Nachrichten und Berichte

 

In dieser Rubrik finden Sie Nachrichten, die die gesamte Gemeinde betreffen, Aktuelles, das im Gemeindebrief noch nicht veröffentlicht werden konnte, oder Entwicklungen, die wir für so wichtig halten, dass wir sie hier erwähnen.

Außerdem werden wir an dieser Stelle über Veranstaltungen berichten, die wir für so interessant halten, dass wir auch diejenigen teilhaben lassen möchten, die nicht selbst daran teilnehmen konnten.

 

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Kalenderblatt

Am 19. Februar 1907 ist Rudolf von Beckerath in München geboren. Er stammte aus einem künstlerischen Haus. Der Vater war Maler, die Mutter Pianistin. In seinem Geburtsjahr siedelten die Eltern nach Hamburg über, wo Rudolf von Beckerath aufwuchs und zunächst Maschinenbauingenieur werden wollte. Nachdem er einige norddeutsche Orgeln kennengelernt hat, vor allem die von Arp Schnittger, beschloss er, Orgelbauer zu werden.

Die große Orgel der Christuskirche wurde 1956 von der Orgelbaufirma Rudolf von Beckerath erbaut. Das Schleifladen-Instrument hat 24 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Spiel- und Registertraltirem sind mechanisch.

Nach ca. 2 ½-jähriger Ausbildung ging Rudolf von Beckerath zunächst für ein Jahr nach Kopenhagen und baute anschließend in Paris eine Firma auf. Über seine Aufgaben schrieb er folgendes: „Die Fabrikation von Labial- und Zungenstimmen, die vorher von auswärts bezogen wurden, wurde von mir neu eingerichtet, eine Schlosserwerkstatt angegliedert und verbesserte Arbeitsmethoden eingeführt. Daneben selbstständiges Wirken in Entwurf und Konstruktion.“ 1936 kehrte er nach Deutschland zurück und arbeitete als freiberuflicher Sachberater für Orgelbau in Hamburg: Planung, Konstruktion und Bauleitung bei Neu-, Umbau- und Wiederherstellungsarbeiten von Orgelwerken gehörte zu seinen Aufgaben. 1949 gründete Rudolf von Beckerath seine eigene Firma. Die erste große Orgel, die er baute, war für die Hamburger Musikhalle und hatte 59 Register, 4 Manuale, Schleifladen und mechanische Spieltraktur war 1951 ein aufsehenerregender Neubau.

Beckerath-Orgeln stehen heute an vielen Orten: Hawaii, Sydney, Montreal, Tokyo, Bombay und in Hamburg-Eimsbüttel.

 
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Kalenderblatt

Am 3. Februar 1909 ist Simone Weil in Paris geboren, eine der neuen Apostel im Altarraum der Apostelkirche. - Mittleres Chorfenster, oben.

Simone Weil wuchs in einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Paris auf, ihr Vater war Internist. Sie hatte eine außergewöhnliche sprachliche Begabung. Mit vier Jahren konnte sie schon lesen. Körperlich war sie nicht sehr widerstandsfähig, häufig krank und überempfindlich.

Simone Weil studierte Moral- und Religionsphilosophie, beschäftigte sich intensiv mit Platon, Spinoza, Descartes, Kant und Marx. Vor allem Begriffe wie Arbeit, Zeit und Gerechtigkeit interessierten sie. Philosophie und politische Theorie verbanden sich für sie mit der Realität sozialer Probleme.

Schon während ihrer Tätigkeit als Philosophielehrerin 1931 teilte sie ihr Gehalt mit Arbeitslosen. 1934 beantragte Simone Weil ein unterrichtsfreies Jahr. Sie arbeitete als ungelernte Fabrikarbeiterin, um die Lebensbedingungen der Arbeiter kennenzulernen. In der Elektrofabrik Alsthom in Paris arbeitete sie an der Presse und am Ofen. Die Akkordbedingungen waren körperlich anstrengend. Außerdem musste sie ohrenbetäubenden Lärm ertragen. Wegen einer Handverletzung wurde sie 1935 arbeitslos. Zeitweilige Anstellungen, Arbeitslosigkeit, Geldmangel und Hunger bestimmten zu der Zeit ihr Leben.

Ab 1936 traten religiöse Fragen in den Vordergrund, zuvor war sie agnostisch eingestellt. Sie reiste nach Italien und nahm an der Pfingstmesse im Petersdom teil. Der Katholizismus bedeutete ihr immer mehr. Sie wollte allerdings nicht in die Kirche eintreten. Sie vermisste den intensiven Einsatz für soziale und geistige Reformen.

Wegen der deutschen Besatzung Frankreichs musste Weil fliehen und kam nach England. Versuche, sich dem Widerstand anzuschließen, scheiterten. Sie war krank, hatte kein Einkommen und starb mit 34 Jahren an Hunger und Herzinsuffizienz infolge einer Tuberkulose.

 
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„7 Wochen für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechte“

Dieses Motto wird uns (auch) in diesem Jahr durch die Passionszeit begleiten.

Passion heißt Leiden, und in den 7 Wochen vor Ostern erinnern wir uns an das Leiden und Sterben von Jesus Christus, und schauen nicht weg, wo anderen Unrecht und Leid geschieht.

Überall auf der Welt leiden viele Menschen unter der Verletzung der elementarsten Menschenrechte. Wir wollen ihr Schicksal nicht dem Vergessen überlassen. Mit einem vorbereiteten Petitionsbrief können wir uns für sie einsetzen: „Für uns ist es nur ein Brief, für sie das Überleben.“ Diese Erfahrung prägt die Arbeit von amnesty international. An den Sonntagen der Passionszeit (5.3.-9.4.2017) werden wir Pastor_innen ihnen im Gottesdienst einen von amnesty international vorbereiteten Petitionsbrief vorstellen und im Anschluss an sie verteilen. Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung dieser wichtigen Aktion.

 
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Kalenderblatt

Am 15. Januar 1929 ist Martin Luther King jr. in Atlanta geboren, einer der neuen Apostel im Altarraum der Apostelkirche. - Linkes Chorfenster, Zweiter von unten.

Martin Luther King war Baptistenprediger in den USA und Bürgerrechtler. Eng verbunden mit seinem Namen ist die Bürgerrechtsbewegung „Civil Rights Movement“, die zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1960er Jahre gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit in den USA gekämpft hat. Diese Bewegung war so stark und konnte so viele Menschen mobilisieren, dass durch ihr Engagement die Rassentrennung aufgehoben und das uneingeschränkte Wahlrecht für die schwarze Bevölkerung der US-Südstaaten eingeführt wurde. Der Höhepunkt ereignete sich bei der friedlichen Demonstration am 28. August 1963, an der mehr als 250 000 Menschen teilnahmen, darunter 60 000 Weiße. Bei diesem Marsch auf Washington hielt Martin Luther King seine berühmte Rede „I have a dream“.

Martin Luther King erhielt wegen seines Engagements für soziale Gerechtigkeit 1964 den Friedensnobelpreis.

Ursprünglich hießen King Vater und Sohn Michael mit Vornamen. Nach einer Europareise 1934, die auch nach Deutschland führte, änderte der Vater seinen Namen und den Namen seines Sohnes zu Ehren von Martin Luther.

Martin Luther King jr.‘s Vater war Prediger der baptistischen Ebenezer-Gemeinde in Atlanta. Obwohl der Sohn nie Prediger werden wollte, wurde er während seines Studiums Hilfsprediger seines Vaters. Er merkte schnell, dass er ein begnadeter Redner war und ließ sich überzeugen, nach einem Soziologie- noch ein Theologiestudium zu absolvieren. 1954 wurde er Pastor in Montgomery, Alabama, hat sich aber immer auch mit Gesellschaftstheorien beschäftigt und im Laufe der Jahre immer mehr Zeit und Kraft in die Bürgerrechtsbewegung investiert. Es gab Spannungen und Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Bewegung und Anfeindungen von außen. Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King jr. von einem Rassisten erschossen.

 
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Kalenderblatt

Am 14. Januar 1875 ist Albert Schweitzer in Kaysersberg im Oberelsass bei Colmar geboren, einer der neuen Apostel im Altarraum der Apostelkirche. - Mittleres Chorfenster, Zweiter von unten.

Albert Schweitzer war Arzt, evangelischer Theologe, Philosoph und Organist. Bekannt ist er vor allem durch die Gründung eines Krankenhauses in Lambarene im zentralafrikanischen Gabun.

Dr. phil. wurde Albert Schweitzer mit einer Dissertation über „Die Religionsphilosophie Kants von der Kritik der reinen Vernunft bis zur Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Anschließend schrieb er noch eine theologische Dissertation: „Kritische Darstellung unterschiedlicher neuerer historischer Abendmahlsauffassungen“. Im Jahr darauf, 1902, folgte die Habilitation. Schweitzer wurde Dozent für Theologie an der Universität Straßburg. In den Jahren 1905 bis 1913 folgte das Medizin-Studium mit dem Ziel, Missionsarzt in Französisch-Äquatorialafrika zu werden. „Die psychiatrische Beurteilung Jesu: Darstellung und Kritik.“ war das Thema seiner medizinischen Doktorarbeit.

1913 realisierte Albert Schweitzer seinen Plan und gründete im Urwald von Gabun, das damals zu Äquatorialafrika gehörte, ein Hospital. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden er und seine Frau, eine Lehrerin, von der französischen Armee unter Hausarrest gestellt, weil sie die deutsche Staatsangehörigkeit hatten. 1917 wurde das Ehepaar festgenommen, nach Frankreich gebracht und interniert. 1924 kehrten die beiden nach Afrika zurück, um das Hospital in Lambarene auszubauen.

Einerseits wurde Albert Schweitzer hoch geehrt – 1952 wurde ihm der Friedensnobelpreis zuerkannt. Andererseits warf man ihm rassistische, paternalistische und pro-kolonialistische Einstellungen vor.

Wahr ist, dass sich der Kirchenvorstand der Apostelkirche dafür ausgesprochen hat, den Theologen und Mediziner in die Fenster mit modernen Aposteln aufzunehmen.                                  

 
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Kalenderblatt

Am 4. Januar 1898 ist Hermann Stöhr in Stettin geboren, einer der neuen Apostel im Altarraum der Apostelkirche. - Linkes Chorfenster, unten.

Für den Ersten Weltkrieg hat sich Hermann Stöhr noch als Freiwilliger gemeldet. Danach wurde er Pazifist. Er protestierte früh gegen das nationalsozialistische Regime und wandte sich schon 1933 gegen den Boykott-Aufruf jüdischer Geschäfte und die Beflaggung von Kirchen mit Hakenkreuzfahnen. Sein konsequenter Pazifismus brachte ihm nicht nur Konflikte mit den Nazis, sondern immer wieder auch Probleme innerhalb der evangelischen Kirche.

Hermann Stöhr hat Volkswirtschaft, öffentliches Recht und Sozialpolitik studiert und in Politikwissenschaft über Hilfsmaßnahmen für Hungernde in vielen Ländern promoviert. Sein großes Lebensthema ist die Überwindung nationaler und sozialer Schranken im Geiste christlicher Einheit. In diesem Sinn arbeitet er unter anderem im Versöhnungsbund, einer Vereinigung von Protestanten, Katholiken und Konfessionslosen, die sich mit Kriegsdienstverweigerung, sozialer Not und den Zusammenhängen zwischen dem Elend in der 3. Welt und dem Reichtum der Kolonialvölker befasst.

Wegen seiner konsequenten Haltung als Pazifist bekommt er ab 1931 keine feste Anstellung mehr. Weder der Staat noch die Kirche akzeptieren ihn.

Im Frühjahr 1939 wird Stöhr zur Kriegsmarine einberufen, verweigert aber aus Gewissensgründen den Kriegsdienst. Weil er zwei Einberufungsbefehlen nicht nachkam wurde er verhaftet und zunächst wegen Fahnenflucht zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Aufgrund seiner Eidesverweigerung verurteilte ihn das Reichskriegsgericht 1940 wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode. Das Urteil wurde im darauffolgenden Juni in Berlin-Plötzensee durch Enthauptung vollstreckt.

 
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Lebendiger Adventskalender 2016

Die Ökumene lebt in Eimsbüttel. Und das in vielfältiger Gestalt. So ist es mittlerweile Tradition, dass sich in der Adventszeit jeden Abend vor unterschiedlichen Häusern Menschen bei Kerzenschein treffen, um Lieder zu singen, eine Geschichte zu hören. Für die Gestaltung verantwortlich sind jeweils diejenigen, die in dem Haus wohnen. Alles ganz zwanglos, mal erscheinen fünf, mal mehr als zwanzig. Aber immer ist es schön, zusammen mit Nachbarinnen und Nachbarn, Kirchen-Aktiven und ganz Neuen adventliche Stimmung zu genießen.  

Bild: Lebendiger Adventskalender am 4. Advent 2016 bei Astrid Barth

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Charity-Abend für Sea-Watch e.V. – Zivile Seenotrettung von Flüchtenden

Etwa 140 Gäste sind am 9. Dezember 2016 dem Aufruf der Evang.-Lutherischen Kirchengemeinde Eimsbüttel und des Ida-Ehre-Kulturvereins e.V. gefolgt und haben an der Charity-Veranstaltung zugunsten der zivilen Seenotrettung von Flüchtlingen Sea-Watch teilgenommen.

Wer mindestens 35 Euro Spende als Eintritt überwiesen hatte, konnte einen wunderbaren Abend im Gemeindesaal der Christuskirche erleben. Das Essen wurde von den beiden Eimsbütteler Restaurants Odysseus und Christos gespendet. Dazu gab es köstliche Weine des Weinguts Schick, der Familie unserer Kirchenvorsteherin Astrid Barth.

Ebenso aufbauend war das begleitende Kulturprogramm: Zur Einstimmung spielte der junge Pianist Furkan Yavuz, 1. Preisträger bei „Jugend musiziert“. Der Hamburger Swing- und Jazzmusiker Tornado Rosenberg, der Schauspieler Peter Franke und die junge Musikerin Lorena Scotti unterhielten die Gäste während des 3-Gänge-Menüs und danach. Sie alle verzichteten auf ein Honorar. Ebenso wie die Fernsehmoderatorin Inka Schneider, die Ingo Werth von Sea-Watch interviewt hat.

Pastorin Margrit Sierts, die sich stark für Flüchtlinge engagiert, hat darauf hingewiesen, dass die Kirchengemeinde und der Ida-Ehre-Kulturverein mit der Veranstaltung gegen die Politik protestieren wollen, die nur die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen im Blick hat, dabei allgemein gültige Menschenrechte aber nicht gelten lässt. In diesem Sinn arbeitet Sea-Watch, das in Not geratene Flüchtlinge im Mittelmeer rettet. Von einem Mutterboot aus fahren Schnellboote an die Not-Stelle, die in der Regel der Seenotstelle in Rom gemeldet worden ist. Es folgt eine Erstversorgung und die Organisierung eines Schiffes, das die Geretteten sicher an Land bringt. Die Hilfsorganisation gibt es seit November 2014. Nach eigenen Angaben hat sie im Jahr 2015 etwa 20.000 Menschen im Mittelmeer vorm Ertrinken gerettet.

Bei der Wohltätigkeitsveranstaltung wurden 10.008 Euro für Sea-Watch gespendet.

 
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Ergebnis der Kirchenwahl am 27. November 2016

Am Sonntag, dem 27.November 2016, wurde für die Kirchengemeinde Eimsbüttel ein neuer Kirchengemeinderat gewählt. Die Kirchengemeinde dankt an dieser Stelle allen Mitgliedern des Kirchengemeinderats, die in den vergangenen acht Jahren diesen Dienst ausgeübt haben. Ebenso danken wir allen, die sich zur Wahl gestellt haben. Der neue Kirchengemeinderat wird am Sonntag, den 15. Januar 2017 im Gottesdienst um 11.00 Uhr in der Christuskirche in sein Amt eingeführt.

Das Ergebnis der Wahl: 

  1. Ruthild Apel
  2. Astrid Barth
  3. Claudia Brand
  4. Claudia Dreyer
  5. Dennis Gehrmann
  6. Dr. Hans-Martin Gutmann
  7. Christian Hinrichs
  8. Christine Lanz
  9. Kerstin List
  10. Petra Quednau
  11. Frank Rettweiler
  12. Silke Schütze
  13. Sigrid Strebel
  14. Thomas Walk
  15. Katharina Wiedemann-Arndt                                                                                                                                                                                       Die Informations-Spalte gibt nähere Auskunft über Kontaktmöglichkeiten und Arbeitsschwerpunkte der einzelnen KGR-Mitglieder.                                                                                                                                                                  
 

 

 
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Gedenkgottesdienst für Maren Wisbareit in der Christuskirche

Mit einem sehr gut besuchten Gedenkgottesdienst unter der Leitung von Pastor Kirst hat die Gemeinde am 18. November 2016 in der Christuskirche Abschied genommen von ihrer ehemaligen Pastorin Maren Wisbareit, die am 22. Oktober 2016 nach schwerer Krankheit verstorben ist.

