Impuls für den 29. August 2020

 

Impuls für den 29. August 2020

In den vergangenen Monaten ist vieles ins Wanken geraten. Wenn bisherige Selbstverständlichkeiten auf einmal nicht mehr selbstverständlich sind, zwingt das zum Nachdenken darüber, welche Kriterien immer gelten, welche infrage gestellt werden müssen. Das trifft auch stark die Kirchen mit ihren gemeindlichen Angeboten. Gerade in diesen Tagen werden die Bestimmungen über das, was Corona-bedingt erlaubt ist und was nicht, in einigen Bereichen wieder geändert. Dabei können wir beobachten, dass überall unterschiedliche Interessen eine Rolle spielen. Dass der Bundesgesundheitsminister aus einer anderen Perspektive auf das Geschehen sieht als der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt ist klar. Manchmal war erkennbar, dass sich Interessenvertreter*innen der Wirtschaft durchgesetzt haben.

Bei den Kirchen sehe ich durchaus noch Klärungsbedarf. Die Wahrnehmung, ob Kirche in den schwersten Corona-Zeiten ausreichend sichtbar war, ging weit auseinander. Die Diskussionen machten sich an den Gottesdiensten fest. Der EKD-Vorsitzende hat sofort und aktiv durch eigene Video-Beiträge das Gottesdienst-Verbot unterstützt und gerechtfertigt: Nächstenliebe zeigen, indem ich auf die Gottesdienstfeier verzichte. Andere, allerdings keine sehr große Gruppe, beharrte auf der Religionsfreiheit und wollte sogar mithilfe der Gerichte ihre Rechte einklagen. Die katholische Kirche hat im Laufe der Zeit das Gottesdienstverbot heftiger beklagt als die evangelische Kirche und auch staatlicherseits Regelungen eingefordert, die Gottesdienste wieder ermöglichen.

Ich wünsche mir, dass diese Umbruchzeit genutzt wird, über diese Fragen offen zu diskutieren: Haben wir, als starke Organisationen, wirklich genug getan, die Interessen unserer Kirchen, das Recht auf Religionsausübung, einzubringen. Mir scheint, dass wir z.B. von Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften in dieser Hinsicht durchaus etwas lernen können: Mal als staatstragende Institution einen Schritt zurücktreten und die Interessen unserer Kirchenmitglieder und schwacher Menschen in unserer Gesellschaft vertreten und nicht nur auf die nächsten Beschlüsse zu warten und dann zu sehen, was erlaubt ist und was nicht.

Claudia Brand