Nachrichten und Berichte

 

In dieser Rubrik finden Sie Nachrichten, die die gesamte Gemeinde betreffen, Aktuelles, das im Gemeindebrief noch nicht veröffentlicht werden konnte, oder Entwicklungen, die wir für so wichtig halten, dass wir sie hier erwähnen.

 

 

Kalenderblatt

Am 9. April 1945 ist Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg umgebracht worden, eine der neuen Apostel im Altarraum der Apostelkirche. - Linkes Chorfenster, unten.

Dietrich Bonhoeffer war evangelischer Theologe. Er ist 1906 als sechstes von acht Kindern in Breslau geboren. Sein Vater war Psychiater und Neurologe. 1912 zog die Familie nach Berlin, weil Karl Bonhoeffer einen Ruf an die Friedrich-Wilhelms-Universität angenommen hatte. Die Mutter, eine Enkelin des evangelischen Theologen Karl von Hase, kümmerte sich um die Erziehung der Kinder und unterrichtete diese in den ersten Jahren auch zuhause.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs setzte ich Dietrich mit Fragen nach Tod und Ewigkeit auseinander, nachdem einer seiner Brüder als Soldat gestorben war.

 Dietrich Bonhoeffer hat in Berlin Evangelische Theologie studiert, promoviert und sich bereits mit 24 Jahren habilitiert. Nach einigen Auslandsaufenthalten wurde er Privatdozent für Evangelische Theologie in Berlin und arbeitete bei der Vorgängerorganisation des Ökumenischen Rates der Kirchen. Ab April 1933 nahm Bonhoeffer öffentlich Stellung gegen die nationalsozialistische Ideologie und die Judenverfolgung und engagierte sich gegen die „Deutschen Christen“ (eine rassistische, antisemitische und am Führerprinzip orientierte Strömung im deutschen Protestantismus, die diesen an die Ideologie des Nationalsozialismus angleichen wollte) und gegen den Arierparagraphen. Dietrich Bonhoeffer ist Mitbegründer der „Bekennenden Kirche“ und des „Pfarrernotbundes“, einer christlichen Widerstandsgemeinschaft gegen die nationalsozialistische Herrschaft.

Ab 1935 leitete Bonhoeffer das Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde, etwa ab 1938 schloss er sich dem Widerstand um Wilhelm Franz Canaris an. Er erhielt zunächst Rede- und 1941 auch Schreibverbot und wurde im April 1943 verhaftet. Zwei Jahre später wurde er – einen Monat vor der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht - auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers gemeinsam mit anderen Widerstandskämpfern im Konzentrationslager Flossenbürg umgebracht.

 

 
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Kalenderblatt

Am 29. März 1893 ist Anna Paulsen in Hoirup/Nordschleswig geboren, eine der neuen Apostel im Altarraum der Apostelkirche. - Rechtes Chorfenster, Zweite von oben.

Die evangelische Theologin Anna Paulsen gilt als Vorreiterin von Frauen, die in das damals noch ausschließlich Männern vorbehaltene Pfarramt strebten. Ebenso gilt sie als Wegbereiterin für Frauen, die wissenschaftliche Forschung betreiben möchten. So gehört sie zu den ersten promovierten Theologinnen Deutschlands, die 1924 den Doktortitel erhielt.

Anna Paulsen wächst als älteste von vier Töchtern in einer Pastorenfamilie auf. Schon als Jugendliche diskutiert sie mit ihrem Vater theologische und weltanschauliche Fragen. Besonderes Interesse gilt dem protestantischen Theologen und Philosophen Sören Kierkegaard.

Zunächst absolviert sie eine Lehrerinnenausbildung, anschließend studiert sie Theologie. 1916 beginnt Anna Paulsen in Kiel mit dem Studium der Fächer Deutsch, Geschichte und Religion für das höhere Lehramt, schließt aber das Vollstudium der evangelischen Theologie mit der Promotion ab. Um die Promotion zu finanzieren, bildet Anna Paulsen in einjährigen Kursen Katechetinnen für den kirchlichen Dienst aus, eine Vorform der späteren Gemeindehelferinnen.

Anna Paulsen spricht sich für ein öffentliches Auftreten und Handeln von Frauen aus. 1935 erscheint unter dem Titel „Mutter und Magd – Das biblische Wort über die Frau“ ihr erstes Buch zu diesem Themenkomplex.

Während der Zeit des Nationalsozialismus übt sie Kritik an der Mutterideologie der Nazis. Sie schließt sich der „Bekennenden Kirche“ in der Gemeinde von Martin Niemöller an, streitet für die Ordination von Theologinnen und setzt sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Vikarinnen ein.

1951 wird ihr die Leitung des Frauenreferats der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) übertragen. Es geht um die Entwicklung von Richtlinien für Ämter der Frau in der Kirche im Allgemeinen und um den Dienst der Theologin im Besonderen. In dieser Zeit veröffentlicht sie auch Bücher zum Thema „Der Dienst der Frau in den Ämtern der Kirche“.

1958 geht Anna Paulsen in den Ruhestand. 1981 stirbt sie mit 87 Jahren in einem Pflegeheim in Heide/Schleswig.

 
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Kalenderblatt

Am 26. Februar 1808 ist Elise Averdieck in Hamburg geboren, eine der neuen Apostel im Altarraum der Apostelkirche. - Rechtes Chorfenster, Zweite von unten.

Elise Averdieck war Gründerin des Kranken- und Diakonissenmutterhauses Bethesda in Hamburg, Schulleiterin und Schriftstellerin. Sie wurde als zweites von zwölf Kindern eines wohlhabenden Kaufmanns geboren. Nachdem sie bereits lesen und schreiben gelernt hat, begann mit zehn Jahren ihr Unterricht bei dem Pfarrer Johann Wilhelm Rautenberg. Nach ihrer Konfirmation 1823 verließ Elise Averdieck die Schule, um ihrer Mutter bei der Versorgung des großen Haushalts zu helfen. Allerdings merkte sie, dass ihr ein Hausfrauendasein als Lebensaufgabe bei Weitem nicht genügte.  Mit 21 verfasste sie folgende Zeilen: „Ein jeder Mensch, er sei Mann oder Weib, lerne so viel und so lange er kann, zu viel lernt man nie…Das Weib hat eine schöne, herrliche Bestimmung…und die ist nicht allein, den Hausstand zu führen…Warum haben ferner die Männer ein Vorrecht, mehr lernen zu dürfen als die Frauen?“ 1837 eröffnete sie in St. Georg, ein damals wenig angesehener Stadtteil, eine Vorschule für Knaben. Außerdem übernahm sie in der St. Georger Sonntagsschule Rautenbergs die Mädchenabteilung.

Elise Averdieck arbeitete ab 1856 nicht mehr als Lehrerin, sondern zusammen mit Amalie Sieveking im „Frauenverein für Armen- und Krankenpflege“, gründete das evangelische Krankenhaus Bethesda und wenig später ein Diakonissen-Mutterhaus. Bethesda wurde 1860 offiziell Ausbildungsstätte für christliche Krankenpflegerinnen. Averdieck wurde Vorsteherin und blieb es bis 1881.

Elise Averdieck wird auch in der Ausstellung „…von gar nicht abschätzbarer Bedeutung_ - Frauen schreiben Reformationsgeschichte“ vorgestellt. Im Ausstellungskatalog heißt es über sie: „Sie verband Realitätssinn und tiefe Religiosität mit dem Dienst an den Nächsten – ob es Kinder, Arme, Sieche und Kranke waren. Sie setzte dabei ihr großes organisatorisches Talent zur Gründung von Ausbildungseinrichtungen, wie des ersten Diakonissenmutterhauses in Hamburg und später in Braunschweig, ein. Zu dienen blieb für Elise Averdieck weibliche Bestimmung. Dennoch waren für sie Selbstständigkeit, Bildung, Professionalität und Berufstätigkeit von Frauen dazu kein Widerspruch. Sie selbst lebte diese Überzeugung in den Formen des bürgerlichen Lebens, das sie geprägt hatte. Averdieck starb am 4. November 1907 im Alter von 99 Jahren.“

 
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Am 19. Februar 1907 ist Rudolf von Beckerath in München geboren. Er stammte aus einem künstlerischen Haus. Der Vater war Maler, die Mutter Pianistin. In seinem Geburtsjahr siedelten die Eltern nach Hamburg über, wo Rudolf von Beckerath aufwuchs und zunächst Maschinenbauingenieur werden wollte. Nachdem er einige norddeutsche Orgeln kennengelernt hat, vor allem die von Arp Schnittger, beschloss er, Orgelbauer zu werden.

