der Grund, weswegen Tillich nach dem Ersten Weltkrieg die Bewegung der „Religiösen Sozialisten“ in Deutschland mitbegründete. Ihrer Meinung nach hat Gott durch die nichtreligiöse, damals sogar noch atheistische Sozialdemokratie stärker gesprochen und mehr von seinem Willen kundgetan als durch das meiste kirchliche Handeln und die meiste kirchliche Frömmigkeit zur gleichen Zeit.

Tillich schrieb idealistisch, gleichsam visionär: „Christentum und Sozialismus – das ist nicht ein Problem vergleichender Begriffsanalyse, sondern das ist ein Wille, eine schaffende Synthese, ein Wurf in unbekannte Weiten. So müssen Christentum und Sozialismus sich fortentwickeln und eins werden in einer neuen Welt- und Gesellschaftsordnung, deren Ethos eine Bejahung jedes Menschen um deswillen, dass er Mensch ist, und deren religiöser Gehalt ein Erleben des Göttlichen in allem Menschlichen, des Ewigen in allem Zeitlichen ist.“

Und er schrieb an anderer Stelle:

„Ist somit weder in der sozialistischen Idee noch in den sozialistischen Parteien und grundsätzlicher, im Wesen liegender Gegensatz gegen Christentum und Kirche vorhanden, ist vielmehr die Sehnsucht nach einer Erfüllung mit sittlich-religiösem Geist in weiten Kreisen des Sozialismus lebendig, so ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer positiven Stellungnahme der Kirche gegenüber Sozialismus und Sozialdemokratie.“

Und Tillich dachte nicht an eine systemimmanente Sozialreform, in heutigen Worten an eine Reparatur des Kapitalismus, sondern an eine radikale Veränderung des Systems selbst, und zwar unter ausdrücklicher Berufung auf die verwandelnde Liebe Christi.

„Es entspricht dem Geist der Liebe mehr, das Übel selbst auszurotten, als die Leiden, die es immer wieder bringt, durch Teilmaßnahmen mildern zu wollen; es ist das höhere Ziel, die Voraussetzungen des Almosengebens aufzuheben, als die Armut durch Almosen zu lindern; es ist das höhere Ziel, die Grundlagen des wirtschaftlichen Elends zu vernichten, als die Verelendeten durch die Werke der christlichen Liebestätigkeit oder eine soziale Gesetzgebung aus dem Schlimmsten zu retten; es ist ein höheres Ziel, die Möglichkeit des wirtschaftlichen Egoismus zu unterbinden als ihn durch Arbeiterschutzgesetze oder den Appell an die Pflicht patriarchalischer Fürsorge einzuschränken.“

Tillich litt an der Zertrennung und Entfremdung der Welt und war daher von einer unstillbaren, fast romantischen Sehnsucht nach der Wiedergewinnung ihrer verlorenen Einheit erfüllt. Er wollte verbinden, vereinigen, heilen, versöhnen. Damit droht allerdings die Gefahr, dass Tillich die christliche Offenbarung überall in der Welt findet und auf diese Weise ihre Besonderheit einebnet.

Die Grenzen der Wirklichkeit Gottes und der Wirklichkeit der Welt drohen sich zu verwischen. Gott scheint so weltlich und die Welt so göttlich zu werden, dass beide ihre Konturen verlieren. Das wurde Tillich häufig vorgeworfen. Oder, wie Karl Barth es formulierte: „Gott ist im Himmel und du bist auf der Erde.“

Man kann das aber auch positiv bewerten: Tillichs Theologie will Gott nicht in einem Jenseits der Geschichte, nicht über und außerhalb der Welt, auch nicht in einem fernen, fremden Land oder in irgendeiner fernen, fremden Zeit suchen, sondern in der Wirklichkeit der Welt und unseres Lebens, als ihre letzte wahre Wirklichkeit.