Ehemalige Kolleginnen und Kollegen haben durch das Erzählen von Episoden, das Zitieren aus Briefen und das Schildern von Erinnerungen das Wesen von Maren Wisbareit noch einmal lebendig werden lassen. Sie war eine der ersten weiblichen Pastoren, also zu Beginn ihrer Tätigkeit in der Christuskirchen-Gemeinde keine Selbstverständlichkeit.

Viele Trauergäste haben im Gedenken an die Verstorbene eine Kerze entzündet und so – trotz allem – einen „Baum“ zum Strahlen gebracht.

Bild: Lichterbaum zum Andenken von Pastorin Maren Wisbareit.
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Apostelandacht zu Anna Sophie Paulsen

Apostelandacht zu Anna Sophie Paulsen, gehalten am 13. November 2016

Anna Paulsen gehörte zu den ersten promovierten Theologinnen in Deutschland.

Sie hat ihre Lebensarbeit der Durchsetzung des Pfarramtes für Frauen gewidmet.

Ihr schriftstellerisches Werk ist eine reformatorische Pionierleistung. In zahlreichen theologischen Veröffentlichungen widmet sich Anna Paulsen der Frage nach dem inneren Recht dieses Weges für die Frauen.

Anna Sophie Paulsen wurde am 29. März 1893 als Älteste von 4 Schwestern in Hoirup bei Nordschleswig/heute Dänemark geboren. Der Vater Paul Düyssen-Paulsen war Pastor in der dänisch sprachigen Gemeinde und Anhänger der Indre Mission, eine nordschleswigsche pietistische Erweckungsbewegung. Die Mutter, Margarethe geb. Brodersen, kam aus einer wohlhabenden bäuerlichen Familie.

Die vier Mädchen wuchsen zweisprachig (dän./dt.) auf, gingen zur Schule und erlernten alle einen Beruf.  Zwei Schwestern gründeten eine Familie.

Anna wollte zunächst Lehrerin werden für die Fächer Deutsch, Geschichte und Religion.

Der Vater förderte die geistigen Fähigkeiten seiner ältesten Tochter und unterwies sie schon in früher Kindheit in der Lehre der Verbalinspiration. Danach ist den Autoren der Bibel jedes Wort von Gott direkt in die Feder diktiert worden.

Als der Vater nach schwerer Krankheit mit 48 Jahren starb, zog die Mutter mit ihren 4 Töchtern nach Flensburg:  Anna 11 J., Sophie 10 J., Juliane 8 J. und die einjährige Paula.

Der schmerzliche Verlust des Vaters hatte in Anna bald den Wunsch geweckt, selbst den Beruf einer Pastorin ergreifen zu können und sie entschloss sich, ein theologisches Vollstudium aufzunehmen. Sie holte als externe Schülerin das humanistische Abitur nach und begann 1916 als erste Frau Norddeutschlands ein Studium an der theologischen Fakultät der Christian-Albrechts- Universität in Kiel.

Anna waren bereits in den „Krisen der Pubertät“, wie sie es nannte, Zweifel am Geist ihres Elternhauses gekommen und eine innere Entfremdung zum Christentum hatte es Anna unmöglich gemacht, das zu glauben, was im Elternhaus als unverbrüchliche Wahrheit vertreten worden war.

Der Ausbruch des 1. Weltkrieges und der Kriegstod von Freunden und Gefährten löste bei Anna eine tiefe Erschütterung aus und sie kehrte zurück in ihren Heimatort, um einige Zeit dort zu leben und auf den Spuren des Vaters den Menschen aus der bäuerlichen Bevölkerung wieder zu begegnen. Zunächst blieb sie vorsichtig und zurückhaltend, denn sie meinte verbergen zu müssen, dass sie nicht glauben konnte, was des Vaters Lebensinhalt gewesen war. In den Gesprächen aber erkannte sie die tiefe und bodenständige Verwurzelung im Glauben ihrer Gesprächspartner. Und allmählich konnten sich ihre Vorbehalte auflösen. Sie schrieb:

„Was mich hier tief beeindruckte, das war das Beispiel einiger Menschen aus der bäuerlichen Bevölkerung, in denen das Christentum in dem Sinn Echtheit war, dass es mir persönlich glaubwürdig erschien - ich glaube, ich kann jetzt glauben. Was ich wiedergewonnen hatte, war nicht der Kinderglaube an sich, es war vielmehr eine persönliche Gewissheit als Überwindung von Anfechtungen und Zweifeln, die ich in staunender Freude erlebt habe.“

Zurück zur Studentin der Theologie:

Anna Paulsen wählte wissenschaftliche Theologie, um am Ende des Studiums mit einer Promotion zu einem vollgültigen Abschluss zu gelangen. Sie wusste aber, dass ihr beruflicher Wunsch, ein kirchliches Predigtamt in einer Gemeinde übernehmen zu dürfen, ihr, wie auch den fünf weiteren Theologiestudentinnen deutschlandweit, verwehrt bleiben würde.

„Als ich aus einer inneren Nötigung heraus den Schritt wagte, mich dem theologischen Vollstudium zuzuwenden, war dies für Frauen noch ein ungewöhnlicher Weg, und ich musste diese Entscheidung als ganz besonders verantwortlich empfinden. Seit dieser Zeit hat mich die Frage nach dem inneren Recht dieses Weges für die Frau und nach Art ihres Einsatzes in der Kirche immer wieder bewegt.“

Heute kaum noch vorstellbar, aber so war es damals:

Das Kirchenrecht benachteiligte die Theologinnen durch Verengung des Arbeitsbereiches für Frauen. Frauen war es weiterhin verboten, das Wort in der Gemeinde zu verkünden oder die Sakramentsspende   vorzunehmen.

Die Zölibatsklausel schrieb vor, dass Theologinnen zwischen Berufs- und Eheleben wählen mussten.

Amt und Auftrag der Theologin begründete Anna Paulsen nun aus folgender Gewissheit:

„Das geistliche Amt ist Gottessache und nicht der Menschen und untersteht darum zuletzt nicht ihrer Verfügung… Von Gott her, jure divino, besteht darum kein Hindernis für das geistliche Amt der Frau. Von dieser Seite her ist der Weg frei. Aus dieser Gewissheit heraus gewinnen wir die Freudigkeit, es zu vertreten.“

Nach Studiensemestern in Tübingen und Münster schloss Anna ihr Studium 1921 mit dem Fakultätsexamen und dem Titel Lizenziat (lic) ab. Den Spitzname Lic-Anna behielt sie ein Leben lang.

Um Lebensunterhalt und die Promotion finanzieren zu können, arbeitete sie jetzt als Dozentin im Haus der Morgenländischen Frauenmission in Berlin. In einjährigen Kursen bildete sie Katechetinnen für den kirchlichen Dienst aus. Diese Kurse stellten eine Vorform der späteren Gemeindehelferinnenausbildung dar.

Parallel dazu arbeitet Anna P. an ihrer Dissertation.

Sie wollte mit dieser Arbeit darlegen, wie man das Christentum vertreten könnte in einer Zeit, in der es kaum Platz zu haben schien. Sie wollte durch Überprüfung aller Quellen der Schrift Klarheit gewinnen für sich selbst und dadurch befähigt werden, den christlichen Glauben anderen zu bezeugen.

Anna Paulsens Dissertation wurde in Kiel mit ‚magna cum laude‘ angenommen.

In der späteren Laudatio anlässlich ihres  goldenen Doktorjubiläum (1974) heißt es u. a.:

„Es ging der jungen Theologin um ein fundiertes Schriftprinzip, um einen glaubwürdigen Offenbarungsbegriff. Aber Anna Paulsens Bedeutung liegt nicht allein in einem rein theologischen Ansatz, wie ihn zur gleichen Zeit auch Karl Barth suchte, sondern in der Bewährung für die kirchliche Praxis.“

„Offenbarung ist für mich nicht ein Wortbestand in flächenhafter Uniformität, sondern sie ist Tat Gottes, sie ist Geschichte. Es geht um dieses Ineinander von Menschenwerk und göttlicher Fügung.“

Anna P. schlägt einen übergemeindlichen Berufsweg in der Kirche ein, ohne dafür Vorbilder oder ausgewiesene Berufsbiographien heranziehen zu können.

„Ich tat es in der Hoffnung, dass sich mir aller Ungewissheit zum Trotz ein Weg unter die Füße legen würde.“ So Anna P.

Sie übernahm die Leitung des Seminars für kirchliche Frauenarbeit im Burckarthaus, Berlin Dahlem - einer ersten Ausbildungsstätte für Gemeindehelferinnen. Viele Jahre hat sie dort Mädchen und Frauen für den Dienst in evangelischen Kirchen geschult und ausgebildet.

Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebenswirklichkeit als berufstätiger Frau ohne Ehepartner und ohne Kinder war sie der Überzeugung, dass die Ehelosigkeit gerade auch in christlicher Deutung eine sinnvolle und erfüllende Existenz erlaubt.

Für die damalige Zeit ist diese Überzeugung eine Erweiterung weiblicher Lebensperspektiven; und zugleich eine theologische Stellungnahme gegen den nationalsozialistischen Ehe- und Mutterbegriff. Sie wollte die Frau nicht auf ihre weiblichen Funktionen festgelegt wissen.

Anna P. hatte sich der Bekennenden Kirche in der Gemeinde von Martin Niemöller angeschlossen, während sie die Bibelschule in den Kriegsjahren weiter führte. Die Gestapo will Anna Paulsen dienstverpflichten, um sie aus der Bibelschule zu entfernen. Doch es gelingt einer Mitarbeiterin des Kirchenministeriums, dies zu verhindern.

 Erst kurz vor Kriegsende, als die Bombenangriffe auf Berlin noch einmal zunehmen, zieht sie 1945 zu Mutter und Schwester nach Schleswig.

Ein neues/anderes Thema, dem sich Anna Paulsen stellte und wozu sie einen Beitrag lieferte, war das Gespräch zwischen kirchlicher Frauendiakonie und Frauenbewegung. Dazu schrieb sie u. a.:

„Die Mitverantwortung der Frau, wie sie die Frauenbewegung erschlossen und begründet hat, kann nicht wieder zurückgenommen werden. Für uns evangelische Menschen müsste es in allem darauf ankommen, unserer Zeit mit all ihrer Selbstmächtigkeit die Freiheit und Tiefe evangelischer Glaubensgewissheit zu bezeugen. Nur aus diesem Glauben heraus können wir unserer Verantwortung gerecht werden, und in diesem Sinne sollte die evangelische Frau von heute die Motive der Frauenbewegung in ihr Leben mit aufnehmen.“

1951 wird Anna Paulsen in die Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nach Hannover berufen. Man überträgt ihr die Leitung des Frauenreferats, das sie von 1951- 58 neu aufbaut. Es geht um Richtlinien für die Ämter der Frau in der Kirche im Allgemeinen und um den Dienst der Theologin im Besonderen. In dieser Funktion veröffentlicht sie drei Bände zum Thema „Der Dienst der Frau in den Ämtern der Kirche“. Außerdem wird sie Mitglied einer Studienkommission der EKD zur Reform des Ehe- und Familienrechts.

Mit der dänischen Sprache von Kindheit an vertraut, hat sich A. P. immer wieder mit dem Leben und Denken des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard auseinandergesetzt. Ihre theologisch-philosophische Schulung erlaubte ihr einen kompetenten Zugang zur Gedankenwelt des großen Dänen. Man kann sicher sagen, dass sie in den Schriften des dänischen Philosophen lebenslang einen Gefährten im Geiste gefunden hatte.

In einem Vorwort zu einem Buch mit gesammelten Reden Kierkegaards schreibt sie:

„Wenn wir seine Schriften lesen, mag es uns manchmal vorkommen, als träte uns einer zur Seite, der mit innerlichster Sorge unsere Situation mit uns durchdenkt und durchleidet. Er hat aus der Zeitferne her die Erschütterung schon geahnt, die nun unser Teil geworden ist…“

Sie veröffentlichte eine von der Wissenschaft viel gerühmte 400 Seiten starke Biographie Kierkegaards. Ihr wurde dabei sorgfältige theologische Denkarbeit und die Gabe, die Ergebnisse auch nicht theologischen Lesern verständlich zu vermitteln, attestiert.

Als Dr. Lic.  Anna Paulsen 1959 pensioniert wurde, hatte sie bereits miterlebt, dass der Weg zur Berufung von Pastorinnen möglich wurde. Das Gesetz zur Gleichstellung von Mann und Frau war am 1. 7. 1958 in Kraft getreten. Und die ev. Luth. Kirche in Lübeck verabschiedete zum 1. 9. 1958 ein Kirchengesetz zur Einrichtung einer Planstelle. Die erste Frau, die diese Planstelle einnahm, war Pastorin Elisabeth Haseloff, der wir hier auch schon eine Apostelandacht gewidmet haben.

Nach ihrer Pensionierung wurde A. P. von der theologischen Fakultät der Uni Kiel mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet, damals eine außergewöhnliche Ehrung für ein weibliches Mitglied der Akademiker-Gemeinde.

1980 zog Anna Paulsen nach Heide, in ein Seniorenheim. Ihr Sehvermögen ließ allmählich nach, und damit ihr Lebensmut. Ihre Schwester und eine Sekretärin halfen ihr, eine letzte Schrift für die Herausgabe fertigzustellen.

Anna Paulsen starb am 30. Januar 1981 im Alter von 87 Jahren.

In Kiel erinnert heute das Archiv der Nordkirche an sie: Es verwahrt den Nachlass Anna Paulsens, und das Gebäude trägt den Namen Anna-Paulsen-Haus.

Hannelore Bauer

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Apostelandacht zu Martin Luther King

Apostelandacht zu  Martin Luther King, gehalten am 25. September 2016

Biographisches

„Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden.“

Als Martin Luther King das am Lincoln Memorial in Washington vor 200.000 Menschen sagte, da war seine älteste Tochter Yolanda sieben, seine Söhne Martin und Dexter fünf und zwei und seine Jüngste, Bernice, nicht einmal ein halbes Jahr alt. Es war der 28. August 1963. Und allen war klar: Der schwarze Baptistenprediger vorne am Mikrofon hatte das Zeug, das Zusammenleben in den USA grundlegend zu verändern. -

Martin Luther King jr. wird im Jahr 1929 als zweites Kind des Ehepaares Martin Luther King sen. und der Lehrerin Alberta King geboren. Sein Vater ist Prediger der baptistischen Ebenezer-Gemeinde in Atlanta. Der Name Martin Luther ist für den Vater und auch später für den Sohn Ausdruck tiefen religiösen Empfindens. Ursprünglich heißen beide Michael King. Im Jahre 1934 reist der Vater nach Europa, besucht auch Deutschland und ändert danach sowohl seinen Namen als auch den seines Sohnes in Martin Luther King.

In einem theologischen Seminar hört er erstmals von den Grundgedanken des Pazifismus und erfährt vom gewaltlosen Wirken Mahatma Gandhis in Indien.

„Für Gandhi war die Liebe ein mächtiges Instrument für eine soziale und kollektive Umgestaltung. In seiner Lehre von der Liebe und Gewaltlosigkeit entdeckte ich die Methode für eine Sozialform, nach der ich schon so viele Monate gesucht hatte… Ich kam zu der Überzeugung, dass sie für ein unterdrücktes Volk im seinem Kampf um die Freiheit die einzige moralisch und praktisch vertretbare Methode war.“

Und er stellt noch etwas fest: Das Christentum war einmal in die Geschichte eingetreten mit einem hohen Potenzial an verändernder Kraft. Diesen urchristlichen, revolutionären Elan verlor es fast ganz und blieb anfällig für reaktionäres Verhalten.

„Die westliche Welt, gewöhnt an den Anblick hochgestellter Vertreter der christlichen Kirchen an der Seite von Hochfinanz und Generalität… hat ihre Praxis… zum Gegenteil ihrer Predigt gemacht.“

Im Juni 1951 schließt er sein Studium ab und erhält für seine überragenden Studienleistungen einen Preis und ein Dissertationsstipendium für die Universität Boston.

Dort lernt er Coretta Scott kennen, die an einem College Gesang studiert. Ihre Hochzeit findet 1953 im Vorgarten ihres Elternhauses statt, King sen. traut das Paar.

In dieser Zeit besteht Coretta ihr Abschlussexamen, und die Universität Boston verleiht ihm den Titel eines Doktors der Philosophie.

Die Gemeinde in Dexter, einer Stadt 250 km südlich von Atlanta, wählt ihn anschließend zu ihrem neuen Pastor.