Die große Orgel der Christuskirche wurde 1956 von der Orgelbaufirma Rudolf von Beckerath erbaut. Das Schleifladen-Instrument hat 24 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Spiel- und Registertraltirem sind mechanisch.

Nach ca. 2 ½-jähriger Ausbildung ging Rudolf von Beckerath zunächst für ein Jahr nach Kopenhagen und baute anschließend in Paris eine Firma auf. Über seine Aufgaben schrieb er folgendes: „Die Fabrikation von Labial- und Zungenstimmen, die vorher von auswärts bezogen wurden, wurde von mir neu eingerichtet, eine Schlosserwerkstatt angegliedert und verbesserte Arbeitsmethoden eingeführt. Daneben selbstständiges Wirken in Entwurf und Konstruktion.“ 1936 kehrte er nach Deutschland zurück und arbeitete als freiberuflicher Sachberater für Orgelbau in Hamburg: Planung, Konstruktion und Bauleitung bei Neu-, Umbau- und Wiederherstellungsarbeiten von Orgelwerken gehörte zu seinen Aufgaben. 1949 gründete Rudolf von Beckerath seine eigene Firma. Die erste große Orgel, die er baute, war für die Hamburger Musikhalle und hatte 59 Register, 4 Manuale, Schleifladen und mechanische Spieltraktur war 1951 ein aufsehenerregender Neubau.

Beckerath-Orgeln stehen heute an vielen Orten: Hawaii, Sydney, Montreal, Tokyo, Bombay und in Hamburg-Eimsbüttel.

 
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Am 3. Februar 1909 ist Simone Weil in Paris geboren, eine der neuen Apostel im Altarraum der Apostelkirche. - Mittleres Chorfenster, oben.

Simone Weil wuchs in einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Paris auf, ihr Vater war Internist. Sie hatte eine außergewöhnliche sprachliche Begabung. Mit vier Jahren konnte sie schon lesen. Körperlich war sie nicht sehr widerstandsfähig, häufig krank und überempfindlich.

Simone Weil studierte Moral- und Religionsphilosophie, beschäftigte sich intensiv mit Platon, Spinoza, Descartes, Kant und Marx. Vor allem Begriffe wie Arbeit, Zeit und Gerechtigkeit interessierten sie. Philosophie und politische Theorie verbanden sich für sie mit der Realität sozialer Probleme.

Schon während ihrer Tätigkeit als Philosophielehrerin 1931 teilte sie ihr Gehalt mit Arbeitslosen. 1934 beantragte Simone Weil ein unterrichtsfreies Jahr. Sie arbeitete als ungelernte Fabrikarbeiterin, um die Lebensbedingungen der Arbeiter kennenzulernen. In der Elektrofabrik Alsthom in Paris arbeitete sie an der Presse und am Ofen. Die Akkordbedingungen waren körperlich anstrengend. Außerdem musste sie ohrenbetäubenden Lärm ertragen. Wegen einer Handverletzung wurde sie 1935 arbeitslos. Zeitweilige Anstellungen, Arbeitslosigkeit, Geldmangel und Hunger bestimmten zu der Zeit ihr Leben.

Ab 1936 traten religiöse Fragen in den Vordergrund, zuvor war sie agnostisch eingestellt. Sie reiste nach Italien und nahm an der Pfingstmesse im Petersdom teil. Der Katholizismus bedeutete ihr immer mehr. Sie wollte allerdings nicht in die Kirche eintreten. Sie vermisste den intensiven Einsatz für soziale und geistige Reformen.

Wegen der deutschen Besatzung Frankreichs musste Weil fliehen und kam nach England. Versuche, sich dem Widerstand anzuschließen, scheiterten. Sie war krank, hatte kein Einkommen und starb mit 34 Jahren an Hunger und Herzinsuffizienz infolge einer Tuberkulose.

 
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„7 Wochen für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechte“

Dieses Motto wird uns (auch) in diesem Jahr durch die Passionszeit begleiten.

Passion heißt Leiden, und in den 7 Wochen vor Ostern erinnern wir uns an das Leiden und Sterben von Jesus Christus, und schauen nicht weg, wo anderen Unrecht und Leid geschieht.

Überall auf der Welt leiden viele Menschen unter der Verletzung der elementarsten Menschenrechte. Wir wollen ihr Schicksal nicht dem Vergessen überlassen. Mit einem vorbereiteten Petitionsbrief können wir uns für sie einsetzen: „Für uns ist es nur ein Brief, für sie das Überleben.“ Diese Erfahrung prägt die Arbeit von amnesty international. An den Sonntagen der Passionszeit (5.3.-9.4.2017) werden wir Pastor_innen ihnen im Gottesdienst einen von amnesty international vorbereiteten Petitionsbrief vorstellen und im Anschluss an sie verteilen. Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung dieser wichtigen Aktion.

 
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Am 15. Januar 1929 ist Martin Luther King jr. in Atlanta geboren, einer der neuen Apostel im Altarraum der Apostelkirche. - Linkes Chorfenster, Zweiter von unten.

Martin Luther King war Baptistenprediger in den USA und Bürgerrechtler. Eng verbunden mit seinem Namen ist die Bürgerrechtsbewegung „Civil Rights Movement“, die zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1960er Jahre gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit in den USA gekämpft hat. Diese Bewegung war so stark und konnte so viele Menschen mobilisieren, dass durch ihr Engagement die Rassentrennung aufgehoben und das uneingeschränkte Wahlrecht für die schwarze Bevölkerung der US-Südstaaten eingeführt wurde. Der Höhepunkt ereignete sich bei der friedlichen Demonstration am 28. August 1963, an der mehr als 250 000 Menschen teilnahmen, darunter 60 000 Weiße. Bei diesem Marsch auf Washington hielt Martin Luther King seine berühmte Rede „I have a dream“.

Martin Luther King erhielt wegen seines Engagements für soziale Gerechtigkeit 1964 den Friedensnobelpreis.

Ursprünglich hießen King Vater und Sohn Michael mit Vornamen. Nach einer Europareise 1934, die auch nach Deutschland führte, änderte der Vater seinen Namen und den Namen seines Sohnes zu Ehren von Martin Luther.

Martin Luther King jr.‘s Vater war Prediger der baptistischen Ebenezer-Gemeinde in Atlanta. Obwohl der Sohn nie Prediger werden wollte, wurde er während seines Studiums Hilfsprediger seines Vaters. Er merkte schnell, dass er ein begnadeter Redner war und ließ sich überzeugen, nach einem Soziologie- noch ein Theologiestudium zu absolvieren. 1954 wurde er Pastor in Montgomery, Alabama, hat sich aber immer auch mit Gesellschaftstheorien beschäftigt und im Laufe der Jahre immer mehr Zeit und Kraft in die Bürgerrechtsbewegung investiert. Es gab Spannungen und Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Bewegung und Anfeindungen von außen. Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King jr. von einem Rassisten erschossen.

 
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Am 14. Januar 1875 ist Albert Schweitzer in Kaysersberg im Oberelsass bei Colmar geboren, einer der neuen Apostel im Altarraum der Apostelkirche. - Mittleres Chorfenster, Zweiter von unten.

Albert Schweitzer war Arzt, evangelischer Theologe, Philosoph und Organist. Bekannt ist er vor allem durch die Gründung eines Krankenhauses in Lambarene im zentralafrikanischen Gabun.

Dr. phil. wurde Albert Schweitzer mit einer Dissertation über „Die Religionsphilosophie Kants von der Kritik der reinen Vernunft bis zur Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Anschließend schrieb er noch eine theologische Dissertation: „Kritische Darstellung unterschiedlicher neuerer historischer Abendmahlsauffassungen“. Im Jahr darauf, 1902, folgte die Habilitation. Schweitzer wurde Dozent für Theologie an der Universität Straßburg. In den Jahren 1905 bis 1913 folgte das Medizin-Studium mit dem Ziel, Missionsarzt in Französisch-Äquatorialafrika zu werden. „Die psychiatrische Beurteilung Jesu: Darstellung und Kritik.“ war das Thema seiner medizinischen Doktorarbeit.

1913 realisierte Albert Schweitzer seinen Plan und gründete im Urwald von Gabun, das damals zu Äquatorialafrika gehörte, ein Hospital. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden er und seine Frau, eine Lehrerin, von der französischen Armee unter Hausarrest gestellt, weil sie die deutsche Staatsangehörigkeit hatten. 1917 wurde das Ehepaar festgenommen, nach Frankreich gebracht und interniert. 1924 kehrten die beiden nach Afrika zurück, um das Hospital in Lambarene auszubauen.