Für seine Examenspredigt wählte Tillich das Pauluswort 1.Korinter, 3,23: „Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christi aber ist Gottes.“

Er predigte: „Die ganze Welt ist euer, sagt Paulus, das ganze Leben, das gegenwärtige und das zukünftige, nicht nur Teile davon. Diese bedeutsamen Worte sprechen von wissenschaftlicher Erkenntnis und ihrer Leidenschaft, von künstlerischer Schönheit und ihrer erregenden Kraft, von der Politik und ihrem Machtgebrauch, vom Essen und Trinken und von der Freude, die wir daran haben, von geschlechtlicher Liebe und ihrer Ekstase, vom Familienleben und seiner Wärme, von der Freundschaft und Innigkeit, von der Gerechtigkeit und ihrer Klarheit, von der Natur und ihrer Macht und Ruhe, von der durch den Menschen geschaffenen Welt, die die Natur umformt und sie verwandelt in technische Gestalten mit ihrer Faszination, von der Philosophie und ihrer Tiefe, in der sie die Frage nach dem Unbedingten zu stellen wagt. In all dem ist Weisheit und Macht dieser Welt, und all das ist unser. Es gehört uns, und wir gehören ihm, wir schaffen es, und es erfüllt uns.“

Tillich beschäftigte sich auch ausführlich mit Geschichtsphilosophie, aus theologischer Sicht war das für ihn Heilsgeschichte.

Der Begriff des Kairos war für ihn dazu ein Schlüsselbegriff.

Kairos ist der Augenblick, da das Ewige in das Zeitliche einbricht, es erschüttert und umwendet. Er bereitet darauf vor, das Ewige zu empfangen. Er ist der Augenblick des Ergriffenseins durch einen offenbarten geschichtlichen Augenblick. Es ist also ein zentraler Wendpunkt der Geschichte, wo Gottes Einwirken auf die Welt zu spüren ist.

Das Urbild eines jeden Kairos ist für den christlichen Glauben die Erscheinung Jesu als des Christus, des Sohnes Gottes. Sie bildet für ihn die Mitte der Geschichte, wo in einer konkreten Wirklichkeit das sinngebende Prinzip anzuschauen ist, das der ganzen Geschichte ihren Sinn gibt, vom Anfang bis zum Ende,. Was in diesem einmaligen, besonderen und universalen Kairos geschehen ist, das wiederholt sich, in abgeleiteter Form, in jedem Wendepunkt der Geschichte. Von jedem Kairos gilt, dass in ihm das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist.

Als einen solchen Kairos hat Tillich auch die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg mit ihren gesellschaftlichen Umwälzungen gedeutet und erlebt. Es war für ihn ein erfüllter und geschichtlicher Augenblick, der viele schöpferische Möglichkeiten bot. Dieses Gefühl, in einem Moment des Kairos zu leben, gab Tillich und seinen Freunden den Impuls, die religiös-sozialistische Bewegung zu begründen. Der Religiöse Sozialismus verstand sich als „der Deutungs- und Gestaltungsversuch des Sozialismus vom Kairos her“.

Die Hoffnung der Religiösen Sozialisten ging auf ein neues „theonomes“, also von Gott erfülltes Zeitalter. Anlass zu dieser Hoffnung gab ihnen der Zusammenbruch der bürgerlich-idealistischen Kultur und des Bündnisses der protestantischen Kirche mit ihr. Dadurch schien die Möglichkeit gegeben zu sein, die tiefe Kluft zwischen der sozial-politischen Revolution und der kirchlichen Tradition, überhaupt zwischen profaner, also weltlicher Kultur und Religion zu schließen. Aber das Unternehmen misslang. Auf politischem und sozialem Gebiet erwies es sich als unmöglich, den Materialismus der Arbeiterparteien zu zerbrechen. Tillich schrieb später: „Die alte Garde siegte über uns und über die Jugend ihrer eigenen Bewegung.“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es für Tillich kein derartiges „ekstatisches Erlebnis“ gegeben wie nach dem Ersten. An die Stelle einer utopischen Hoffnung trat ein „zynischer Realismus“, wie er schrieb.