Am 1. Dezember 1955 steigt die schwarze Frau Rosa Parks in einen städtischen Linienbus der Stadt Montgomery  und setzt sich hinter die für weiße Fahrgäste reservierten Sitzreihen. Der Bus füllt sich, und der Fahrer fordert die schwarzen sitzenden Fahrgäste auf, den weißen Zugestiegenen Platz zu machen. Rosa bleibt sitzen. Der Fahrer hält an, steigt aus und kehrt mit zwei uniformierten Polizisten zurück. Sie greifen die Frau und verhaften sie.

Der „Politische Frauenrat“ der Stadt will nach diesem Vorfall einen Busstreik organisieren. Die Initiative verteilt Flugblätter mit dem Boykottaufruf und gewinnt die Prediger ihrer Gemeinde als Unterstützer, unter ihnen auch Martin Luther King.

Die Schwarzen beteiligen sich geschlossen am Streik, die Busse bleiben leer.

Auf einer Versammlung wird Martin Luther King überraschend zum Sprecher der Bewegung gewählt.

Die schwarze Bevölkerung hält ihren Boykott 386 lange Tage durch. Während dieser Monate gewinnt Martin an Öffentlichkeitsformat. Die Medien hofieren den Pastor. Der Mann ist fotogen, redet hinreißend.

Schließlich erklärt der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Rassentrennung der öffentlichen Verkehrsbetriebe von Montgomery für verfassungswidrig. Die Gewaltlosigkeit hat gesiegt. In der Presse nennt man Martin Luther King den „neuen Gandhi“, Reporter bezeichnen ihn als „Schwarzen Moses“ oder den „Heiligen Martin“.

1957 predigt er landauf, landab in den Kirchen, spricht vor politischen Organisationen und appelliert unaufhörlich an die Bundesregierung in Washington, endlich die Lage der Schwarzamerikaner wirksam zu verbessern.

Schließlich lädt Vizepräsident Richard Nixon mehrere Bürgerrechtler ins Weiße Haus, darunter auch Martin Luther King. Nixon verspricht Unterstützung, aber es geschieht nichts.

So rufen die Bürgerrechtsorganisationen zu einem Sternmarsch nach Washington auf. Auf der Abschlusskundgebung erhält Martin Luther King das Wort:

„Gebt uns Stimmzettel und wir werden die Parlamente mit Männern guten Willens besetzen. Gebt uns Stimmzettel und wir werden dem Volk Richter geben, die Barmherzigkeit lieben. Gebt uns Stimmzettel und wir werden die schreienden Untaten des blutrünstigen Mobs in wohl überlegte Taten ordentlicher Bürger verwandeln.“

Und er schreibt ein Buch, in dem er seine Erfahrungen aus dem Busstreik schildert.

Auf dem Weg über Gandhi hat er den revolutionären Jesus der Bergpredigt neu für sich entdeckt:

„Das Kreuz ist das ewige Zeichen dafür, wie weit Gott gehen will, um eine zerbrochene Gemeinschaft wiederherzustellen. Die Auferstehung ist ein Symbol des Sieges Gottes über alle Mächte, die die Gemeinschaft zu verhindern suchen. Der Heilige Geist ist im Verlauf der Geschichte die Realität, die ständig Gemeinschaft schafft. Wer gegen die Gemeinschaft handelt, handelt gegen die ganze Schöpfung. Die ganze Menschheit ist in einen einzigen Prozess verwickelt und alle Menschen sind Brüder. Wenn mir geboten ist zu lieben, ist mir geboten, die Gemeinschaft wiederherzustellen, der Ungerechtigkeit zu widerstehen und meinen Brüdern zu helfen.“

Bei einer Buchsignierung im Norden der USA wird er von einer schwarzen Frau mit einem langen Brieföffner in die Rippen gestochen. Nach seiner Genesung empfehlen ihm die Ärzte eine mehrmonatige Ruhepause. Freunde vermitteln dem Ehepaar einen Indienbesuch.

Im März 1959 kehren Coretta und Martin in die Staaten zurück. Dort stellen die Schwarzen Moslems Kings Führungsanspruch in Frage und kritisieren Martins Philosophie der Gewaltlosigkeit als Ausverkauf schwarzer Interessen.

In dieser Zeit entsteht die sogenannte „Beat-Generation“. Die ungekämmten Jugendlichen lassen sich Bärte stehen. Ausgebleichte, fransige Jeans, alte Klamotten, Sandalen und Mokassins signalisieren Protest, Solidarität mit den Habenichtsen der Überflussgesellschaft.

In den Augen des Establishments sind diese Kids „Nigger-Lovers“ und kriminelle Anarchisten. Auch die traditionelle Großorganisation der Bürgerrechtsbewegung hält sich gegenüber den jungen Marschierern auf Distanz.

Im Mai 1960 versäumt King, sein Auto umzumelden, erhält von einem Richter eine Geldbuße sowie eine zwölfmonatige Bewährungsfrist.

Im Oktober wird Atlanta Schauplatz einer Sit-in-Aktion von Studenten. Martin und sein Bruder beteiligen sich. Sie setzen sich in die weiße Cafeteria eines der größten Warenhäuser des Südens und wollen bedient werden. Er wird mit dutzenden anderer Demonstranten festgenommen, ins Stadtgefängnis eingeliefert.

Dann handelt der Bürgermeister der Stadt mit den Protestlern ein Stillhalteabkommen aus, um das Weihnachtsgeschäft vor Störungen zu bewahren. Nachdem Martin und die Studenten akzeptiert haben, werden sie freigelassen.

Doch der Richter, der Martin Luther King zu einer Bewährungszeit verurteilt hat, erwirkt seine erneute Verhaftung und verurteilt ihn zu sechs Monaten Zwangsarbeit.

Die Medien berichten von seiner Verurteilung, der Fall King wird zum politischen Skandal. Und in den Staaten stehen Präsidentschaftswahlen an. Der amtierende Vizepräsident Nixon kandidiert gegen den demokratischen Senator John F. Kennedy.

Kennedy telefoniert mit Coretta King und spricht ihr seine Anteilnahme aus. Kennedys Bruder Robert ruft direkt den Richter an, der dieses Skandalurteil gefällt hat. Kurz danach gibt der bekannt, er habe Kings Antrag auf Haftaussetzung entsprochen. Bei der Wahl stimmen zwei Drittel der Schwarzamerikaner für Kennedy, der mit einer haudünnen Mehrheit gewählt wird.

Im nächsten Jahr 1961 verlegen junge Bürgerrechtler die Sit-ins auf die Straße. Schwarze und weiße Freiwillige mit dem Gruppennamen „King-riders“ besteigen im Mai Überlandbusse der Verkehrsgesellschaften und verlangen unter dem Motto „black and white together“ demonstrativ in den Busbahnhöfen der Südstaaten Bedienung. Einige werden dabei zusammenschlagen. Diese Ereignisse in Montgomery erregen die Nation. Das Weiße Haus verlangt vom Dachverband der Überlandbetriebe mit Erfolg, die Rassentrennung zu beseitigen.

1963 verlagert sich der Schwerpunkt der Rassenauseinandersetzungen nach Birmingham.

Farbige platzieren sich an den Imbisstresen der Warenhäuser. Sie bitten um Bedienung und werden zum Verlassen des Lokals aufgefordert. Als sie sich weigern, werden sie verhaftet.

Danach versammeln sich tausend Kinder in einer Kirche um Martin Luther King, umlaufen anschließend die Absperrungen der Polizei und verschwinden in Gruppen zwischen den Parkanlagen und in Seitenstraßen, demonstrieren dann in der Innenstadt.

Die Polizei hetzt hinterher und stoppt den Marsch, die Presse fotografiert. Die Bilder zeigen bewaffnete Männer, die sich zu kleinen Mädchen bücken und Personalien aufnehmen; Polizeibeamte, die Kinder in vergitterte Gefängniswagen zwängen, während andere schlagstockschwingend Jagd auf halbwüchsige Jugendliche machen.

Kurz darauf erklären sich die weißen Unterhändler bereit, alle Forderungen zu erfüllen. Die Justizbehörde entlässt dreitausend Demonstranten aus der Haft.

Unter dem Eindruck der Vorgänge will die Kennedy-Administration eine umfassende Bürgerrechtsgesetzgebung auf den Weg bringen. Sämtliche Segregationsbestimmungen und alle Einschränkungen des Wahlrechts der Farbigen sollen für ungesetzlich erklärt werden.

In dieser Situation ruft King zu einem großen Marsch auf Washington auf.

Martin Luther King tritt dort als letzter Sprecher auf und hält seine bekannteste Rede.

Am 22. November 1963 wird John F. Kennedy während einer Wahlrundreise durch die Staaten in Dallas/Texas erschossen. Kennedys Gesetzesinitiative liegt noch immer im Kongress.

Im Jahre 1964 verwanzt das FBI das Hotel in Washington, in dem Martin Luther King und seine Mitarbeiter sich einquartiert haben. Das FBI hört alles mit, was sich dort abspielt, u.a. eine erotische Party mit zwei schwarzen Frauen. Von da an wird jedes intime Detail seines Lebens aktenkundig.

1964 beschließt der Kongress endlich die Bürgerrechtsvorlage des ermordeten Präsidenten. Wenige Tage danach explodieren die Gettos im Norden der USA. Tausende Schwarze liefern in vielen Städten der Polizei Straßenschlachten.

Nach einer Europareise muss Martin Luther King wegen völliger Erschöpfung ins Krankenhaus. Dort erhält er die Nachricht, dass er zum Friedensnobelpreisträger gewählt worden ist.

In der Stadt Selma wollen die Schwarzamerikaner im Frühjahr 1965 den Widerstand der Stadtverwaltung gegen das ihnen garantierte Wahlrecht brechen. Es kommt zu harten Auseinandersetzungen. Tausende werden wegen ordnungswidrigen Verhaltens eingesperrt, darunter auch Martin Luther King.

Als er wieder frei ist, ruft er zu einem neuen Marschzug von Selma nach Montgomery auf. Der Marsch wird verboten, doch Martin stellt sich an die Spitze des Zuges und ruft:

„Wir haben das Recht, auf den Highways zu marschieren, und wir haben das Recht, nach Montgomery zu gehen, wenn wir bis dahin kommen. Ich habe keine Alternative. Ich werde den Marsch von hier aus bis zum Regierungssitz führen. Meine Entscheidung ist getroffen. Ich muss gehen. Ich weiß nicht, was vor uns liegt. Vielleicht Schläge, Verhaftungen und Tränengas. Aber ich sterbe eher auf dem Highway, als dass ich mein Gewissen abschlachte. Ich fordere euch auf, kommt mit!“

Danach verschwindet Martin Luther King einige Monate aus den Schlagzeilen und attackiert anschließend öffentlich die amerikanische Vietnampolitik. Die christlichen und sogar die militanten Schwarzenführer aber bleiben auf Distanz. Die Schwarzamerikaner waren geradezu ängstlich darauf bedacht, sich der Nation als gute Patrioten zu empfehlen.

Allein die Studentenbewegung solidarisiert sich mit ihm.

1966 sollen die Auseinandersetzungen in den Norden nach Chicago verlagert werden, weil der militante Flügel der Bürgerrechtsbewegung dort immer mehr Anhänger unter den farbigen Aktivisten gewinnt. King will beweisen, dass seine Strategie der Gewaltlosigkeit auch im Getto funktioniert.

Doch trotz allen Einsatzes gelingt es nicht, einen nennenswerten Mobilisierungsgrad unter der Slumbevölkerung zu erreichen. King wird danach spöttisch als „Pastor Martin Loser“ tituliert, radikalisiert sich daher in der folgenden Zeit in seinen Reden zunehmend:

„Jahrelang war ich mit der Idee zuwege, die bestehenden gesellschaftlichen Institutionen zu reformieren, ein bisschen Änderung hier, eine kleine Veränderung da. Jetzt sehe ich das radikal anders. Heute bin ich mir im Klaren, dass wir einen Umbau der gesamten Gesellschaft brauchen, eine Revolution unserer Zielvorstellungen.“

Schon länger beschäftigt ihn eine Vision, die im Laufe des Jahres immer mehr Gestalt annimmt, sein „Marsch der Armen“. Die neue Aktion soll alle Armen des Landes umfassen, nicht nur die Schwarzen, sondern ebenso Puertoricaner, Indianer, Mexikaner und auch Weiße sollen mitbeteiligt sein, Landarbeiter, Saisonarbeiter, Müllmänner, Arbeitslose.

Doch die Vorbereitungen dazu muss er vorerst zurückstellen.

Denn im Februar 1968 gehen Polizeistreitkräfte in der Stadt Memphis mit chemischen Kampfmitteln und Schlagstöcken gegen streikende Müllarbeiter vor. Martin Luther King will  die Streikenden in ihrem Protest stärken.

Am 3. April 1968 redet er in  einer Kirche vor 2.000 Zuhörern und sagt zum Schluss:

„Ich weiß nicht, was jetzt kommt. Aber es kommt mir auch nicht darauf an. Ich war auf der Höhe des Berges. Ich bin ohne Sorge. Ich würde gern lange leben, so wie jeder. Ein langes Leben ist eine gute Sache. Doch das alles kümmert mich jetzt nicht. Ich will jetzt einfach Gottes Willen tun. Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu kommen. Ich habe drüben die andere Seite gesehen. Ich habe das Gelobte Land gesehen… Möglich, dass ich nicht mit euch dahin kommen kann. Aber das sollt ihr jetzt, heute Abend wissen: Zusammen, als Volk werden wir das Gelobte Land betreten. Darum bin ich heute glücklich. Nein, ich mache mir um nichts mehr Sorgen. Ich fürchte keinen Menschen. ‚Meine Augen haben Gottes Kommen, seine Herrlichkeit gesehen.“

Am folgenden Nachmittag tritt Martin Luther King auf den Balkon hinaus und bindet sich eine Krawatte. Da wirft ihn eine Gewehrkugel mit einem Schlag um. Sie trifft King einen halben Zentimeter rechts unter der Lippe, zerschmettert sein Kinn, bleibt in einem Halswirbel stecken und zerreißt das Rückenmark, er stirbt.

Noch während Martin Luther King bestattet wird, explodierten die Gettos. Harlem, Baltimore, Chicago. Die Regierung setzt 58.000 Soldaten in Bewegung. Sie verhaften 27.000 Personen, 3.500 Personen werden verletzt, 43 getötet und es entsteht ein Gesamtschaden von 589 Millionen Dollar.

Zwanzig Jahre nach diesen Ereignissen erklärt der Kongress den Geburtstag Martin Luther Kings zum Nationalfeiertag der Staaten.

Die offizielle Version vom Mord an King besagt, dass der kleine Dieb und Betrüger James Earl Ray ihn aus rassistischem Hass erschossen habe, eine Tat ohne Hintermänner.

Ray wird zu 99 Jahren Gefängnis verurteilt.

1997 gab es Bemühungen, dass das Untersuchungsverfahren wieder aufgenommen werden sollte. Doch die alten Untersuchungsakten wurden weggeschlossen und dürfen erst im Jahr 2027 wieder geöffnet werden.

Unbestreitbar zählt Martin Luther King zu den bedeutendsten schwarzen Führern der Geschichte. Doch war er ebenso ein Vorbild für Millionen Weiße.

Er schrieb, quasi als eigenen Nachruf:

„Sagt ihnen, dass ich versuchte, die Hungrigen zu nähren. Sagt ihnen, dass ich versuchte, die Nackten zu kleiden. Sagt ihnen, dass ich versuchte, anderen zu helfen.“

 

Der Prediger Martin Luther King

Wenn wir an Martin Luther King denken, ist er in unserer Vorstellung vor allem der charismatische Anführer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA, vielleicht auch noch der damals prominenteste Gegner des Vietnamkrieges. Er war aber nach seinem Selbstverständnis vorrangig Pastor und nahm seinen Auftrag zur Verkündigung des Wortes Gottes sehr ernst, litt aber zuweilen sehr am Zustand seiner Kirche in den USA, die die Rassentrennung sogar in den Gottesdiensten praktizierte.