Einerseits wurde Albert Schweitzer hoch geehrt – 1952 wurde ihm der Friedensnobelpreis zuerkannt. Andererseits warf man ihm rassistische, paternalistische und pro-kolonialistische Einstellungen vor.

Wahr ist, dass sich der Kirchenvorstand der Apostelkirche dafür ausgesprochen hat, den Theologen und Mediziner in die Fenster mit modernen Aposteln aufzunehmen.                                  

 
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Am 4. Januar 1898 ist Hermann Stöhr in Stettin geboren, einer der neuen Apostel im Altarraum der Apostelkirche. - Linkes Chorfenster, unten.

Für den Ersten Weltkrieg hat sich Hermann Stöhr noch als Freiwilliger gemeldet. Danach wurde er Pazifist. Er protestierte früh gegen das nationalsozialistische Regime und wandte sich schon 1933 gegen den Boykott-Aufruf jüdischer Geschäfte und die Beflaggung von Kirchen mit Hakenkreuzfahnen. Sein konsequenter Pazifismus brachte ihm nicht nur Konflikte mit den Nazis, sondern immer wieder auch Probleme innerhalb der evangelischen Kirche.

Hermann Stöhr hat Volkswirtschaft, öffentliches Recht und Sozialpolitik studiert und in Politikwissenschaft über Hilfsmaßnahmen für Hungernde in vielen Ländern promoviert. Sein großes Lebensthema ist die Überwindung nationaler und sozialer Schranken im Geiste christlicher Einheit. In diesem Sinn arbeitet er unter anderem im Versöhnungsbund, einer Vereinigung von Protestanten, Katholiken und Konfessionslosen, die sich mit Kriegsdienstverweigerung, sozialer Not und den Zusammenhängen zwischen dem Elend in der 3. Welt und dem Reichtum der Kolonialvölker befasst.

Wegen seiner konsequenten Haltung als Pazifist bekommt er ab 1931 keine feste Anstellung mehr. Weder der Staat noch die Kirche akzeptieren ihn.

Im Frühjahr 1939 wird Stöhr zur Kriegsmarine einberufen, verweigert aber aus Gewissensgründen den Kriegsdienst. Weil er zwei Einberufungsbefehlen nicht nachkam wurde er verhaftet und zunächst wegen Fahnenflucht zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Aufgrund seiner Eidesverweigerung verurteilte ihn das Reichskriegsgericht 1940 wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode. Das Urteil wurde im darauffolgenden Juni in Berlin-Plötzensee durch Enthauptung vollstreckt.

 
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Lebendiger Adventskalender 2016

Die Ökumene lebt in Eimsbüttel. Und das in vielfältiger Gestalt. So ist es mittlerweile Tradition, dass sich in der Adventszeit jeden Abend vor unterschiedlichen Häusern Menschen bei Kerzenschein treffen, um Lieder zu singen, eine Geschichte zu hören. Für die Gestaltung verantwortlich sind jeweils diejenigen, die in dem Haus wohnen. Alles ganz zwanglos, mal erscheinen fünf, mal mehr als zwanzig. Aber immer ist es schön, zusammen mit Nachbarinnen und Nachbarn, Kirchen-Aktiven und ganz Neuen adventliche Stimmung zu genießen.  

Bild: Lebendiger Adventskalender am 4. Advent 2016 bei Astrid Barth

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Charity-Abend für Sea-Watch e.V. – Zivile Seenotrettung von Flüchtenden

Etwa 140 Gäste sind am 9. Dezember 2016 dem Aufruf der Evang.-Lutherischen Kirchengemeinde Eimsbüttel und des Ida-Ehre-Kulturvereins e.V. gefolgt und haben an der Charity-Veranstaltung zugunsten der zivilen Seenotrettung von Flüchtlingen Sea-Watch teilgenommen.

Wer mindestens 35 Euro Spende als Eintritt überwiesen hatte, konnte einen wunderbaren Abend im Gemeindesaal der Christuskirche erleben. Das Essen wurde von den beiden Eimsbütteler Restaurants Odysseus und Christos gespendet. Dazu gab es köstliche Weine des Weinguts Schick, der Familie unserer Kirchenvorsteherin Astrid Barth.

Ebenso aufbauend war das begleitende Kulturprogramm: Zur Einstimmung spielte der junge Pianist Furkan Yavuz, 1. Preisträger bei „Jugend musiziert“. Der Hamburger Swing- und Jazzmusiker Tornado Rosenberg, der Schauspieler Peter Franke und die junge Musikerin Lorena Scotti unterhielten die Gäste während des 3-Gänge-Menüs und danach. Sie alle verzichteten auf ein Honorar. Ebenso wie die Fernsehmoderatorin Inka Schneider, die Ingo Werth von Sea-Watch interviewt hat.

Pastorin Margrit Sierts, die sich stark für Flüchtlinge engagiert, hat darauf hingewiesen, dass die Kirchengemeinde und der Ida-Ehre-Kulturverein mit der Veranstaltung gegen die Politik protestieren wollen, die nur die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen im Blick hat, dabei allgemein gültige Menschenrechte aber nicht gelten lässt. In diesem Sinn arbeitet Sea-Watch, das in Not geratene Flüchtlinge im Mittelmeer rettet. Von einem Mutterboot aus fahren Schnellboote an die Not-Stelle, die in der Regel der Seenotstelle in Rom gemeldet worden ist. Es folgt eine Erstversorgung und die Organisierung eines Schiffes, das die Geretteten sicher an Land bringt. Die Hilfsorganisation gibt es seit November 2014. Nach eigenen Angaben hat sie im Jahr 2015 etwa 20.000 Menschen im Mittelmeer vorm Ertrinken gerettet.

Bei der Wohltätigkeitsveranstaltung wurden 10.008 Euro für Sea-Watch gespendet.

 
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Ergebnis der Kirchenwahl am 27. November 2016

Am Sonntag, dem 27.November 2016, wurde für die Kirchengemeinde Eimsbüttel ein neuer Kirchengemeinderat gewählt. Die Kirchengemeinde dankt an dieser Stelle allen Mitgliedern des Kirchengemeinderats, die in den vergangenen acht Jahren diesen Dienst ausgeübt haben. Ebenso danken wir allen, die sich zur Wahl gestellt haben. Der neue Kirchengemeinderat wird am Sonntag, den 15. Januar 2017 im Gottesdienst um 11.00 Uhr in der Christuskirche in sein Amt eingeführt.

Das Ergebnis der Wahl: 

  1. Ruthild Apel
  2. Astrid Barth
  3. Claudia Brand
  4. Claudia Dreyer
  5. Dennis Gehrmann
  6. Dr. Hans-Martin Gutmann
  7. Christian Hinrichs
  8. Christine Lanz
  9. Kerstin List
  10. Petra Quednau
  11. Frank Rettweiler
  12. Silke Schütze
  13. Sigrid Strebel
  14. Thomas Walk
  15. Katharina Wiedemann-Arndt                                                                                                                                                                                       Die Informations-Spalte gibt nähere Auskunft über Kontaktmöglichkeiten und Arbeitsschwerpunkte der einzelnen KGR-Mitglieder.                                                                                                                                                                  
 

 

 
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Gedenkgottesdienst für Maren Wisbareit in der Christuskirche

Mit einem sehr gut besuchten Gedenkgottesdienst unter der Leitung von Pastor Kirst hat die Gemeinde am 18. November 2016 in der Christuskirche Abschied genommen von ihrer ehemaligen Pastorin Maren Wisbareit, die am 22. Oktober 2016 nach schwerer Krankheit verstorben ist.

Ehemalige Kolleginnen und Kollegen haben durch das Erzählen von Episoden, das Zitieren aus Briefen und das Schildern von Erinnerungen das Wesen von Maren Wisbareit noch einmal lebendig werden lassen. Sie war eine der ersten weiblichen Pastoren, also zu Beginn ihrer Tätigkeit in der Christuskirchen-Gemeinde keine Selbstverständlichkeit.

Viele Trauergäste haben im Gedenken an die Verstorbene eine Kerze entzündet und so – trotz allem – einen „Baum“ zum Strahlen gebracht.

Bild: Lichterbaum zum Andenken von Pastorin Maren Wisbareit.
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Apostelandacht zu Anna Sophie Paulsen

Apostelandacht zu Anna Sophie Paulsen, gehalten am 13. November 2016

Anna Paulsen gehörte zu den ersten promovierten Theologinnen in Deutschland.

Sie hat ihre Lebensarbeit der Durchsetzung des Pfarramtes für Frauen gewidmet.