Aber gerade damit schien für Tillich die Möglichkeit eines neuen Kairos gekommen zu sein:

Im Sommer 1961 predigte Tillich in unserer Hamburger Katharinenkirche, und seine damals formulierten Sätze sind meines Erachtens bis heute gültig:

„Wir leben in einer Periode, in der Gott für uns der abwesende Gott ist. Es ist das Werk des göttlichen Geistes selbst, dass Gott unserer Sicht entrückt wird, nicht nur einzelnen Menschen, sondern auch ganzen Zeiten. Der Geist Gottes verbirgt Gott unserem Blick. Wenn wir Gott als den Abwesenden erfahren, wissen wir um ihn; wir erleben sein Nicht-bei-uns-sein als eine leere Stelle, wie sie bleibt, wenn jemand oder etwas, das zu uns gehörte, uns verlassen hat.

Und dann mag wohl der Abwesende zurückkehren und den Platz einnehmen, der ihm gehört, und die Gegenwärtigkeit des göttlichen Geistes mag wieder in unser Bewusstsein einbrechen, uns aufweckend zur Erkenntnis dessen, was wir sind, uns erschütternd und verwandelnd. Und wenn wir nicht die rechten Worte finden, weil Gott für uns der Abwesende ist, dann dürfen wir ohne Worte auf IHN, auf Jesus Christus blicken, in dem das Leben und der Geist Gottes ganz offenbar waren.“

Abschließend fragen wir uns: Was bleibt uns im 21. Jahrhundert von der Person und dem Werk Paul Tillichs?

  1. Tillich bekannte sich zum Grenzgängertum, das für ihn aber zugleich eine Aufforderung zur Synthese ist, zu einer Aufhebung aller Widersprüche auf einer höheren Ebene:

Der Mensch erlebt sich existenziell auf der Grenze zwischen Immanenz – der Diesseitigkeit, der Endlichkeit – und Transzendenz, der Ewigkeit. Dies lässt ihn nach Gott fragen. Damit relativiert sich für Tillich die Spaltung des Christentums in verschiedene Konfessionen, Gruppierungen und Sekten. Die Ökumene ist sein Programm. Damit lässt sich aber auch die Forderung nach Toleranz, nach Dialog mit anderen Religionen wie dem Islam und den östlichen Religionen begründen. Sie haben nach Tillich alle ihre Berechtigung, weil sie Ausdruck des Religiösen, der Suche nach Gott in der Welt und jenseits unserer Endlichkeit sind.

  1. Sein Wissen war fast enzyklopädisch, umfasste theologische, philosophische, politische, psychologische, technische und naturwissenschaftliche Kenntnisse, die er im Sinne einer Synthese zusammenführen wollte. Das fasziniert an seinen Texten bis heute, macht allerdings das Lesen und das Verständnis sehr schwierig. Er formulierte auf einem sehr hohen sprachlichen Niveau mit einer gewöhnungsbedürftigen Begrifflichkeit.
  2. Tillichs Programm eines religiösen Sozialismus ist für mich und sicher auch für andere nach wie vor aktuell. In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren hatte es uns Jugendliche hier an der Apostelkirche inspiriert, geradezu beflügelt – und damit die Energie verschafft, die Welt verändern, verbessern zu wollen. Um mit Tillichs Worten zu sprechen: Wir sahen 1968 die Zeit eines neuen Kairos gekommen und traten damals zusammen mit unserem Pastor Gerhard Schaefer auf den Spuren Tillichs in die SPD ein. Tillich war für uns Jugendliche so etwas wie ein moderner Apostel und kann es uns bis heute sein. Er hat es verdient, nicht vergessen zu werden.

Rolf Polle

mehr lesen...