Er schreibt über sich:

Ich bin alles Mögliche für die Leute: Führer der Bürgerrechtsbewegung, Aufwiegler, Unruhestifter, Redner. Aber im stillen Winkel meines Herzens bin ich letztlich ein Geistlicher, ein baptistischer Prediger. Das ist mein Wesen und Erbe, denn ich bin auch ein Sohn eines baptistischen Predigers, ein Enkel eines baptistischen Predigers und der Urenkel eines baptistischen Predigers. Die Kirche ist mein Leben, und ich habe ihr mein Leben gegeben; aber dennoch bin ich sehr beunruhigt über die Kirche…“

Er kritisiert die Anpassung der Kirche an die herrschenden Mächte, an den Zeitgeist und das Vergessen der Kernbotschaft Jesu, der Nächstenliebe:

„In der schrecklichen Mitternacht des Krieges haben Menschen an die Kirchentüren geklopft, um das Brot des Friedens zu erbitten. Aber oft wurden sie enttäuscht. Was beweist denn eindeutiger die Bedeutungslosigkeit der Kirche im heutigen Weltgeschehen, als ihre Stellungnahme zum Krieg? In einer vor Rüstung, nationalen Leidenschaften und imperialistischer Ausbeutung wahnsinnig gewordenen Welt hat die Kirche entweder diese Kräfte unterstützt oder zu ihnen geschwiegen. Während der letzten beiden Kriege haben die Nationalkirchen ihren Staaten sogar als Lakaien gedient. Sie haben Weihwasser auf Schlachtschiffe gesprengt, haben sich in die Armeen eingereiht und gesungen: „Lobe den Herrn und reicht mir ein Gewehr!“ Eine Welt, die den Frieden ersehnte, musste oft genug erleben, dass die Kirche den Krieg moralisch billigte.

Die Kirche muss daran erinnert werden, dass sie weder Herr noch Diener, wohl aber das Gewissen des Staates ist. Sie muss Wegweiser und Kritiker des Staates sein, niemals sein Werkzeug. Wenn die Kirche ihren prophetischen Eifer nicht zurückgewinnt, wird sie zu einem gesellschaftlichen Klub ohne moralische und geistliche Autorität. Beteiligt sie sich nicht aktiv am Kampf um Frieden und wirtschaftliche Gerechtigkeit, so wird sie die Anhängerschaft von Millionen von Menschen verlieren. Befreit die Kirche sich aber von den Fesseln des Bisherigen, übernimmt sie wieder ihre historische Mission, predigt sie furchtlos und beharrlich Frieden und Gerechtigkeit, so wird sie das geistliche Feuer der Menschen neu anfachen, ihre Seelen neu beleben und ihnen eine glühende Liebe eingeben zur Wahrheit, zur Gerechtigkeit und zum Frieden. Fern und nah werden dann die Menschen wissen, dass die Kirche eine große Gemeinschaft der Liebe ist, die dem einsamen Wanderer um Mitternacht Licht und Brot gibt.“

Martin Luther King fragt, wieso Gott als Allmächtiger das Böse in der Welt zulassen kann, und versucht die Frage für seine Zuhörer zu beantworten:

„Vor allem müssen wir wieder daran erinnert werden, dass Gott in seiner Welt wirkt. Er steht nicht außerhalb und schaut in kalter Gleichgültigkeit auf sie herab. Auf allen Straßen des Lebens geht er unseren Weg mit. Als immer liebender Vater wirkt er in der Geschichte für das Heil seiner Kinder. In unserem Kampf gegen die Macht des Bösen steht er uns zur Seite.

Aber warum zögert Gott so lange, das Böse niederzuwerfen? Warum ließ Gott zu, dass Hitler sechs Millionen Juden umbrachte? Warum duldete er, dass die Sklaverei in Amerika 244 Jahre währte? Warum erlaubt Gott blutrünstigem Pöbel, dunkelhäutige Männer und Frauen zu lynchen und die Negerkinder je nach Laune zu ertränken? Warum greift Gott nicht ein und zerschlägt die bösen Pläne verruchter Menschen?

Ich kenne weder Gottes Wege noch seinen Plan im Kampf gegen das Böse. Vielleicht verfehlten wir Gottes Endziel, wenn er so schnell mit dem Bösen verführe, wie wir es wünschen. Wir sind verantwortliche menschliche Wesen, nicht blinde Automaten. Wir sind Persönlichkeiten, nicht Puppen. Als Gott uns die Freiheit schenkte, entzog er sich selbst einen Teil seiner Souveränität und gab sie uns als Möglichkeit in die Hand. Wenn seine Kinder frei sind, so müssen sie aus freiem Entschluss seinen Willen tun. Deshalb kann Gott nicht zugleich den Menschen seinen Willen aufzwingen und seinen Plan mit ihnen vollenden.

Vergessen wir auch nicht, dass Gott bei denen ist, die unter dem Bösen leiden. Er gab uns die inneren Kraftquellen, um die Bürden des Lebens zu tragen. Er gibt uns den Mut, trotz allem vorwärts zu gehen. Wenn das Licht der Hoffnung flackert und die Lampe des Glaubens verlöschen will, gibt er uns neuen Mut zum Aushalten. Er ist bei uns nicht nur im Licht der Erfüllung, sondern auch in der Finsternis der Verzweiflung…

Dieser Glaube wird unseren müden Füßen eine Leuchte sein und ein Licht auf unserem beschwerlichen Weg. Und ohne diesen Glauben werden die kühnsten Träume der Menschheit allmählich zu Staub zerfallen.“

In einer anderen Predigt sagt er:

„Angesichts des Bösen in Natur und Moral fragen sich viele Menschen: ‚Wenn es einen guten Gott gibt, warum duldet er dann so unverdientes Leid?‘.

Gott ist noch immer in dieser Welt. Unsere neuesten technischen und wissenschaftlichen Fortschritte können ihn weder aus der mikroskopischen Einzigkeit des Atoms noch aus der Unermesslichkeit des interplanetarischen Raums verbannen.

Ich möchte euch drängen, der Suche nach Gott den Vorrang zu geben. Erlaubt seinem Geist, euer Sein zu ändern. Ihr braucht ihn, wenn ihr den Schwierigkeiten und Nöten des Lebens gewachsen sein wollt. Ehe unser Lebensschiff noch den letzten Hafen erreicht, wird es lange und wilde Stürme geben, die unsere Herzen erschauern lassen. Wenn ihr nicht tief und geduldig an Gott glaubt, werdet ihr machtlos sein vor den Hindernissen, Enttäuschungen und Schicksalsschlägen, die unausweichlich kommen werden. Ohne Gott zerbrechen alle unsere Mühen, und unsere Sonnenaufgänge verwandeln sich in Nacht. Ohne ihn ist unser Leben ein sinnloses Schauspiel, dem die entscheidenden Szenen fehlen. Aber mit ihm können wir uns aus den Abgründen der inneren Spannungen erheben und die Höhen des inneren Friedens erreichen.

Wo finden wir diesen Gott? In einem Laboratorium? Nein. Woanders als in Jesus Christus, dem Herrn unseres Lebens? Wenn wir ihn kennen, so kennen wir Gott. Christus ist nicht nur wie Gott, sondern Gott ist auch wie Christus. Christus ist das fleischgewordene Wort. Er ist die Sprache der Ewigkeit in zeitliche Worte gefasst. Wollen wir Gott und seine Absichten mit der Menschheit erkennen, so müssen wir uns an Christus wenden. Wenn wir uns ganz ihm und seiner Lehre ergeben, so nehmen wir an dem wunderbaren Glaubensakt teil, der uns zu wahrer Gotteserkenntnis verhilft.

Durch den Glauben empfangen wir das Erbe Jesu: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ Als Paulus mit zerschlagenem, blutigem Leib und gefesselten Füßen zu Philippi im Kerker lag, sang er um Mitternacht freudig die Lieder Zions. Die ersten Christen, die reißenden Löwen vorgeworfen oder zum Richtblock geführt wurden, freuten sich, dass sie für würdig erachtet wurden, um Christi willen zu leiden. Negersklaven, die von der Hitze ausgedörrt und von blutigen Striemen überzogen waren, sangen triumphierend: ‚Einst werde ich diese schwere Bürde ablegen!“ Das sind lebendige Beispiele eines Friedens, der alles menschliche Verstehen übersteigt.

Echter Glaube gibt uns die Überzeugung, dass jenseits der Zeit der Geist Gottes herrscht. So bedrückend die gegenwärtigen Umstände auch sein mögen, wir sind nicht allein. Gott ist auch in den engsten und trübsten Zellen des Lebens in uns. Und selbst wenn wir in ihnen sterben, ohne das empfangen zu haben, was uns das irdischen Leben verhieß, so wird er uns über die geheimnisvolle Straße des Todes in jene herrliche Stadt führen, die er uns bereitet hat. Seine Schöpfermacht verausgabte sich nicht im irdischen Leben, seine Liebe lässt sich nicht in die Mauern der Zeit und des Raumes fesseln. Wäre die Schöpfung nicht widersinnig, wenn der Tod eine Sackgasse wäre, die nicht weiterführt? Durch Christus hat Gott dem Tod den Stachel genommen und uns von dessen Herrschaft befreit. Unser irdisches Leben ist das Vorspiel zur Wiederauferstehung. Der Tod ist eine Straße, die in das ewige Leben führt.

Der christliche Glaube gibt uns die Kraft, tapfer zu tragen, was wir nicht ändern können, Enttäuschungen und Sorgen gelassen auf uns zu nehmen, ohne je die Hoffnung zu verlieren.

Zwei Monate vor seiner Ermordung sagte King in einer Predigt:

„Wenn ich jemand helfen kann auf meinem Weg, wenn ich jemand aufmuntern kann, mit einem Wort oder einem Lied, wenn ich jemand zeigen kann, dass er in die falsche Richtung geht, dann wird mein Leben nicht vergeblich sein. Wenn ich meine Pflicht als Christ tun kann, wenn ich Erlösung für eine einst aufgewühlte Welt bringen kann, wenn ich die Botschaft wie der Herr ausbreiten kann, dann wird mein Leben nicht vergeblich sein. Ja, Jesus, ich möchte an deiner rechten oder linken Seite sein, nicht aus selbstsüchtigen Motiven. Ich möchte an deiner rechten oder linken Seite sein, nicht wegen eines politischen Königreiches oder aus Ehrgeiz. Nein, ich möchte dort einfach sein in Liebe und in Gerechtigkeit, in Wahrheit und in der Verpflichtung gegenüber den anderen, damit wir aus diese alten Welt eine neue schaffen können.“

In diesem Sinne ist Martin Luther King für uns ein moderner Apostel – der mit seinem Leben, seinen Predigten und seinem Handeln für uns die Aufforderung ist, im Geist tätiger Nächstenliebe für unsere Mitmenschen da zu sein.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Sophie Scholl

Apostelandacht zu Sophie Scholl, gehalten am 22. Mai 2016

Idyllisch von Weinbergen eingeschlossen liegt das kleine Forchtenberg am Kocher, wo Lina Sophie Scholl am 9. Mai 1921 als Tochter des Bürgermeisters Robert Scholl und seiner Frau Magdalena Müller geboren wird, und zwar im Rathaus, das nicht nur Wirkungsstätte des Vaters, sondern auch Wohnung der Scholls ist. Lebensmittelpunkt ist die Diele. Dort wird gegessen und gespielt. Eine Schaukel hängt dort für die fünf Scholl-Kinder, Inge, Hans, Liesl, Sophie und der Werner. Christlich und im Geiste Pestalozzis erzieht Lina Scholl ihre Kinder. Sophie hat den wöchentlichen Badetag am liebsten, denn anschließend gibt es ein Honigbrot und die Mutter erzählt ein Märchen oder Geschichten über den Heiland und von einem die Menschen liebenden Gott. Vor dem Einschlafen sprechen die Kinder ihr Abendgebet, und sonntags besuchen sie das Kinderkirchle nach dem Hauptgottesdienst, das die frühere Diakonissin Lina Scholl oft selbst leitet. So dürfen wir uns die ersten neun Jahre von Sophies Kindheit vorstellen, bis die Familie erst nach Ludwigsburg und wenig später nach Ulm umzieht, wo sich der Vater mit einer Steuerkanzlei selbstständig macht.

Sophie aber darf wie die älteren Geschwister auf die höhere Schule wechseln. Seit 1932 geht sie morgens von der Olgastraße 81 zur Mädchenoberrealschule an der Steingasse nahe dem Ulmer Münster. Ihre Aufsätze und vor allem ihre Zeichnungen liegen über dem Durchschnitt. An der Grundschule war sie Klassenbeste. Das wird sich ändern, denn Sophie wird wie ihre Geschwister vom allgemeinen Begeisterungstaumel für die braunen Machthaber mitgerissen, und Ulm ist eine Hochburg der Nationalsozialisten. Ihre Freizeit opfert sie nun für den BDM statt für die Schule, und wie die anderen Scholl-Kinder wird sie einen mehrjährigen Prozess durchlaufen, bis sie sich voll Ekel von den Nazis abwendet.

Doch das Jahr 1933 ist erst einmal eins der Streitigkeiten über die neuen Machthaber zwischen Eltern und Kindern. Hans hängt ein Bild des Führers im Kinderzimmer auf, Robert Scholl nimmt es wieder ab. Das geht so wochenlang, bis der Vater aufgibt, er, der überzeugte Demokrat, der nach dem Schillerschen Gedanken lebt:

„...dass der Einzelne sich keinem blinden Schicksal beugen muss, sondern aus freiem Willen sein Leben gestalten und Großes daraus machen kann.“ (zitiert nach Barbara Beuys).

Hans, der Mitglied im Jungvolk des CVJM ist, tritt automatisch in die HJ ein, denn die christliche Jugendorganisation wird von der nationalsozialistischen einfach geschluckt. Wenig später folgen Inge, Liesl und Werner dem Beispiel des älteren Bruders und schließlich erhält auch Sophie 1934 die Erlaubnis der Eltern, sich bei der Jungmädelschaft zu melden. Sie macht dort schnell Karriere, denn sie ist klug und sportlich. Schon ein Jahr später wird Sophie Scharführerin und leitet etwa 15 Mädel an.

Was mag sie bewogen haben? Susanne Hirzel, Sophies Freundin, beschreibt das später einmal so:

"Wir wanderten, lernten im Freien behelfsmäßig kochen, lernten Karten und Kompass lesen, betrieben Sternkunde, sangen und lernten viele alte und neue Volkslieder."

(zitiert nach Barbara Beuys).

Sophie singt gern, besonders zur Gitarre, die sie spielt, außer dem Klavier und der Sopranflöte. Sie schaut aus wie ein Junge. Sie trägt einen Knabenhaarschnitt und mit Vorliebe die Blusen ihres Bruders Hans. Sie klettert auf Bäume und schwimmt in der Donau durch den mittleren Pfeiler der Ulmer Brücke, eine Mutprobe, denn sie liebt Herausforderungen, oder muss ich sagen, Gefahren. Am meisten mochte sie die Wanderungen und Ausfahrten des BDM, aber die Heimabende waren Pflicht. Und Sophie Scholl ist in äußerstem Pflichtbewusstsein erzogen. So wird sie auch später ihren Widerstand gegen die Nazis als ihre allerheiligste Pflicht begreifen.

Ende 1937 steht die Gestapo bei den Scholls vor der Tür. Hausdurchsuchung! Sie verhaftet Inge, Sophie und Werner. Sophie darf gleich wieder nach Hause. Kurz vor Weihnachten wird Hans verhaftet und kommt in Untersuchungshaft. Es ist eine reichsweite Aktion, die sich gegen die Bündische Jugend richtet, der sich Hans noch immer verbunden fühlt und deren Lieder und Bräuche er in die HJ einführte. „Bündische Umtriebe“, hieß das im Nazi-Jargon und war verboten. Keins der Scholl-Kinder tritt aus der HJ aus. Hans wird lediglich degradiert. Ein gleiches Schicksal erfährt Sophie im Frühjahr 1938. Sie darf nicht mehr Führerin sein.

Empört reagiert sie auf die Reichspogromnacht und mutig äußert sie ihre Empörung öffentlich, und zwar in der Schule. Jeder soll hören, wie Sophie Scholl über Unrecht denkt. Aus dem BDM zieht sie sich zurück, besucht noch die Heimabende und übernimmt den Kindergärtnerinnendienst. Statt der Aufmärsche und Kundgebungen beschäftigt sie sich mit Literatur. Rainer Maria Rilke und Stefan George sind ihre Lieblingsdichter. Sie zeichnet in der Natur, besucht eine private Kunstschule, wo sie einen Aktkurs belegt. Malerinnen wie Paula Modersohn-Becker und Renée Sintenis sind nicht nur Vorbilder in Sachen Malerei, sondern vor allem für ein Leben selbständiger Frauen, das nicht dem nationalsozialistischen Frauenbild entspricht.

Den endgültigen Bruch mit den Nazis vollzieht Sophie allerdings mit Ausbruch des Krieges. Hat der Vater doch Recht gehabt, der schon kurz nach 1933 prophezeite, dass die massive Ankurbelung der Wirtschaft Kriegszwecken diene. Die einzige Hoffnung, die sich für alle Scholls mit dem Krieg verbindet, ist der feste Glaube, er befreie, wenn er denn verloren ist, Deutschland vom Joch der braunen Machthaber.

Und umso länger der Krieg dauert, desto näher, so glauben sie, sei das Ende der Diktatur, die die Menschen ihrer Freiheit und ihrer Individualität beraubt.