Ihr schriftstellerisches Werk ist eine reformatorische Pionierleistung. In zahlreichen theologischen Veröffentlichungen widmet sich Anna Paulsen der Frage nach dem inneren Recht dieses Weges für die Frauen.

Anna Sophie Paulsen wurde am 29. März 1893 als Älteste von 4 Schwestern in Hoirup bei Nordschleswig/heute Dänemark geboren. Der Vater Paul Düyssen-Paulsen war Pastor in der dänisch sprachigen Gemeinde und Anhänger der Indre Mission, eine nordschleswigsche pietistische Erweckungsbewegung. Die Mutter, Margarethe geb. Brodersen, kam aus einer wohlhabenden bäuerlichen Familie.

Die vier Mädchen wuchsen zweisprachig (dän./dt.) auf, gingen zur Schule und erlernten alle einen Beruf.  Zwei Schwestern gründeten eine Familie.

Anna wollte zunächst Lehrerin werden für die Fächer Deutsch, Geschichte und Religion.

Der Vater förderte die geistigen Fähigkeiten seiner ältesten Tochter und unterwies sie schon in früher Kindheit in der Lehre der Verbalinspiration. Danach ist den Autoren der Bibel jedes Wort von Gott direkt in die Feder diktiert worden.

Als der Vater nach schwerer Krankheit mit 48 Jahren starb, zog die Mutter mit ihren 4 Töchtern nach Flensburg:  Anna 11 J., Sophie 10 J., Juliane 8 J. und die einjährige Paula.

Der schmerzliche Verlust des Vaters hatte in Anna bald den Wunsch geweckt, selbst den Beruf einer Pastorin ergreifen zu können und sie entschloss sich, ein theologisches Vollstudium aufzunehmen. Sie holte als externe Schülerin das humanistische Abitur nach und begann 1916 als erste Frau Norddeutschlands ein Studium an der theologischen Fakultät der Christian-Albrechts- Universität in Kiel.

Anna waren bereits in den „Krisen der Pubertät“, wie sie es nannte, Zweifel am Geist ihres Elternhauses gekommen und eine innere Entfremdung zum Christentum hatte es Anna unmöglich gemacht, das zu glauben, was im Elternhaus als unverbrüchliche Wahrheit vertreten worden war.

Der Ausbruch des 1. Weltkrieges und der Kriegstod von Freunden und Gefährten löste bei Anna eine tiefe Erschütterung aus und sie kehrte zurück in ihren Heimatort, um einige Zeit dort zu leben und auf den Spuren des Vaters den Menschen aus der bäuerlichen Bevölkerung wieder zu begegnen. Zunächst blieb sie vorsichtig und zurückhaltend, denn sie meinte verbergen zu müssen, dass sie nicht glauben konnte, was des Vaters Lebensinhalt gewesen war. In den Gesprächen aber erkannte sie die tiefe und bodenständige Verwurzelung im Glauben ihrer Gesprächspartner. Und allmählich konnten sich ihre Vorbehalte auflösen. Sie schrieb:

„Was mich hier tief beeindruckte, das war das Beispiel einiger Menschen aus der bäuerlichen Bevölkerung, in denen das Christentum in dem Sinn Echtheit war, dass es mir persönlich glaubwürdig erschien - ich glaube, ich kann jetzt glauben. Was ich wiedergewonnen hatte, war nicht der Kinderglaube an sich, es war vielmehr eine persönliche Gewissheit als Überwindung von Anfechtungen und Zweifeln, die ich in staunender Freude erlebt habe.“

Zurück zur Studentin der Theologie:

Anna Paulsen wählte wissenschaftliche Theologie, um am Ende des Studiums mit einer Promotion zu einem vollgültigen Abschluss zu gelangen. Sie wusste aber, dass ihr beruflicher Wunsch, ein kirchliches Predigtamt in einer Gemeinde übernehmen zu dürfen, ihr, wie auch den fünf weiteren Theologiestudentinnen deutschlandweit, verwehrt bleiben würde.

„Als ich aus einer inneren Nötigung heraus den Schritt wagte, mich dem theologischen Vollstudium zuzuwenden, war dies für Frauen noch ein ungewöhnlicher Weg, und ich musste diese Entscheidung als ganz besonders verantwortlich empfinden. Seit dieser Zeit hat mich die Frage nach dem inneren Recht dieses Weges für die Frau und nach Art ihres Einsatzes in der Kirche immer wieder bewegt.“

Heute kaum noch vorstellbar, aber so war es damals:

Das Kirchenrecht benachteiligte die Theologinnen durch Verengung des Arbeitsbereiches für Frauen. Frauen war es weiterhin verboten, das Wort in der Gemeinde zu verkünden oder die Sakramentsspende   vorzunehmen.

Die Zölibatsklausel schrieb vor, dass Theologinnen zwischen Berufs- und Eheleben wählen mussten.

Amt und Auftrag der Theologin begründete Anna Paulsen nun aus folgender Gewissheit:

„Das geistliche Amt ist Gottessache und nicht der Menschen und untersteht darum zuletzt nicht ihrer Verfügung… Von Gott her, jure divino, besteht darum kein Hindernis für das geistliche Amt der Frau. Von dieser Seite her ist der Weg frei. Aus dieser Gewissheit heraus gewinnen wir die Freudigkeit, es zu vertreten.“

Nach Studiensemestern in Tübingen und Münster schloss Anna ihr Studium 1921 mit dem Fakultätsexamen und dem Titel Lizenziat (lic) ab. Den Spitzname Lic-Anna behielt sie ein Leben lang.

Um Lebensunterhalt und die Promotion finanzieren zu können, arbeitete sie jetzt als Dozentin im Haus der Morgenländischen Frauenmission in Berlin. In einjährigen Kursen bildete sie Katechetinnen für den kirchlichen Dienst aus. Diese Kurse stellten eine Vorform der späteren Gemeindehelferinnenausbildung dar.

Parallel dazu arbeitet Anna P. an ihrer Dissertation.

Sie wollte mit dieser Arbeit darlegen, wie man das Christentum vertreten könnte in einer Zeit, in der es kaum Platz zu haben schien. Sie wollte durch Überprüfung aller Quellen der Schrift Klarheit gewinnen für sich selbst und dadurch befähigt werden, den christlichen Glauben anderen zu bezeugen.

Anna Paulsens Dissertation wurde in Kiel mit ‚magna cum laude‘ angenommen.

In der späteren Laudatio anlässlich ihres  goldenen Doktorjubiläum (1974) heißt es u. a.:

„Es ging der jungen Theologin um ein fundiertes Schriftprinzip, um einen glaubwürdigen Offenbarungsbegriff. Aber Anna Paulsens Bedeutung liegt nicht allein in einem rein theologischen Ansatz, wie ihn zur gleichen Zeit auch Karl Barth suchte, sondern in der Bewährung für die kirchliche Praxis.“

„Offenbarung ist für mich nicht ein Wortbestand in flächenhafter Uniformität, sondern sie ist Tat Gottes, sie ist Geschichte. Es geht um dieses Ineinander von Menschenwerk und göttlicher Fügung.“

Anna P. schlägt einen übergemeindlichen Berufsweg in der Kirche ein, ohne dafür Vorbilder oder ausgewiesene Berufsbiographien heranziehen zu können.

„Ich tat es in der Hoffnung, dass sich mir aller Ungewissheit zum Trotz ein Weg unter die Füße legen würde.“ So Anna P.

Sie übernahm die Leitung des Seminars für kirchliche Frauenarbeit im Burckarthaus, Berlin Dahlem - einer ersten Ausbildungsstätte für Gemeindehelferinnen. Viele Jahre hat sie dort Mädchen und Frauen für den Dienst in evangelischen Kirchen geschult und ausgebildet.

Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebenswirklichkeit als berufstätiger Frau ohne Ehepartner und ohne Kinder war sie der Überzeugung, dass die Ehelosigkeit gerade auch in christlicher Deutung eine sinnvolle und erfüllende Existenz erlaubt.

Für die damalige Zeit ist diese Überzeugung eine Erweiterung weiblicher Lebensperspektiven; und zugleich eine theologische Stellungnahme gegen den nationalsozialistischen Ehe- und Mutterbegriff. Sie wollte die Frau nicht auf ihre weiblichen Funktionen festgelegt wissen.

Anna P. hatte sich der Bekennenden Kirche in der Gemeinde von Martin Niemöller angeschlossen, während sie die Bibelschule in den Kriegsjahren weiter führte. Die Gestapo will Anna Paulsen dienstverpflichten, um sie aus der Bibelschule zu entfernen. Doch es gelingt einer Mitarbeiterin des Kirchenministeriums, dies zu verhindern.

 Erst kurz vor Kriegsende, als die Bombenangriffe auf Berlin noch einmal zunehmen, zieht sie 1945 zu Mutter und Schwester nach Schleswig.

Ein neues/anderes Thema, dem sich Anna Paulsen stellte und wozu sie einen Beitrag lieferte, war das Gespräch zwischen kirchlicher Frauendiakonie und Frauenbewegung. Dazu schrieb sie u. a.:

„Die Mitverantwortung der Frau, wie sie die Frauenbewegung erschlossen und begründet hat, kann nicht wieder zurückgenommen werden. Für uns evangelische Menschen müsste es in allem darauf ankommen, unserer Zeit mit all ihrer Selbstmächtigkeit die Freiheit und Tiefe evangelischer Glaubensgewissheit zu bezeugen. Nur aus diesem Glauben heraus können wir unserer Verantwortung gerecht werden, und in diesem Sinne sollte die evangelische Frau von heute die Motive der Frauenbewegung in ihr Leben mit aufnehmen.“

1951 wird Anna Paulsen in die Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nach Hannover berufen. Man überträgt ihr die Leitung des Frauenreferats, das sie von 1951- 58 neu aufbaut. Es geht um Richtlinien für die Ämter der Frau in der Kirche im Allgemeinen und um den Dienst der Theologin im Besonderen. In dieser Funktion veröffentlicht sie drei Bände zum Thema „Der Dienst der Frau in den Ämtern der Kirche“. Außerdem wird sie Mitglied einer Studienkommission der EKD zur Reform des Ehe- und Familienrechts.

Mit der dänischen Sprache von Kindheit an vertraut, hat sich A. P. immer wieder mit dem Leben und Denken des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard auseinandergesetzt. Ihre theologisch-philosophische Schulung erlaubte ihr einen kompetenten Zugang zur Gedankenwelt des großen Dänen. Man kann sicher sagen, dass sie in den Schriften des dänischen Philosophen lebenslang einen Gefährten im Geiste gefunden hatte.

In einem Vorwort zu einem Buch mit gesammelten Reden Kierkegaards schreibt sie:

„Wenn wir seine Schriften lesen, mag es uns manchmal vorkommen, als träte uns einer zur Seite, der mit innerlichster Sorge unsere Situation mit uns durchdenkt und durchleidet. Er hat aus der Zeitferne her die Erschütterung schon geahnt, die nun unser Teil geworden ist…“

Sie veröffentlichte eine von der Wissenschaft viel gerühmte 400 Seiten starke Biographie Kierkegaards. Ihr wurde dabei sorgfältige theologische Denkarbeit und die Gabe, die Ergebnisse auch nicht theologischen Lesern verständlich zu vermitteln, attestiert.

Als Dr. Lic.  Anna Paulsen 1959 pensioniert wurde, hatte sie bereits miterlebt, dass der Weg zur Berufung von Pastorinnen möglich wurde. Das Gesetz zur Gleichstellung von Mann und Frau war am 1. 7. 1958 in Kraft getreten. Und die ev. Luth. Kirche in Lübeck verabschiedete zum 1. 9. 1958 ein Kirchengesetz zur Einrichtung einer Planstelle. Die erste Frau, die diese Planstelle einnahm, war Pastorin Elisabeth Haseloff, der wir hier auch schon eine Apostelandacht gewidmet haben.

Nach ihrer Pensionierung wurde A. P. von der theologischen Fakultät der Uni Kiel mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet, damals eine außergewöhnliche Ehrung für ein weibliches Mitglied der Akademiker-Gemeinde.

1980 zog Anna Paulsen nach Heide, in ein Seniorenheim. Ihr Sehvermögen ließ allmählich nach, und damit ihr Lebensmut. Ihre Schwester und eine Sekretärin halfen ihr, eine letzte Schrift für die Herausgabe fertigzustellen.

Anna Paulsen starb am 30. Januar 1981 im Alter von 87 Jahren.

In Kiel erinnert heute das Archiv der Nordkirche an sie: Es verwahrt den Nachlass Anna Paulsens, und das Gebäude trägt den Namen Anna-Paulsen-Haus.

Hannelore Bauer

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Apostelandacht zu Martin Luther King

Apostelandacht zu  Martin Luther King, gehalten am 25. September 2016

Biographisches

„Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden.“

Als Martin Luther King das am Lincoln Memorial in Washington vor 200.000 Menschen sagte, da war seine älteste Tochter Yolanda sieben, seine Söhne Martin und Dexter fünf und zwei und seine Jüngste, Bernice, nicht einmal ein halbes Jahr alt. Es war der 28. August 1963. Und allen war klar: Der schwarze Baptistenprediger vorne am Mikrofon hatte das Zeug, das Zusammenleben in den USA grundlegend zu verändern. -

Martin Luther King jr. wird im Jahr 1929 als zweites Kind des Ehepaares Martin Luther King sen. und der Lehrerin Alberta King geboren. Sein Vater ist Prediger der baptistischen Ebenezer-Gemeinde in Atlanta. Der Name Martin Luther ist für den Vater und auch später für den Sohn Ausdruck tiefen religiösen Empfindens. Ursprünglich heißen beide Michael King. Im Jahre 1934 reist der Vater nach Europa, besucht auch Deutschland und ändert danach sowohl seinen Namen als auch den seines Sohnes in Martin Luther King.

In einem theologischen Seminar hört er erstmals von den Grundgedanken des Pazifismus und erfährt vom gewaltlosen Wirken Mahatma Gandhis in Indien.

„Für Gandhi war die Liebe ein mächtiges Instrument für eine soziale und kollektive Umgestaltung. In seiner Lehre von der Liebe und Gewaltlosigkeit entdeckte ich die Methode für eine Sozialform, nach der ich schon so viele Monate gesucht hatte… Ich kam zu der Überzeugung, dass sie für ein unterdrücktes Volk im seinem Kampf um die Freiheit die einzige moralisch und praktisch vertretbare Methode war.“

Und er stellt noch etwas fest: Das Christentum war einmal in die Geschichte eingetreten mit einem hohen Potenzial an verändernder Kraft. Diesen urchristlichen, revolutionären Elan verlor es fast ganz und blieb anfällig für reaktionäres Verhalten.

„Die westliche Welt, gewöhnt an den Anblick hochgestellter Vertreter der christlichen Kirchen an der Seite von Hochfinanz und Generalität… hat ihre Praxis… zum Gegenteil ihrer Predigt gemacht.“

Im Juni 1951 schließt er sein Studium ab und erhält für seine überragenden Studienleistungen einen Preis und ein Dissertationsstipendium für die Universität Boston.

Dort lernt er Coretta Scott kennen, die an einem College Gesang studiert. Ihre Hochzeit findet 1953 im Vorgarten ihres Elternhauses statt, King sen. traut das Paar.

In dieser Zeit besteht Coretta ihr Abschlussexamen, und die Universität Boston verleiht ihm den Titel eines Doktors der Philosophie.

Die Gemeinde in Dexter, einer Stadt 250 km südlich von Atlanta, wählt ihn anschließend zu ihrem neuen Pastor.

Am 1. Dezember 1955 steigt die schwarze Frau Rosa Parks in einen städtischen Linienbus der Stadt Montgomery  und setzt sich hinter die für weiße Fahrgäste reservierten Sitzreihen. Der Bus füllt sich, und der Fahrer fordert die schwarzen sitzenden Fahrgäste auf, den weißen Zugestiegenen Platz zu machen. Rosa bleibt sitzen. Der Fahrer hält an, steigt aus und kehrt mit zwei uniformierten Polizisten zurück. Sie greifen die Frau und verhaften sie.

Der „Politische Frauenrat“ der Stadt will nach diesem Vorfall einen Busstreik organisieren. Die Initiative verteilt Flugblätter mit dem Boykottaufruf und gewinnt die Prediger ihrer Gemeinde als Unterstützer, unter ihnen auch Martin Luther King.

Die Schwarzen beteiligen sich geschlossen am Streik, die Busse bleiben leer.

Auf einer Versammlung wird Martin Luther King überraschend zum Sprecher der Bewegung gewählt.

Die schwarze Bevölkerung hält ihren Boykott 386 lange Tage durch. Während dieser Monate gewinnt Martin an Öffentlichkeitsformat. Die Medien hofieren den Pastor. Der Mann ist fotogen, redet hinreißend.