Nach dem Abitur 1940 beginnt Sophie Scholl eine Ausbildung zur Erzieherin im Fröbel-Seminar in Ulm-Söflingen wie schon ihre Schwester Liesl vor ihr. Sie hofft damit den Reichsarbeitsdienst (RAD) umgehen zu können. Ein Jahr dauert die Ausbildung für Abiturientinnen, in denen Sophie die Pädagogik von Friedrich Fröbel, Maria Montessori und Johann Heinrich Pestalozzi kennenlernt. Nur, um den RAD kommt sie nicht herum. Die Behörden erkennen das Fröbel-Seminar als Ersatz nicht mehr an. Sie würde so gern studieren wie ihr Bruder Hans. Stattdessen muss sie im März 1941 ins RAD-Lager Schloss Krauchenwies im Kreis Sigmaringen. Pflicht sind das Tragen einer Uniform und die körperlich harte Arbeit im Außendienst. Sophie schuftet in der Landwirtschaft. Aus den Blasen an den Händen werden bald Schwielen. Schrecklich aber sind der Drill, die Fahne hoch, die Fahne runter, und die Schikane, der Verlust jeder Individualität. Sie schreibt in einem ihrer zahlreichen Briefe an die Familie und Freunde:

„Wir leben sozusagen wie Gefangene, da nicht nur Arbeit, sondern auch Freizeit zum Dienst wird.“ (Sophie Scholl,

Sophie bewahrt sich dennoch ihre Individualität. Sie hat sich ein eigenes Pensum neben dem des RAD auferlegt. Nachts liest sie mit der Taschenlampe unter der Bettdecke Thomas Manns verbotenes Buch „Der Zauberberg“ und Augustinus „Die Gestalt als Gefüge“. Später im Verlauf des RAD beginnt sie, sich durch kalte Duschen abzuhärten, als müsse sie sich immer wieder wachrütteln, um sich nicht ihrer Umgebung anzupassen. Sie sieht es als eine Übung zur Erhaltung der eigenen Disziplin. Ein Goethewort, welches der Vater gern zitiert, ist Sophie Leitsatz:

 „Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten.“ (zitiert nach Barbara Beuys).

Das kalte Duschen hilft ihr, diszipliniert Sophie als Sophie zu erhalten.

Und kein Ende ist absehbar. Kurz vor Ende des RAD ordnen die Nationalsozialisten für Studenten einen weiteren sechsmonatigen Dienst an, den Kriegshilfsdienst. Sophie erfährt die Nachricht aus dem Radio. Nichts mit Freiheit. Wieder nichts mit Studium.

Anfang Oktober 1941 tritt sie ihre neue Arbeitsstelle an: ein Kindergarten in der Kleinstadt Blumberg nahe der Schweizer Grenze. Während des Kriegshilfsdienstes – wieder lebt Sophie in einem RAD-Lager - sucht sie noch stärker Trost im Glauben. Sie liest Kierkegaard. Eine Kapelle wird in Blumberg ihr Refugium, nicht nur um Orgel zu spielen, sondern um bei Gott Trost zu suchen, auch im Gebet. Sophies Verhältnis zu Kirchen drückt sich am schönsten in einer Zeile aus ihrem Lieblingsgedicht von Manfred Hausmann aus:

„Ich möchte eine alte Kirche sein, voll Stille, Dämmerung und Kerzenschein.“ (zitiert nach Barbara Beuys).

Ende März 1942 hat sie es dann endlich geschafft. Sie kehrt nach Ulm ins Elternhaus zurück, um wenige Wochen später, an ihrem 21. Geburtstag, nach München aufzubrechen, wo sie Biologie und Philosophie studieren wird

Liegen die Nerven bloß, als Sophie Scholl am 25.1.1943 nachmittags von ihrer Wohnung an der Franz-Joseph-Straße Nr. 13 zum Münchner Bahnhof geht? Auf dem Rücken trägt sie einen Rucksack, unter dem Arm eine Aktentasche. Beide sind gefüllt mit Flugblättern, rund 2.000 Stück, davon etwa 250 in Umschlägen. Sie geht sicher nicht schnell, das wäre auffällig. Aber sie geht zügig, denn sie muss den Schnellzug nach Augsburg erreichen. In den steigt sie mit ihrer gefährlichen Fracht, obwohl sie weiß, dass die Züge ständig kontrolliert werden. Da ihr für einen Teil der Briefe Marken fehlen, kauft sie welche in Augsburg. Sie klebt sie auf die Umschläge und wirft ihre Sendung in zwei verschiedene Briefkästen. Am Abend fährt sie weiter nach Ulm. Doch Hans Hirzel erwartet sie nicht wie verabredet am Bahnhof. Sie läuft mit ihrer Fracht von noch etwa 2.000 Flugblätter quer durch Ulm, ihrer Heimatstadt. Das Risiko jemanden zu treffen, den sie kennt, ist groß. Im Pfarrgarten der Martin-Luther-Kirche trifft sie endlich Hans Hirzel, übergibt ihm die Flugblätter und kehrt sofort zum Bahnhof zurück. Erleichtert fährt sie nach München. Das ist gut gegangen.

Wochen mühseliger Vorbereitungen der ersten Flugblattaktion liegen hinter ihr. Mit Hans Scholl und Alexander Schmorell im Wechsel sitzt sie im Deutschen Museum, wo die Telefonbücher des "Großdeutschen Reiches" einsehbar sind, also auch die Österreichs, und schreibt Adressen ab. Das geht so zwei Wochen lang. Ständig kauft sie irgendwo Briefumschläge oder Briefmarken, möglichst kleinere Mengen, weil große sofort auffallen. Sie kauft Matrizen und Saugpapier. Das sind ihre Aufgaben. Mitte Januar lagern rund 10.000 Blatt Papier, 2.000 Umschläge, 1.000 Briefmarken und 20 Matrizen in Hans Zimmer. Ebenso ein Vervielfältigungsgerät, ein ziemlich modernes der Firma Geha, mit dem sich die Flugblätter in wenigen Stunden abziehen lassen. Sophie beschriftet die Kuverts auf der Schreibmaschine mit Adressen. Anschließend falzt sie die Flugblätter,  steckt sie in die Umschläge und frankiert diese.  Und ständig die Angst, die Gestapo steht vor der Tür, denn die Geschwister glauben, überwacht zu werden. Sophie ist angespannt, aber auch erschöpft.

Weil sie von der Flugblatt-Streu-Aktion am 29.1.1943 ausgeschlossen ist - Hans, Alexander und Willi verteilen in Hauseingängen, Hinterhöfen und Toren in drei Münchner Stadtteilen geschätzte 1.500 Exemplare – hat sich Sophie ihre eigene Streuaktion ausgedacht. Stets hat sie einige Flugblätter in der Handtasche, die sie in Telefonzellen oder parkenden Autos auslegt. Auch an mehreren Schriftaktionen, bei denen Hans und Alex und Willi ab dem 3.2.1943 mittels einer Schablone und Teerfarbe "Nieder mit Hitler" an die Hauswände schreiben, ist Sophie nicht beteiligt.

Das zweite Flugblatt richtet sich nicht allgemein an die Bevölkerung, sondern ruft speziell Studenten zum Widerstand auf. Es stammt aus der Feder Professor Kurt Hubers. Schmorell tippt es am 12.2.1943 auf Matrize und zieht gemeinsam mit Hans und Willi etwa 3.000 Exemplare ab. Aus einem veralteten Studentenverzeichnis schreibt Sophie am folgenden Abend  mit ihrem Bruder Hans Adressen auf Briefumschläge und am Montagmorgen hilft auch Alexander den Geschwistern beim Kuvertieren, und zwar nicht in deren Wohnung, sondern im nahegelegenen Atelier des Architekten Eickmeyer an der Leopoldstraße, zu dem sie einen Schlüssel haben und wo sie sonst Gesprächsrunden und Lesungen abhalten. Am Nachmittag setzen die beiden Männer die Arbeit allein fort. Erst nachts machen sie in der Wohnung der Geschwister weiter, und zwar zu viert. Sophie ist wieder mit dabei und Willi Graf kam hinzu. Erstmals verstecken sie Vervielfältigungsapperat und Schreibmaschine im Atelier Eickmeyer. Noch in derselben Nacht macht sich Willi Graf auf den Weg und steckt geschätzte 800 – 1.200 Briefe in Kästen an verschiedenen Postämtern Münchens ein. Gleichzeitig läuft eine Schriftaktion. Sophie ist während dessen mit den restlichen rund 1.500 Flugblättern allein in der Wohnung. 50 Briefe bringt sie am folgenden Tag in Begleitung von Hans Freundin Gisela Schertling zum Briefkasten an der Ecke Leopoldstraße und Franz-Joseph-Straße. Auch kauft sie dort auf dem Postamt noch einmal Briefmarken.

Der Anlass zu der waghalsigen Aktion an der Münchner Universität, die zur Verhaftung der Geschwister Scholl am kommenden Donnerstag, 18.02.1943 führt, ist vermutlich ein Anruf von Inge Scholls Freund Otl Aicher, indem er eine verschlüsselte Nachricht von Hans Hirzel aus Ulm hinterlässt: Das Buch "Machtstaat und Utopie" sei vergriffen. Dies ist ein vereinbarter Code, um sich gegenseitig zu warnen. Hirzel wurde einen Tag zuvor von der Ulmer Gestapo verhaftet und verhört. Wollen die Geschwistern die Flugblätter möglichst schnell loswerden, als sie sich nach dem Frühstück mit einem Koffer und einer Aktentasche gefüllt mit den restlichen 1.500 Exemplaren des zweiten und etwa 50 Exemplaren des ersten Flugblattes auf den Weg zur Uni machen? Sie betreten das Gebäude durch den Haupteingang und legen und verstreuen die Flugblätter im Erdgeschoss vor den Hörsälen. Sie sind schon auf dem Weg zum Hinterausgang, als sie spontan noch einmal umkehren. Noch immer haben sie Flugblätter übrig. Sie laufen die Treppe zum ersten und zweiten Stockwerk hinauf und legen auch dort Stapel mit der Flugschrift aus. Im zweiten Stockwerk wirft Sophie eine Handvoll Flugblätter in den Lichthof. Das beobachtet der Hausschlosser der Universität, Jakob Schmid, läuft in den zweiten Stock und setzt mit den Worten "Ich verhafte Sie" die Geschwister fest. Er bringt sie ins Zimmer des Syndikus, bis Polizei und Gestapo eintreffen.

Robert Mohr, Leiter der Münchner Gestapo-Sonderkommission, die beim Auftauchen der Flugschriften neu gegründet worden war, lässt Sophie und Hans ins Wittelsbacher Palais an der Brienner Straße 50, also ins Gestapo-Hauptquartier bringen. Das erste Verhör der beiden getrennt voneinander, aber zur gleichen Zeit beginnt noch am selben Tag gegen 15 Uhr. Nach drei Stunden Verhör leugnet Sophie noch immer die Tat. Ihre Erklärungen sind plausibel. Mohr deutet an, sie könne am Abend wieder nach Hause zurückkehren. Die Haussuchung in der Wohnung der Geschwister ändert alles. Gefunden werden eine Reiseschreibmaschine, ein Heft mit Anschriften in Augsburg und München, hunderte von Briefmarken und schließlich eine Armeepistole mit Munition. Um 19 Uhr beginnen deshalb Sophies und Hans zweite Verhöre. Sie dauern bis zum Morgen des Freitag. Um 4 Uhr in der Früh gesteht Hans. Zum Verhängnis wird ihm der Entwurf eines Flugblatts geschrieben von Christl Probst, das Hans bei seiner Verhaftung noch in der Manteltasche trug und das er zu entsorgen versuchte, was misslang. Als Sophie von dem Geständnis des Bruders erfährt, gibt auch sie die Tat zu und versucht so viel Schuld wie möglich auf sich zu laden. Um 8 Uhr morgens kehrt sie in ihre Zelle zurück. Ein letztes Verhör dann am Samstag, und noch am Sonntag wird sie dem Haftrichter vorgeführt. Der erlässt Haftbefehl. Gleiches widerfährt Hans und dem inzwischen verhafteten Christl Probst.

Schon am nächsten Tag, Montag 22.2.1943, um 10 Uhr ist die Verhandlung von Sophie, Hans und Christl. An den Händen gefesselt werden sie in den Saal 216 des Schwurgerichts geführt. Ihr Richter ist Roland Freisler, berüchtigt durch die hohe Zahl seiner Todesurteile. Inzwischen haben auch die Eltern der Geschwister von deren Verhaftung erfahren und sind mit dem Zug in München angekommen. Der Prozess hat schon begonnen, als sie den Gerichtssaal betreten. Robert Scholl ergreift das Wort, wird zurechtgewiesen, ergreift aber immer wieder das Wort. Schließlich werden die Eltern aus dem Gerichtssaal entfernt. Der Prozess dauert bis 13.30 Uhr. Dann zieht sich das Gericht zur Beratung zurück. Wenig später verkündet es drei Todesurteile, die von Sophie, Hans und Christl.

Nach dem Prozess wird Sophie ebenso wie Hans und Christl ins Gefängnis München Stadelheim gebracht, wo es den Eltern gelingt, noch einmal mit ihren Kindern zu sprechen. Beide, sowohl Sophie als auch Hans, sind sehr gefasst. Beide nehmen das Abendmahl und den Beistand eines protestantischen Pfarrers an. Schon um 17 Uhr des 22.2.1943, also nur wenige Stunden nach der Urteilsverkündung, werden sie durch die Guillotine hingerichtet. Das Gnadengesuch der Eltern wurde abgelehnt.

In den Verhören begründete Sophie Scholl ihr Handeln wie folgt: "Es war unsere Überzeugung, dass der Krieg für Deutschland verloren ist, und dass jedes Menschleben, das für diesen verlorenen Krieg geopfert wird umsonst ist." In ihren Briefen findet sich eine christliche Motivation für ihr Handeln. Sie wollte nicht schuldig werden vor Gott an einem sinnlosen Blutvergießen und an den Greueltaten des Nationalsozialismus, dem sie eine tiefe Abneigung gegenüber empfand, weil ihrer Auffassung nach "... die geistige Freiheit des Menschen in einer Weise eingeschränkt wird, die meinem inneren Wesen widerspricht." (Zitiert nach Barbara Beuys S. 451/52).

Marlies Matthies

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Apostelandacht zu Óscar Arnulfo Romero

Apostelandacht zu Óscar Arnulfo Romero, gehalten am 13. März 2016

Vom Konservativen zum Anwalt der Armen

Am 23. Mai 2015 fand die Seligsprechung von Óscar Romero in San Salvador, der Hauptstadt El Salvadors, statt. 200 Bischöfe und 300.000 Gläubige nahmen daran teil. Endlos lange Schlangen pilgerten vorbei an der Reliquie mit dem blutgetränkten Hemd, das Oscar Romero an jenem Märztag 1980 trug, als Kugeln sein Leben auf grausame Weise beendeten.

Mit der Seligsprechung erkannte auch die römische Kurie endlich die Verehrung an, die Romero in ganz Lateinamerika zuteil wird.

Der Seligsprechungsprozess für Romero wurde bereits 1997 eingeleitet, bald darauf aber durch den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, wieder eingefroren. Die salvadorianische Bischofkonferenz forderte Rom erfolglos auf, zum 30. Jahrestag der Ermordung Romeros im Jahr 2010 die Seligsprechung zu verkünden. Unter Papst Benedikt XVI., dem einstigen Kardinal Ratzinger, hatte diese Forderung keine Chance.

Erst sein Nachfolger Papst Franziskus erlaubte die Wiederaufnahme des Verfahrens und setzte damit ein deutliches Zeichen des Wandels.

Óscar Arnulfo Romero wurde am 15. August 1917 in einer kleinen Gebirgsstadt an der Ostgrenze zu Honduras geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Er hatte sechs Geschwister und mindestens eine uneheliche Schwester. Der Vater war Telegraph und Posthalter in der Stadt, und die Romero-Kinder trugen Briefe und Telegramme in der Stadt aus. Der kleine Oscar wurde als lernfreudig und fromm beschrieben. Schon mit dreizehn Jahren äußerte er den Wunsch, Priester zu werden. So trat er als Internatsschüler in das Seminar der Stadt San Miguel ein und begann sein Theologiestudium im Jahre 1937 am jesuitischen Priesterseminar in San Salvador. Auf Weisung seines Bischofs beendete er sein Studium in Rom an der Päpstlichen Universität und empfing dort im April 1942 seine Priesterweihe.

Im August 1943 kehrte er nach El Salvador zurück und arbeitete in den folgenden Jahren als Pfarrer und Redakteur kirchlicher Zeitschriften in der Stadt San Miguel.