Schließlich erklärt der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Rassentrennung der öffentlichen Verkehrsbetriebe von Montgomery für verfassungswidrig. Die Gewaltlosigkeit hat gesiegt. In der Presse nennt man Martin Luther King den „neuen Gandhi“, Reporter bezeichnen ihn als „Schwarzen Moses“ oder den „Heiligen Martin“.

1957 predigt er landauf, landab in den Kirchen, spricht vor politischen Organisationen und appelliert unaufhörlich an die Bundesregierung in Washington, endlich die Lage der Schwarzamerikaner wirksam zu verbessern.

Schließlich lädt Vizepräsident Richard Nixon mehrere Bürgerrechtler ins Weiße Haus, darunter auch Martin Luther King. Nixon verspricht Unterstützung, aber es geschieht nichts.

So rufen die Bürgerrechtsorganisationen zu einem Sternmarsch nach Washington auf. Auf der Abschlusskundgebung erhält Martin Luther King das Wort:

„Gebt uns Stimmzettel und wir werden die Parlamente mit Männern guten Willens besetzen. Gebt uns Stimmzettel und wir werden dem Volk Richter geben, die Barmherzigkeit lieben. Gebt uns Stimmzettel und wir werden die schreienden Untaten des blutrünstigen Mobs in wohl überlegte Taten ordentlicher Bürger verwandeln.“

Und er schreibt ein Buch, in dem er seine Erfahrungen aus dem Busstreik schildert.

Auf dem Weg über Gandhi hat er den revolutionären Jesus der Bergpredigt neu für sich entdeckt:

„Das Kreuz ist das ewige Zeichen dafür, wie weit Gott gehen will, um eine zerbrochene Gemeinschaft wiederherzustellen. Die Auferstehung ist ein Symbol des Sieges Gottes über alle Mächte, die die Gemeinschaft zu verhindern suchen. Der Heilige Geist ist im Verlauf der Geschichte die Realität, die ständig Gemeinschaft schafft. Wer gegen die Gemeinschaft handelt, handelt gegen die ganze Schöpfung. Die ganze Menschheit ist in einen einzigen Prozess verwickelt und alle Menschen sind Brüder. Wenn mir geboten ist zu lieben, ist mir geboten, die Gemeinschaft wiederherzustellen, der Ungerechtigkeit zu widerstehen und meinen Brüdern zu helfen.“

Bei einer Buchsignierung im Norden der USA wird er von einer schwarzen Frau mit einem langen Brieföffner in die Rippen gestochen. Nach seiner Genesung empfehlen ihm die Ärzte eine mehrmonatige Ruhepause. Freunde vermitteln dem Ehepaar einen Indienbesuch.

Im März 1959 kehren Coretta und Martin in die Staaten zurück. Dort stellen die Schwarzen Moslems Kings Führungsanspruch in Frage und kritisieren Martins Philosophie der Gewaltlosigkeit als Ausverkauf schwarzer Interessen.

In dieser Zeit entsteht die sogenannte „Beat-Generation“. Die ungekämmten Jugendlichen lassen sich Bärte stehen. Ausgebleichte, fransige Jeans, alte Klamotten, Sandalen und Mokassins signalisieren Protest, Solidarität mit den Habenichtsen der Überflussgesellschaft.

In den Augen des Establishments sind diese Kids „Nigger-Lovers“ und kriminelle Anarchisten. Auch die traditionelle Großorganisation der Bürgerrechtsbewegung hält sich gegenüber den jungen Marschierern auf Distanz.

Im Mai 1960 versäumt King, sein Auto umzumelden, erhält von einem Richter eine Geldbuße sowie eine zwölfmonatige Bewährungsfrist.

Im Oktober wird Atlanta Schauplatz einer Sit-in-Aktion von Studenten. Martin und sein Bruder beteiligen sich. Sie setzen sich in die weiße Cafeteria eines der größten Warenhäuser des Südens und wollen bedient werden. Er wird mit dutzenden anderer Demonstranten festgenommen, ins Stadtgefängnis eingeliefert.

Dann handelt der Bürgermeister der Stadt mit den Protestlern ein Stillhalteabkommen aus, um das Weihnachtsgeschäft vor Störungen zu bewahren. Nachdem Martin und die Studenten akzeptiert haben, werden sie freigelassen.

Doch der Richter, der Martin Luther King zu einer Bewährungszeit verurteilt hat, erwirkt seine erneute Verhaftung und verurteilt ihn zu sechs Monaten Zwangsarbeit.

Die Medien berichten von seiner Verurteilung, der Fall King wird zum politischen Skandal. Und in den Staaten stehen Präsidentschaftswahlen an. Der amtierende Vizepräsident Nixon kandidiert gegen den demokratischen Senator John F. Kennedy.

Kennedy telefoniert mit Coretta King und spricht ihr seine Anteilnahme aus. Kennedys Bruder Robert ruft direkt den Richter an, der dieses Skandalurteil gefällt hat. Kurz danach gibt der bekannt, er habe Kings Antrag auf Haftaussetzung entsprochen. Bei der Wahl stimmen zwei Drittel der Schwarzamerikaner für Kennedy, der mit einer haudünnen Mehrheit gewählt wird.

Im nächsten Jahr 1961 verlegen junge Bürgerrechtler die Sit-ins auf die Straße. Schwarze und weiße Freiwillige mit dem Gruppennamen „King-riders“ besteigen im Mai Überlandbusse der Verkehrsgesellschaften und verlangen unter dem Motto „black and white together“ demonstrativ in den Busbahnhöfen der Südstaaten Bedienung. Einige werden dabei zusammenschlagen. Diese Ereignisse in Montgomery erregen die Nation. Das Weiße Haus verlangt vom Dachverband der Überlandbetriebe mit Erfolg, die Rassentrennung zu beseitigen.

1963 verlagert sich der Schwerpunkt der Rassenauseinandersetzungen nach Birmingham.

Farbige platzieren sich an den Imbisstresen der Warenhäuser. Sie bitten um Bedienung und werden zum Verlassen des Lokals aufgefordert. Als sie sich weigern, werden sie verhaftet.

Danach versammeln sich tausend Kinder in einer Kirche um Martin Luther King, umlaufen anschließend die Absperrungen der Polizei und verschwinden in Gruppen zwischen den Parkanlagen und in Seitenstraßen, demonstrieren dann in der Innenstadt.

Die Polizei hetzt hinterher und stoppt den Marsch, die Presse fotografiert. Die Bilder zeigen bewaffnete Männer, die sich zu kleinen Mädchen bücken und Personalien aufnehmen; Polizeibeamte, die Kinder in vergitterte Gefängniswagen zwängen, während andere schlagstockschwingend Jagd auf halbwüchsige Jugendliche machen.

Kurz darauf erklären sich die weißen Unterhändler bereit, alle Forderungen zu erfüllen. Die Justizbehörde entlässt dreitausend Demonstranten aus der Haft.

Unter dem Eindruck der Vorgänge will die Kennedy-Administration eine umfassende Bürgerrechtsgesetzgebung auf den Weg bringen. Sämtliche Segregationsbestimmungen und alle Einschränkungen des Wahlrechts der Farbigen sollen für ungesetzlich erklärt werden.

In dieser Situation ruft King zu einem großen Marsch auf Washington auf.

Martin Luther King tritt dort als letzter Sprecher auf und hält seine bekannteste Rede.

Am 22. November 1963 wird John F. Kennedy während einer Wahlrundreise durch die Staaten in Dallas/Texas erschossen. Kennedys Gesetzesinitiative liegt noch immer im Kongress.

Im Jahre 1964 verwanzt das FBI das Hotel in Washington, in dem Martin Luther King und seine Mitarbeiter sich einquartiert haben. Das FBI hört alles mit, was sich dort abspielt, u.a. eine erotische Party mit zwei schwarzen Frauen. Von da an wird jedes intime Detail seines Lebens aktenkundig.

1964 beschließt der Kongress endlich die Bürgerrechtsvorlage des ermordeten Präsidenten. Wenige Tage danach explodieren die Gettos im Norden der USA. Tausende Schwarze liefern in vielen Städten der Polizei Straßenschlachten.

Nach einer Europareise muss Martin Luther King wegen völliger Erschöpfung ins Krankenhaus. Dort erhält er die Nachricht, dass er zum Friedensnobelpreisträger gewählt worden ist.

In der Stadt Selma wollen die Schwarzamerikaner im Frühjahr 1965 den Widerstand der Stadtverwaltung gegen das ihnen garantierte Wahlrecht brechen. Es kommt zu harten Auseinandersetzungen. Tausende werden wegen ordnungswidrigen Verhaltens eingesperrt, darunter auch Martin Luther King.