Im Jahre 1967 wurde er zum Generalsekretär der Nationalen Bischofskonferenz berufen. Aus diesem Grund musste er San Miguel verlassen und nach San Salvador übersiedeln. Zusätzlich zu seinen Ämtern in El Salvador wurde er 1968 auch noch Sekretär des Zentralamerikanischen Sekretariats der Bischöfe.

Papst Paul VI. ernannte ihn 1970 zum Weihbischof in der Erzdiözese San Salvador. Ein Weihbischof ist der Stellvertreter des Bischofs und leistet ihm Hilfe bei der Amtsführung. Romero leitete dort außerdem eine konservative kirchliche Zeitung und wurde Rektor des Priesterseminars von El Salvador.

Vier Jahre später wurde er zum Bischof der Diözese Santiago de Maria ernannt.

Im Juni 1975 überfielen Gardisten nachts einen Weiler in Romeros Diözese, erschossen und zerstückelten fünf Campesinos, also Kleinbauern, und plünderten die Häuser auf der Suche nach Waffen. Am folgenden Tag kam Romero, um die Familien zu trösten und für die Opfer eine Messe zu halten. In seiner Predigt verurteilte er das Massaker als Übergriff auf die Menschenrechte. Anschließend ging er zum Ortskommandanten der Guardia. Dieser aber bezeichnete die Opfer als Übeltäter und unternahm nichts weiter.

Er schrieb auch einen Brief an den Präsidenten El Salvadors. Darin beschrieb er seine Erlebnisse und protestierte gegen die Gewalttat; aber er protestierte nicht öffentlich. Der Brief war respektvoll und höflich. Er glaubte offensichtlich immer noch, die Behörden wären für die Verbrechen ihrer Untergebenen nicht verantwortlich und würden Missbräuche abstellen, so dass es besser wäre, die Dinge zwischen kirchlichen und staatlichen Behörden zu regeln.

Am 30. Juli 1975 massakrierten Truppen in San Salvador etwa vierzig Studenten, die gegen die von der Regierung verordnete Besetzung der Universität demonstriert hatten. Aus Protest dagegen besetzten andere Gruppen, einschließlich Priestern und Ordensleuten, die Kathedrale von San Salvador – die erste solcher Besetzungen. Romero war aufgebracht, allerdings hauptsächlich über die Haltung der Protestler. Er gab unzweideutig zu verstehen, dass er mehr Frömmigkeit und wenige Ideologie in der Ausbildung des Priesternachwuchses wünsche, entließ den Direktor und ernannte einen neuen.

Durch diese Haltung gewann Romero Ansehen in den Augen des päpstlichen Nuntius von El Salvador. Der überlegte sich bereits, wen er in Rom als nächsten Erzbischof von San Salvador vorschlagen könnte.

Die Erzdiözese von San Salvador wurde seit 1938 von Erzbischof Luis Chávez geführt. Der unterstützte das Recht der Bauern, sich zu organisieren und politischen Druck auszuüben. Das sahen viele Mitglieder der kirchlichen Hierarchie eher kritisch.

Anfang 1977 ließ sich der Erzbischof in den Ruhestand versetzen. Er ließ einen unteren Klerus zurück, der auf der Seite der Armen und Unterdrückten stand.

Als Nachfolger ernannte Rom auf Vorschlag des päpstlichen Nuntius den Bischof Óscar Arnulfo Romero.

Er galt bei seiner Ernennung als Wunschkandidat der Konservativen und Oligarchen. Sie hofften, Romero würde mit den politisierenden Priestern aufräumen und die Kirche wieder zu ihrer geistlichen Aufgabe zurückführen. Im Klerus der Hauptstadt dagegen war seine Ernennung umstritten, weil viele das sozialpolitische Engagement seines Vorgängers schätzten.

Der Grundbesitz in El Salvador war in den Händen einiger weniger Familien. Die große Mehrheit der Bevölkerung hatte dagegen nichts, bestenfalls schlecht bezahlte Arbeit in den Erntewochen von Kaffee, Baumwolle und Zuckerrohr.

In den sechziger Jahren hatten sich neue soziale Bewegungen gebildet, Gewerkschaften und linksorientierte Parteien. Die Herrschenden sahen in ihnen und den sozial engagierten, christlichen Gruppen zunehmend eine Bedrohung ihrer Interessen und erhofften sich vom neuen Erzbischof Romero, dass er gegen diese Gruppen vorgehen würde.

1968 hatte die lateinamerikanische Kirche die Bischofskonferenz von Medellín abgehalten, um das Zweite Vatikanische Konzil auf Lateinamerika anzuwenden. Die Grundideen der Befreiungstheologie waren bereits verbreitet und eingebettet in die Dokumente von Medellín: Gott will keine soziale Ungerechtigkeit, sondern das Gegenteil: das Volk soll mit Gottes Hilfe für die Herbeiführung der Gerechtigkeit arbeiten.

Mit den Dokumenten von Medellín kündigten die Bischöfe das Bündnis zwischen den herrschenden Besitzenden und der Kirche auf. Das alarmierte sowohl die lateinamerikanischen Oligarchien als auch die Regierung der Vereinigten Staaten. Gott in einen Zusammenhang mit den politischen und wirtschaftlichen Strukturen zu bringen, wurde als Marxismus und Kommunismus abqualifiziert. Oscar Romero allerdings gehörte zu denen, die sich lange schwer taten mit diesen Neuorientierungen der lateinamerikanischen Kirche.

Zeitgleich mit der Amtsübernahme Romeros als Erzbischof von San Salvador fanden im Februar 1977 Präsidentschaftswahlen statt. Nach massiven Wahlfälschungen wurde General Carlos Humberto Romero zum Wahlsieger ausgerufen, der mit Erzbischof Romero nur den Namen gemeinsam hatte, sonst nichts. Die Opposition reagierte mit einem Generalstreik und einer Protestkundgebung gegen den Wahlbetrug auf dem Platz vor der Kathedrale. Am Abend forderte das Militär eine Räumung des Platzes und schoss danach wahllos in die Menge. Es gab mehr als 100 Tote.

Einen Monat später wurde der Pater Rutilio Grande zusammen mit zwei Begleitern auf dem Weg zu einem Gottesdienst aus einem Hinterhalt ermordet. Auftraggeber waren die Großgrundbesitzer. Oscar Romero war lange Jahre eng mit ihm befreundet gewesen und wurde durch dieses Ereignis im Innersten erschüttert.

Die drei Leichname wurden in die Hauptstadt überführt, wo Romero in der Kathedrale das Requiem feierte. Das Radio übertrug die Messe. Romero nahm an, dass die Mörder in ihrem Versteck die Übertragung hörten, und richtete sich an sie mit den eindrücklichen Worten:

„Wir möchten euch sagen, ihr mörderischen Brüder, dass wir euch lieben und dass wir Gott um Reue für eure Herzen bitten, denn die Kirche ist nicht zum Hass fähig und sie kennt keine Feinde.“

Auf die Ermordung Rutilio Grandes regierte Romero mit der Ankündigung, an keinem offiziellen Akt der Regierung mehr teilzunehmen, bis das Verbrechen aufgeklärt sei. Außerdem wurde für die ganze Erzdiözese am folgenden Sonntag nur eine einzige Messe in der Kathedrale von San Salvador gefeiert.

Sowohl der päpstliche Nuntius als auch die Regierung protestierten, doch Romero ließ sich nicht beirren. Über 100.000 Menschen kamen zusammen. In seiner Predigt stellte er klar:

„Wer einen meiner Priester anrührt, rührt mich an.“

Sowohl der Nuntius als auch die Regierung und die Oberschicht stellten beunruhigt fest, dass ihre Rechnung mit der Ernennung Romeros nicht aufgegangen war. Der verhielt sich ganz anders, als sie sich das vorgestellt hatten.

Die Lage verschärfte sich durch die Entführung des Außenministers El Salvadors durch eine linke Befreiungsorganisation. Die Regierung machte Teile der Kirche und den Erzbischof für diese Entführung mitverantwortlich. Bald fand man die Leiche des ermordeten Ministers, und einen Tag später wurde als Vergeltung ein weiterer Priester ermordet. Romero feierte jeweils Requiems für beide Tote.

Drei Monate nach seiner Ernennung war Romero ein anderer, ein veränderter Bischof. Viele sprachen im Zusammenhang mit dieser Wandlung vom „Wunder Romero“. War er zuvor eher zurückhaltend, ja ängstlich gewesen, so suchte er jetzt die Begegnung mit den Menschen und predigte wortgewaltig im Andenken an einen einige Tage zuvor ermordeten Priester:

„‘Tut Buße‘, mit diesem Wort begann Jesus das Evangelium zu predigen. Um Buße geht es auch im Wesentlichen in der Predigt der Kirche: ‚Tut Buße, bekehrt euch, verlasst die bösen Wege.‘ In dieser Stunde sollten wir auf alle Straßen unseres Vaterlandes hinausgehen, wo so viel Hass, Verleumdung, Rache, fehlgeleitete Gewissen sind, und sagen: ‚Bekehrt euch!‘ Die Kirche verabscheut Gewalt. Niemals wird sie Verbrechen billigen, wie sie in dieser Woche begangen wurden. Doch empfindet sie nie Hass auf Menschen, die mit der Pistole geschossen, ermordet, entführt haben. Vielmehr sagt sie zu ihnen liebevoll: ‚Bekehrt euch.‘ Bekehrung auch von den Sünden, die jeder von uns im Herzen trägt. Ich trage meine eigenen Sünden und jeder von euch auch. Wer von uns ist kein Sünder? Bitten wir Gott um Verzeihung, bekehren wir uns, verlassen wir den bösen Weg.“

Die Reichen, die zuvor seine Freunde gewesen waren, wandten sich zum großen Teil von ihm ab. Ein ultrarechtes Kampfblatt machte sogar den Vorschlag, der Papst sollte einen Exorzismus an Romero vollziehen.

Doch Vertreter aller gesellschaftlicher Gruppen suchten das Gespräch mit ihm: Unternehmer und Großgrundbesitzer, Militärs, Regierungsmitglieder, Diplomaten, Journalisten und auch die einfachen Menschen. Damit wuchs Romero in die Rolle eines Vermittlers. Er vermittelte in Arbeitskonflikten, bei Besetzungen von Botschaften durch die linken Volksorganisationen und in Entführungsfällen.

Sein internationales Prestige wuchs beständig. Im Dezember 1978 schlugen ihn 118 britische Abgeordnete für den Friedensnobelpreis vor, der dann allerdings an Mutter Teresa von Kalkutta vergeben wurde. Im Dezember 1979 predigte Romero:

„Eine echte christliche Bekehrung heute muss die sozialen Mechanismen aufdecken, die den Arbeiter und den Bauern marginalisieren. Warum gibt es für den armen Campesino nur Einkünfte währende der Kaffeernte, der Baumwoll- und Zuckerrohrernte? Warum benötigt diese Gesellschaft Bauern ohne Arbeit, schlecht bezahlte Arbeiter, Leute ohne gerechten Lohn?“

Damit vollzog er den Schritt vom karitativen zum strukturellen Ansatz der Armutsbekämpfung, wie er auch von den anderen sogenannten ‚Befreiungstheologen‘ vertreten wurde. Fester Bestandteil seiner Sonntagspredigten waren seine Kommentare zu den Ereignissen der vergangenen Woche. Er nannte hier nicht nur die Namen der Opfer von Menschenrechtsverletzungen, sondern so weit wie möglich auch die Täter. So wurden die im Rundfunk übertragenen Predigten des Erzbischofs zur wichtigen Informationsquelle im Land. Man nannte ihn jetzt bewundernd ‚Journalist der Armen‘. Er sagte:

„Die Kirche predigt keinen Hass, sondern Liebe. Sie benutzt dabei manchmal harte, gewaltsame Worte, um Menschen der Herrschaft der Sünde zu entreißen und sie zum Herrn zu bekehren. Die Kirche ist nicht marxistisch, und sie engagiert sich nicht zugunsten irgendeines sozialen Systems. Die Kirche verteidigt die Ethik ihrer Religion, ihrer Liebe zu Gott, und genau das interessiert sie in jeder Art von System. Sie wird nicht marxistisch oder kapitalistisch. Aber sie mahnt Marxisten und Kapitalisten, sich von ihrem Materialismus abzuwenden, um dann den einzig wahren Gott zu verehren und ihre soziale Sorge in eine Mitarbeit am Aufbau des wahren Reiches Gottes zu verwandeln, des Gottes, der uns als Brüder und Schwestern aller fühlen lässt. Es gibt eine Autonomie der staatlichen Autorität. Doch die Kirche hat auch ihre Autonomie. Deswegen soll jeder auf seinem Gebiet mit dem anderen für das Gemeinwohl zusammenarbeiten. Denn das, das Gemeinwohl, ist die große Politik der Kirche. Und sie hat aufgrund ihrer moralischen Aufgabe in der Welt das Recht, Fehlverhalten in der Politik zu kritisieren.“

Die konservativen Kleriker El Salvadors beschwerten sich zunehmend über das Verhalten Romeros in Rom. Dort war man beunruhigt, und Romero reiste mehrfach zum Vatikan, um sich zu rechtfertigen und um Verständnis zu werben.

Insgesamt vier ‚apostolische Visitationen‘, vatikanische Kontrollen, wurden Romero während seiner drei Jahre als Erzbischof geschickt. Eine von ihnen empfahl Ende 1978, einen Apostolischen Administrator zu ernennen und damit Romero faktisch als Erzbischof zu entmachten. Romero sagte im Anschluss an diese Visitation:

„Wenn sie mich nicht wollen, wie ich bin, sollen sie mir doch das Erzbistum entziehen und mich zum Pfarrer einer Pfarrei ernennen. Ich kann doch nicht deshalb meine Worte ändern, denn ich spreche, wie mein Gewissen es mir befiehlt.“

Die letzten Monate

Im Jahr 1979 verschlimmerte sich die Situation in El Salvador immer mehr. In den ersten sechs Monaten waren 406 Menschen militärischer und paramilitärischer Gewalt zum Opfer gefallen. Am Straßenrand und auf Müllkippen fand man die übel zugerichteten Leichen. Auch in Teilen der Armee setzte sich die Überzeugung durch, dass es so nicht weitergehen könne. So kam es am 15. Oktober 1979 zu einem unblutigen, von der US-Regierung unterstützten Putsch jüngerer, reformwilliger Offiziere. Romero war bereits im Voraus von ihnen ins Vertrauen gezogen worden. Eine Regierungsjunta mit zwei Militärs und drei Zivilisten wurde von den Putschisten eingesetzt. Romero äußerte sich öffentlich mit vorsichtiger Hoffnung angesichts der neuen Situation. Er verlangte die Entlassung derjenigen aus der Armee, die sich schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht hatten. Ebenso forderte er die Aufklärung des Schicksals der Verschleppten. Militante Vertreter der Linken sahen aber in dem Putsch nur eine Störung des revolutionären Prozesses. Sie setzten nach dem Beispiel Nicaraguas ihre Hoffnungen auf einen breiten Volksaufstand. So empfanden sie Romeros vorsichtige Unterstützung der neuen Regierung als Verrat an der Sache der Volksorganisationen. Zunehmend geriet Romero also zwischen die Fronten.

Schließlich gewannen diejenigen die Oberhand, die meinten, man müsse in El Salvador mindestens 200.000 Menschen umbringen, um so ‚die Pest des Kommunismus‘ auszurotten. Ihre Gallionsfigur war Major Robert D’Aubuisson, der die Todesschwadronen organisierte und später auch den Befehl zum Mord an Romero gab. Eine neue Stufe der Menschenverachtung war erreicht, als über einer Großdemonstration am 22. Januar 1980 ein Flugzeug Insektenvernichtungsmittel versprühte. Die Demonstration endete mit mindestens 21 Toten und 120 Verletzten.

Romero reiste in diesen Tagen nach Europa. An der Universität Löwen in Belgien sollte ihm die Ehrendoktorwürde verliehen werden.

Zunächst flog er nach Rom, wo er an der allgemeinen Audienz des Papstes teilnahm. Danach sprach er in einer Privataudienz mit dem Papst. Er hatte den Eindruck, dass Johannes Paul II. allem, was er sagte, zustimmte. Am Schluss umarmte ihn der Papst und sagte, er bete täglich für El Salvador. Romero schrieb in sein Tagebuch darüber:

Dies empfand ich als göttliche Bestätigung und Kraft für meinen einfachen Dienst“.