Als er wieder frei ist, ruft er zu einem neuen Marschzug von Selma nach Montgomery auf. Der Marsch wird verboten, doch Martin stellt sich an die Spitze des Zuges und ruft:

„Wir haben das Recht, auf den Highways zu marschieren, und wir haben das Recht, nach Montgomery zu gehen, wenn wir bis dahin kommen. Ich habe keine Alternative. Ich werde den Marsch von hier aus bis zum Regierungssitz führen. Meine Entscheidung ist getroffen. Ich muss gehen. Ich weiß nicht, was vor uns liegt. Vielleicht Schläge, Verhaftungen und Tränengas. Aber ich sterbe eher auf dem Highway, als dass ich mein Gewissen abschlachte. Ich fordere euch auf, kommt mit!“

Danach verschwindet Martin Luther King einige Monate aus den Schlagzeilen und attackiert anschließend öffentlich die amerikanische Vietnampolitik. Die christlichen und sogar die militanten Schwarzenführer aber bleiben auf Distanz. Die Schwarzamerikaner waren geradezu ängstlich darauf bedacht, sich der Nation als gute Patrioten zu empfehlen.

Allein die Studentenbewegung solidarisiert sich mit ihm.

1966 sollen die Auseinandersetzungen in den Norden nach Chicago verlagert werden, weil der militante Flügel der Bürgerrechtsbewegung dort immer mehr Anhänger unter den farbigen Aktivisten gewinnt. King will beweisen, dass seine Strategie der Gewaltlosigkeit auch im Getto funktioniert.

Doch trotz allen Einsatzes gelingt es nicht, einen nennenswerten Mobilisierungsgrad unter der Slumbevölkerung zu erreichen. King wird danach spöttisch als „Pastor Martin Loser“ tituliert, radikalisiert sich daher in der folgenden Zeit in seinen Reden zunehmend:

„Jahrelang war ich mit der Idee zuwege, die bestehenden gesellschaftlichen Institutionen zu reformieren, ein bisschen Änderung hier, eine kleine Veränderung da. Jetzt sehe ich das radikal anders. Heute bin ich mir im Klaren, dass wir einen Umbau der gesamten Gesellschaft brauchen, eine Revolution unserer Zielvorstellungen.“

Schon länger beschäftigt ihn eine Vision, die im Laufe des Jahres immer mehr Gestalt annimmt, sein „Marsch der Armen“. Die neue Aktion soll alle Armen des Landes umfassen, nicht nur die Schwarzen, sondern ebenso Puertoricaner, Indianer, Mexikaner und auch Weiße sollen mitbeteiligt sein, Landarbeiter, Saisonarbeiter, Müllmänner, Arbeitslose.

Doch die Vorbereitungen dazu muss er vorerst zurückstellen.

Denn im Februar 1968 gehen Polizeistreitkräfte in der Stadt Memphis mit chemischen Kampfmitteln und Schlagstöcken gegen streikende Müllarbeiter vor. Martin Luther King will  die Streikenden in ihrem Protest stärken.

Am 3. April 1968 redet er in  einer Kirche vor 2.000 Zuhörern und sagt zum Schluss:

„Ich weiß nicht, was jetzt kommt. Aber es kommt mir auch nicht darauf an. Ich war auf der Höhe des Berges. Ich bin ohne Sorge. Ich würde gern lange leben, so wie jeder. Ein langes Leben ist eine gute Sache. Doch das alles kümmert mich jetzt nicht. Ich will jetzt einfach Gottes Willen tun. Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu kommen. Ich habe drüben die andere Seite gesehen. Ich habe das Gelobte Land gesehen… Möglich, dass ich nicht mit euch dahin kommen kann. Aber das sollt ihr jetzt, heute Abend wissen: Zusammen, als Volk werden wir das Gelobte Land betreten. Darum bin ich heute glücklich. Nein, ich mache mir um nichts mehr Sorgen. Ich fürchte keinen Menschen. ‚Meine Augen haben Gottes Kommen, seine Herrlichkeit gesehen.“

Am folgenden Nachmittag tritt Martin Luther King auf den Balkon hinaus und bindet sich eine Krawatte. Da wirft ihn eine Gewehrkugel mit einem Schlag um. Sie trifft King einen halben Zentimeter rechts unter der Lippe, zerschmettert sein Kinn, bleibt in einem Halswirbel stecken und zerreißt das Rückenmark, er stirbt.

Noch während Martin Luther King bestattet wird, explodierten die Gettos. Harlem, Baltimore, Chicago. Die Regierung setzt 58.000 Soldaten in Bewegung. Sie verhaften 27.000 Personen, 3.500 Personen werden verletzt, 43 getötet und es entsteht ein Gesamtschaden von 589 Millionen Dollar.

Zwanzig Jahre nach diesen Ereignissen erklärt der Kongress den Geburtstag Martin Luther Kings zum Nationalfeiertag der Staaten.

Die offizielle Version vom Mord an King besagt, dass der kleine Dieb und Betrüger James Earl Ray ihn aus rassistischem Hass erschossen habe, eine Tat ohne Hintermänner.

Ray wird zu 99 Jahren Gefängnis verurteilt.

1997 gab es Bemühungen, dass das Untersuchungsverfahren wieder aufgenommen werden sollte. Doch die alten Untersuchungsakten wurden weggeschlossen und dürfen erst im Jahr 2027 wieder geöffnet werden.

Unbestreitbar zählt Martin Luther King zu den bedeutendsten schwarzen Führern der Geschichte. Doch war er ebenso ein Vorbild für Millionen Weiße.

Er schrieb, quasi als eigenen Nachruf:

„Sagt ihnen, dass ich versuchte, die Hungrigen zu nähren. Sagt ihnen, dass ich versuchte, die Nackten zu kleiden. Sagt ihnen, dass ich versuchte, anderen zu helfen.“

 

Der Prediger Martin Luther King

Wenn wir an Martin Luther King denken, ist er in unserer Vorstellung vor allem der charismatische Anführer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA, vielleicht auch noch der damals prominenteste Gegner des Vietnamkrieges. Er war aber nach seinem Selbstverständnis vorrangig Pastor und nahm seinen Auftrag zur Verkündigung des Wortes Gottes sehr ernst, litt aber zuweilen sehr am Zustand seiner Kirche in den USA, die die Rassentrennung sogar in den Gottesdiensten praktizierte.

Er schreibt über sich:

Ich bin alles Mögliche für die Leute: Führer der Bürgerrechtsbewegung, Aufwiegler, Unruhestifter, Redner. Aber im stillen Winkel meines Herzens bin ich letztlich ein Geistlicher, ein baptistischer Prediger. Das ist mein Wesen und Erbe, denn ich bin auch ein Sohn eines baptistischen Predigers, ein Enkel eines baptistischen Predigers und der Urenkel eines baptistischen Predigers. Die Kirche ist mein Leben, und ich habe ihr mein Leben gegeben; aber dennoch bin ich sehr beunruhigt über die Kirche…“

Er kritisiert die Anpassung der Kirche an die herrschenden Mächte, an den Zeitgeist und das Vergessen der Kernbotschaft Jesu, der Nächstenliebe:

„In der schrecklichen Mitternacht des Krieges haben Menschen an die Kirchentüren geklopft, um das Brot des Friedens zu erbitten. Aber oft wurden sie enttäuscht. Was beweist denn eindeutiger die Bedeutungslosigkeit der Kirche im heutigen Weltgeschehen, als ihre Stellungnahme zum Krieg? In einer vor Rüstung, nationalen Leidenschaften und imperialistischer Ausbeutung wahnsinnig gewordenen Welt hat die Kirche entweder diese Kräfte unterstützt oder zu ihnen geschwiegen. Während der letzten beiden Kriege haben die Nationalkirchen ihren Staaten sogar als Lakaien gedient. Sie haben Weihwasser auf Schlachtschiffe gesprengt, haben sich in die Armeen eingereiht und gesungen: „Lobe den Herrn und reicht mir ein Gewehr!“ Eine Welt, die den Frieden ersehnte, musste oft genug erleben, dass die Kirche den Krieg moralisch billigte.

Die Kirche muss daran erinnert werden, dass sie weder Herr noch Diener, wohl aber das Gewissen des Staates ist. Sie muss Wegweiser und Kritiker des Staates sein, niemals sein Werkzeug. Wenn die Kirche ihren prophetischen Eifer nicht zurückgewinnt, wird sie zu einem gesellschaftlichen Klub ohne moralische und geistliche Autorität. Beteiligt sie sich nicht aktiv am Kampf um Frieden und wirtschaftliche Gerechtigkeit, so wird sie die Anhängerschaft von Millionen von Menschen verlieren. Befreit die Kirche sich aber von den Fesseln des Bisherigen, übernimmt sie wieder ihre historische Mission, predigt sie furchtlos und beharrlich Frieden und Gerechtigkeit, so wird sie das geistliche Feuer der Menschen neu anfachen, ihre Seelen neu beleben und ihnen eine glühende Liebe eingeben zur Wahrheit, zur Gerechtigkeit und zum Frieden. Fern und nah werden dann die Menschen wissen, dass die Kirche eine große Gemeinschaft der Liebe ist, die dem einsamen Wanderer um Mitternacht Licht und Brot gibt.“

Martin Luther King fragt, wieso Gott als Allmächtiger das Böse in der Welt zulassen kann, und versucht die Frage für seine Zuhörer zu beantworten:

„Vor allem müssen wir wieder daran erinnert werden, dass Gott in seiner Welt wirkt. Er steht nicht außerhalb und schaut in kalter Gleichgültigkeit auf sie herab. Auf allen Straßen des Lebens geht er unseren Weg mit. Als immer liebender Vater wirkt er in der Geschichte für das Heil seiner Kinder. In unserem Kampf gegen die Macht des Bösen steht er uns zur Seite.

Aber warum zögert Gott so lange, das Böse niederzuwerfen? Warum ließ Gott zu, dass Hitler sechs Millionen Juden umbrachte? Warum duldete er, dass die Sklaverei in Amerika 244 Jahre währte? Warum erlaubt Gott blutrünstigem Pöbel, dunkelhäutige Männer und Frauen zu lynchen und die Negerkinder je nach Laune zu ertränken? Warum greift Gott nicht ein und zerschlägt die bösen Pläne verruchter Menschen?

Ich kenne weder Gottes Wege noch seinen Plan im Kampf gegen das Böse. Vielleicht verfehlten wir Gottes Endziel, wenn er so schnell mit dem Bösen verführe, wie wir es wünschen. Wir sind verantwortliche menschliche Wesen, nicht blinde Automaten. Wir sind Persönlichkeiten, nicht Puppen. Als Gott uns die Freiheit schenkte, entzog er sich selbst einen Teil seiner Souveränität und gab sie uns als Möglichkeit in die Hand. Wenn seine Kinder frei sind, so müssen sie aus freiem Entschluss seinen Willen tun. Deshalb kann Gott nicht zugleich den Menschen seinen Willen aufzwingen und seinen Plan mit ihnen vollenden.

Vergessen wir auch nicht, dass Gott bei denen ist, die unter dem Bösen leiden. Er gab uns die inneren Kraftquellen, um die Bürden des Lebens zu tragen. Er gibt uns den Mut, trotz allem vorwärts zu gehen. Wenn das Licht der Hoffnung flackert und die Lampe des Glaubens verlöschen will, gibt er uns neuen Mut zum Aushalten. Er ist bei uns nicht nur im Licht der Erfüllung, sondern auch in der Finsternis der Verzweiflung…

Dieser Glaube wird unseren müden Füßen eine Leuchte sein und ein Licht auf unserem beschwerlichen Weg. Und ohne diesen Glauben werden die kühnsten Träume der Menschheit allmählich zu Staub zerfallen.“

In einer anderen Predigt sagt er:

„Angesichts des Bösen in Natur und Moral fragen sich viele Menschen: ‚Wenn es einen guten Gott gibt, warum duldet er dann so unverdientes Leid?‘.

Gott ist noch immer in dieser Welt. Unsere neuesten technischen und wissenschaftlichen Fortschritte können ihn weder aus der mikroskopischen Einzigkeit des Atoms noch aus der Unermesslichkeit des interplanetarischen Raums verbannen.

Ich möchte euch drängen, der Suche nach Gott den Vorrang zu geben. Erlaubt seinem Geist, euer Sein zu ändern. Ihr braucht ihn, wenn ihr den Schwierigkeiten und Nöten des Lebens gewachsen sein wollt. Ehe unser Lebensschiff noch den letzten Hafen erreicht, wird es lange und wilde Stürme geben, die unsere Herzen erschauern lassen. Wenn ihr nicht tief und geduldig an Gott glaubt, werdet ihr machtlos sein vor den Hindernissen, Enttäuschungen und Schicksalsschlägen, die unausweichlich kommen werden. Ohne Gott zerbrechen alle unsere Mühen, und unsere Sonnenaufgänge verwandeln sich in Nacht. Ohne ihn ist unser Leben ein sinnloses Schauspiel, dem die entscheidenden Szenen fehlen. Aber mit ihm können wir uns aus den Abgründen der inneren Spannungen erheben und die Höhen des inneren Friedens erreichen.

Wo finden wir diesen Gott? In einem Laboratorium? Nein. Woanders als in Jesus Christus, dem Herrn unseres Lebens? Wenn wir ihn kennen, so kennen wir Gott. Christus ist nicht nur wie Gott, sondern Gott ist auch wie Christus. Christus ist das fleischgewordene Wort. Er ist die Sprache der Ewigkeit in zeitliche Worte gefasst. Wollen wir Gott und seine Absichten mit der Menschheit erkennen, so müssen wir uns an Christus wenden. Wenn wir uns ganz ihm und seiner Lehre ergeben, so nehmen wir an dem wunderbaren Glaubensakt teil, der uns zu wahrer Gotteserkenntnis verhilft.

Durch den Glauben empfangen wir das Erbe Jesu: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ Als Paulus mit zerschlagenem, blutigem Leib und gefesselten Füßen zu Philippi im Kerker lag, sang er um Mitternacht freudig die Lieder Zions. Die ersten Christen, die reißenden Löwen vorgeworfen oder zum Richtblock geführt wurden, freuten sich, dass sie für würdig erachtet wurden, um Christi willen zu leiden. Negersklaven, die von der Hitze ausgedörrt und von blutigen Striemen überzogen waren, sangen triumphierend: ‚Einst werde ich diese schwere Bürde ablegen!“ Das sind lebendige Beispiele eines Friedens, der alles menschliche Verstehen übersteigt.

Echter Glaube gibt uns die Überzeugung, dass jenseits der Zeit der Geist Gottes herrscht. So bedrückend die gegenwärtigen Umstände auch sein mögen, wir sind nicht allein. Gott ist auch in den engsten und trübsten Zellen des Lebens in uns. Und selbst wenn wir in ihnen sterben, ohne das empfangen zu haben, was uns das irdischen Leben verhieß, so wird er uns über die geheimnisvolle Straße des Todes in jene herrliche Stadt führen, die er uns bereitet hat. Seine Schöpfermacht verausgabte sich nicht im irdischen Leben, seine Liebe lässt sich nicht in die Mauern der Zeit und des Raumes fesseln. Wäre die Schöpfung nicht widersinnig, wenn der Tod eine Sackgasse wäre, die nicht weiterführt? Durch Christus hat Gott dem Tod den Stachel genommen und uns von dessen Herrschaft befreit. Unser irdisches Leben ist das Vorspiel zur Wiederauferstehung. Der Tod ist eine Straße, die in das ewige Leben führt.

Der christliche Glaube gibt uns die Kraft, tapfer zu tragen, was wir nicht ändern können, Enttäuschungen und Sorgen gelassen auf uns zu nehmen, ohne je die Hoffnung zu verlieren.

Zwei Monate vor seiner Ermordung sagte King in einer Predigt:

„Wenn ich jemand helfen kann auf meinem Weg, wenn ich jemand aufmuntern kann, mit einem Wort oder einem Lied, wenn ich jemand zeigen kann, dass er in die falsche Richtung geht, dann wird mein Leben nicht vergeblich sein. Wenn ich meine Pflicht als Christ tun kann, wenn ich Erlösung für eine einst aufgewühlte Welt bringen kann, wenn ich die Botschaft wie der Herr ausbreiten kann, dann wird mein Leben nicht vergeblich sein. Ja, Jesus, ich möchte an deiner rechten oder linken Seite sein, nicht aus selbstsüchtigen Motiven. Ich möchte an deiner rechten oder linken Seite sein, nicht wegen eines politischen Königreiches oder aus Ehrgeiz. Nein, ich möchte dort einfach sein in Liebe und in Gerechtigkeit, in Wahrheit und in der Verpflichtung gegenüber den anderen, damit wir aus diese alten Welt eine neue schaffen können.“

In diesem Sinne ist Martin Luther King für uns ein moderner Apostel – der mit seinem Leben, seinen Predigten und seinem Handeln für uns die Aufforderung ist, im Geist tätiger Nächstenliebe für unsere Mitmenschen da zu sein.

Rolf Polle

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