Zurück in San Salvador, erfuhr er von den Absichten der USA, Militärhilfe an El Salvador zu leisten. Er schrieb einen Brief an Präsident Carter:

„Der Beitrag Ihrer Regierung wird zweifellos, statt vermehrte Gerechtigkeit und Frieden in El Salvador zu fördern, die vom organisierten Volk erlittene Ungerechtigkeit und Unterdrückung noch verschärfen. Dieses Volk hat oft für die Anerkennung seiner elementarsten Menschenrechte gekämpft. Seit die Sicherheitstruppen wie gemeldet Ausrüstung und Ausbildung aus den Vereinigten Staaten erhalten hatten, haben sie mit erhöhtem Selbstschutz und gesteigertem Wirkungsgrad das Volk mit noch größerer Gewalt und unter Anwendung tödlicher Waffen unterdrückt.“

Er bat Carter, nicht noch mehr Militärhilfe zu schicken.

Am 17. Februar 1980 predigte Romero über die Seligpreisung und die Armen. Wie immer wurde die Messe vom kirchlichen Radio El Salvadors übertragen. Er sagte:

„Der Tod von Salvadorianern, der schnelle Tod durch Repression oder der langsame Tod struktureller Unterdrückung. Gott möchte uns Leben schenken, und jeder, der Leben zerstört und durch Verstümmelung, Folter, Unterdrückung verletzt, zeigt uns auch durch diesen Gegensatz das göttliche Bildnis des Gottes des Lebens – des Gottes, der das Leben der Menschen achtet.“

Am darauffolgenden Tag zerstörte ein Sprengkörper die kirchliche Funkstation.

In seiner nächsten Predigt richtete Romero einen Aufruf zur Bekehrung an die Oligarchie:

„Wenn sie auf mich nicht hören wollen, so sollen sie doch wenigstens auf Papst Johannes Paul II. hören, der in dieser selben Woche, zu Beginn der Fastenzeit, die Katholiken der Welt ermahnt hat, überflüssigen Reichtum aufzugeben, um den Notleidenden als Zeichen der fastenzeitlichen Buße zu helfen. Von einem christlichen Gesichtspunkt aus ist Teilen eine innere Haltung, die der Haltung Christi entspricht, der, da er doch reich war, arm wurde, um seine Liebe mit den Armen teilen zu können. Ich hoffe, dieser Aufruf der Kirchen wird die Herzen der Oligarchie nicht noch mehr verhärten, sondern sie zur Bekehrung bewegen. Mögen sie teilen, was sie sind und haben. Mögen sie nicht länger mit Gewalt die Stimme jener zum Schweigen bringen, die versuchen, gerechteres Teilen von Macht und Reichtum in unserem Land zu erreichen. Ich spreche in der ersten Person Einzahl; denn diese Woche habe ich eine Nachricht erhalten, dass ich auf der Liste jener stehe, die nächste Woche zum Schweigen gebracht werden sollen. Aber sie werden erfahren, dass die Stimme der Gerechtigkeit nicht länger erstickt werden kann.“

Der Außenminister von Nicaragua hatte ihm zuvor geschrieben und bot ihm Nicaragua als Zuflucht an. Romero antwortete, er könne sein Volk nicht verlassen.

Am Sonntag, dem 9. März, feierte Romero eine Messe in der Herz-Jesu-Basilika für Mario Zamora, einem Führer der Christdemokraten, der durch eine rechtsextreme Todesschwadron eine Woche zuvor brutal ermordet worden war. Am folgenden Morgen entdeckte ein Arbeiter einen Koffer mit 72 Dynamitstangen, die nicht explodiert waren. Romero kommentierte dies:

„Statt Angst wollen wir mehr Vertrauen fühlen. Gott behütet uns. Wer auf Gott vertraut, dem kann nicht Schlimmes geschehen.“

Seine Predigt vom Sonntag, dem 23. März 1980 wurde durch einen Kurzwellensender aus Costa Rica übertragen und im ganzen Land empfangen. Er berichtete wiederum ausführlich über die Gewalttätigkeiten der vergangenen Woche und beschloss die zweistündige Predigt mit den Worten:

„Kein Soldat ist gezwungen, einem Befehl zu gehorchen, der dem göttlichen Gesetz widerspricht. Es ist Zeit, dass ihr eure Gewissen wieder gebraucht und euren Gewissen folgt, nicht den Befehlen zur Sünde. Die Kirche als Verteidigerin der Rechte Gottes, des göttlichen Gesetzes, der menschlichen Würde, der Person, kann angesichts solcher Greuel nicht schweigen. Wir wünschen, dass die Regierung ernstlich begreife, dass Reformen wertlos sind, wenn sie mit so viel Blut befleckt werden. Im Namen Gottes und im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Klagen von Tag zu Tag ungestümer zum Himmel steigen, bitte ich euch, flehe ich euch an, befehle ich euch in Gottes Namen: Hört auf mit der Unterdrückung!“

Am 24. März um 18 Uhr feierte er eine Messe zum Gedenken an den Tod der Mutter eines Freundes, die bei einem Sprengstoffanschlag ums Leben gekommen war. Er sagte:

„Wer sich aber aus Liebe zu Christus dem Dienst an den anderen widmet, wird leben – wie das Weizenkorn, das nur scheinbar stirbt. Würde es nicht sterben, so bliebe es allein…nur in der Selbstauflösung bringt es eine Ernte hervor.“

Er mahnte die Anwesenden, dem Beispiel der Ermordeten zu folgen, indem jeder auf seine Art seine Aufgabe wahrnehme, mit Hoffnung, Vertrauen und Liebe zu Gott und sagte:

„Deshalb wollen wir uns in Glaube und Hoffnung in diesem Augenblick des Gebets für Doña Sarita und für uns selbst innig zusammenschließen.“

In diesem Augenblick fiel der Schuss.

Erzbischof Romero stand hinter dem Altar, das Gesicht der Gemeinde zugewandt. Er stürzte zu Boden, zu Füßen des großen Kruzifixes. Mehrere Ordensschwestern und andere Leute sprangen auf ihn zu und legten ihn auf den Rücken. Romero war bewusstlos, rang nach Luft, während Blut aus seinem Mund und seiner Nase rann. Die Kugel war in seine linke Brust eingedrungen und im Rücken steckengeblieben. Splitter des Geschosses verstreuten sich im Brustkorb und verursachten schwere innere Blutungen.

Blut färbte das violette Messgewand und die weiße Albe rot, als einige Personen ihn aus der Kapelle zu einem kleinen Lieferwagen außerhalb des Gebäudes trugen. Im Notfallraum einer Poliklinik lag er dann auf dem Tisch, immer noch nach Luft ringend, an seinem eigenen Blut erstickend, immer noch bewusstlos. Nach ein paar Minuten hörte er zu keuchen auf und war tot.

Seine Beerdigungsmesse fand am Palmsonntag statt. Während der Predigt eines vom Papst entsandten Kardinals explodierte in der Nähe der Kathedrale ein Sprengkörper. Im gleichen Augenblick setzte dort eine Schießerei ein, und die Volksmenge begann zu fliehen. Durch die einsetzende Panik waren anschließend vierzig Tote zu beklagen.

Man brach die Messe ab, der Sarg wurde eiligst unter dem Geräusch der Schüsse und Explosionen von draußen in der Kathedrale beigesetzt.

Die bei Romeros letzter Messe anwesenden Personen wurden von der Polizei nicht zu einer Befragung einbestellt. Die Ergebnisse der Spurensicherung waren nicht vollständig. Einige der Zeugen von Romeros Ermordung wurden ihrerseits ermordet oder verschwanden. Richter Ramirez leitete die Untersuchungen und bemühte sich, trotz aller Widerstände den Fall sorgfältig aufzuklären. Drei Tage nach Romeros Tod drangen zwei Männer unter einem Vorwand in sein Wohnhaus ein und wollten ihn ermorden. Doch Richter Ramirez war bewaffnet und verteidigte sich, die Eindringlinge verschwanden. Danach floh er nach Venezuela.

Nach dem Mord an Romero eskalierte der Bürgerkrieg und kostete in zwölf Jahren mehr als 75.000 Tote, und das bei etwa 5 Millionen Einwohnern.

1992 unterschrieben die Bürgerkriegsparteien einen Friedensvertrag. Die Vereinten Nationen setzten für El Salvador eine Wahrheitskommission ein. Sie sollte die Hintergründe der verübten Gewalttaten klären und die dafür Verantwortlichen benennen. Im Abschlussbericht steht: „Der ehemalige Major Roberto D’Aubuisson gab den Befehl, den Erzbischof zu ermorden. Mitgliedern der Sicherheitskräfte gab er dazu genaue Anweisungen, dass sie als ‚Todesschwadronen‘ die Ausführung des Mordes organisierten und überwachten.“

D’Aubuisson selbst soll sich als ‚geistiger Vater‘ des Attentats auf den Erzbischof von San Salvador bezeichnet haben.

Nur fünf Tage nach der Veröffentlichung des Berichts billigte die gesetzgebende Versammlung El Salvadors ein Gesetz zur Generalamnestie. Sofort wurden alle gerichtlichen Ermittlungen im Falle Romeros endgültig beendet.

Romeros Tod ist eine Konsequenz seiner Haltung: Er fand sich nicht mit Gewalt, Ungerechtigkeit und der Zerstörung seines Landes ab. Für ihn war es ungeheuer wichtig, das Leben durch das Evangelium zu ‚erleuchten‘. Er besaß das Charisma einer außerordentlichen Fähigkeit, mit Menschenmengen zu kommunizieren. Wie die vielen Märtyrer vor ihm blieb Romero seiner Sendung treu. Er floh nicht.

Zwei Wochen vor seinem Tod sagte er einem Journalisten in einem Interview:

„Ich muss Ihnen sagen, dass ich als Christ nicht an einen Tod ohne Auferstehung glaube.

Sollte ich umgebracht werden, so werde ich im salvadorianischen Volk wieder auferstehen.“

Romero war ein Mann, der sein Christsein über die Bewahrung seines eigenen Lebens stellte.

Rolf Polle

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Apostelandacht zu Elise Averdieck

Apostelandacht zu Elise Averdieck, gehalten am 31. Januar 2016

Es ist der 26. Februar 1898. Gegen 10 Uhr wird es auf der engen Straße vor den Fenstern der Wohnung Elise Averdiecks unruhig. Sonst sieht man sonst nur Post- oder Bierwagen in der stillen Straße; jetzt aber fahren fünf elegante Kutschen vor und halten vor dem Hauseingang zur Wohnung Elise Averdiecks. Sie feiert an diesem Tage ihren 90. Geburtstag. Der erste Wagen ist die Hamburger Staatskutsche, so etwas gab es damals, mit zwei dunkelbraunen, prachtvollen Pferden davor. An beiden Wagentüren prangt ein silbernes Hamburger Wappen. Kutscher und Ratsdiener springen herab und öffnen die Türen. Bürgermeister Versmann und Senator Lappenberg steigen würdevoll aus und lassen bei Elise Averdieck klingeln. Sie überbringen ihr die Geburtstagsgrüße des ganzen Senats. Elise wirkt verlegen, besonders als der Pastor der Stiftung Bethesda und die Oberin der Stiftung ihr den Gruß und Segenswunsch Ihrer Majestät der Kaiserin überbringen. Ihr wird ein Bild der hohen Frau mit deren eigenhändiger Unterschrift überreicht. Sie ist unendlich gerührt über diese Ehrung.

Wer war diese Frau, die dann noch mehr als neun Jahre lebte und über Hamburg hinaus zur Legende ihrer selbst wurde?

Elises Vater Georg Friedrich Averdieck ist ein begüterter Kaufmann. Sie wird im Jahre 1808 als zweites Kind geboren, es folgen noch 10 weitere Kinder.

Zu Beginn der französischen Besatzungszeit unter Kaiser Napoleon werden seine aus England importierten Waren öffentlich verbrannt. Der Vater entschließt sich, in Berlin ein neues Geschäft zu gründen. Nach der französischen Niederlage im Jahre 1815 zieht die Familie wieder nach Hamburg in ein großes Kaufmannshaus am Alten Wandrahm. Den Sommer verbringt man im Landhaus an der Alster, wo jedes Kind sein eigenes Gärtchen hat.

Von 1816 bis 1823 besucht Elise eine Höhere Töchterschule. Dort erhält sie Religionsunterricht beim Kandidaten Johann Wilhelm Rautenberg. Er wird später einer der bedeutendsten Vertreter der Erweckungsbewegung in Hamburg.

Durch ihn gewinnt Elise Interesse an biblischen Geschichten. Er bleibt zeit seines Lebens ihr fürsorglicher Beichtvater und Förderer.

Doch im Jahr 1827 wird das Geschäft des Vaters zahlungsunfähig und sie muss das Elternhaus verlassen. Ihr wird eine Stelle als Gesellschafterin und Pflegerin bei einer weitläufigen Verwandten angeboten. Sie bleibt auf dieser Stelle zwei Jahre lang.

Dann fragt sie der Arzt ihrer Familie, ob sie die Pflege für ein krankes Mädchen übernehmen könnte; sie sagt zu, bekommt von ihm eine Wohnung gemietet und nimmt nach und nach immer mehr kranke Kinder auf.

In dieser Zeit hat sie ihr entscheidendes Bekehrungserlebnis. Sie schreibt:

„Konnte die Bibel mir helfen? Sie war mir fremd. Wohl wusste ich, darin ist Trost und Stärke. Aber wie es finden? – Doch Gottes Liebe ist unerschöpflich! Wo ich auch die Bibel aufschlug, wohin auch meine Augen fielen, ich las immer nur Worte des Trostes und der Stärkung: Jes. 43,1: ‚Fürchte dich nicht, denn ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.‘ Das waren die ersten Worte, und dann ging es weiter, bald hier, bald da, lauter Liebesworte! Das Herz ward weich und still und konnte warten. Ich war gewiss, es werde durchbrechen, bald. – Da war’s am Dienstagmorgen, den 3. November 1835 – da hatte ich den Herrn! Oder nein, - er hatte mich, und ich schlief selig in seinem Arm!“ –

Doch dann nimmt ihr Gönner und väterlicher Freund Dr. Günther eine Professor in Kiel an, und sie muss ihre Mädchenbetreuung beenden. Sie möchte eine Mädchenschule eröffnen, aber der zuständige Hamburger Senator verweigert die Erlaubnis.

So eröffnet sie auf Anraten des Pastors Rautenberg in St. Georg eine Vorschule für Knaben.

Der liebste Unterricht ist ihr die biblische Geschichte:

„Das Interesse, das die Schüler an der biblischen Geschichte nehmen, macht mir immer eine besondere Freude. Als ich vom dritten Schöpfungstage erzähle, wie Gott Land und Wasser getrennt habe, fällt einer der Kleinsten ein: ´Siehst du, das ist wieder, weil es der liebe Gott ist. Wenn wir Menschen Erde und Wasser haben, so wird immer Dreck daraus.‘“

Weil Elise keine Fibel findet, die das Interesse der Kinder am Lesen weckt, veröffentlicht sie selbst ein erstes Lesebuch. Für die heranwachsenden Jungen sucht sie ein Buch, um den Schülern daraus zu diktieren, aber keins befriedigt sie. Da macht sie sich daran, abends etwas für die Schüler aufzuschreiben, und so entstehen viele Bücher, die sehr populär werden.

Im Jahre 1839 stirbt ihr Vater. Und weil auch ihre Schüler immer zahlreicher werden, zieht sie in ein geräumiges Haus in der Lindenstraße in St. Georg, wo sie unten ihre Schule einrichtet und in die oberen Räume ihre verwitwete Mutter mit den drei jüngsten Kindern aufnimmt.

In dieser Zeit gründet sie mit gleichgesinnten Freundinnen einen Mittwochskreis. Sie nähen für die Armen, während Elise dabei ein Kapitel der Bibel auslegt.

Dabei entsteht der Gedanke, ein christliches Krankenhaus zu errichten. Sie schreibt:

“Da war’s am Osterabend, den 22. März 1856, als Dora Andersson weinend zu mir kam und mir klagte, ein armer Weber, Johannes Bachmann, liege schwindsüchtig im Keller des Allgemeinen Krankenhauses, zusammen mit drei Gemütskranken; Tag und Nacht bei Gaslicht. Er sehne sich so sehr nach christlicher Liebespflege und fühle sich so unglücklich, dass er in wahrer Verzweiflung Reden führe, die sie angst und bange machten. Da war’s, als nähme der Herr eine Decke von meinen Augen, und ich rief voll Freude: ‚Aber Dora, was suchen wir lange – wir nehmen ihn selbst auf und pflegen ihn; der Herr wird helfen!’“

Dora nimmt einstweilen den armen Weber in ihre Wohnung auf. Elise bestreitet aus ihren Ersparnissen die Kosten der Pflege.

Elise entlässt im Sommer 1856 ihre letzten Schüler, denn inzwischen sind zu dem armen Weber in Doras Wohnung noch verschiedene Kranke hinzu gekommen, so dass die kleinen Räume bald überfüllt sind und die Freundinnen die Bitten um Aufnahme weiterer Kranker abschlagen müssen. Also mietet Elise ein kleines Haus und zieht 1856 mit zwei Freundinnen ihres Mittwochskreises dort ein. Sie nennt ihr Krankenhaus „Bethesda“.

Kaum ein Jahr nach Aufnahme der ersten Kranken erfährt Elise, dass zwei Häuser in der Stiftstraße zu verkaufen sind, und von gespendetem Geld werden sie erworben.

Und sie plant und realisiert die Gründung eines Diakonissenhauses:

„Es ist mir immer klarer geworden, dass, wenn wirklich ein Segen von unserer Anstalt ausgehen soll, das Verpflegen der wenigen Kranken, die wir aufnehmen können, nicht die Hauptsache sein darf, sondern vielmehr das Ausbilden von Diakonissen, von Dienerinnen Jesu, die freudig bereit sind, ihre Zeit und Kräfte den Armen und Kranken zu widmen. Je mehr ich die Sache bedenke, desto mehr sehe ich ein, zur Aufnahme von Schwestern genügt unser Raum nicht, es muss gebaut werden!“

Im Jahre 1866 kommt aus Oldenburg die Bitte, dort eine Gemeindepflege einzurichten. Elise reist hin, um alles mit den betreffenden Persönlichkeiten zu beraten.

Aus Braunschweig erreicht Elise die Bitte, dorthin einige Schwestern zu senden, um ein Diakonissen-Mutterhaus zu gründen. Sie kommt sie auch dieser Bitte nach.

Bis in ihr 70. Jahr steht sie mit fast ungeminderter Lebenskraft auf ihrem Posten; aber von da an gibt es hin und wieder Andeutungen, dass sie ihre Jahre fühlt.

Schließlich notiert sie am 1. November 1881, 73 jährig, in ihrem Tagebuch:

„Heute habe ich das Regiment an Schwester Auguste übergeben. – Der Herr helfe mir, still, fröhlich und dankbar sein für die Kraft, die er mir so lange gegeben; und vergebe alles, was ich wissentlich und unwissentlich verkehrt gemacht, versäumt und vernachlässigt habe! – Ich lege alles auf die treuen Schultern Meines Heilandes und scheide in Frieden. – Er gebe Schwester Auguste reichlich Kraft und Weisheit, den Stab besser zu führen, als ich es vermochte; und fördere das Werk unserer Hände bei uns!“

Danach unternimmt sie viele Reisen durch Deutschland und besucht alte Bekannte,

reist nach England und bleibt dort längere Zeit bei ihrem Bruder Hermann.

Nachdem Elise von ihren Reisen zurückgekehrt ist, wird sie gebeten, die Oberin des Magdalenenstifts für mehrere Wochen zu vertreten, was sie auch gern macht. 1884 vertritt sie auch die Oberin der Schwestern in Braunschweig.

Als Elise 86 Jahre alt ist, möchte sie nicht mehr allein leben und zieht zusammen mit zwei verwandten jungen Lehrerinnen  in eine größere Wohnung.

Sie schreibt:

„Ich bin sehr alt, aber das Herz ist jung geblieben und möchte etwas tun, um zu zeigen, dass es noch lebt, aber – es ist überall gehemmt! Und das hat mich in den letzten zehn bis zwölf Jahren gelehrt: die schwerste Arbeit, die uns aufgetragen wird, ist das Altwerden. – Der Kopf kann nicht mehr denken, überlegen, überschauen, wie er wohl möchte; der Rücken kann mich nicht schmerzlos tragen; Beine und Füße wollen nicht mehr laufen, geschweige denn klettern oder springen; die Augen versagen das Sehen, die Ohren das Hören, die Hände das Nähen usw., und die Glieder haben das doch alles gekonnt und so gern getan!! Ja, ja, das ist das Alter!“

Sie schließt Freundschaft mit Pastor Höck in St. Georg. Trotz ihrer Schwerhörigkeit verfolgt sie aufmerksam seine Predigten und macht sich anschließend darüber Notizen.

Als in der alten Heimat dieses Pastors an der Ostsee ein Häuschen zum Kauf angeboten wird, möchte sie es kaufen. Denn der Pastor mit seinen neun Kindern kann es nicht finanzieren; sie hat allerdings auch nicht das Geld dazu. Aber der Kauf gelingt doch. Sie schreibt:

„Als dann Pastor Höck am zweiten Pfingsttag über den Text: ‚In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen‘ predigt, schildert er das Eigenheim, das der Herr uns droben bereitet, so überwältigend warm und innig, dass ich es nicht unternehme, die Feder anzusetzen um es zu wiederholen. Was geschieht? In den folgenden Tagen kommt eine Dame aus der Gemeinde ins Pastorat. Sie hat wohl auch von dem unerfüllbaren Wunsch gehört und dazu in der Predigt zwischen den Zeilen gelesen. ‚Ich war am Pfingstmontag in der Kirche‘ sagt sie, ‚und – es lässt mir keine Ruhe -: ich schenke Ihnen das kleine, vollständig eingerichtete Haus in Süderhaff zum Eigentum. – Das war die Antwort des Herrn auf das leise, nicht verstummen wollende ‚Warum?‘… Nun sind sie darüber aus, auch andere an dieser Wohltat teilnehmen zu lassen. Uns boten sie liebend an, sobald sie es nach den Ferien verlassen müssen, für ein paar Wochen das reizende Häuschen zu benutzen.“

Zusammen mit anderen alten Freundinnen reist die 88jährige von da an häufig an die Flensburger Förde und genießt die sommerliche Natur.

Noch einmal muss Elise umziehen, weil ihre Mitbewohnerinnen Hamburg verlassen. Elise freut sich besonders über ihr neues großes Wohnzimmer; da steht ihr Lehnstuhl dicht am Eckfenster und dem alten Nähtisch davor; sie kann die ganze Straße übersehen. Morgens nach dem Kaffee und der Andacht, bei der sie gern selbst vorliest und den Gesang anstimmt, holt sie sich zuerst die großgedruckte Bibel, liest darin und betet.

Es gibt Briefe zu schreiben; sinnend, wie wir sie auf dem Bild sehen, ist sie auf ihrem Lieblingsplatz; die Gardine darf nur ganz schmal sein, um das Fenster nicht zu verdecken.

Noch an ihrem Todestage, dem 4. November 1907, kann sie aufstehen und sitzt an ihrem Eckfenster. Sprechen kann sie kaum mehr.

Nachmittags bittet sie: „Ihr müsst hier bei mir Kaffee trinken“, und als die Hausgenossen sich still um sie setzen, spricht sie mit kaum hörbarer Stimme das Gebet.

Gegen Abend wird ihr Atem schwerer; sie sitzt im Lehnstuhl, ohne zu sprechen.  Gegen halb acht Uhr schließt sie die Augen, kaum merklich haucht sie ihren letzten Atemzug aus.

Ihr Grabstein befindet sich heute auf dem Alten Hammer Friedhof in Hamburg-Hamm.

 

Die Religiosität Elise Averdiecks

An Elise Averdieck fasziniert mich ihre tiefe innerliche Frömmigkeit, die in ihren Tagebucheintragen sehr schön und ergreifend zum Ausdruck kommt. Täglich las sie in der Bibel, betete und sang Kirchenlieder, auch für sich allein. Gleichzeitig war sie aber in ihren Alltags-Aktivitäten sehr weltorientiert und zupackend, war geradezu eine Managerin in den von ihr gegründeten diakonischen Organisationen.

Ihre religiöse Heimat fand sie in der christlich-pietistischen „Erweckungsbewegung“. Diese stand im Gegensatz zur aufklärerisch geprägten Theologie der damaligen Zeit. Man betonte in besonderer Weise die Bibel, die Wichtigkeit des Gebets und dass sich der Einzelne für den Glauben entscheiden muss. Bekehrungserlebnisse spielten dabei eine besondere Rolle. Die notwendige Konsequenz aus diesem lutherischen Glauben war für die Gläubigen die aktive Nächstenliebe im Alltagsleben als Ausdruck des Danks für die unverdiente Gnade Gottes.

Viele soziale Anstalten, wie Waisenhäuser, Krankenhäuser und Siechenheime sind auf pietistische Gründer und Gründerinnen zurückzuführen.

Auch die Diakonissen-Mutterhäuser entstanden auf dieser evangelisch-lutherischen Grundlage, ebenso in Hamburg die Brüderschaft des Rauhen Hauses.

Allerdings waren sie auch mit konservativen und reaktionären Kreisen der damaligen Gesellschaft verbunden und grenzten sich gegenüber anderen sozialen Bewegungen ab, insbesondere gegen den Sozialismus. Die Erweckten fanden meist nur einen individuellen Zugang zu den gesellschaftlichen Problemen, bestenfalls organisiert in karitativen Vereinen.

In Hamburg herrschte in der Oberschicht und unter den Theologen eher die aufgeklärt-rationalistische Weltanschauung vor. Entsprechend skeptisch waren breite Kreise gegenüber der pietistisch motivierten Tätigkeit von Elise Averdieck. Sie beklagt dies immer wieder in ihren Tagebucheintragungen.

Im Jahre 1836 gründete Pastor Theodor Fliedner in Kaiserswerth das erste Diakonissenhaus der Neuzeit. Sein Frau Friederike Fliedner wurde die erste Oberin und war eine sehr enge Freundin von Elise Averdieck.

Diakonissen verpflichteten sich bei ihrer Einsegnung zu einem einfachen Lebensstil, zur Ehelosigkeit und zum Gehorsam. Einige heirateten aber doch und schieden dann aus. Andere traten ein, weil sie unverheiratet blieben oder bleiben wollten und eine sinnerfüllende Tätigkeit in ihrem Leben suchten. Abgesehen von sozial-karitativer Betätigung waren ihnen ja ein eigenständiges Berufsleben und damit der eigene Erwerb ihres Lebensunterhalts weitgehend verschlossen.

Von Elise sind uns irgendwelche erotischen Männerbekanntschaften nicht überliefert. Sie entschloss sich wahrscheinlich früh, unverheiratet zu bleiben; ihr Gefühlsleben fand im christlichen Glauben und in ihrer Beziehung zu Gott und Jesus Christus einen Ausweg.

Ihr Liebesbedürfnis sublimiert sie in Nächstenliebe zu Kindern, später zu Kranken:

Meine Sehnsucht ist gestillt, jeder Kummer schweigt,
Meine Wünsche sind erfüllt, wenn ein Kind sich zeigt,
Das mich liebend an sich drückt, zärtlich mir ins Auge blickt,
Mich die liebe Tante nennt,
Tausend Küsse gibt,
Und die Zauberkraft nicht kennt,
Die die Unschuld übt.
Solch ein sanfter Engelsblick gibt den Frieden mir zurück.

Sie findet Trost in einem bewusst kindlichen Glauben:

„Recht tun und Liebe üben ist doch nicht genug, um den inneren Frieden zu erhalten. Im Glücke mag es gehen, aber treffen uns des Schicksals härteste Schläge, dann brauchen wir Glauben, festen Glauben und kindliches Vertrauen, um wieder ruhig zu werden, dann bedürfen wir die heilige Überzeugung: ‚Gott liebt dich unendlich und richtet es alles am besten ein, wenn wir es auch nicht begreifen können.‘ ‚Gott kennt dein Leiden und schickt es dir‘, diese Überzeugung ist nötig, um nicht zu verzagen, nicht unterzugehn im kleinmütigen Schmerz.“

Immer wieder sucht sie Trost im Gebet und schreibt das in ihr Tagebuch:

„12. Oktober 1837. Der Tag ist angebrochen, und ich weiß nicht, was er in seinem Schoße birgt. Viel Trauer, viel Freude, kannst Du, Allmächtiger, in 12 Stunden zusammendrängen! Vergib mir meine Furcht, stärke mein Vertrauen, Du hast mich Tag und Nacht so treu behütet, hast so manches Unglück, das droht, zurückgewandt; hilf mir glauben und hoffen und in stiller Ergebung hinnehmen, was Du mir gibst. Du willst ja nur unser Bestes, Du hast Mittel und Wege, es überall zu fördern. – Befreie meine Seele von der zaghaften Schwäche, die sie so leicht ergreift, und alles Streben für mein ewiges Heil in äußern Sorgen und nutzlosem Grübeln ertränkt.“

Geliebte Aufenthaltsorte für sie sind Kirchen und Pastorenhäuser. Sie schreibt im April 1840:

„Die Bäume sind schön und die Blüten und der Himmel und die Wolken und der Duft und der Vogelsang und das ganze Weltall in der Frühlingspracht! Schön ist’s, dass einem das Herz im Leibe lacht. Aber schöner als das alles ist doch am Ende der Allee die St. Georgskirche! Sie ist mir so recht wie ein Gotteshaus, und wenn ich sie sehe, so ist mir’s immer, als wäre Gott Vater und Christus darin; als schauten sie aus den Fenstern heraus oder vom Turme herab und nicken und winken. Viel tausendmal habe ich die Kirche ja nun schon gesehen, aber jedes Mal jauchzt mein Herz und zuckt freudig zusammen, wenn sie mit einem Mal so groß und freundlich vor mir steht. Im Winter wie im Sommer, im Sonnenschein wie im Regen, Sturm und Unwetter, immer schaut sie mich mit gleicher Liebe an, - ein treuer, treuer Freund, der aller Zeiten Wechsel überdauert! Sie ist mein Schatzkästlein, mein Gnadenbecher, mein Freudenfüllhorn, mein Labetrunk, meine Trostquelle; und je mehr ich von ihr empfangen habe, umso mehr füllen sich ihre Räume mit unerschöpflichem Reichtum. – Ich möchte in der Kirche sterben, so lieb ist sie mir. Mir ist so manches Mal, als stände der Heiland an meiner Seite und halte mich fest in Seinen Armen, dass mir nichts Böses schaden kann. Stürbe ich nun, so würde ich Ihm in den Schoß sinken und selig hinüberschlummern.“ –

Ihre Gedanken kreisen häufig um den allen Menschen bevorstehenden Tod und ihre Sehnsucht nach dem Himmelreich:

„Ich verlasse fast keine Zusammenkunft mit Glaubensgenossen, ohne zu denken: ja, wie wird das schön sein, wenn wir erst gestorben sind; wenn der nicht aufs Kontor muss und der nicht auf die Post; wenn die kein krankes Kind hat und die keine Nervenschwäche; wenn die nicht zu reich ist und der nicht zu arm, der nicht zu klug und die nicht zu dumm; - ja, vor allen Dingen, wenn keiner mehr dem andern ein Ärgernis gibt durch sein Tun oder sein Reden oder seine Ansichten; und wenn wir einander lieben können, frei von allen Nebenrücksichten und Nebenabsichten; wenn wir einander erkennen und verstehen, und alles Verkennen und Missverstehen aufhört; wenn die Seele nicht mehr den weiten Weg durch Mund und Ohr zu machen braucht, sondern Seele zu Seele spricht.“

Aus ihren letzten Lebensjahren stammt eine gleichsam als letztwillige Verfügung gedachte Aufzeichnung, in der sie ihr Leben noch einmal bedenkt:

„Der Herr hat mich wunderbar sanft und freundlich geführt durchs ganze Leben. Ich habe eine glückselige Kindheit im lieben Elternhause durchlebt; eine fröhliche, ungetrübte Jugendzeit; eine kräftige Arbeitszeit; ein stilles, sorgenloses Alter. - - O das rühmt an meinem Grabe, und dankt dem lieben Herrn, der mich an Seiner treuen Hand geleitet, getragen und gehalten hat, wenn ich von Ihm weichen wollte. – In meinem Beruf habe ich unendlich viel Freude gehabt. Mit welcher Gnade hat sich der Herr meiner angenommen und mich trotz aller Sünde, Untreue und Verkehrtheit getragen. Wie oft hat er Schaden verhütet und wieder gutgemacht, was ich (vor allem durch Ungeduld und Härte) verdorben hatte in meinem Beruf als Pflegerin, Lehrerin und Bethesdamutter. Im Ganzen durfte ich 50 Jahre in voller Arbeit und in so lieber Arbeit stehen. Dafür dankt und preist den Herrn bei meinem Grabe.

Dann kam der Feierabend und der Herr ließ mich in Gesundheit, wenn auch bei zunehmender Leibesschwäche, noch viel fröhliche Tage und Jahre erleben und von Verwandten, Freunden und Schülern unendlich viel Liebe erfahren. –

Dank dem Herrn und Euch allen, die ihr beigetragen habt, mir das Leben leicht und angenehm zu machen! – Wenn ich Euch wissentlich oder unwissentlich durch Unfreundlichkeit oder sonstwie betrübt habe, so verzeiht es mir. –

O ich bin nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue, die der Herr an mir getan! Ihm sei ewiglich Lob und Dank! – Er wasche mich täglich mit Seinem Blut, kleide mich täglich mit Seiner Gerechtigkeit und beschere mir ein selig Ende! Amen.“

Rolf Polle

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